Einleitung

Man sollte meinen, dass es uns im privaten Umfeld und mit nahestehenden Personen leichter fallen sollte, Konflikte zu bewältigen, als irgendwo sonst. Genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es wird zwar sehr häufig gestritten in Familien und zwischen Partnern, aber selten mit fairen Mitteln und meist ohne Ergebnis. Im Weg stehen zusätzlich Gewohnheiten, Konfliktmuster, die sich im Lauf der Zeit herausgebildet haben. Und natürlich der immer schwierige Umgang mit Gefühlen.
Wenn Sie glauben, dass eine faire Konfliktbewältigung mit Ihren Eltern, Ihrer Schwester oder Ihrem Partner nicht möglich ist, dann übernehmen Sie die Verantwortung. Fangen Sie bei sich selbst an, Ihr Verhalten zu ändern. Nur so haben Sie die Chance auf eine dauerhafte Veränderung im Konfliktstil.
Familie

Die Familie als Kleingruppe enthält einiges an Konfliktpotential. Hier geht es um unterschiedliche Interessen und Wertvorstellungen der Generationen, Rollenspiele, Machtkämpfe und Verteilungskonflikte (Taschengeld, Rechte und Privilegien, Pflichten im Haushalt). Wir können uns nun einmal unsere Eltern - und Kinder - nicht aussuchen. Allerdings können wir auch in zugegebenermaßen oft jahrelanger mühsamer Arbeit eine gegenseitige Vertrauensbasis schaffen, auf der Konflikte fair und partnerschaftlich geregelt werden.
Wie das geht, hat der amerikanische Psychologe Thomas Gordon in seinem Bestseller "Familienkonferenz" anschaulich beschrieben. Das wichtigste Handwerkszeug ist auch hier das Klärungsgespräch, bei dem alle Seiten versuchen, zu einer einvernehmlichen Regelung zu gelangen.
Der Umgang mit Wertkonflikten
Viele Konflikte in der Familie sind im Generationensprung begründet. Zum Wertkonflikt kommt es aber erst, wenn die eine Seite die andere "bekehren" will, sonst würde es sich lediglich um Geschmacksfragen handeln, die man demokratisch lösen könnte. Wenn Sie nun aber Annas Mutter sind, und Anna will sich unbedingt die Augenbrauen piercen lassen? Sie finden das scheusslich, Anna findet es ultracool. Wer hat hier ein Problem? Eigentlich nur die Mutter, und sie hat einen Wert- keinen Bedürfniskonflikt, da sie selbst nicht unmittelbar von Annas Verhalten betroffen oder geschädigt wird.
Thomas Gordon rät dazu, solche Konflikte nicht mit der Brechstange zu bewältigen, sondern lediglich die Funktion eines "Beraters" zu erfüllen, also in diesem Fall vielleicht gesundheitliche Bedenken aufzuführen. Mehr kann man nicht tun, wenn Anna alt genug ist, allein zum Piercen zu gehen, und das von ihrem Geld bezahlt.
Und wenn Anna die vorgebrachten Bedenken beiseite wischt, dann bleibt nur noch: Mund halten, Themenwechsel. Wiederholtes Nörgeln und Lamentieren würde nur zu verstärkter Abwehr- und Trotzreaktion führen.
Die Kommunikationstrainerin Karin Mager zählt neben der Beraterfunktion noch folgende Möglichkeiten auf, die Ihnen im Wertkonflikt bleiben - und sie sind leider nicht groß:
- Dialog (eine Diskussion zum Thema führen, um auch die gegnerische Position zu verstehen)
- Die unterschiedliche Vorstellung akzeptieren und damit leben (Annas Mutter lässt sie machen, was sie will)
- Veränderung der eigenen Vorstellung (wenn Annas Mutter beschließt, Piercing ab sofort schön zu finden)
- Die Beziehung verändern (wenn zwei Partner sich völlig uneins sind und mit ihren Unterschieden nicht mehr leben können, ist eine Trennung manchmal die einzig wirksame Form der Konfliktbewältigung).
Teufelskreise durchbrechen
Ein Teufelskreis besteht immer dann, wenn zwei Personen aus einem Konflikt nicht mehr herausfinden, da jede Reaktion der einen eine Verschlimmerung im Verhalten der ersten hervorruft. Diesen Mechanismus findet man sehr häufig bei Menschen, die durch äußere Umstände voneinander abhängig sind, also auch in Familien, die aber nicht offen kommunizieren und ihre Gefühle und wahren Motive verbergen.
Ein Beispiel sind Mirko und sein Vater. Der Vater hat ein Einzelhandelsgeschäft und möchte, dass sein einziger Sohn es später übernimmt. Da er erheblichen Druck in dieser Thematik ausübt, traut sich Mirko nicht, etwas gegen diesen Plan vorzubringen. Er ist im letzten Schuljahr und müsste sich bereits um eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann bemühen. Stattdessen träumt er unentschlossen vor sich hin, malt und macht Computerspiele. Wenn sein Vater ihn auffordert, ihm im Laden zu helfen, tut er es missmutig und macht vieles falsch. Mirkos Vater schimpft ihn einen Nichtsnutz, worauf sich Mirko noch mehr zurückzieht und noch unkonzentrierter wird und sich sein Vater noch mehr aufregt.
Wie könnte man diesen Teufelskreis durchbrechen? Zunächst müsste man beide Kontrahenten dazu bringen, Verständnis für den anderen zu zeigen. Ein gegenseitiger Perspektivenwechsel wäre gut, ebenso natürlich ein in ruhigem Ton geführtes Gespräch um die Punkte: Warum bin ich wütend/unsicher? Inwiefern hindert mich der andere an der Erfüllung überhaupt meiner Bedürfnisse? Was sind diese Bedürfnisse eigentlich? Was macht mir Angst? Was brauche ich wirklich, um zufrieden zu sein?
Theoretisch reicht es, wenn einer von beiden versucht, die Spirale des Konfliktes zu ihrem Anfang zurückzuverfolgen. Im wirklichen Leben ist es oft sehr schwer, das nötige Konfliktgespräch zu führen. Es kann sein, dass es erst gelingt, wenn Mirko oder sein Vater einen Vermittler hinzuziehen, etwa einen Onkel, den beide mögen. Und schon zeichnen sich plötzlich Lösungen durch alternative Handlungsspielräume ab. So könnte sich im Gespräch herausstellen, dass Mirkos Vater zwar sehr stolz auf seinen Laden und den erreichten Erfolg ist, aber im Grunde auch ein bisschen müde. Er wäre froh, sich etwas zurückziehen zu können, und seinem Sohn die Verantwortung zu übergeben. Mirko dagegen hat einfach kein Interesse am Laden, sondern wirkliches Talent im Zeichnen und am Computer. Es wäre für ihn das beste, eine Lehrstelle bei einem Grafiker oder Hersteller zu machen. Sein Vater könnte sich entweder nach einem vertrauenswürdigen Geschäftsführer umsehen oder seinen Laden verpachten und sich selbst eine andere, weniger anstrengende Stelle suchen.
Partnerschaft

Die amerikanischen Paartherapeuten Notarius und Markham zogen nach jahrzehntelangen Studien den Schluss, dass bei allen Paaren die gleichen Themen zu Konflikten führen.
Überraschend an dem Ergebnis ist die Tatsache, dass noch vor so beliebten Zankäpfeln wie Kindererziehung, Verwandtenbesuch und Eifersucht an erster Stelle das Thema Geld, und an zweiter und dritter Stelle die (mangelhafte) Kommunikation und sexuelle Probleme standen. Diese Einschätzung war bei Männern und Frauen ähnlich, und unabhängig davon, als wie glücklich oder erfolgreich die Beziehung bezeichnet wurde.
Das liebe Geld
Gerade beim Sachthema Finanzen bietet sich eine Bewältigung durch ein partnerschaftliches Konfliktgespräch an. Setzen Sie sich einen Rahmen für dieses Gespräch, an einem Abend, an dem sie ungestört sind, und versuchen Sie, gemeinsam zu erarbeiten, woran es hakt und wie Sie unterschiedliche Vorstellungen unter einen Hut bekommen können. Vielleicht spielen ja bisher nicht geäußerte Minderwertigkeitsgefühle eine Rolle, etwa wenn die Frau wegen der Kinderbetreuung nicht so viel verdienen kann wie ihr Mann. Oder Sie haben einfach unterschiedliche Ansichten darüber, für was und in welchem Umfang gespart werden sollte. Wenn Ihnen erst einmal klar wurde, dass im Grunde beide das gleiche Ziel haben, können Sie anhand einer Liste Ihrer Prioritäten und Bedürfnisse versuchen, eine Einigung in den wichtigsten Punkten zu erzielen.
"Mit dem kann man ja nicht vernünftig reden"
Fast alle negativen Kommunikationsmuster haben ihren Ursprung in einem Teufelskreis: Der eine greift an, weil ihm ein Thema auf der Seele brennt, der andere fühlt sich überfallen und zieht sich zurück, was den Angreifer nur noch mehr auf die Palme bringt. Das ist zum einen abhängig von der individuellen Persönlichkeit und Konfliktfähigkeit, zum anderen scheint es klare Gegensätze zwischen Männern und Frauen zu geben. Während Männer erziehungsbedingt häufiger ein Problem damit haben, über Gefühle zu sprechen und sie auszudrücken, kommen Frauen weniger gut mit emotionaler Distanz zurecht, also der "kalten Schulter". Kritik, Unterstellungen und Schuldzuweisungen auf der einen erzeugen Abwehr, Gegenkritik oder Resignation auf der anderen Seite ("Ist mir doch egal, was wir Weihnachten machen"). Hier hilft nur, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen und bewusst daran zu arbeiten, die gegenseitigen Bedürfnisse ohne Abwertung des anderen auszudrücken. Die hier gefragten Tugenden sind Zuhören, Bitten um Informationen und Rückmelden, wie ein Argument bei mir angekommen ist.
Kleine Gesten erhalten die Liebe
Es ist erstaunlich, wie oft Menschen, die im Alltag durchaus umgänglich und höflich mit anderen umgehen, sich zu Hause emotional austoben und rücksichtslos den Partner "bekriegen". Das scheint daran zu liegen, dass man die Schwachstellen nahestehender Personen so gut kennt, und vor allem auch daran, dass man sich im häuslichen Umfeld sicher genug fühlt, auch negative Seiten der eigenen Persönlichkeit herauszukehren, nach dem Motto "hier muss ich mir keine Mühe mehr geben". Notarius und Markham halten das für einen fatalen Fehler. Die Verletzungen, die uns dieses abwertende Verhalten zufügt, wiegen viel schwerer, als wenn uns ein Fremder auf der Straße anpöbelt.
Gerade in einer Liebesbeziehung sollten Rücksichtnahme, Freundlichkeit und Wohlwollen an der Tagesordnung sein - so wie in der Zeit, als Sie sich gerade kennen gelernt hatten. Das "Beziehungskonto", von dem die Therapeuten sprechen, wird durch liebevolle Gesten ständig aufgefrischt. Wir reden hier nicht nur von roten Rosen, Kerzenscheindinner und Streicheleinheiten, sondern auch von kleinen Hilfestellungen und Mitdenken für den anderen im Alltag.
Freunde

Freundschaften sind etwas sehr Kostbares.
Sie bilden einen festen Rückhalt im Leben und viele Menschen empfinden für ihre Freunde größere Zuneigung als für irgendjemanden sonst. Freunde behandeln sich im Idealfall mit gegenseitigem Respekt und Achtung und haben oft grenzenloses Vertrauen zueinander. Das Schöne an Freundschaften ist, dass sie frei wählbar sind. Allein Sympathie, ähnlich gelagerte Interessen und Wertvorstellungen entscheiden über ihre Bildung. Das bedeutet aber auch, dass wir die Freundschaft wieder aufkündigen können, wenn wir merken, dass sie uns nicht mehr gut tut.
Motive hinterfragen
Die Kehrseite einer engen Freundschaft ist das Harmoniestreben um jeden Preis. Im Konfliktfall werden hier häufiger als in allen anderen Bereichen Differenzen unter den Teppich gekehrt, die wir besser in einem partnerschaftlichen Gespräch zur Sprache bringen sollten, um unsere Interessen zu wahren. Sonst kann es zu subtilen Verschiebungen im Gefüge kommen, die Unterdrückung oder Ausnutzung zur Folge haben.
Nehmen wir den Fall von Biggi und Yasmin, die seit langem dicke Freundinnen sind. Biggi fühlt sich vielleicht etwas unattraktiv und ist schüchtern. Sie freut sich, wenn sie mit der lebhafteren Yasmin zusammensein kann. Yasmin tut das gut, weil Biggi ihr stundenlang ohen Murren zuhört. Allerdings erlebt Biggi wiederholt, dass Yasmin sie im Beisein von anderen links liegen lässt. Biggi fühlt sich dann nur noch als dummes Anhängsel. Sie hat jetzt die Wahl, Yasmin darauf anzusprechen und ihr Bedürfnis zu äußern, auch in Gesellschaft von der Freundin ernst genommen zu werden. Hat Yasmin die stille Freundin einfach übersehen und bemüht sie sich in Zukunft, sie ins Gespräch einzubeziehen, so ist alles in Ordnung. Geht Yasmin aber überhaupt nicht darauf ein, muss Biggi sich vielleicht eingestehen, dass sie lediglich als "seelische Müllhalde" benutzt wurde, und sich, auch wenn es schmerzt, von der Freundin lösen.
Cliquenwirtschaft
Gruppen von Freunden bilden sich häufig aufgrund von gemeinsamen Freizeitinteressen, etwa wenn vier musikbegeisterte Jungs eine Band gründen oder sich eine Basketballmannschaft formiert. Das funktioniert wunderbar, solange ein gemeinsames Ziel die Gruppe zusammenhält. Cliquen bilden sich aber auch aus anderen Motiven heraus, in Schulklassen, Jugendzentren oder im Büro. Da kann ein Hobby, die Art sich zu kleiden oder eine bestimmte Weltanschauung den Ausschlag geben.
Diese Gruppen bilden eine eigene Dynamik heraus, die seit Urzeiten von den immer gleichen Regeln geprägt wird. Es gibt meist einen Anführer oder Wortführer, ein oder zwei Ideengeber oder Vasallen, ein paar "normale" Mitglieder und ein oder zwei Mitläufer, die nur geduldet sind. Es bilden sich bestimmte Codes heraus, für Sprache, Verhalten und Aussehen, an denen man Gruppenmitglieder erkennt und mit denen sie sich gegen alle anderen abschotten.
Im Grunde spielt sich hier im Kleinen das gleiche ab, wie es im Großen die Staaten und Nationen nachexerzieren. Durch den Gleichmacher-Effekt wird in solch festen Strukturen ein Druck erzeugt, der meist eine faire Konfliktbewältigung unmöglich macht. Man kann Probleme natürlich ansprechen und zu lösen versuchen, und in einigen Fällen wird es gelingen. Der Einzelne muss sich aber fragen, ob sein Gefühl der Sicherheit und sein Wohlbefinden in der Gruppe für ihn wichtiger ist als seine persönlichen Bedürfnisse. Wenn diese nicht mehr in Einklang mit dem Ganzen stehen, und die Clique Veränderungen abwehrt, wird es Zeit zum Ausstieg.
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Bernd Ahrbeck: Konflikt und Vermeidung









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