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Meer-Wasser

"Biste schon mal am Meer gewesen?"

"An welchem?"

"Ist doch egal, Meer eben."

Will musste nachdenken.

"Ach so, warte mal, nee, eigentlich nicht. Nur mal drüber geflogen."

"Drüber geflogen?"

"Ja, drüber geflogen, damals, meine ich, als ich noch auf Montage gearbeitet habe."

"Und was für´n Meer war das?"

"Mittelmeer. War schön. Blau und so. Ja, ja, das Meer."

Wilhelm, genannt Will, griff nach der Schnapsflasche, drehte bedächtig am Verschluss und nahm einen großen Schluck.

Hermann guckte ihm dabei zu, wie er ihm bei fast allem zuguckte, außer beim Austreten.

Wills Rülpser hallte mehrfach von den Tunnelwänden zurück.

"Weißte eigentlich, Hermann, weißte eigentlich, dass unsere Erde gar nicht Erde heißen müsste, sondern Wasser?"

Hermann stopfte das Oberteil seines Schlafsackes zwischen seinen Rücken und der kaltfeuchten Tunnelwand, freute sich. Er freute sich immer, wenn der Will etwas zu erzählen hatte. Weiß Gott, der Will konnte erzählen und wusste eine Menge.

"Wieso?", fragte er trotzdem und damit der Will Bescheid wusste.

"Na, weil ungefähr sieben Achtel oder so nur mit Wasser bedeckt sind."

"Nee."

"Doch, wenn ich´s dir doch sage."


Meer-Wasser II

Hermann versuchte, sich sieben Achtel Wasser auf der Erde vorzustellen.

"Ist viel", meinte er dann langsam.

"Ja klar ist das viel, überleg mal, sieben Achtel."

Will griff wieder nach der Schnapsflasche.

"Weißte aber, was scheiße ist?"

"Nee", meinte Hermann.

"Das Wasser...", bevor Will weiter sprechen konnte, musste er erst noch mal einen Schluck nehmen, "das Wasser, also das allermeiste ist salzig."

Hermann nickte.

"Jo, Will das weiß ich."

Will schaute ihn zwischen zwei Schlucken nachdenklich an.

"Weißte auch, dass, wenn du zuviel davon trinkst, inne Binsen gehst?"

"Nee, Will, weiß ich nicht."

"Und tief ist das Meer."

"Wie tief denn?"

"Ach", winkte Will ab, "sind schon ein paar Kilometer."

"Ach so."

Die Flasche war fast leer und Will nahm einen letzten Zug.

"Aber weißte, Hermann, was das Schönste ist?"

"Nee, Will."

"Strand. Strand ist das Schönste, Hermann, Strand. Wenn das Wasser den Strand rauf läuft und wieder runter, und wenn die Sonne drauf scheint, und wenn du mit den Füßen drinne stehst im Wasser. Und noch schöner ist es, wenn die Sonne untergeht, Hermann."

Ein satter Rülpser. Die Flasche war jetzt leer. Wills Lider wurden schwer und einen Moment später war nur noch sein Schnarchen zu hören.

Meer-Wasser III

Hermann sah ihm zu und dachte nach.

Dachte nach über das Meer. Er hatte schon lange nicht mehr an das Meer gedacht.

Er wusste noch, wie es sich anfühlte, wenn er barfuß einen Strand entlangging, seine Zehen in den Sand krümmte, wie das Wasser über seine Füße lief, spürte den Sog unter seinen Fußsohlen. Hermann war auch immer gerne ins Meer, ins Wasser gegangen, aber nur so lange er stehen konnte, wenn er den Grund unter den Füßen verlor, bekam er Angst.

So wie er es bei anderen gesehen hatte, zu schnorcheln oder zu tauchen, ist für Hermann nie in Frage gekommen, da konnten sie noch so oft von der Vielfalt und Farbenpracht, die unter Wasser herrschte, erzählen. Hermann wusste ganz genau, da unten am Grund, versteckt in Höhlen und Spalten, da lauerte etwas, bereit ihn zu holen, hinunter zu zerren und dann zu zerreißen. Deshalb hatte Hermann, wenn er im Meer war, immer den Grund unter den Füßen.

Am liebsten aber stand er am Strand, blickte in die Weite, besoffen vor so viel Platz, befreit von der Enge, hörte das Tosen und Brausen der Brandung.

Hermann hatte schon lange nicht mehr an das Meer gedacht.

Hermann war schon lange nicht mehr am Meer gewesen.

Noch mal dahin, irgendwo hin. Hauptsache Meer, dachte er. Schade, dass ich keine Karte habe, dachte er weiter, könnte ich mal nach gucken, wie weit es von hier ist.

Von diesem kalten zugigen und feuchten Tunnel hin zu einem warmen Meer.

Hermanns Herz schlug einen Ticken schneller.

Muss ja nicht im Ausland sein, gibt ja auch hier Meer.

Er kroch aus seinem Schlafsack und robbte rüber zu Will. Rüttelte ihn.

Meer-Wasser IV

"Nu wach schon auf Will!"

Will grunzte und wollte sich auf die andere Seite drehen.

"Nee, Will, aufwachen, ich muss dir was sagen."

Will blickte ihn aus einem Auge an.

"Hää?"

"Will, wir müssen los, ich meine weg. Will, wir müssen ans Meer. Jetzt."

Will öffnete auch das andere Auge, hustete, röchelte und rülpste.

"Ans was? Ans Meer? Spinnst du Hermann, was sollen wir am Meer?"

Hermann robbte zurück und kniete auf dem Schlafsack.

"Will, hör zu, ich hab grad nachgedacht, ans Meer und so und wie lang ich schon nicht mehr eins gesehen hab, Will, und deshalb... deshalb müssen wir hin."

Will rappelte sich hoch.

"Kapier ich nicht, woher weißte denn... biste schon mal am Meer gewesen, Hermann?"

"Ja, Will, und nicht nur drüber geflogen, sogar schon mal drin gewesen."

Ein trauriger Ausdruck glitt über Wills Gesicht.

"Und das sagste erst jetzt, ich dachte, wir sind Freunde."

"Sind wir ja auch, Will, und genau deshalb will ich das ja zeigen, wie das ist, am Meer."

"Was gibts denn da zu zeigen, kenn ich doch."

"Nee, kennste nicht, bist nur mal drüber geflogen, haste gesagt, aber nie drinne gewesen."

Jetzt war Will beleidigt, Hermann sah das.

"Nu, komm, Will, ist doch egal jetzt, dafür bin ich noch nie geflogen, sind mit dem Auto hin damals, dann sind wir jetzt wieder quitt."

Klang gut für Will, er fing an in einer seiner Taschen zu kramen und zog einen Flachmann hervor, nahm einen großen Schluck und hielt die Flasche Hermann hin."

"Nee, Will, jetzt nicht, ich muss nachdenken, wir beide müssen nachdenken, wie wir hinkommen zum Meer, ich denk mal, wenn wir es jetzt nicht schaffen, dann nie mehr."

Will zuckte mit den Achseln und nahm noch einen Schluck.

"Und wie, Hermann, wie?"

Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.

Meer-Wasser V

Hermann stand auf, ging ein paar Schritte hin und her und blickte lange an die Tunneldecke, als ob von dort gleich das Geld herab fallen könnte.

"Weiß ich nicht, Will, ist doch egal, guck mal, wo wir schon überall gewesen sind, da wird’s doch kein Problem sein, irgendwie ans Meer zu kommen."

Will studierte andächtig das Etikett des Flachmanns.

"Trampen, wir könnten trampen." Er begann an dem Papier zu knibbeln.

"Wir stellen uns irgendwo an die Autobahn und einer nimmt uns mit."

Hermann sah nach rechts zu einem der Tunneleingänge hin, ein Platzregen ging nieder und eine Wasserwand rauschte in dem diffus hellen Rechteck herunter.

"Oder", Will fuchtelte den Flachmann wie ein Lehrer seinen Zeigestock, "oder wir fahren schwarz mit’m Zug, verstecken uns auffem Klo."

Die Wasserwand verschwand wie ein sich hebender Theatervorhang.

Eben hatte Hermann noch ein bisschen Angst vor seiner eigenen Courage, mal eben so ans Meer fahren, jetzt mischte sich noch eine Spur Resignation in sein Gemüt.

Trotzdem.

Trotzdem wollte Hermann irgendwie ans Meer.

Seine Haltung war etwas Neues für Will. Er war es gewohnt, dass Hermann ihm folgte wie ein Hündchen seinem Herrn und er hatte immer gedacht, dass er den Hermann kannte.

Er konnte jetzt nicht hier weiter trinken und dann wieder schlafen, vielleicht war der Hermann dann weg, wenn er wach wurde. Und eigentlich war die Idee nicht schlecht, war sogar gut.

Und wie er den Hermann da jetzt so stehen sah, schmeckte ihm auch der Schnaps nicht mehr.

"Hermann", sagte er mit Nachdruck, "Hermann, hast Recht, wir waren schon so oft überall gewesen, nur am Meer nich, wird Zeit, dass wir mal was Neues machen. Wasser ist nicht nur zum Waschen da, sondern auch zum Gucken. Komm, packen wir unsere Plörren zusammen."

"Meinste Will?"

"Ja klar, Hermann", er hielt einen Moment inne und er sah es vor sich, damals, als er aus dem Flugzeug geschaut hatte, als sie über das Meer geflogen waren, "ja klar, Hermann."

Er warf den Flachmann hinter sich, sie hörten es klirren, das Aufbruchssignal.

Sie rollten ihre Schlafsäcke zusammen, packten ihre Taschen und Tüten, stopften alles in den geklauten Einkaufswagen und marschierten aus dem Tunnel.

Draußen nieselte es noch ein bisschen, es war kühl, aber so langsam riss der Himmel auf und ein Stückchen Blau war zu sehen. Will legte den Arm um Hermanns Schultern.

"Weißte Hermann, ist jetzt auch die richtige Jahreszeit fürs Meer, ist kaum noch einer da und wir haben dann alles für uns allein, Hermann, Wasser, Sand und Ruhe, Hermann."

Will schwatzte ohne Unterlass, aber, Hermann, der den Einkaufswagen schob, hörte nichts. Er hob sein Gesicht dem Nieselregen entgegen und Wasser lief über sein stoppeliges Kinn in seinen Kragen, er stapfte bewusst durch Pfützen und krümmte seine Zehen, wie damals im Sand am Strand.

von Hans-Joachim Schwenk
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Diese Kurzgeschichte zu lesen macht wunderschönes süßes Fernweh und zeigt mir mal wieder, dass Menhsc manche Dinge einfach machen sollte, statt ewig nur darüber nachzudenken und sich vorzustellen, wie es wäre wenn.....


Diesen Text finde ich deswegen so toll, weil er Emotionen weckt. Das Einfühlen in zwei gestrandete Seelen ebenso, wie das Meeresrauschen von dem die beiden träumen.Für mich wäre das der erste Platz gewesen, ohne den Text "Labsal" schmälern zu wollenAuch wenn ich nicht einmal den Trostpreis geschafft habe, möchte ich den Gewinnern aus vollem Herzen herzlichst gratulieren