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Lieben Sie Luhmann?

Zuerst war da das Tropfen des Wasserhahns. Er war nicht richtig zugedreht worden und so tropfte es im Sekundentakt. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Drei Minuten haben einhundertachtzig Sekunden. Wie kann eine Zeitspanne von einhundertachtzig Sekunden ein ganzes Leben bestimmen wollen? Ich halte mir die Ohren zu, um das gleichmäßige Tropfen nicht hören zu müssen. Automatisch habe ich mitgezählt, direkt nachdem ich die Idee hatte, auf das Becken zu klettern. Das war in jeder Hinsicht eine dumme Idee. Sie wirken irritiert. Ach so, ja. Das Becken. Ich hätte auch Toilettenschüssel sagen können. Ist diese Bezeichnung denn noch geläufig? Ist ja auch egal. Einhundert. Verdammt. Nicht dass ich aus dem Takt komme. Ich hasse Abweichungen. Ich komme nicht klar mit Unvorhergesehenem. Vielleicht sitze ich deshalb hier.

Nun, Sitzen kann man mein Kauern mit angezogenen Beinen auf einem Toilettenbecken eher nicht nennen. Eigentlich müsste ich jetzt arbeiten. Draußen, in der richtigen Welt jenseits von Wasserleitungen und Abflussrohren und all dem nichtvorhandenen Flair einer Damentoilette. Dort sitze ich, in der mittleren Kabine, mit angezogenen Beinen, damit man mich nicht sieht. Einhundertzehn. Dieses Tropfen macht mich wahnsinnig. Außerdem bekomme ich einen Krampf im rechten Oberschenkel. Ich muss mich mal ganz kurz strecken. Schon besser. Noch sind Lehrveranstaltungen, noch stürmt keine Horde Frauen diesen stillen Ort, noch kann ich hier sitzen und mich über mich ärgern. Dazu habe ich allen Grund. Ich schwänze gerade meine eigene Lehrveranstaltung. Ich habe noch nie gefehlt. Ich akzeptiere bei den Studenten keine Fehlstunde, es sei denn, die Großmutter ist gestorben und auch dort frage ich höflich nach, zum wievielten Male in diesem Semester ihr Tod zu beklagen sei.

Ich mag meine Arbeit und ich nehme sie ernst. In diesem Semester lehre ich „Lektüren der Liebe in der Literatur des 19. Jahrhunderts.“ Heute wollte ich das Frauenbild bei Fontane mit der Darstellung der Effi Briest in der neuen Verfilmung vergleichen. Jetzt sitze ich fest auf der Damentoilette, nur in Gesellschaft meiner Feigheit. Einhundertzwanzig. Mein Herz pocht gegen das eintönige Tropfen des Wasserhahns an. Wenn ich wüsste, wo meine Uhr ist, hätte ich darauf schauen können. Mein Handy liegt im Büro, ich bin völlig überhastet losgestürzt vorhin. Ich wollte endlich Sicherheit. Ich wollte es wissen. Ich wollte aufhören, das Problem zu ignorieren. Deshalb bin ich zehn Minuten vor dem Seminar hier herein geschossen.

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von Dörthe Buchhester
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