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O-Ton Ost: “Ossideutsch“

Kaderwelsch für Besserwessis

Seit dem Fall des antifaschistischen Schutzwalls, wie die Mauer zu Honnys Zeiten zu nennen war, drangen einige Besonderheiten der DDR-Sprache bis zu den vormals liebevoll Bundis oder auch Westgoten genannten Besserwessis vor. Das Paradebeispiel ist die vielzitierte geflügelte Jahresendfigur, der Weihnachtsengel in sozialistischem Sprachgewand. An dessen Seite steht der Hartbrandwichtel - ursprünglich als Gartenzwerg bekannt - zusammen mit weiteren parteideutschen Phantasiefiguren, die nie in die Alltagssprache der DDR-Bürger übernommen wurden. Was bei den Genossinnen und Genossen als politisch korrekter Sprachgebrauch galt, war im gemeinen Volk als Parteichinesisch oder Kaderwelsch verschrieen.

Der Volksmund seinerseits tat oft die Wahrheit kund oder machte sie durch Wortwitz erträglicher. Der kostspielige Palast der Republik wurde als Ballast der Republik und Palazzo Prozzo entlarvt oder zu Erichs Lampenladen degradiert. Auch der Berliner Fernsehturm beeindruckte wenig und wurde respektlos Penis socialisticus erectus oder Protzkeule genannt. Bezeichnend war auch der Name Nuttenbrosche für den Brunnen auf dem Alexanderplatz, an dem käufliche Damen ihre Dienste anboten.

Unter Arbeitersalami verstanden die real existierenden Arbeiter und Bauern den Gummiknüppel der Vopos (Volkspolizisten), unter Rotlichtbestrahlung die politische Propaganda. Abkürzungswörter wurden ironisch neuinterpretiert - statt Deutsche Reichsbahn deutete man etwa DR als Dein Risiko. Anstatt zu wählen ging man bloß falten, da man sich das Lesen des Wahlzettels ja sparen konnte. Im Folgenden wird die inoffizielle Stimme des Volkes immer wieder zu Wort kommen.

Es gab aber nicht nur Propagandasprache einerseits und Kritik aus dem Volksmund andererseits. Dazu kommen die vielen unterschiedlichen Benennungen, die sich aus den Gegebenheiten in Ost und West zwangsläufig ergaben. Zudem bürgerten sich im Laufe der jahrzehntelangen getrennten Entwicklung zahlreiche alltägliche Ausdrücke ein, die auf der anderen Seite der Mauer unbekannt waren. Im Westen lutschten die Kinder Dauerlutscher, im Osten Fruchtstielbonbons. Hier gab es Sperrmüll, dort Grobmüll. Es wird noch davon zu sprechen sein, dass die gesamtdeutsche Sprache entgegen der landläufigen Meinung nicht reinstes “Wessideutsch“ ist, sondern auch so einige ostdeutsche Eigenheiten zu Allgemeingut wurden.

Rennpappe oder Taigaschreck?

Ein prägendes Element des Alltags in der DDR war der Mangel. Auf ihrem legendären Titelbild brachte es das Satiremagazin “Titanic“ kurz nach der Wende auf den Punkt: Eine Dame mit fahler Gesichtsfarbe und unzeitgemäßer Frisur klammert sich an eine geschälte Gurke. Die Schlagzeile: “Zonen-Gabi: Meine erste Banane!“. Südfrüchte waren tatsächlich begehrte Produkte, die nicht allzu oft auf dem Tisch der DDR-Bürger landeten. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch, auch auf sprachlichem Gebiet. So lautete eine gängige Antwort auf die Frage “Warum ist die Banane krumm?“ der Autorin Birgit Wolf zufolge “Weil sie jahrzehntelang einen Bogen um die DDR gemacht hat“.

Autos waren Mangelware. Bis zu 15 Jahre wartete man auf den Trabi, der jahrzehntelang unverändert gebaut wurde und von daher in punkto Fahrkomfort nicht gerade Stand der Technik war. Mangelnde Sportlichkeit und Modernität trugen dem Trabi eine Vielzahl von Spottnamen ein, von Asphaltblase über Hutschachtel und Leukoplastbomber bis zu Plastikpanzer, Rennpappe und Rundgelutschter.

Auch bei anderen fahrbaren Untersätzen wurde nicht mit Kritik gespart, da man sie weniger als Errungenschaft, sondern vielmehr als Zumutung empfand. Seine liebe Not hatte man unter anderen mit Ceausescus Rache, einem in Rumänien hergestellten Kleintransporter, dem Karpatenschreck, einem Kleinlastwagen selbiger Herkunft, dem sowjetischen Kleinwagen “Saporoshez“, auch als Zappelfrosch oder Conterganwolga bekannt, sowie dem PKW “Moskwitsch“ oder Rostquietsch. Wer auf die Bahn auswich hatte es nicht viel leichter, da er sich somit womöglich der Willkür der geräuschvollen sowjetischen Lokomotive Taigaschreck auslieferte.

Schnellste Zugverbindung der Deutschen Reichsbahn zwischen den Bezirkshauptstädten und der Hauptstadt Ost-Berlin war der sogenannte “Städte-Schnellverkehr“. Die platzkartenpflichtigen D-Züge waren besonders am Montag und Freitag hoffnungslos überfüllt, wenn die “Mitarbeiter im Staatsapparat“ - Genossen, die man auch als Bonzen bezeichnete - zwischen Berlin und dem Land pendelten. Die Schnellzüge wurden wegen des bevorzugten Personenkreises als Bonzenschleuder verspottet.

Ab und zu machte allerdings die Partei dem Volke ein Geschenk, offiziell Präsent genannt. So geschehen am zwanzigsten Jahrestag der DDR, als eine neue knitterarme Kunstfaser namens “Präsent 20“ präsentiert wurde. Aufgrund des geringen Tragekomforts wurde das Geschenk jedoch nicht sehr dankbar aufgenommen. Präsent 20 bedeutete im Volksmund bald soviel wie “niedriger Preis, schlechte Qualität“.

Grilletta statt Hamburger

1987 / DDR: Erich Honecker (1912-1994), deutscher Politiker, Staatsratsvorsitzender der DDR (1976-1989)

1987 / DDR: Erich Honecker (1912-1994), deutscher Politiker, Staatsratsvorsitzender der DDR (1976-1989)

Um dem Einfluss des Kapitalismus Einhalt zu gebieten, versuchten die Sprachlenker der SED mit mehr oder weniger Erfolg, die Sprache von amerikanischen Einwirkungen freizuhalten. Die Antwort des Ostens auf den westlichen Hamburger hieß Grillete oder Grilletta, die auf den Hot dog Ketwurst. Das gute alte Wort Brettsegeln sollte anstelle von Surfen treten. Die Neuschöpfung Wurfrotationsflachkegel war allerdings doch etwas zu sperrig, um sich gegen die Bezeichnung Frisbeescheibe durchzusetzen. Man kaufte in der Selbstbedienungskaufhalle, nicht im Supermarkt und rauchte statt Marlboro und Camel F6, Semper oder Cabinet. Wer es sich leisten konnte, schmauchte die Edelmarken Duett oder Monte Cristo. Auf der Mattscheibe gab es keine Talkshows, sondern Fernsehdiskussionen, in der Disko heizte seit den 70ern der Diskomoderator oder Schallplattenunterhalter (SPU) ein. Da das sowjetische System kopiert wurde, waren viele Begriffe des gesellschaftlichen Lebens direkte Übersetzungen aus dem Russischen, so etwa das Kulturhaus, russisch “dom kultúry“.

Nicht selten wurden die anti-amerikanischen Bemühungen von unten unterwandert. Der Orangensaft, der ausschließlich in Gaststätten erhältlich war, wurde Juice genannt, ein Saftladen folglich als Juice Shop beschimpft. Selbst Honeckers Wohnstadt Wandlitz wurde vom Volksmund anglisiert: ihr inoffizieller Name war Honnywood. Und auch in den Sprachgebrauch der Partei schlich sich so manches englische Element ein. Der Dispatcher etwa, verantwortlich für die Lenkung und Kontrolle von Arbeitsabläufen, kam zwar aus dem Bruderland UdSSR, ursprünglich aber aus der Sprache des Klassenfeindes. Überhaupt waren die Entlehnungen aus dem Russischen selten slawischen Ursprungs. Die beliebte ukrainische Wurstsuppe Soljanka und die Datscha oder Datsche, das Wochenendhaus in der Kleingartenparzelle, sind einige der wenigen slawischen Importe.

Mit sozialistischen Grüßen

Die DDR-Medien, sämtliche Fernsehsender oder Zeitungen wie “Neues Deutschland“ eingeschlossen, orientierten sich an der offiziellen sozialistisch korrekten Ausdrucksweise. Somit war ihre Sprache nicht wie die der Westmedien nah am tatsächlich gesprochenen Sprachgebrauch, sondern hatte eher Modellfunktion. In Reinform bekam man die Politpropaganda in der berüchtigten Hetzsendung “Der schwarze Kanal“ zu Ohren. Hier agitierte eines der ätzendsten Sprachrohre der SED als Chefkommentator gegen den Klassenfeind: Karl-Eduard von Schnitzler, kurz Schnitz. “Sudel-Ede“ huldigte den Klassenschlachten der Arbeiterklasse und stellte der sozialistischen Völkerfamilie das Gespenst des Imperialismus gegenüber: nackter kapitalistischer Profit gegen hehren sozialistischen Gewinn, brüderlicher Friedenskampf gegen militaristischen Sozialdemokratismus.

Aufgrund der anders gearteten staatlichen Organisation konnte man im Westen unbekannten Aufgaben nachgehen und sich etwa zum Agrarflieger oder Brandschutzverantwortlichen ausbilden lassen. Um die Werktätigen zu motivieren und auf die Wünsche von Zirkus Krenz - Egon Krenz wurde schon frühzeitig als Nachfolger Honeckers im Zentralkomitee (ZK) gehandelt - zu orientieren, wurde eine Fülle von Orden verliehen. Eifrige DDR-Bürger konnten es vom Bestarbeiter bis zum Held der Arbeit schaffen. Manche Arbeiter wurden in der Mediensprache allein durch die Bezeichnung befördert; da stieg beispielsweise ein einfacher Mähdrescherfahrer zum Erntekapitän auf.

Die staatliche Planungssprache erstreckte sich nicht nur auf Politik und Wirtschaft. In alle Lebensbereiche versuchte man sprachlenkend einzugreifen. Dabei entstanden zahlreiche ausufernde Zusammensetzungen, die die Welt nicht brauchte und daher auch kaum verwendete. Eine der skurrilen Wortblüten war der Oberbegriff Schokoladenhohlkörper, der unter anderem Schokoosterhasen und -nikoläuse zusammenfasste. Eine Flut von Abkürzungen sollte die Endloswörter verbrauchergerechter machen. Hinter RVE verbarg sich eine Glanzleistung der Bürokratie: die rauhfutterverzehrende Großvieheinheit oder schlicht “Kuh“, im Gegensatz zur Vollbeschäftigteneinheit VbE, heute Arbeitnehmer. Im Rahmen der Wohnraumlenkung machte man Neubauwohnungen im Plattenbau - umgangssprachlich Arbeiterschließfächer genannt - durch den Begriff Vollkomfortwohnung schmackhaft und für Wohnungsanzeigen zur Vorschrift. Purer Luxus waren beispielsweise Dreiraumwohnungen im Elfgeschosser mit Nasszelle (Bad ohne Fenster), IWC (Innentoilette) und Fernheizung.

Typisch für den offiziellen Stil war die Umdeutung vorhandener Wörter. Ein Familiengespräch etwa war keinesfalls eine erfreuliche Angelegenheit, da dabei abtrünnige Genossen samt Familie von Parteibeauftragten zur Ordnung gerufen wurden. Ebenso anheimelnd klang die Bezeichnung Jugendfreund für ein Mitglied der FDJ. Für das Verarbeiten von Materialien gab es ein weitaus edleres Schlagwort: Früchte beispielsweise wurden zu Marmelade veredelt.

Um Sachverhalte zu beschönigen, zu verschleiern oder zu verharmlosen, wurden zusätzlich neue Wörter geschaffen. Hinter dem Vorberaten verbarg sich eine Absprache vor wichtigen Zusammenkünften, bei der sämtliche Beiträge und Entscheidungen durch Parteifunktionäre beeinflusst wurden. Grenzmündigkeit nannte sich die Reisefreiheit der Rentner. Um das triste Gemüseangebot zumindest sprachlich aufzupeppen, machte die Partei den unfreiwillig komischen Versuch, Gemüseläden in Gemüseboutique oder Vitaminbar umzutaufen. Initiativbau betrieben Menschen, die durch die Durchführung gesetzeswidriger Baumaßnahmen etwas zuviel Eigeninitiative zeigten. In ihrer wirtschaftlichen Leistung hatte die DDR selbstverständlich Weltniveau. Im Westen gingen alte Menschen ins Seniorenheim, im Osten feierlich ins Feierabendheim. Und weshalb hieß der Führerschein offiziell Fahrerlaubnis? Weil man Wörter aus der Nazizeit, hier “Führer“, vermied! Zu vermeiden waren auch Übernahmen aus der Feindsprache Amerikanisch.

Anderer Alltag, andere Sprache

Nicht ohne Grund beschwerten sich bereits einige Quizteilnehmer bei Günther Jauch, sie würden in seiner Erfolgsshow “Wer wird Millionär?“ benachteiligt. Kürzlich bestätigte eine weitere Kandidatin die ungleichen Voraussetzungen und lieferte das erste Beispiel gleich bei der 50-Euro-Frage zum Schuhlöffel: “Das war bei uns der Schuhanzieher!“ Diesseits und jenseits der Mauer verlief tatsächlich so manche Wortentwicklung unterschiedlich. Was im Westen Dolmetscher und Übersetzer waren, wurde im Osten Sprachmittler genannt. Statt Plastik gab es den Plast oder die Plaste, statt Brathähnchen verzehrte man Broiler. Die Werbung pries besonders fette Exemplare als Goldbroiler an, weshalb die weniger delikaten Gummiadler im Volksmund auch zu Silber- und Bronzebroilern gekürt wurden. Tonmöbel wurde in der Anfangszeit der DDR als Oberbegriff für “tönende Möbelstücke“ wie Plattenspieler und Klaviere geprägt. Dann gab es da noch die Behältnismöbel, sprich Schränke, Kommoden etc. und zu guter Letzt das allerletzte: Autor Ernst Röhl führt in seinem satirischen Wörterbuch die Erdmöbel auf, mit denen man das Grab bewohnt, auch “Särge“ genannt.

Zahlreiche Ausdrücke wurden nicht zur Abgrenzung zum Westen ersonnen, sondern bezeichneten Elemente des DDR-Alltags, darunter auch viele positive, die es in der westlichen Realität nicht gab. In großen Bahnhöfen wurde die Wartezeit durch ein Zeitkino versüßt. Frauen mit gesundheitlichen Problemen nahmen in größeren Unternehmen eine Auszeit im Frauenruheraum. In der Absatzbar konnte man auf die Reparatur seiner Schuhe warten.

Auch in der Jugendsprache gab es unterschiedliche Entwicklungen. “Nicht aus der Kacke/ der Knete/ dem Knick/ der Hüfte kommen“ für lahmarschig sein, “jemandem auf die Ketten (Nerven) gehen“, “sich keine Platte (keine Gedanken) machen“ sind nur einige der ostspezifischen Wendungen.

Während DDR-typisches Parteichinesisch, die Bezeichnungen für vergangene sozialistische Errungenschaften genauso wie die inoffizielle Protest- und Satiresprache bald Geschichte sein werden, ist ein Teil der umgangssprachlichen Ossi-Ausdrücke inzwischen im gesamten heutigen Bundesgebiet gebräuchlich. Etwas absegnen lassen, eine Entscheidung abnicken, sich keinen Kopf machen oder jemandem auf den Keks/ Senkel gehen würde heute kein Wessi mehr als Ossideutsch erkennen. Als Berufsjugendliche werden heute nicht mehr alternde Funktionäre der FDJ (Freie Deutsche Jugend) verspottet, sondern Stars älteren Semesters, die auf jugendliches Image setzen.

Eines der wenigen Wörter, die aus dem offiziellen Sprachgebrauch der DDR ins heutige Standarddeutsch übergingen, dient zur Beschönigung von Versorgungslücken: der Versorgungsengpass!

Von Esther Quicker

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