Körperschmuck, der unter die Haut geht

Britney Spears hat es getan, und Alicia Keys, genauso wie Robbie Williams oder Marilyn Manson: Die Rede ist von Bodymodification. Dieser Körperkult, wie Tattoo, Piercing oder Branding, wird mittels technischer Geräte durch Durchstechen der Haut oder dauerhafte Bemalung erreicht. Die unter die Haut gehende Körpererfahrungen bis hin zu gespaltenen Zungen, sind zu Beginn des neuen Jahrtausends gefragter denn je.
Archaische Riten
Die Suche nach extremen Körpererfahrungen ist keinesfalls neu in Mode. Den Körper des Ötzi, der nach über 5300 Jahren in abschmelzendem Gletschereis entdeckt wurde, zieren insgesamt 15 Hautbilder. Die hohe Kunst am Körper - von der Tätowierung bis zum Hautrelief durch Implantate - wird seit Jahrtausenden in Kulturkreisen von Afrika bis Japan geschätzt. Bei den Indianern und Ägyptern übernahmen die Hautverzierungen vielseitige Funktionen. Sie sind Zeichen für Rang, Stammeszugehörigkeit, Alter und Geschlechtsreife oder Schutz vor bösen Mächten.
Erst im späten Christentum wurde das Bilderstechen als Blasphemie betrachtet und verboten: Die göttlichen Schöpfung soll nicht durch menschlichen Eingriff verändert werden.
Über die Seefahrt im 17. Jahrhundert verbreitet sich die Hautkunst ferner Kulturen wieder zunehmend in Europa. Von hier aus war es noch ein weiter Weg zu den Punks im 20. Jahrhundert, die Nasenringe, eingestochene Büronadeln und bunte Hautbilder zu einem auffälligen Merkmal der Jugendkultur machten.
Tattoos

Die Tätowierung ist die wohl bekannteste Form der Bodymodification. In der Regel wird zunächst mit einer wasserlöslichen Farbe eine Vorzeichnung des Motivs erstellt, die dann durch Befeuchtung der zu tätowierenden Körperstelle "aufgedruckt” wird. Dann beginnt der Tätowiervorgang - seit der Erfindung des "Tattaugraphen” im Jahr 1875 maschinell unterstützt. Der Tätowierer setzt mit der Maschine gleichmäßig bis zu 3000 Stiche pro Minute in die Haut. Mit jedem Stich werden über die Nadel die dauerhaften Farbpigmente aus der Farbkapsel in die eingeritzte Oberhaut eingelagert. Dabei sticht man zunächst die Konturen des Motivs, danach die Schattierungen und schließlich größere einfarbige Flächen. Für die weniger Mutigen gibt es auch Klebe-Tattoos die wie Abziehbilder auf die Haut geklebt werden und nach etwa einer Woche verschwinden.
Temptoos und Mehndi
Eine mögliche Alternative zum lebenslangen Tattoo sind sogenannte Temptoos (temporary tattoo), bei denen chemisch instabile Farbpigmente in die Haut eingelagert werden und die nach etwa drei bis fünf Jahren wieder verblassen (sollen). Eine ähnliche Technik wird auch im Bereich des permanent Make-up eingesetzt. Hier kann man Lidstriche tätowieren, die Augenbrauen nachziehen oder die Lippenkonturen farblich betonen. Dieses dauerhafte Make-up sollte nach ungefähr vier Jahren ausbleichen.
Allerdings müssen auch Temptoos und Permantent-Make-up mit Bedacht ausgewählt werden. Denn, wie Erfahrungen zeigen, treffen die Aussagen in der Realität kaum zu: Die Pigmente bleiben oft dauerhaft sichtbar oder verblassen nur leicht.
Beliebt im Bereich der Körperkunst ist auch das aus Indien stammende Mehndi. Die mit Hennafarbe aufgebrachte Bemalung hält bis zu einer Woche auf der Haut und verwandelt den Körper ähnlich wie das Tattoo, nur weniger dauerhaft. In Indien und Pakistan wird Mehndi vor allem bei festlichen Anlässen wie Hochzeiten praktiziert. Die Farbe behält ihre Leuchtkraft besonders lange auf warmen Körperstellen wie den Handinnenflächen und wird als Körperdekoration für Frauen und Männern verwendet.
Piercing und Implanting

Piercing ist in der harmloseren Variante des Ohrrings am weitesten verbreitet. Piercing bedeutet ein Durchstechen der Haut und Einführen von bis zu 5 Millimeter starken Metallstäben oder -ringen. Diese können an sämtlichen nach außen gewandten Körperstellen angebracht werden. Besonders beliebte Stellen sind Ohren, Nasenflügel, Nasenwand, Augenbraue, Lippen und Zunge. Aber auch die feine Haut am Hals wird mit Metall geschmückt, ebenso wie Brustwarzen, Bauchnabel und Genitalien.
Um Allergien vorzubeugen ist darauf zu achten, Materialien wie Gold, Niobium oder chirurgischen Edelstahl zu verwenden, der auch bei Implantaten zum Einsatz kommt. Hierbei werden Metallstücke in unterschiedlichsten Formen wie Perlen, Stäbe, Kreuze oder runde Plättchen direkt unter die Haut gebracht, die darüber wieder zusammenwächst. Der eigentliche Schmuck wird damit unsichtbar, der Schmuckeffekt entsteht durch ein Relief aus der erhöhten Hautschicht.
Branding und Scarification
Branding und Scarification oder Cutting sind im Vergleich zu Piercing und Tattoo neuere Varianten der Körperverzierung. Brandings entstehen durch das Einbrennen von Mustern in die Hautoberfläche. Dafür werden, wie bei den anderen Techniken auch, ohne Betäubung glühende Eisen auf die Haut gedrückt, die Brandmale hinterlassen. Brandings können auch mit heißen Skalpells oder Laser kreiert werden.
Beim Cutting werden ähnlich dem Branding Ornamente auf die Haut gebracht, indem diese mit dem Skalpell oder Laser eingeschnitten wird. Die so entstandenen Körperschnitte werden oft mit Salz eingerieben, um die Abheilung zu verhindern und somit eine ausgeprägte, schmückende Narbenbildung (engl. Scar, Scarification) zu erzielen. Scarifications können auch durch Verätzungen, zum Beispiel durch das gezielte Einspritzen von Kochsalzlösung, hervorgerufen werden. Als "Schmiss" bei Studentenverbindungen haben Cutting und Scarification langjährige Tradition. Besonders extreme Formen des Cuttings sind das "Häuten" oder Herausschneiden ganzer Hautstreifen oder die Längsspaltung der Zunge.
Ausdruck der Individualität

In einer Zeit, die kaum noch gemeinsame Rituale pflegt, knüpfen moderne Piercings oder Brandings an die Tradition jugendlicher Übergangsrituale an. Die unmittelbaren Eingriffe in die Körperhülle ermöglichen den Ausdruck von Individualität. Bodymodifications bleiben nicht wie die Kleidung an der Oberfläche, sondern dringen direkt in den Körper ein. Der damit verbundene Schmerz hat eine wichtige Bedeutung. Er macht den eigenen Körper bewusst und seine Grenze erfassbar. Das Endorphin, das der Körper beim Durchstechen von Zunge, Augenbraue oder Genitalie ausschüttet, kann bis zum Rauschzustand reichen.
Im Gegensatz zur "uniformierenden" Massenmode ist jedes Tattoo oder Piercing einzigartig. Schließlich gleicht kein Körper dem anderen. Der Körper rückt aber nicht nur optisch in das Zentrum des Interesses. Eine Gemeinsamkeit aller beschriebenen Körperverzierungen und -verletzungen ist, dass sie besonders während des Heilungsprozesses gepflegt werden müssen. Vor allem Piercings bedürfen dauerhaft einer gründlichen Reinigung. Auch dem Körper selbst wird dadurch viel Aufmerksamkeit zuteil.









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