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Oktober 1938: Hitler marschiert ins Sudetenland ein

Die wechselvolle Geschichte der Sudetendeutschen

„In Grulich, der ersten Stadt hinter der Grenze, begeisterter Empfang. […]Dicht gedrängt stehen die Menschen auf dem Marktplatz, kaum dass die Musik von den Heilrufen der Bevölkerung zu hören ist. Das ist keine leere Begeisterung. Das ist wahre Freude. […]und es wird uns dabei so ganz anders. Etwas Unbeschreibliches geht durch uns. Vielleicht ist es die Genugtuung, diesen unseren Brüdern und Schwestern helfen zu können“.

Gerührt schildert Wehrmachtssoldat Herbert Wetzig (1914 bis 1942) in seinem Tagebuch den begeisterten Empfang, den die sudetendeutsche Bevölkerung Hitlers Soldaten bereitete, als diese zwischen dem 1. und 10. Oktober 1938 in die Tschechoslowakei (ČSR ) einmarschierten und die Grenzgebiete Böhmens und Mährens „befreiten“. Denn als Befreier fühlte sich Herbert Wetzig ja offensichtlich. Ein Viertel der Bevölkerung der ČSR wurde mit der im Münchner Abkommen vom 29. September beschlossenen Besetzung „heim ins Reich“ geholt, ein Fünftel der Gesamtfläche des Nachbarlandes zum Reichsgau Sudetenland ernannt.  


Wie aber konnte es zu diesem Ereignis kommen, auf das der Zweite Weltkrieg und letztendlich die Vertreibung der gesamten deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland (knapp drei Millionen Menschen) folgen sollte? Wie erklärt sich der Jubel, der dem „Befreier“ Adolf Hitler wie schon 1935 im Saarland und im März 1938 in Österreich nun auch in den tschechischen Grenzgebieten entgegenschlug? Hatten Deutsche und Tschechen doch viele Jahrhunderte lang problemlos zusammengelebt, bevor die weitgehend friedliche Koexistenz mit dem Einmarsch vor 75 Jahren  zerstört wurde.

Frauen begrüßen deutsche Truppen in Eger

12.10.1938, Tschechoslowakei: Weinende tschechische Frau bei der Begrüßung der deutschen Truppen in Eger.

Friedvolles Nebeneinander von Tschechen und Deutschen

Begonnen hatte das friedvolle Nebeneinander von Tschechen und Deutschen im Sudetenland, das erst viel später diesen Namen bekommen sollte, bereits im 12. Jahrhundert, als böhmische Kaiser und Könige deutsche Bauern, Bergleute, Handwerker, Kaufleute und Künstler ins Land riefen, um besonders die wenig besiedelten Randgebiete zu kultivieren. Und sie kamen: Die Bayern siedelten im Süden und Westen, die Sachsen im Norden, die Schlesier im Osten. Die unterschiedliche Herkunft der deutschen Vorfahren erklärt, warum sich die Sudentendeutschen lange nicht als homogene Einheit betrachteten, sondern unterschiedliche Traditionen und Mundarten pflegten. Zur Einheit, nämlich zu der einer politischen Minderheit, wurden sie erst 1918. Doch dazu später.

Wie sehr die Zugewanderten, darunter auch viele jüdische Immigranten, an der Wirtschaftsblüte des böhmisch-mährischen Raums beitrugen, sei am Beispiel der deutschen Bergleute verdeutlicht, auf die die Edelmetallgewinnung und die Entstehung der Bergbaustädtchen Goldberg, Reichenbach im Eulengebirge oder Schmiedeberg im Riesengebierge zurückgeht. Im Mittelalter wurde die Weberei immer wichtiger. Glashütten und Papierfabriken folgten ab dem 16. Jahrhundert – die Gegend war von einem außerordentlichen Holzreichtum gesegnet. Porzellan-, Leinen- und Baumwollindustrie waren weitere bedeutende Wirtschaftsfaktoren für das Land, das sich Sudeten und Deutsche teilten und das schon vor dem Zuzug der deutschen Siedler zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zählte.

Denn Böhmens Landespatron Herzog Wenzel I. hatte 929 den deutschen König als Lehnsherrn anerkannt. Und knapp 200 Jahre später erhielten die böhmischen Herzöge die erbliche Königswürde. Sie wurden zu mächtigen Reichsfürsten. Welche bedeutende politische Rolle das Sudetenland für das Heilige Römische Reich spielte, machte Kaiser Karl IV. deutlich, als er Böhmens Hauptstadt Prag zum Regierungssitz machte und hier 1348 die erste Universität auf deutschsprachigem Boden errichten ließ.

 

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von Susanne Böllert, wissen.de, Oktober 2013
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