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Masochismus - bitte einmal auspeitschen! (Podcast 120)

Das Liebesleben bei Leopold von Sacher-Masoch
Lederstiefel und Peitsche
Lederstiefel und Peitsche

Sagt der Masochist zum Sadisten: "Quäl mich!" Sagt der Sadist: "Nein!". Was hier als Witz zum Schmunzeln bringen kann, ist für den echten Masochisten eine Qual. Er wird nur befriedigt, wenn er gequält wird. Masochismus ist ein Tabu-Thema. Wer spricht schon gern davon, wenn er sich von ungewöhnlichen sexuellen Spielarten angezogen fühlt? Selbst der, auf dessen Namen der Begriff "Masochismus" zurückgeht, tat das nicht. Aber er schrieb darüber. In den Büchern von Leopold von Sacher-Masoch geht es viel um Masochismus. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Begriff "Masochismus" nach seinem Tod am 9. März 1895 zum Schlagwort für diese sexuelle Tendenz wurde. Sacher-Masoch und der Masochismus. Das ist die Geschichte.

In Sacher-Masochs Büchern lieben Männer die Peitsche. Vor allem, wenn Frauen sie schwingen, ihnen ordentliche Schläge verpassen, mit sonorer tabak- und alkoholgetränkter Stimme Boshaftigkeiten an den Kopf werfen und siegessicher den Fuß auf ihren Körper stellen. Das macht die Männer rasend, gierig, wild. Das ist Masochismus. Sacher-Masoch hat den Begriff nicht selbst erfunden und geprägt, seine Novelle "Venus im Pelz" hat den Anstoß dazu gegeben. Darin geht es um Lustgewinn durch Unterwerfung und Auspeitschen. Ein Mann hungert förmlich nach der Grausamkeit der Frau, die ihn an seine körperlichen Grenzen treibt. Er heißt Severin, sie Wanda.

Seit Severin Wanda in einem Karpatenbad getroffen hat, ist er fasziniert von ihrer Schönheit, die ihn an die Göttin Venus erinnert. Er will sie heiraten, sie lehnt ab, schlägt eine einjährige Probezeit vor. Er bettelt weiter, bittet sie, seine Herrin zu sein. Sie willigt schließlich ein. 

 

Zwischen Knigge und Hund

Äußerlich ist Severin unauffällig. "Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein Alter – er war kaum über dreißig – eine auffallende Nüchternheit des Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie", heißt es in der Novelle. "Er lebte … nach der Uhr, … nach dem Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland, Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield".

Was in Severin zunächst unsichtbar drinsteckt, macht ein Gemälde sichtbar, das in seinem Haus hängt: "Ein schönes Weib… ruhte ... nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund".

Auf diese Novelle stützte sich der deutsch-österreichische Psychiater Richard von Krafft-Ebing als er den Begriff "Masochismus" in die Psychologie einführte. Später erfuhr er, dass auch Sacher-Masochs Leben zum Begriff passte. Er schrieb einmal: "In den letzten Jahren wurden mir übrigens Beweise dafür beigebracht, dass Sacher-Masoch nicht bloß der Dichter des Masochismus gewesen, sondern auch selbst mit der in Rede stehenden Anomalie behaftet sei."


Ein kleiner, unterwürfiger Wurm

Sacher-Masochs Leben spiegelte sich teilweise in den Büchern wider, die er verfasste. Wie Severin in "Venus im Pelz" trat Sacher-Masoch nach außen hin ordentlich auf. Er war ein Intellektueller, hatte in Graz Jura, Geschichte und Mathematik studiert, wurde Doktor und Professor, bevor er sich gänzlich der Literatur zuwandte. Im Verborgenen war Sacher-Masoch der kleine, unterwürfige Wurm.

Von 1861 bis 1865 lebte er in einer masochistischen Beziehung mit Anna von Kottwitz, die er literarisch in "Die geschiedene Frau" verarbeitete. Es folgte ein sechsmonatiger Unterwerfungsvertrag mit Fanny von Pistor. Die Wanda aus "Venus im Pelz" war seine dritte Frau, Aurora Rümelin, mit der er ab 1873 seine Fantasien auslebte.

Dass sein Name für den Begriff "Masochismus" herhalten sollte, war Sacher-Masoch gar nicht recht. Er wehrte sich dagegen, wollte er doch nicht auf diesen Teil seiner Werke reduziert werden. Vergeblich. Rückblickend schrieb der Sozialwissenschaftler Erwin Haeberle: "Von Sacher-Masoch war empört, seine persönlichen erotischen Vorlieben in eine diagnostische Kategorie umgewandelt zu sehen. Damit hatte die Medizin ihn, einen angesehenen Literaten, seines höchsten Gutes beraubt - seiner Individualität. Jetzt war er nur noch ein Typus und sein Name war zum wissenschaftlich verbrämten Schimpfwort für Tausende geworden."

Anders hatte sich Krafft-Ebing dazu geäußert: "Als Mensch verliert Sader-Masoch doch sicher nichts in den Augen jedes Gebildeten durch die Tatsache, dass er mit einer Anomalie seines sexuellen Fühlens schuldlos behaftet war."


Masochismus - eine explosive Mischung

Krafft-Ebing beschrieb den Masochismus in seinem Buch „Psychopathia sexualis“ im Zusammenhang mit Sadismus: "Während jener Schmerzen leiden und sich der Gewalt unterworfen fühlen will, geht dieser darauf aus, Schmerz zuzufügen und Gewalt auszuüben."  

Die Psychologie erklärt den erotischen Masochismus als Mischung von Sadismus, erotischen, lebenserhaltenden und destruktiven Trieben. Der masochistische Mann will im Voraus für seine ungeordneten Triebe büßen, die er unbewusst verpönt. Deswegen lässt er sich beispielsweise auspeitschen. Das Schuldgefühl verlangt nach Strafe. Und der Masochist nimmt Leid hin, um sich von den Schuldgefühlen zu befreien. Schuld ist höchstens die Frau, weil sie ihn ja zu der abnormen sexuellen Handlung gezwungen und ihm zu ihrem Sklaven degradiert hat.


Wenn die Mutter die Hosen an hat

Die Psychoanalyse sucht die Ursache des Masochismus wie die vieler anderer Neurosen, in der Kindheit. Klassisch wäre das Bild einer Familie, in der Liebe und Anerkennung mit starkem Druck einhergehen, die Mutter die Hosen an hat und der Vater passiv ist. Ist die Dominanz der Mutter sehr ausgeprägt, kann es sein, dass das Kind von Schuldgefühlen geplagt wird, sobald es aufbegehrt und eigene Wege gehen will. Wutanfälle sind tabu und müssen unterdrückt werden. Das Kind fühlt sich erniedrigt und reagiert manchmal mit Erbrechen, Besudeln oder Trotz. Wird das Kind später tatsächlich masochistisch, kennzeichnet ihn nicht selten eine Angst, aus sich herauszugehen und seine Gefühle, meist Wut, zu äußern. Er durfte sie ja nie ausdrücken.

Daneben gibt es einige weitere Versuche, Masochismus zu erklären. Während die amerikanische Psychoanalytikerin und Feministin Jessica Benjamin in ihrem Buch "Die Fesseln der Liebe" schreibt, Masochismus sei "eine Anstrengung, von einem anderen anerkannt zu werden", versucht Professor Roy Baumeister von der Florida State University einen anderen Ansatz. Für ihn ist Masochismus ein Versuch, sich selbst zu entfliehen, so wie manche in den Alkohol oder eine Religion flüchten.


Therapie: negative Gefühle äußern

Um von masochistischen Tendenzen frei zu kommen, so lehren manche Psychoanalytiker, müsse der Patient lernen, seine negativen Gefühle zu äußern. Die Wege zur Heilung können ganz unterschiedlich sein. Um eine Psychotherapie kommen Betroffene aber nicht herum. Ziel einer Therapie ist eine positive Grundeinstellung zu sich selbst und zum Leben. Ziel ist es, auch ohne diese ungeordneten Neigungen glücklich zu werden. Vielleicht war Sacher-Masochs Therapie ja das Schreiben.

Dorothea Schmidt, wissen.de-Redaktion

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