Partnersuche im Internet
Die Partnersuche im Internet hat Hochkonjunktur: Kaum Bekannte aus dem Freundeskreis, kaum Kolleginnen aus der Firma, die es noch nicht probiert haben - das Blind Date aus dem WWW. Was einst als verschüchterte Alternative zur Kontaktanzeige von überarbeiteten Geeks und Nerds aus der Online-Branche begann, hat sich inzwischen längst zum gesellschaftlichen Phänomen entwickelt. Mit Recht: Schließlich bietet die Partnersuche im Netz der Netze die intelligentere Kontakt-Variante. Wo sonst haben Singles die Möglichkeit, vorab soviel über ihren potenziellen Partner zu erfahren, wie im Internet? wissen.de hat eine Bestandsaufnahme des Megatrends gemacht.

Onlinedating: Unverbindlich den Traumpartner kennenlernen
Das Internet hat in diesen Tagen einen schweren Stand: Wütende Aktionäre, die die Bedeutung des Mediums überschätzt und durch Startup-Unternehmen viel Kapital verloren haben; genervte User, die noch immer über langsame Übertragungszeiten und mangelnden Datenschutz klagen; sowie Internet-Anbieter, die mit den Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von bezahlten Inhalten hadern.
Keine Frage: Das Internet hat immer noch mit Kinderkrankheiten zu kämpfen. Doch die Entwicklung zum Mainstream-Medium ist nicht aufzuhalten: Inzwischen sind mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit vernetzt, das WWW hat längst seinen avantgardistischen Charakter früherer Tage eingebüßt. Mit der Verbreitung des Mediums hat sich heimlich eine neue Killerapplikation etabliert, die sich - so effizient wie die MP3-Clients - der interaktiven Möglichkeiten des Mediums bedient. Es ist das Prinzip des unbegrenzten Datenaustauschs zwischen den Nutzern, das auch den boomenden Internet-Singlebörsen ihre Eigendynamik verleiht.
„Email für Dich“ macht Online-Dating gesellschaftsfähig
Online-Dating, dieses interaktive Kennenlernen über das WWW, ist inzwischen zum gesellschaftlichen Trend avanciert. Den Anfang machte die Online-Romanze Em@il für Dich, die ihren Titel der persönlichen Benachrichtung der virtuellen AOL-Postbotin verdankt: „You’ve got mail“. In der Hollywood-Verfilmung aus dem Jahre 1998 verliebt sich der knallharte Geschäftsführer einer Buchkette Joe Fox (gespielt von Oscar-Preisträger Tom Hanks), in Kathleen Kelly (Meg Ryan), eine idealistisch-antiquierte Buchhändlerin von nebenan.
Obwohl sie im realen Leben Konkurrenten sind, die keine Gelegenheit auslassen, sich mit Bosheiten zu bedenken, kommen sich Fox und Kelly im AOL-Chatroom näher. Das Happy-End beim tatsächlichen Date, der Auflösung ihrer doppelten Existenz, ist natürlich garantiert - Hollywood sei dank.
Renaissance des Kennenlernens über ein schriftliches Medium
Filmliebhabern wird schnell klar: Email für Dich ist die Online-Variation von Ernst Lubitschs Rendezvous hinterm Ladentisch aus den dreißiger Jahren. Doch auch Lubitschs Klassiker ist lediglich eine filmische Inszenierung eines sehr literarischen Sujets - dem Ideal einer körperlosen Liebe, die sich zwischen zwei Menschen auf dem Wege der schriftlichen Kommunikation entwickelt
Die Literaturgeschichte ist voll von dem sentimentalen Motiv einer schriftlich gelebten Romantik: Es ist die idealisierte Form der Kommunikation in einer Welt frei von Irritationen, Missverständnissen und unartikulierten Unsicherheiten. Der Briefroman hat in seiner langen Tradition viele Lebens- und Leidensgeschichten erzählt. Goethes Die Leiden des jungen Werthers, zweifelsohne der bedeutsamste Roman des Genres, oder etwa Knut Hamsuns Victoria sind Dokumente großer Gefühle, für die jedoch in der Gesellschaft, in der ihre Protagonisten leben, kein Platz ist.
Millionen Deutsche suchen über das Internet ihren Partner
Nichts anderes findet täglich tausendfach in den Mailboxen deutscher Singlebörsen statt. Geändert hat sich indes das Selbstverständnis der Kontaktaufnahme: Während ein Werther oder ein Johannes, der Ich-Erzähler aus Victoria, um die Aussichtslosigkeit ihres Briefwechsels wissen, nehmen heutige Verehrer bezüglich ihrer Absichten kaum noch ein Blatt vor den Mund.
In den Singlebörsen des Internets wird gemailt, geflirtet und gebaggert, was die DSL-Leitung hergibt. Für Romantik bleibt da freilich wenig Platz „Alle Frauen wollten Sex - wie ich“, berichtet eine Testperson in der Milchstraßen-Illustrierten Max über seine Erfahrungen bei der Kontaktsuche im Internet.
Damit mag der User nicht in der Minderzahl gelegen haben: Der Kontakthof Internet erfreut sich auch bei den deutschen Internetnutzern immer größerer Beliebtheit. Millionen Deutsche versuchen ihr Partnerglück inzwischen online zu finden. Singlebörsen verfügen inzwischen über Mitgliederzahlen in sechsstelliger Höhe.
Sex and the City und Ally McBeal

Singles: Allein, aber nicht immer einsam
Ein Trend, der leicht erklärbar ist: Noch nie zuvor gab es in der Geschichte der Bundesrepublik so viele Singles wie heute. Allein 13,5 Millionen Deutsche leben allein - ein buchstäblich 'einsamer’ Rekord an Singlewohnungen. Das Single-Phänomen beschäftigt nicht nur Soziologen - auch die Betroffenen kommentieren gern und auffällig selbstbewusst ihren gesellschaftlichen Status.
In der Popmusik singt etwa die britische Soulsängerin Alisha LaVerne programmatisch I may be single, but I’m not alone und bringt damit das postfeministische Selbstverständnis auf den Punkt: Singlesein hat nichts mit Einsamsein zu tun. Und ebenso wenig mit geschlechtlicher Abstinenz, wie die vier beruflich erfolgreichen Thirtysomething-Protagonistinnen in der amerikanischen TV-Serie Sex and the City beweisen. Keine Frage: Der Titel muss eindeutig für bare Münze genommen werden, denn die Charaktere Carrie, Amanda, Miranda und Charlotte leben ihren Geschlechtstrieb nach männlichem Verhaltensmuster aus.
Ally McBeal, das telegene Abbild vieler erfolgreicher, gut organisierter, jedoch beziehungs- und kinderloser Anfangsdreißiger, ist bei der Partnerwahl doch etwas anspruchsvoller - und widersprüchlicher, wie ihr ständiges Hadern mit dem Singlestatus beweist. Katja Kullmann, Kolumnistin der Financial Times Deutschland, hat der TV-Heldin in ihrer Buchveröffentlichung Generation Ally gleich soziologische Relevanz beigemessen - Ally McBeal ist ein gesellschaftliches Phänomen:
„Keine Frauengeneration vor uns war so gut ausgebildet, aufgeklärt und „befreit“ wie wir, die zwischen 1965 und 1975 Geborenen, die Töchter der Emanzipation. Und trotzdem sind wir nicht wirklich glücklich. Das ist Allys Geheimnis, und es ist gleichsam unser aller Geheimnis, das große Glücksrätsel, das es zu lösen gilt.“
Spätestens ab dem 30. Lebensjahr ereilt die Singlegeneration die Torschlusspanik
Ein gängiger Lösungsansatz verläuft immer wieder über den ewigen Kompromiss des flüchtigen Abenteuers, den die Singlebörsen, vor allem jedoch die Chats, die mit ihren eindeutig zweideutigen Angeboten den Wunsch nach einem unverfänglichen Abenteuer nähern. Katja Kullmann erklärt dieses Bedürfnis der Singlegeneration:
„Flüchtigkeit kennzeichnete unser Liebesleben, mag diese Phase einige Monate oder Jahre gedauert haben. So wie wir einst auf dem Schulhof fanden, dass wir eigentlich noch zu jung für Sex sind, so dachten wir jetzt, dass wir zu jung für die Liebe des Lebens sind. Irgendwann schlägt es dann aber um, meist zwischen dem 27. und 30. Geburtstag. Wenn das Wort Torschlusspanik fällt, berührt es einen plötzlich unangenehm ... das Hirn wälzt Kalenderblätter: Es ist drei Monate her, dass du etwas mit einem Mann hattest. Es ist klar, dass du etwas mit diesem Mann haben könntest. Er wirkt gesittet und gepflegt und interessiert, die Sache würde bestimmt reibungslos verlaufen.“
Dass aus solchen Abenteuern tatsächlich ernsthafte Partnerschaften entstehen, scheint die Ausnahme zu sein: „Auf ein solches Date folgt nicht selten eine leidliche Liebesnacht ohne große Missverständnisse. Vielleicht trifft man sich noch zwei, drei Mal, vielleicht auch nicht. Es ist eine Kollektiverfahrung der Single-Generation, dass die Leidenschaft früher oder später flöten geht.“
Lebensaufgabe Partnerwahl

Der Partner fürs Leben: Oft bleibt dieser Wunsch eine Illusion.
Die Erkenntnis, dass diese Promiskuität auf Dauer nicht glücklich macht, ist keine Einsicht, die erst die Singlegeneration des Internetzeitalters machen musste. Der angesehene Psychologe Erich Fromm bezog in seiner bahnbrechenden Veröffentlichung Die Kunst des Liebens schon 1954 klar Stellung:
“Aber für die meisten ist die eigene Person genau wie die des anderen schnell ergründet und ausgeschöpft. Sie erreichen Intimität vor allem durch sexuelle Vereinigung. ... Die Folge ist, dass man nun bei einem anderen Menschen, bei einem neuen Fremden Liebe sucht. Wiederum verwandelt sich der Fremde in einen Menschen, mit dem man “intim“ ist, wiederum wird das Sicherverlieben als ein anregendes, intensives Erlebnis empfunden, und wiederum flaut es allmählich mehr und mehr ab und endet mit dem Wunsch nach einer neuen Eroberung, nach einer neuen Liebe - immer in der Illusion, dass eine neue Liebe ganz anders sein wird als die früheren Liebesbeziehungen. Zu dieser Illusion trägt die trügerische Eigenart des sexuellen Begehrens bei.“
Das Internet nährt diesen Wunsch, die Sehnsucht nach Nähe mit seinen unzähligen Singlebörsen zusätzlich. Nie schien das Angebot so groß, nie schien der mögliche Traumpartner so greifbar zu sein wie in der Internetära - schließlich könnte die Liebe des Lebens nur ein Mausklick entfernt warten. Königsweg zur Partnerwahl oder nur der Hort des Hedonismus - das Web ist zum ultimativen Kontakthof avanciert - ein Spiegelbild der unerfüllten Sehnsüchte und verborgenen Wünsche ... und, oft genug, auch der ganz großen Illusionen.
Nils Jacobsen









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