"Komm gut heim!", hatte der Wirt gesagt. "Komm gut heim und pass auf dich auf!" Der Wirt hatte es gut, er musste lediglich die paar Treppenstufen von der Gaststube nach oben steigen und war in seinem Bett. Er musste nicht vom einen Ende des Dorfes bis ans andere Ende des Dorfes laufen. Der Wirt hatte gut reden.
Winfried war, sich am Geländer festhaltend, die steinerne Treppe der Gaststätte hinuntergestiegen und stand nun auf dem Hof, traute kaum, sich zu bewegen. Er fühlte die drückende Hitze des Julitages, die wie eine Dunstglocke über dem Dorf lag, und die ihn noch mehr zu betäuben schien.
In der Gaststube war es schön kühl gewesen, doch der Wirt hatte ihm partout nichts mehr geben wollen. "Komm, mach Feierabend, du hast genug! Schluss jetzt!"
Er wusste selbst, wie viel er getrunken hatte, der Wirt brauchte ihn nicht daran zu erinnern.
Langsam setzte er sich in Bewegung und torkelte über den Hof zur Straße, die zu seinem Haus führte. Mein Haus, mein Auto, meine Frau – so hatte er nie werden wollen, und war doch genauso geworden!
Der Heimweg, der noch nicht mal einen Kilometer umfasste, kam ihm jetzt quälend lang vor. Sein rechter Arm stieß heftig gegen eine Straßenlaterne. Wozu die überhaupt hier stand, wollte er nicht recht verstehen, schließlich war es taghell und die Sonne brannte. Er hatte keine Uhr an. Es musste so kurz nach Sportschau sein.
"Jetzt hau endlich ab! Und grüß die Frau von mir!" Auch das hätte der Wirt sich sparen können, das und sein ganzes Gequatsche! Was wusste der schon!
Wieder prallte er gegen eine Straßenlaterne, dieses Mal mit der rechten Schulter, die sofort stark schmerzte. Sein Zustand kam ihm jetzt selbst etwas bedenklich vor, und er hatte Zweifel, ob er es wirklich bis nach Hause schaffen würde. Doch die Rettung schien nahe zu sein. Winfried erreichte jetzt die Bushaltestelle. Nur noch wenige Meter bis zum Wartehäuschen. Dort war eine Bank. Auf die ging er zu.
Geschafft! Endlich konnte er sitzen, sich ausruhen.
Laggo im Kopp II
Ein paar Minuten saß er einfach nur da und war froh, nicht hingefallen, nicht gestürzt zu sein. Dann nahm er die Zeitschrift, die neben ihm auf der Bank lag. Eine Illustrierte, die Frauen lesen, wenn sie beim Friseur sitzen oder im Wartezimmer des Hausarztes. Eigentlich nichts für Winfried, doch er blätterte darin. Seine glasigen Augen schienen nichts so richtig wahrzunehmen: Kochrezepte, Gesundheitstipps, Klatsch über Schlagersänger und Filmschauspieler.
Mit einem Mal erhellte sich sein Blick, er zuckte kurz zusammen, als habe ihn etwas erschreckt und hielt die Zeitschrift ganz nah an seine Augen. Er war bei einem Preisrätsel angelangt. Es gab eine Reise zu gewinnen. Nach Italien. An den Lago Maggiore.
Winfried glaubte, die Uferpromenade auf dem Foto zu erkennen, mit dem der Reiseveranstalter auf das Gewinnspiel aufmerksam machen wollte. Ungläubig starrte er das Bild an. "Bella Italia", lallte er vor sich hin. "Bella Italia. - Schöne Elena."
Seine Finger streichelten ganz zart übers Wasser und fuhren dann an der Häuserreihe entlang, als suchten sie ein ganz bestimmtes Haus. "Bella Italia", lallte er wieder, und über das Schauen und Suchen schien er ganz müde zu werden. Schließlich legte er sich auf die Bank, die aufgeschlagene Zeitschrift benutzte er als Kopfkissen. Seine Nase, sein halbes Gesicht badeten im Wasser des Lago Maggiore.
Bloß nicht einschlafen, dachte er jetzt, nur ein bisschen ausruhen. Doch es war bereits zu spät.
Laggo im Kopp III
Die erste Stimme, die Winfried in seinem Traum hörte, war die seines Vaters: "Glaub mir, Junge, die Italienerinnen am Lago Maggiore riechen alle nach Oleander und Jasmin." Winfried wusste nicht, wie das roch, aber es klang so schön. Im nicht enden wollenden Stau im Gotthardtunnel war er zum ersten Mal neugierig auf Italien geworden. Zu einer Zeit, in der andere Zwanzigjährige zu Hause rebellierten, fuhr er mit seinen Eltern in den Urlaub.
Der schlafende Winfried wurde überschwemmt von einer Flut von Bildern. Der Traum kannte keine Reihenfolge, keine Gesetze.
Arona hieß die kleine Stadt, in der die dreiköpfige Familie in einem Hotel übernachtete. Arona, am Westufer des Sees. Gleich nach der Ankunft im Hotel gingen sie in ein Café, in dem Winfried etwas trank, was er bis dahin nicht gekannt hatte: Cappuccino.
Schon bei der Bestellung, die sein Vater in fast perfektem Italienisch aufgegeben hatte, sah sie ihn, Winfried, mehr an, als den Vater. Auch als sie später die Tassen an den Tisch brachte, hatte sie nur Augen für ihn. Während der kompletten Zeit, die die Familie im Café saß, umgarnte sie Winfried mit ihren Blicken, warf ihm ein Lächeln nach dem anderen zu.
Er, der anfangs keine Lust auf Familienurlaub gehabt hatte, war gerade mal ein paar Stunden in Italien, und schon hing sein Himmel voller Geigen.
Nachts im Hotelbett bekam er kein Auge zu und musste immer wieder an sie denken. Am nächsten Morgen hielt er es nicht mehr aus und ging gleich nach dem Frühstück in das Café.
Wie erhofft, war sie da, und Winfried bestellte mit aufgeregter Stimme dieses merkwürdige Getränk, das weder Kaffee noch Kakao war. Sie strahlte wie am Tag zuvor, und mit der Rechnung, die Winfried mit leicht zitternden Händen bezahlte, brachte sie ihm einen kleinen Zettel: "14 Uhr, Piazza del Popolo."
Er mochte seinen Sinnen kaum trauen: Ein italienisches Mädchen, das ihn nicht kannte, wollte sich ausgerechnet mit ihm verabreden.
In seinem bierseligen Traum sah er alles genau vor sich: die zum See sich öffnende Piazza del Popolo, den prächtigen Palazzo del Podesta und schließlich Elena, braungebrannt, mit langem schwarzem Haar, die ihm zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange gab.
Laggo im Kopp IV
Elena nahm ihn an der Hand und führte ihn quer über die Piazza, auf der plötzlich ein älterer Mann auftauchte, der ihn sogleich freudig umarmte und sich als Elenas Vater vorstellte.
Was dann folgte, waren die schönsten Tage seines Lebens. Zusammen mit Elena erkundete er die Westseite des Lago Maggiore, die Region Piemont. Begleitet wurden sie häufig von Elenas Vater, der viele Jahre als Gastarbeiter in Deutschland gelebt hatte, und den beiden dabei half, sich zu verständigen. Abends nahm Elena Winfried mit nach Hause und verwöhnte ihn mit Risotto, Polenta und Gnocchi. Sehr zum Misstrauen seiner Eltern verbrachte Winfried bald mehr Zeit mit Elenas Familie als mit seiner eigenen. Häufig spazierte das Paar an den prachtvollen Uferpromenaden entlang, und tatsächlich – hier roch wirklich alles nach Oleander und Jasmin.
Und immer wieder kam dieses Bild in seinen Traum: Gemeinsam mit Elena bestieg er die 23 Meter hohe Kupferstatue des hl. Carlo Borromeo in Arona. Oben angekommen, blickte er durch Carlones Augen auf den See. Nie würde er diesen prächtigen Ausblick vergessen, dieses Gefühl von Erhabenheit.
Unten wartete Elenas Vater, der die beiden nach ihrem Abstieg lächelnd dazu aufforderte, sich endlich zu küssen. Beide gehorchten der Aufforderung. Winfried tat es eher linkisch, ungeschickt, Elena dagegen selbstbewusst und sicher.
Und einen Tag später, an der mondänen Seepromenade von Stresa, vor der Villa Pallavicino, machte sie ihm schließlich einen Antrag. Die beiden heirateten noch im gleichen Jahr. Die Hochzeit fand in Deutschland statt.
Die erste Zeit war Elena im Dorf nur die "Itakerin". Ein Haus wurde gebaut, und Winfried übernahm die Schreinerei seines Vaters. Die Ehe blieb kinderlos.
Winfried hörte das Schlagen der Wellen und das Rascheln der Palmen am Lago Maggiore, als jemand seinen Oberkörper hin und her schob. "He, Winfried, aufwachen! Hallo, du musst wach werden!"
Laggo im Kopp V
Zwei Männer waren über ihn gebeugt. Der eine sagte immer nur kopfschüttelnd: "Mensch, der Winfried." Der andere versuchte alles, den Schlafenden irgendwie wach zu kriegen.
"Jetzt guck dir das an", sagte der, der rüttelte, "der schläft doch tatsächlich mit Kopp im Wasser." Unsanft zog er die Illustrierte unter Winfrieds Kopf hervor. "Gewinnen Sie eine zehntägige Reise an den… Wie heißt das? … An den… Laggo Matschiore… Mann, ich glaub, der hat nur Laggo im Kopp!"
"Vor allen Dingen hat er ordentlich Benzin im Schädel! Der hat ja reichlich getankt. Was machen wir jetzt mit dem?"
"Wir müssen ihn irgendwie heim kriegen. Komm, fass mit an!"
Die beiden Männer hoben seinen Kopf und Oberkörper hoch. Langsam kam der Betrunkene zu sich.
"Mensch, Winfried, du machst Sachen. Mann, Mann, Mann!"
Sie nahmen ihn in ihre Mitte, stützten Winfried so gut es ging, und machten sich auf den Weg.
Es dauerte lange, bis auf das stürmische Klingeln reagiert wurde. Als sie schon nicht mehr damit rechneten, wurde schließlich doch geöffnet. Eine kleine Frau in den Dreißigern erschien schweigend in der Tür. Ihr kurzes schwarzes Haar ließ die ersten grauen Fäden erkennen. Ganz in schwarz gekleidet, stand ihre Erscheinung beinahe im Widerspruch zu dem herrlichen Sommerabend.
"N'Abend! Wir bringen dir deinen Mann. Hat im Bushäuschen gelegen. War eingeschlafen."
Die Frau entgegnete nichts. Sie machte Platz, um die Männer hereinzulassen.
"Wohin mit ihm? Gleich ins Schlafzimmer?"
Die Frau nickte nur und zeigte stumm in die entsprechende Richtung. Die beiden Männer kamen ihrer Bitte nach und legten ihn aufs Ehebett. Winfried schlief sofort wieder ein. Sie zogen ihm noch die Schuhe aus und ließen ihn allein.
Zurück in der Diele, wo die Frau noch immer bewegungslos und mit verschränkten Armen wartete, fielen ihnen die gepackten Koffer und Taschen auf.
"Na, Elena, geht’s in Urlaub? Winfried hat gar nichts erzählt."
"Nein, kein Urlaub. So ähnlich."
Das war alles, was sie mit den Männern redete. Ihre tonlose Stimme ließ sie noch trauriger Erscheinen.
Die beiden sahen sich ratlos an und spürten, dass es das Beste war, jetzt einfach nur zu gehen.
Elena sah ihnen durchs Fenster nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Dann machte sie sich an den Reißverschluss ihrer Handtasche, der schon wieder aufgerissen war. Anschließend ging sie ins Schlafzimmer und sah nach ihrem Ehemann. Winfried lag ausgestreckt auf dem Rücken und schnarchte leise. Vorsichtig schloss sie die Tür, um ihn nicht zu wecken. Dann setzte sie sich in der Diele auf einen großen Koffer und wartete.









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