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Leben und Werk

Als Sohn eines Kunsttischlers verlebte Böll Kindheits- und Jugendjahre zwischen den Kriegen in einem kleinbürgerlich und katholisch geprägten Kölner Milieu. Den affektiven Rückhalt in der Familie und die "Gebundenheit an Zeit und Zeitgenossenschaft", aber auch an Herkunft, Region und Religion hat er später als Grundlage seines literarischen Schaffens gesehen. Nach dem Abitur 1937, einer abgebrochenen Buchhandelslehre, nach Reichsarbeitsdienst und Studienbeginn (Germanistik, Altphilologie) erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht.

Heinrich Böll

Als Soldat war Böll an der West- und Ostfront eingesetzt, geriet bei Kriegsende in französische und englische Gefangenschaft und kehrte Ende 1945 nach Köln zurück. Seit 1942 war er mit der Lehrerin Annemarie Çech verheiratet; zwischen 1947 und 1950 wurden die Söhne Raimund, René und Vincent geboren. Neben verschiedenen Gelegenheitsarbeiten wurde für ihn das Schreiben immer wichtiger; seit 1947 veröffentlichte er erste Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften. Nach der Publikation seiner ersten beiden Bücher (1950) lebte Böll seit 1951 als freier Schriftsteller. Im selben Jahr erhielt er den Literaturpreis der Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern er gehörte, und war bereits in den 1950er-Jahren eine zentrale Figur der sich neu konstituierenden, nonkonformistisch und sozialkritisch ausgerichteten westdeutschen Nachkriegsliteratur.

Reiseaufenthalte nach Irland und in die Sowjetunion

In den folgenden Jahren unternahm er längere Reisen, unter anderem nach Irland und in die Sowjetunion, und erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zum Beispiel den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen (1959), den Literaturpreis der Stadt Köln (1961), den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1967), den Nobelpreis für Literatur (1972). Als Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland (1970-1972) und des Internationalen PEN (1971-1974) war er für soziale Belange von Autoren und in vielen Einzelfällen für verfolgte Kollegen in aller Welt engagiert. Dem Ausgleich zwischen den Deutschen und Osteuropa galt seine besonderen Anstrengung. Zugleich protestierte er mit zunehmender Schärfe gegen innenpolitische Repression und - in seinen letzten Lebensjahren mit großer moralischer Autorität innerhalb der Friedensbewegung - gegen weltweite Aufrüstung.

Ehrenbürger der Stadt Köln

Seit 1983 war Böll Ehrenbürger seiner Heimatstadt Köln. Er lebte zuletzt in Bornheim-Merten, wo er im Lamuv Verlag seines Sohnes René mitwirkte. Im Sommer 1985 erlag er einem Kreislaufleiden. "Fortschreibung" ist neben "Gebundenheit" der zweite Begriff, mit dem Böll Prozess und Ertrag seines Schreibens charakterisiert hat. Tatsächlich entwickelte und variierte er über vier Jahrzehnte hinweg ein Repertoire bestimmter Themen, Handlungsmuster und Schreibweisen. Da seine Werke fast ausnahmslos auf die jeweilige Gegenwart mit ihren historischen, sozialen, moralischen, und ideellen Problemen bezogen sind, hat man sie zu Recht als einen "fortlaufenden Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands" (Wolfram Schütte) bezeichnet.

Die Kurzgeschichten des Bandes "Wanderer, kommst du nach Spa..." (Opladen 1950) wie auch die längere Erzählung "Der Zug war pünktlich" (Opladen 1950) und der episodische Kurzroman "Wo warst Du, Adam?" (Opladen 1951) versuchen die typischen Erfahrungen von Krieg und Nachkriegszeit in eine lakonische Erzählsprache umzusetzen. Der Verlust aller Ordnungen und Wertorientierungen sowohl in der katastrophalen Kriegsrealität als auch in den nicht weniger chaotischen Trümmerjahren nach 1945 wird aus individueller Perspektive zum Thema. Bölls sympathische Erzählerfiguren misstrauen dem brutalen System des Militärs ebenso wie den subtilen Zwängen der "verwalteten Welt", die sie als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln erleben (exemplarisch in der Kurzgeschichte "An der Brücke", in: "Wanderer kommst du nach Spa..."). Erfüllung und Lebenssinn erfahren sie nur in flüchtigen Momenten zwischen-menschlichen Begegnung und gemeinsamen Genusses; die geteilte Zigarette wird zu einem für diese Zeit typischen Leitmotiv.

In den 50er: Statirische Erzählungen

Der Blick auf den Erzähler und vor allem den Romancier Böll lässt allzu leicht Seitenlinien seines Schaffens unbeachtet, die seit den späten 1950er Jahren immer wichtiger wurden: die satirische Erzählung ("Doktor Murkes gesammeltes Schweigen", Köln 1958); die idyllische Reiseschilderung, die zugleich eine Form indirekter Deutschlandkritik ist ("Irisches Tagebuch", Köln 1957); die literarische Übersetzung (mit Annemarie Böll), vor allem aus dem Englischen: die politische Publizistik als Rede, Rezension, Interview (Aufsätze, Kritiken, Reden. Köln 1967) und schließlich die literarische Selbstverständigung (Frankfurter Vorlesungen. Köln 1966). Vor allem die publizistischen Arbeiten - "Einmischung erwünscht" (Köln 1977) und "Die Fähigkeit zu trauern" (Bornheim 1986) - gewannen bis zu Bölls Tod immer mehr an Bedeutung. Im Sinne einer "Ästhetik des Humanen", die sich, wie er sagte, ähnlich an Goethes, Stifters oder Jean Pauls Werk darstellen ließe, ging es ihm um die Verteidigung des Alltäglichen, des individuellen Lebensraums und der persönlichen Würde gegen die sich immer dichter zusammenschließenden Zwänge und Ansprüche der staatlichen und kirchlichen Institutionen, des Konsumdenkens, der Massenmedien und Meinungsmanipulation. "Es ist unsere Aufgabe", schrieb er schon 1952 in einem Bekenntnis zur Trümmerliteratur (am 15.5. in: "Die Literatur"), "daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden - und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind [...]."

Böll war kein Avantgardist, der die literarische Entwicklung vorangetrieben hat, kein Jahrhundertschriftsteller. Seine Erzählstoffe waren für Zeitgenossen nachvollziehbar, seine Erzählmuster konventionell, seine Technik manchmal unbeholfen. Doch wie kein Zweiter hat er mehreren Lesergenerationen ihre eigenen Erfahrungen in Kriegs- und Trümmerzeit, in der neudeutschen Restauration, der nachfolgenden Reformära und schließlich in den Jahren der konservativen "Wende" greifbar und durchsichtig gemacht, indem er sie in mehr oder minder kunstvollen Geschichten wiedergab. Im Blick des Auslands haben seine Schriften und seine Person nicht wenig dazu beigetragen, das historische Bild des "hässlichen Deutschen" zu revidieren. Böll war einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Bundesrepublik Deutschland; er hat wie kein anderer ihre Literatur und ihre politische Kultur geprägt.

Weitere Werke

  • Heinrich Böll: Werke. Kölner Ausgabe, 27 Bände, Köln 2005 ff.
  • Eine deutsche Erinnerung. Interview mit René Wintzen, Köln 1979.
  • Vermintes Gelände. Essayistische Schriften 1977-81, Köln 1982.
  • Ein- und Zusprüche. Schriften, Reden und Prosa 1981-83, Köln 1984
  • Wir kommen weit her. Gedichte, Göttingen 1986.

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