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Medikamentenwirkung - Getrennte Medizinschränke für sie und ihn?

Frauen sind für bestimmte Erkrankungen anfälliger als Männer - und auch Medikamente wirken bei den Geschlechtern offenbar unterschiedlich. Das trifft zum Beispiel auf sogenannte Entzündungshemmer zu, wie Forscher nun herausgefunden haben. Eine Schlüsselrolle scheint dabei das männliche Sexualhormon Testosteron zu spielen. Für den Griff in den Medizinschrank bedeutet das: Entzündungshemmende Wirkstoffe könnten künftig auch abhängig vom Geschlecht ausgewählt werden.

Visualisierung der unterschiedlichen Wirkung von Arzneimitteln
Medikamente wirken bei Mann und Frau unterschiedlich. Jenaer Forscher haben in neuen Studien erneut konkrete Anhaltspunkte für die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Medizin geliefert.
Männer und Frauen unterscheiden sich in mehr als nur den offensichtlichen äußeren Merkmalen. Zwar ist "das" männliche oder weibliche Gehirn ein Mythos. Dennoch hat die Wissenschaft längst erkannt: In Sachen Psyche, Kommunikations- und Sozialverhalten gibt es zwischen den Geschlechtern bedeutende Unterschiede. Studien zeigen beispielsweise, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf Stress reagieren und Männer zwar meist die bessere Orientierung haben, dafür aber vergesslicher sind.

Immer stärker im Blick haben Forscher seit einigen Jahren auch einen weiteren Aspekt: die Gesundheit. So mehren sich die Hinweise darauf, dass Männer und Frauen für viele Erkrankungen eine unterschiedliche Anfälligkeit haben. "Wir wissen etwa, dass entzündliche Erkrankungen wie Asthma, Psoriasis oder Rheumatoide Arthritis bei Frauen sehr viel häufiger vorkommen als bei Männern", sagt Oliver Werz von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Testosteron-Strukturformel
Das Sexualhormon Testosteron steht im Verdacht, die Wirksamkeit von entzündungshemmenden Medikamenten zu verändern.
Testosteron im Fokus

Ein möglicher Grund dafür könnte das männliche Sexualhormon Testosteron sein. Zahlreiche Untersuchungen legen nahe, dass der Botenstoff vor Entzündungskrankheiten schützen kann. Welche Mechanismen hinter diesem Phänomen stecken, war bislang jedoch unklar. Werz und seine Kollegen haben dies nun genauer untersucht - und Erstaunliches festgestellt.

Denn in ihren Versuchen offenbarte sich nicht nur, dass das Testosteron unmittelbar in die Biosynthese von Entzündungssubstanzen eingreift – es scheint darüber hinaus auch die Wirksamkeit von entzündungshemmenden Medikamenten zu verändern. Im entscheidenden Experiment hatten die Forscher zunächst untersucht, ob sich die Wirkung von Entzündungshemmern in männlichen und weiblichen Immunzellen unterscheidet.

Verminderte Wirkung

Dabei zeigte sich: In den weiblichen Zellproben war die Wirkung der untersuchten Substanzen größer als bei männlichen. Das hatten die Wissenschaftler erwartet. Die einfache Erklärung: Die Mittel wirken bei diesen Zellen stärker, weil bei ihnen geschlechtsbedingt auch das Entzündungsgeschehen deutlicher ausgeprägt ist. "Diese Unterschiede lassen sich aber durch die Gabe von Testosteron komplett ausgleichen", berichtet Mitautorin Simona Pace. Das heißt: Unter Hormoneinfluss war die Wirksamkeit der Medikamente in den weiblichen Zellen deutlich vermindert.

Mit diesem Ergebnis liefern die Forscher einmal mehr konkrete Anhaltspunkte für die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Medizin. "Entzündungshemmende Wirkstoffe, die für Frauen geeignet wären, zeigen bei Männern unter Umständen nur eine geringe Wirkung und umgekehrt", konstatiert Werz.

Der Griff in den Medizinschrank könne also zu ganz unterschiedlichen Behandlungserfolgen führen. Eine Tatsache, der in der Entwicklung neuer Medikamente – insbesondere zur Behandlung von Entzündungserkrankungen – künftig deutlich stärker Rechnung getragen werden müsse. Künftig könnte das vielleicht sogar in getrennten Medizinschränken für "sie" und "ihn" münden

Friedrich-Schiller-Universität Jena / DAL, 17.08.2017
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