Geschüttelt oder gerührt?

007 (DANIEL CRAIG) hat die Lizenz zum Töten.
Nullen haben es schwer im Leben. Doppelnullen sowieso. Schließlich gilt es, als Gegenleistung für die Lizenz zum Töten, zwei Menschen das Leben zu nehmen. Eingefleischte James Bond-Fans wissen das natürlich alles. Aber auch sie machen in der drastischen, als Rückblick in grobkörnigem Schwarzweiß gedrehten Eingangszene von „Casino Royale“ die Bekanntschaft mit einem neuen Bond. Unkonventioneller, härter,einsilbiger, animalischer ist er als es uns die 20 Vorgängerfilme weismachen wollen. Dieser Geheimagent ist zu Beginn der Handlung eine knallharte Killermaschine, die keine Gefühle kennt oder gar zulässt, und der es gleich ist, ob der Wodka Martini geschüttelt oder gerührt ist.
Mit der jetzt auch in die deutschen Kinos kommenden Verfilmung des ersten Bond-Romans „Casino Royale“ aus der Feder von Ian Fleming kehrt nicht nur die Figur 007, sondern auch die bis heute erfolgreichste Filmserie aller Zeiten zu ihren Ursprüngen zurück. Das ist nach den übertrieben lauten, bis ans äußerste des filmisch erträglichen getriebenen „Die Welt ist nicht genug“ und „Stirb an einem anderen Tag“ eine ausgesprochen überfällige Wendung: Weg von den am Ende unsäglichen Altherrenwitzen eines Roger Moore, weg von der bisweilen aalglatten Selbstironie eines Pierce Brosnan. Und auch den technischen Spielereien aus Q’s Laboren weint man keine Träne nach. Um es gleich vorweg zu nehmen: „Casino Royale“ ist nicht nur ein ausgezeichneter Bond-Film, sondern auch ein guter Film. Eine Nachricht, die nach den schlicht abstrusen Vorverurteilungen des Boulevards über Bond-Darsteller Daniel Craig nicht unbedingt zu erwarten, in Kenntnis dessen schauspielerischer Fähigkeiten und der Mitwirkung von Oscar-Preisträger Paul Haggis am Drehbuch aber durchaus keine Sensation ist.

James Bond (DANIEL CRAIG) trifft auf M (JUDI DENCH).
Auch wenn die schriftstellerische Vorlage von Ian Fleming sicherlich die halbe Miete ist, bietet das Drehbuch von „Casino Royale“ eine Steilvorlage für einen ambitionierten, James-Bond-erfahrenen Regisseur wie Martin Campbell, der schon 1995 in „GoldenEye“ mit Pierce Brosnan einen neuen Bond einführte. Es bietet ebenso Raum für überaus rasante und geschmeidige Verfolgungsjagden etwa im Stil des französischen „Parcours“ und klassische Actionfeuerwerke wie für – bei eher Bond untypische - rasiermesserscharfe Dialoge und feinnervige Duelle am Pokertisch. Campbell gelingt ein müheloses Spiel mit unterschiedlichen Erzähltempi. Folge: ein schöner Rhythmus und wechsevolle Spannungsbögen.
Bond wird nach einer missglückten Operation in Afrika, die eine schwere diplomatische Krise auslöst, auf eine Mission gegen den als Banker globaler Terroristengruppen arbeitenden Le Chiffre geschickt. Der hat das ihm anvertraute schmutzige Geld beim riskanten Börsenspiel verloren und muss es sich jetzt beim Pokerspiel der Reichen – es geht um mehr als 100 Millionen Dollar - im Casino Royale zurückholen. Bond zur Seite steht in diesem Psychoduell Vesper Lynd, eine Beamtin des britischen Schatzamtes, die ihm das Geld der Regierung für den Einsatz zur Verfügung stellt.

Wo 007 ist, ist Action nicht weit...
Die Story ist klar und schnörkellos. Die Umsetzung auch. Natürlich reist Bond im Laufe seiner Ermittlungen wie schon seine Vorgänger um die halbe Welt, legt auf der Jagd nach Terroristen eine Botschaft in Schutt und Asche, bricht in die Privatwohnung seiner Chefin M ein und verhindert in letzter Sekunde einen Terroranschlag auf den Flughafen von Miami, aber das konzentrierte Kernstück des Films spielt sich im Casino selber ab, ist das Duell zweier Machtmenschen um den Sieg, das mit wenigen erlaubten und vielen schmutzigen Tricks bis zum bitteren Ende geführt wird. Um diese Schlüsselszene zu tragen, braucht es gute bis sehr gute Schauspieler. Daniel Craig und Mads Mikkelsen stehen sich da in ihren Leistungen in nichts nach.
Naturally Bond

Im Casino von Montenegro spielt James Bond (DANIEL CRAIG) um einen hohen Einsatz und riskiert dabei nicht nur viel Geld, sondern auch sein Leben.
Craig wartet mit enormer körperlicher Präsenz, markanten Zügen und gletscherwasserkalten Augen auf. Sein Bond vermittelt nicht nur der sich von der Partnerin zur Geliebten wandelnden Vesper Lynd gegenüber animalische Züge. Der Smoking, sonst Markenzeichen des Geheimagenten, will ihm nicht recht passen, ein offener Hemdkragen steht im besser, den Martini trinkt er in großen Zügen und im Bett hat er sicher eindeutige Qualitäten (auch wenn er sie nicht explizit zeigen darf). Aber im Laufe der Handlung wird Bonds aus Selbstschutz angelegter Gefühlspanzer langsam brüchig und bei Vesper Lynd wird er schließlich schwach.

James Bond (DANIEL CRAIG) und Vesper Lynd (EVA GREEN) kommen sich langsam näher.
Verständlicherweise, wenn man der bezaubernden Eva Green in die Augen sehen darf, deren Rolle mit der des typischen Bond-Girls (das Bikini trägt und auch sonst recht viel herumsteht) nicht mehr viel zu tun hat. In einer der stärksten Szenen des Films tröstet Bond die von einem Kampf um Leben und Tod geschockt unter der laufenden Dusche hockende Vesper, bis beide völlig durchnässt sind. Ein starker Moment der Schwäche, den Craig dort ungeschönt ausspielen darf. Sein Bond muss einiges an Schmerzen ertragen, vor allem an der Stelle, die Männern gemeinhin am meisten weh tut. Und er tut es. Eben naturally Bond.

Bankier Le Chiffre (MADS MIKKELSEN) kann es sich nicht leisten, bei dem hochdotierten Pokerspiel zu verlieren. Mit Hilfe seines Handlangers Kratt (CLEMENS SCHICK, hinten rechts) muss er um jeden Preis gewinnen.
Mikkelsen ist der erwartet starke Gegenspieler, der in seiner Kälte an Christopher Walken in „Im Angesicht des Todes“ erinnert. Dieser Mann ist kein Blofeld und kein Dr. No, aber unter dem Brionianzug aus Samt steckt eine gehörige Portion perfider Brutalität. Wie passend, dass er gerne mal eine Träne aus Blut weint. Ein echter Farbtupfer.
Die stellenweise brutale, ungeschminkt zur Schau getragene Härte von „Casino Royale“ mag dem eigentlichen Subthema des Films – der Kampf gegen einen weltweit sich ausdehnenden und operierenden Terrorismus – geschuldet sein. Für die Augen von Kindern „ab 12 Jahren“ ist sie mit Sicherheit nichts. Die FSK hat eben ihre eigenen Gesetze. Und die verstehe wer mag.
Nach „Casino Royale“ werden die Ansprüche an die nächsten Bond-Filme steigen. Daniel Craigs Job als Bond des 21. Jahrhunderts ist zwar durch mindestens zwei weitere Filme als Geheimagent gesichert, wird dadurch nicht unbedingt leichter. Aber wie bereits gesagt: Nullen haben es schwer im Leben. Und Doppelnullen sowieso.









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