Nikolaus Gelpke, Chefredakteur der Zeitschrift "mare", hat sich zum Anwalt der Ozeane gemacht - und damit eine Position besetzt, die viel zu lange vakant war. Im Jahr 2010 - nach zweijähriger Forschungsarbeit - veröffentlichten die von Gelpke gegründete Gesellschaft "maribus" und das Kieler Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft" den ersten "World Ocean Review", kurz "WOR". Zu diesem profunden Zustandsbericht der Weltmeere haben mehr als 40 Meeres-, Geo- und Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen, Mediziner, Mathematiker und Juristen beigetragen. Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Meere nimmt der Bericht also ebenso unter die wissenschaftliche Lupe wie die Aspekte Überfischung, Rohstoffgewinnung in der Tiefsee, Meeresbergbau oder auch Meeresmedizin. Der allgemeinverständlich geschriebene Report richtet sich ausdrücklich an Verbraucher und Wähler. "Die Ozeane brauchen endlich eine Lobby", sagt Nikolaus Gelpke. Im wissen.de-Gespräch erklärt der Meeresbiologe, ob und wie die Ozeane noch zu retten sind.
Die 3. Dimension: das Verhängnis der Ozeane

Gelpke ist Gründer des mareverlags sowie von maribus. Er initiierte den World Ocean Review.
Nikolaus Gelpke: Ja, die dritte Dimension und auch die wirkliche Dimension der Ozeane sind ein Punkt. Was wir sehen, ist ja immer nur die Oberfläche. Was aber darunter in der Dunkelheit, in bis zu tausend Metern Tiefe liegt, bleibt uns verborgen. Wir können immer nur ganz partiell und unter großem Aufwand in die Tiefe schauen. Ein weiterer Punkt, der den Ozeanen zum Verhängnis werden könnte, ist die wundersame Heilkraft des Meeres, gerade, was Ölunfälle angeht. Die Regenerationsfähigkeit des wässrigen Mediums ist dank der Abermillionen von Bakterien, die Öl in rasender Geschwindigkeit abbauen, sehr hoch. Deshalb ist vieles, was wir ins Meer schütten, verschwunden. Aber das heißt nicht, dass es weg ist.
Die Meere werden artenärmer

Wie lange noch?
wissen.de: Die Ozeane fungieren als Puffer für die Klimaerwärmung. Sie schlucken einen großen Teil der Wärme aus der Atmosphäre sowie viele Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Doch irgendwann wird dieses Verhältnis kippen. Welche Folgen wird das haben?
Gelpke: Es wird zu einer starken Versauerung und Erwärmung der Meere kommen und dadurch bedingt vor allem zu einer Artenverschiebung. Das Meer wird auf jeden Fall artenärmer. Das komplette biologische Gleichgewicht wird sich verschieben und das ist wirklich ein Riesenproblem. Dabei ist der Anstieg des Meerwassserspiegels, der sich medial so hervorragend verkaufen lässt, weil er die Angst der Menschen vor Flut und Ertrinken schürt, gar nicht das elementarste Problem. Denn wenn der Meeresspiegel steigt, bedeutet das auch, dass die Polkappen bereits massiv abgeschmolzen sind. Der Albedoeffekt wird schwächer, die Rückstrahlung in die Atmosphäre durch den weißen Schirm verringert sich, die Temperatur auf der Erde steigt an mit so schlimmen Folgen wie zum Beispiel die Desertifikation.
wissen.de: Der WOR behauptet schon jetzt, die Ozeane seien Endstation für den Müll unserer Zivilisation. Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Gelpke: Bis vor wenigen Jahren haben die Industrienationen, vor allem Frankreich, ihren atomaren Mül in normalen Stahlfässern ins Meer gekippt. Die rosten jetzt in den Tiefen der Ozeane vor sich hin und sind eine tickende Bombe. Es ist nicht vorgesehen, sie zu bergen, denn dabei würden sie erst recht auseinander brechen. Diese Form der Entsorgung ist jetzt zwar verboten, aber sie ist noch gar nicht lange her und ein typisches Beispiel für den Gedanken "da können wir's ja reinkippen - da sieht man's ja nicht". Aber Atommüll in die Ozeane zu kippen, ist natürlich fatal, weil sich die Radioaktivität hier stark anreichert und sich in der Nahrungskette hervorragend verbreitet.
Der Mensch ist fast nicht zur Abstraktion fähig
wissen.de: Die Gefahren, die die Förderung von Erdöl und Ergas in immer größerer Meerestiefe mit sich bringt, hat uns zuletzt die Explosion der "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko vor Augen geführt. Wie kann es sein, dass angesichts dieser Szenarien die Ozeane nicht viel stärker für die Gewinnung Erneuerbarer Energien genutzt werden?
Gelpke: Alles, was Sie im Meer bauen - mit seinen Wellen und Stürmen und dem nagenden Wasser -, ist mit großen technologischen Herausforderungen und Kosten verbunden. So ist es sehr schwierig, Strömungs- und Wellenkraftwerke, an denen schon lange geforscht wird, in einem bezahlbaren Rahmen zu errichten. Natürlich sind auch Öl- und Gasbohrungen sehr kostenintensiv, aber die Gewinne sind so enorm, dass sich auch immer tiefere Bohrungen auszahlen. Mit Windkraft wird zwar auch immer mehr Geld verdient, doch stoßen Windkraftanlagen schnell auf Riesenproteste. Der Mensch ist immer gegen das, was ihn selbst ärgert. Er ist fast nicht zur Abstraktion fähig. Und so kann es sein, dass er sich gegen einen harmlosen Windpark aus optischen Gründen wehrt, nicht aber gegen eine Ölplattform mitten im Wattenschutzgebiet.

Im Kieler Wirkstoff-Zentrum am IFM-GEOMAR werden Wirkstoffe für die Medizin aus Bakterien und Pilzen gewonnen, die auf Schwämmen, Algen oder anderen Lebewesen im Meer vorkommen. Die Mikroorganismen wachsen zunächst auf einem Nährmedium aus Agar.
Gelpke: Die Chancen liegen darin begründet, dass die Substanzen im Meer im Gegensatz zu den Pflanzen an Land noch kaum erforscht sind. Während das Wissen über die Wirksubstanzen an Land seit Jahrtausenden tradiert wird, ist es erst seit 30 bis 40 Jahren möglich, die Meeressubstanzen zu erforschen und auszubeuten. Außerdem sind sie sehr viel stärker als die Substanzen an Land - bedingt durch den enormen Verdünnungsfaktor des Wassers und seiner Eigenschaft als Entgifter. Gefahren sehe ich keine, zumal keine großen Mengen gefangen werden müssen. Meist kann man solche Substanzen auch nach wenigen Jahren molekular künstlich herstellen.
Die Überfischung ist ein globales, sehr ernstes Problem
wissen.de: Wie dramatisch schätzen Sie die Überfischung unserer Ozeane ein? Und ist sie noch rückgängig zu machen?
Gelpke: Die Überfischung ist fast überall dramatisch: Die Fischfangflotten agieren inzwischen extrem international. Sie sind immer da, wo viel Fisch ist. Im Übrigen tritt die EU-Fischereipolitik die Fangquoten mit Füßen. Zwar werden Wissenschaftler konsultiert und ihr Rat wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch auf Konferenzen hinter verschlossenen Türen werden diese Quoten regelmäßig gekippt, nachdem Fischfangnationen wie Spanien oder Portugal ihr Veto eingelegt haben. Das ist schnöder Lobbyismus und macht die Arbeit der EU-Kommissarin für Fischerei, Maria Damanaki, bestimmt nicht einfacher. Wenn Schutzgebiete und temporäre Fangverbote während der Brutzeit sehr schnell und konsequent umgesetzt würden, gäbe es für viele Fischarten eine große Hoffnung. Allerdings müssen nicht nur die Politiker, sondern auch die Verbraucher endlich umdenken und Einsicht zeigen. Ungehemmt Sushi essen, ohne sich zu fragen, was für ein Thunfisch da auf den Tisch kommt, geht einfach nicht.

Gleiter "schweben" eigenständig durchs Meer und erfassen dabei Daten zu Sauerstoffgehalt, Druck, Temperatur, Strömungen und anderen Parametern, an denen sich Folgen des Klimawandels im Meer ablesen lassen können.
Gelpke: Sie sind auf jeden Fall noch zu retten. Und nicht nur, weil die Ozeane, wie gesagt, ein sehr hohes Regenerationspotenzial haben, sondern auch, weil sich bereits einiges verbessert hat. Denken Sie an die Doppelhüllentanker. Inzwischen ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Tanker, die Gefahrenstoffe transportieren, zwei Hüllen haben müssen. Dadurch kommt es nachweislich zu weit weniger Tankerunfällen, der Eintrag von Öl in die Ozeane aufgrund solcher Unfälle ist stark zurückgegangen. Mut macht auch, dass an den Küsten Europas der Müll sehr viel weniger geworden ist. In Elbe und Rhein, die vor 30 Jahren giftige Kloaken waren, kann man wieder schwimmen. So reduziert sich auch der Eintrag in die Meere durch die Flüsse. Wir hätten schon viel gewonnen, wenn die westeuropäischen Maßstäbe weltweit umgesetzt würden. Doch Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien, in denen die Wirtschaft gerade boomt, haben daran wenig Interesse. Dennoch habe ich Hoffnung. Sonst hätte ich den World Ocean Review nicht gemacht. Die Ozeane brauchen endlich eine Lobby.







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