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wissen.de Artikel

Kreativität – Die Kräfte des Selbstausdrucks

Einleitung

Kreativität kann als die menschliche Fähigkeit verstanden werden, Erfahrungen und Erlebnisse zu versprachlichen bzw. in Symbole zu fassen und so die Welt immer wieder neu wahrzunehmen und sich mit ihr in Bezug zu setzen. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, diese neuen Erfahrungen in Produkte oder Dinge umzusetzen, denn kreatives Sein vollzieht sich im Miteinander und verwandelt so den Menschen selbst und seine seelische Lebendigkeit. Die Fähigkeit zur Kreativität hängt nur zum Teil mit der Intelligenz zusammen und kann deshalb nur sehr bedingt mit den herkömmlichen psychologischen Testverfahren festgestellt werden. Fantasievoller Umgang mit der Wirklichkeit, die Fähigkeit zu staunen, neugierig zu sein, zu lernen und neue Formen des Umgangs mit Erlebnissen und Ereignissen des täglichen Lebens zu finden, ist eine Grundbedingung für seelisches Wachstum und psychische Gesundheit.

Angst und Not stehen am Anfang des Schöpfungsakts

Die Ursprünge der menschlichen Kreativität sind in den Vorgängen zu finden, durch die ein Mensch beginnt, seiner Welt zu begegnen und Symbole für sie zu finden. In seiner Theorie des Übergangsobjekts gibt der Psychoanalytiker D. W. Winnicott Hinweise auf diese frühen Phasen der Entwicklung und der Symbolbildung. Die Ursprünge jeder Kreativität finden sich demnach in der frühen Beziehung von Mutter und Kind. Das Kind macht die Beziehung zu seiner Welt konkret an der Mutter fest. Die Mutter ist für das Kind die ganze Welt. Sie macht durch ihre Gesten und ihr Verhalten die Welt verstehbar. Die Mutter hilft dem Kind damit, sein Selbst zu entwickeln.

Wenn die Mutter einmal nicht da ist, tritt die Welt dem Kind ohne die mütterliche Vermittlung gegenüber, mit der Abwesenheit der Mutter droht dem Kind der Selbstverlust. Doch hier nun setzt die schöpferische Kraft des Menschen ein. In seiner Not ist das Kind erfinderisch. Es erfindet sich ein Symbol für die abwesende Mutter, es lutscht an einer Windel, es ergreift einen Teddy, es summt eine Melodie usw. Dieses Spiel wird zum Ausdruck seines Gefühls für die Mutter, d. h. aus der Verinnerlichung der guten Mutter wird ein äußeres Objekt geschaffen, das "Übergangsobjekt". Das Kind kann dadurch die Trennung von der Mutter zunächst für kurze Zeit, später für immer längere Phasen überstehen, bis das Übergangsobjekt überflüssig wird. Wenn dieses Übergangsobjekt in die Beziehung zwischen Mutter und Kind aufgenommen wird, eröffnet sich ein Zwischenraum, ein Spielraum, der Raum der Symbole. Der Schritt zu dieser allerersten Objektbeziehung ist der Schritt in die Sprache, d. h. der Schritt in die kreative Auseinandersetzung mit der Realität. Durch seine Kreativität findet der Mensch spielerisch aus der Trennung immer wieder zur Beziehung.

Wenn in den wichtigen Erlebnissen der frühen Kindheit der kreative Zugang zur Welt eröffnet wurde, bildet er auch im weiteren Leben die Grundlage jeder Wahrnehmung. Zu den unmittelbaren Erfindungen des Kleinkindes, den Fantasie- und Spielwelten der Kindheit, treten mit wachsendem Überblick alle Aspekte der jeweiligen Kultur, in die wir hineingeboren wurden, ihre sozialen Strukturen, Technik, Musik, Literatur, bildende Kunst, Formen der Arbeit, Kindererziehung usw. Zum erwachsenen Menschen spricht die Welt und er spricht zu ihr in Form immer neuer Symbole. Die Dinge und das Tun bekommen für den Menschen Bedeutung, einen Sinn, wenn er erfahren kann, wie er durch sie in Beziehung mit anderen Menschen tritt. Bei Kindern sind die kreativen Akte besonders in Sprachschöpfungen, z. B. in der Lust am Reimen und im Rollenspiel, deutlich. Kinder verwenden sehr viel Energie darauf, ihre Gefühle darzustellen und sich in symbolischer Form darüber zu verständigen. In solchen Spielen können Kinder - wie später in anderen Formen auch die Erwachsenen - widersprüchliche Gefühle, wie das gleichzeitige Erleben von Stärke und Schwäche, Liebe und Hass, leben und integrieren.

Wenn die Kreativität keinen Raum mehr hat

Häufig ist der gesellschaftliche Rahmen für die kreative Auseinandersetzung mit der Realität allerdings so starr, dass nur mehr bestimmte Gefühle ausgedrückt werden dürfen, andere hingegen tabuisiert sind. Viele Menschen erliegen diesen Ansprüchen ihres gesellschaftlichen Umfelds. Spiel und Experiment werden als störend und überflüssig angesehen. Das konkrete Umsetzen und Erproben bestimmter Verhaltens- und Sichtweisen wird tabuisiert, weil es sich auf das funktionale Zusammenspiel der Gesellschaft auswirkt, z. B. auf die Effektivität in der Arbeitswelt störend wirkt.

So geht es häufig bei gesellschaftlich akzeptierten Tätigkeiten sowohl im Beruf als auch in der Freizeit darum, als gefährlich erlebte Impulse in sozial wünschenswerte Aktivitäten umzulenken. Dies ist aber nicht möglich, ohne Widersprüchlichkeiten auszublenden. Der schöne Schein hat einen Schatten, und die destruktiven Kräfte müssen dann in Projektionen, manchmal z. B. durch das Interesse an Sensationsmeldungen, an Kriegs- und Unfallberichten ausgelebt werden.

Zu solchen Selbstbeschränkungen kann es aber auch nur kommen, wenn Menschen bereits früh die Erfahrung gemacht haben, dass ihr kreatives Verhalten, anstatt in einer lebendigen Beziehung gehört und besprochen zu werden, unerwünscht ist, verhindert oder ignoriert wird, oder gar als Bedrohung von der Umwelt und den Erwachsenen aufgefasst wird. Eltern oder Lehrer, die beispielsweise kindliche Zeichnungen als falsch kritisieren, setzen die kindliche Kreativität herab, ohne dabei zu bedenken, dass in den Zeichnungen die Gefühle des Kindes ihren Ausdruck finden ("Der Schwanz des Esels ist zu lang", "Die Blumen sind zu groß"). Die Arbeitswelt setzt die Beschneidung und Entmutigung unseres kreativen Selbstausdrucks meist fort. Viele der in unserer Industriegesellschaft vorgegebenen Berufe und Arbeiten erlauben es dem Menschen nur beschränkt oder gar nicht, seine schöpferischen Fähigkeiten auszuleben. Umgekehrt werden dann aber auch oft die Kreativkräfte in Produktionszusammenhängen ausgebeutet, ohne die Selbstentfaltung der Menschen zuzulassen. So genannte "kreative Arbeit" bleibt in weiten Teilen der Arbeitswelt auf funktionale Aufgaben beschränkt. Durch diese negativen Erfahrungen kann es schnell zu einem teilweisen Denk- und Symbolverlust bei den Menschen kommen. Häufige Wiederholung solcher Situationen kann zu einer Stagnation der seelischen Wachstumsprozesse führen, der Mensch erleidet eine Verminderung seines Lebendigkeitsgefühls. Bestimmte Hemmungssymptome können auftreten, z. B. Schreibhemmung, Stottern, Ängstlichkeit. Oft wird kreatives Verhalten in sich zwangsweise wiederholenden Verhaltensweisen eingeschlossen. Solche Rituale können dann nicht mehr aufgegeben werden.

Kreative Betätigung als Lebenshilfe

Kreativ sind jene Vorgänge, in denen sich widersprüchliche Motive, z. B. Freude und Trauer, Begegnung und Trennung, Hoffnung und Zweifel, Vertrauen und Misstrauen usw. äußern, um verstanden zu werden. Konflikten, gerade solchen, die zu schmerzhaft und ausweglos erscheinen, als dass wir sie ohne weiteres zulassen könnten, können wir uns auf der Symbolebene nähern, sie bearbeiten und neue Lösungen finden. Das zunächst Unaussprechliche wird mitteilbar, es kann bewältigt werden, weil wir ein neues Verhältnis dazu gewinnen, unter Umständen auch, weil es die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen findet und eine Antwort fordert.

Dass der berühmte Mathematiker Albert Einstein dem Geburtstagsfotografen die Zunge rausstreckte, war sicher ein Ausdruck seiner humorvoll-gelassenen Lebenseinstellung (Princeton, 14.3.1951).

Dass der berühmte Mathematiker Albert Einstein dem Geburtstagsfotografen die Zunge rausstreckte, war sicher ein Ausdruck seiner humorvoll-gelassenen Lebenseinstellung (Princeton, 14.3.1951).

Die in der Kindheit erprobten kreativen Muster des Umgangs mit Konflikten stehen als innere Prozesse auch dem Erwachsenen zur Verfügung. Im Alltag stellt z. B. der Humor eine Form des kreativen Umgangs mit der Realität und den eigenen Gefühlen dar. Widersprüche und oft auch Unangenehmes werden im spontanen Begreifen bewusst. So taucht eine neue Sichtweise, eine neue Wahrnehmung, die Realität in ein anderes Licht und lässt sie neu erlebbar und kommunizierbar werden. Auch in den kulturell vorgegebenen Formen, im Beruf, in der Beschäftigung mit Kunst, Musik, Theater oder bei Hobbys (z. B. Sport, Kochen, Handarbeiten usw.) ist es möglich, Gefühle zu leben. Kreativität umfasst nicht nur die Fähigkeit zur Gestaltung der materiellen Welt, sondern umso mehr auch die Fähigkeit zur Gestaltung der Beziehungswelt, des Miteinanders.

Die heilsame Wirkung kreativer Tätigkeiten wird auch in der Therapie genutzt. Oft leben Menschen ihre verdrängten Gefühle nur mehr indirekt, und das Verdrängte kommt z. B. in körperlichen Symptomen (Zwangshandlungen, psychosomatische Krankheiten) zum Ausdruck. In der "Kunsttherapie" wird es möglich, durch Malen, Zeichnen, Modellieren, Schauspielen und Musizieren einen Weg zu finden, diese Gefühle mitzuteilen und sich dadurch selbst besser zu verstehen. Seelische und körperliche Krankheit kann vermieden und geheilt werden, wenn potenziell krank machende Erlebnisse und Erfahrungen aktiv in Sprache oder Bilder gefasst und so bewältigt werden.

Unsere Kreativität befähigt uns, mit Schwierigkeiten fertigzuwerden, für die wir noch keinen Lösungsweg parat haben. Sie ist der Motor der Entwicklungsschritte und Entwicklungssprünge und deshalb in der Industrie und Wirtschaft so hoch geschätzt, aber mindestens so wertvoll für unsere eigene psychische Entwicklung, für die Entwicklung der Beziehungen zu Partnern, Kindern, Angehörigen und Freunden und die Gestaltung der allen Menschen gemeinsamen Lebenswelt.

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