Einleitung

Alle Konflikte haben ein gemeinsames Merkmal: Sie werden als Störung des normalen Lebens empfunden und halten uns von einem gewohnten Handlungsablauf ab. Am einfachsten kann man das mit einem Stau auf dem Weg zur Arbeit vergleichen. Jeder hat seine eigene Methode, mit dieser Situation umzugehen: schimpfen, tagträumen, sich ärgern, gelassen Musik hören, hupen. Gewiss ist jedoch: Die Störung muss beseitigt werden, bevor wir weiterfahren können.
Für Konfliktsituationen, die überall und täglich in unterschiedlichster Form auftauchen, haben wir uns im Laufe unseres Lebens ähnliche Handlungsmuster zugelegt. Unser Verhalten passt sich allerdings dem Anlass und Ausmaß des Konfliktes an - spielt er sich auf privater Bühne ab oder im Job, geht es um eine Kleinigkeit oder um eine wichtige Entscheidung, welche Personen empfinden wir als Gegner. Wie wir mit ihm umgehen, hängt also auch von der Art des Konfliktes ab, von dem Stil, in dem er ausgefochten wird, und von den Folgen für uns.
Konfliktarten

Man kann Konflikte nach verschiedenen Gesichtspunkten einordnen. Zweckmäßig ist, sich zu überlegen, wie viele Personen betroffen sind und in welchem Umfeld sich der Konflikt abspielt. Wichtig ist auch, sich zu fragen, ob man es mit "schwelenden" Konflikten zu tun hat, die sich unter der Oberfläche und oft nach ganz eigenen Regeln weiterfressen. Das Gegenstück wäre der "offene" Konflikt, der im negativen Fall in einen hitzigen Kampf ausartet und im positiven Fall in eine Diskussion mündet, die zu einer gemeinsamen Problemlösung führt.
Schließlich unterscheidet man noch "spontane" Konflikte, die auch in der Öffentlichkeit unter wildfremden Personen ausbrechen können.
Innere (seelische) Konflikte
Dies sind die Konflikte, die wir mit uns selbst ausfechten. Häufig geht es um Entscheidungen, die wir fällen müssen. Ein typisches Beispiel wäre: Sie müssen sich entscheiden, ob Sie eine neue Arbeitsstelle in einer anderen Stadt annehmen oder ob Sie sich innerhalb Ihrer Firma auf einen anderen Posten bewerben sollen.
Wir müssen mit dem Gefühl leben, dass sich die Entscheidung als falsch herausstellen könnte. Wie gut wir das schaffen, ist ein wichtiges Indiz für unsere Fähigkeit, auch mit anderen Konflikten umzugehen.
Soziale Konflikte
Dies sind alle zwischenmenschlichen Konflikte, in die zwei Personen oder kleine Gruppen, z.B. eine Familie oder Freundesclique, verwickelt sind. Hier spielen Gefühle immer mit, außerdem unser Rollenverhalten und unsere Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen.
Die Kommunikationstrainerin Karin Mager empfiehlt auch zu prüfen, ob es sich bei diesen Konflikten um so genannte Bedürfnis- oder Wertkonflikte handelt. Diese Unterscheidung wirkt sich dann auf die Methoden zu ihrer Bewältigung aus.
Bedürfniskonflikte
Hier fühle ich mich direkt vom Verhalten einer anderen Person gestört oder in der Erfüllung meiner Bedürfnisse behindert. Beispiele:
- Sie möchten früh Schluss machen, Ihr Chef braucht Sie für eine dringende Arbeit.
- Sie können nicht einschlafen, weil Ihre Nachbarin im Wohnheim laute Musik spielt.
Wertkonflikte
Im Gegensatz dazu haben Wertkonflikte keine direkten Auswirkungen auf Sie, Sie möchten jedoch unbedingt, dass die andere Person ein Verhalten ändert, das Sie für falsch halten. Beispiele:
- Sie haben zum 18. Geburtstag Geld von Ihrer Patin bekommen und möchten ein Motorrad anzahlen; Ihre Eltern meinen, dass Sie den Betrag "für später" aufs Sparkonto legen sollen.
- Sie möchten nicht, dass Ihre Tochter sich den Bauchnabel piercen lässt.
Konflikte in Gruppen und Organisationen
In allen hierarchisch strukturierten Verbänden ist die ganze Bandbreite an Konflikten vertreten. Das beste Beispiel liefert die Arbeitswelt. In jeder Firma prallen verschiedene Persönlichkeiten, Bedürfnisse und Interessen aufeinander. Hier finden sich:
- Beziehungskonflikte, d.h. zwischenmenschliche Probleme
- Sachkonflikte, z.B. unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie man neue Kunden gewinnt
- Wertkonflikte, z.B. unterschiedliche Arbeitsauffassungen
- Machtkonflikte
- Verteilungskonflikte, z.B. zum Thema wer kriegt das schöne Eckbüro oder den Firmenwagen, wer macht wann Urlaub, wer wird befördert
Merkmale von Konflikten

Zu einem Konflikt, den wir mit anderen austragen, gehört das Gefühl der Gegnerschaft wie das Salz in die Suppe. Dieses Gefühl verleitet dazu, dass wir Gegensätzliches schärfer wahrnehmen als diejenigen Punkte, die uns vielleicht mit dem anderen verbinden könnten. Wir suchen unbewusst nach Aspekten, die uns vom anderen abgrenzen, um unseren Standpunkt besser verteidigen zu können. Wir arbeiten nicht mehr auf eine gemeinsame Lösung hin, sondern versuchen unsere Ansicht durchzusetzen. Misstrauen und Argwohn nehmen in dem Maße zu, in dem sich unsere Wahrnehmung einseitig verzerrt. Statt zuzuhören, was der andere wirklich sagt, unterstellen wir ihm Gemeinheiten. Im nächsten Schritt kommt es zu offenen Feindseligkeiten oder versteckten Maßnahmen, um den anderen bloßzustellen und ihm zu schaden. Dies ist die klassische Eskalation eines Konfliktes, in dem der Partner zunächst als Gegner, zuletzt als Feind empfunden wird. Leider zieht jede der genannten Verhaltensweisen die anderen fast unweigerlich nach sich - wenn man nicht rechtzeitig die Notbremse zieht.
Die Rolle von Wut, Aggression und Gewalt

Konflikte setzen uns unter Druck. Selbst wenn wir sie selbst heraufbeschworen haben oder sie sogar begrüßen, steigt der Adrenalinpegel an, bis wir sie bewältigen konnten. Gefühle sind also immer beteiligt.
Das ist ein Überbleibsel aus der Zeit unserer Urahnen, die in Stresssituationen vor der Wahl standen, zu kämpfen oder weg zu laufen. Rein biologisch gesehen, läuft immer noch das gleiche Muster in unserem Körper ab: das Herz klopft, der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich an... Diese Erregung, die ganz normale Angst oder den durchaus berechtigten Ärger unter Kontrolle zu bringen, ist jedoch eine wichtige Voraussetzung, um einen Konflikt mit fairen Mitteln überhaupt zu bewältigen.
Manchen Menschen gelingt das nicht, da sie sich in Konfliktsituationen ohnmächtig fühlen. Sie haben in ihrer Kindheit erfahren, dass sie anderen ausgeliefert waren und nichts zur Veränderung einer Situation beitragen konnten. Dieses Gefühl der Unterlegenheit und Machtlosigkeit kann in der Konfrontation zu offener Aggression, sprich Gewalt führen. Oder es entlädt sich in blindem Aufbegehren, Rechthaberei, Ironie und Herabsetzung von anderen. Der Konflikt wird hier als Kampf verstanden, aus dem nur Sieger und Verlierer hervorgehen können.
Vielen Personen machen die heftigen Emotionen, die mit einem Konflikt einhergehen, Angst, und sie versuchen ihnen aus dem Weg zu gehen. Sie fressen ihre Wut buchstäblich in sich hinein, da sie nicht glauben, eine Konfrontation überstehen zu können. Dies betrifft häufig Frauen, denen anerzogen wurde, sich möglichst "lieb und nett" zu verhalten.
Konfliktstile

Karl Berkel unterscheidet als Grundformen Flucht, Unterwerfung, Kampf, Kompromissfindung und gemeinsame Problemlösung. Nur die beiden letzteren gelten als gesellschaftlich akzeptable Formen für die Beendigung eines Konfliktes.
Hier muss man einwenden, dass es Situationen gibt, in denen Weglaufen das einzig Vernünftige erscheint. Etwa, wenn sich fünf Hooligans mit Baseballschlägern nähern.
Analysieren wir einmal mit etwas Abstand die Konflikte, die wir im Alltagsleben mit Partnern, Geschwistern, Eltern, Kollegen erleben, so zeigen sich rasch die Verhaltensmuster: Offensive, Rückzug und Verdrängung gehören zu den gängigsten.
Manchen wird es aber überraschen, dass auch Krankwerden, Trödeln, Vergesslichkeit und Verweigerung zu den - natürlich meist unbewusst angewandten - "Taktiken" gehören, mit denen wir Konfliktpartner aushebeln, wenn wir scheinbar keinen anderen Weg zur Lösung des Problems haben. Diese Boykottmaßnahmen sind nur die verdeckte Seite der gleichen Medaille, auf der auch offene Maßnahmen wie Verleumdung, Beschimpfungen, Erpressung, Drohungen und ähnliche Einschüchterungsversuche stehen.
Wie reagiere ich selbst?
Mal Hand auf Herz: Wie reagieren Sie selbst in Konfliktsituationen? Stürzen Sie sich mit Feuereifer in jeden Streit, weil Sie glauben, dass Sie ihn sowieso gewinnen werden? Haben Sie immer schnelle Lösungen parat? Oder sind Ihnen Konflikte verhasst, haben Sie schon bei jedem Gang zum Chef ein Grummeln im Bauch, weil Sie wissen, er wird Sie doch wieder über den Tisch ziehen, und Ihnen fallen einfach keine guten Argumente ein? Geben Sie lieber nach, als Streit anzuzetteln oder zu vertiefen? Halten Sie sich raus, wenn im Büro/zu Hause die Fetzen fliegen?
Kleine Checkliste
Hier acht Fragen, die auf einer Skala von positiv bis negativ anzeigen, wie gut Sie Konflikte bewältigen:
- Fühlen Sie sich wohl in Ihrer Haut? Oder sind Sie oft neidisch auf andere, die selbstbewusst und stark auftreten?
- Reagieren Sie flexibel auf neue Situationen? Oder fällt es Ihnen schwer, liebgewordene Ansichten loszulassen?
- Setzen Sie sich für neue Ideen ein, auch wenn sie vielleicht gerade wenig populär sind? Oder glauben Sie insgeheim, es sei besser, mit dem Strom zu schwimmen, als sich ins Fettnäpfchen zu setzen?
- Fällt es Ihnen leicht, sich aus verschiedenen Alternativen eine eigene Meinung zu bilden? Oder neigen Sie zur Unentschlossenheit, weil Sie überall Vorzüge und Nachteile erkennen?
- Akzeptieren Sie, dass Ihre Meinung sich auch als falsch herausstellen könnte? Oder sind Sie dann zerknirscht und suchen den Fehler zuerst bei sich?
- Können Sie nach einer Entscheidung mit Kompromissen und dem Gefühl leben, dass es vielleicht noch eine bessere Alternative gegeben hätte? Oder nagt an Ihnen ein heimlicher Groll?
- Haben Sie Vorstellungen und Wünsche, die Sie mit anderen teilen? Oder fühlen Sie sich oft missverstanden und alleingelassen?
- Können Sie auch abweichende Meinungen akzeptieren? Oder fällt es Ihnen schwer, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Beweggründe zu verstehen?
Auswirkungen von Konflikten

Sind denn nun Konflikte immer schlecht?
Konflikte können durchaus eine zerstörerische Komponente haben. Konflikte zwischen Volksgruppen und Staaten können zu Kriegen führen. Im Arbeitsleben können sie die Beteiligten zermürben und alle Energien von den eigentlichen Aufgaben abziehen. Im privaten Bereich führen sie zu Zerwürfnissen und Trennungen.
Aber soziale Konflikte können auch, wie der Forscher Ralf Dahrendorf fand, den Anstoß zu notwendigen Reformen und Verbesserungen geben und die Gesellschaft weiterbringen. In der Partnerschaft, in der Schulklasse oder im Job ist nach überstandenem Konflikt häufig ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl zu beobachten. Probleme wurden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern vielleicht tatsächlich zu einem guten Teil gelöst, und dabei wurden viele neue Ideen und kreative Vorschläge vorgebracht. Im Konflikt lernten wir unsere eigenen Bedürfnisse und die der anderen besser kennen und empfinden nach der Bewältigung mehr Respekt füreinander.
Buch-Tipps
Online bestellen:
Agenda Verlag: Konflikt und Gewalt









0 Kommentare