
Die wandernden Redakteure Jörg Peter Urbach und Michael Fischer.
Mit Wetten sollte man vorsichtig sein. Vor allem dann, wenn es um Dinge geht, die man nie zuvor gemacht hat. Wie etwa eine Überquerung der Alpen - zu Fuß. Aber Wettschulden sind Ehrenschulden. Man sollte sie einlösen. Das haben unser Redakteur Michael Fischer und ich dann auch getan und sind von Oberstdorf nach Meran über die Alpen gegangen. Zu Fuß. "Acht Tage, sechs Täler, drei Länder" heißt unser Reisebericht, den Sie heute hören.
Es war unser erster Urlaub seit zwei Jahren. Und was für einer. Eine Alpenüberquerung hatten wir uns vorgenommen – natürlich nicht mit dem Auto, oder mit dem Fahrrad, sondern zu Fuß. Über den Europäischen Fernwanderweg E 5. Acht Tage, an denen es mit uns immer wieder auf- und ab ging, an denen wir Sonne, Wind, Regen und Hagel unmittelbar ausgesetzt waren, an denen wir Wanderfreundschaften schlossen – und an denen jeder von uns zumindest einmal an seine Grenzen stoßen sollte. Doch der Reihe nach.
Der erste Tag beginnt in Oberstdorf. Den ersten Anstieg in Richtung Kemptner Hütte gehen wir forsch an. Vielleicht zu forsch. Denn nach zwei Stunden sind wir schweißgebadet. Da kommt eine Rast an der Wallfahrtskapelle „Maria am Knie“ gerade recht – und eine kleine Jause. Bei Temperaturen um die 30 Grad.
Nachdem wir die Baumgrenze hinter uns gelassen haben, geht es durch saftige Wiesen entlang ziemlich steil in Richtung Kemptner Hütte. Die Kühe, die bräsig im Gras liegen, beachten uns kaum. Sie sind Wanderer gewöhnt. Nach einer weiteren Stunde haben wir es geschafft: Wir stehen tatsächlich vor unserer ersten Unterkunft im Hochgebirge: der Kemptner Hütte auf 1844 Metern Höhe. Unser erster Gedanke: geschafft! Unser zweiter und dritter: raus aus den Schuhen und her mit dem Radler! Während unsere Socken und Schuhe ausdampfen, genießen wir den prächtigen Ausblick auf den nördlichen Allgäuer Hauptkamm. Und den ersten Sonnenuntergang in den Bergen.
Gestärkt mit Müsli und Tee brechen wir am nächsten Morgen bereits um 7 Uhr auf. Schließlich haben wir die längste Tagestour vor uns: 23 Kilometer und über 1300 Höhenmeter. Doch der Blick auf die Lechtaler Alpen macht unsere Füße schnell und unsere Rucksäcke leicht. Außerdem sind wir nicht mehr zu zweit. Wir haben uns einer Wander-Gruppe angeschlossen. In den nächsten Tagen merken wir: Das ist so in den Bergen. Genauso wie die Tatsache, dass man sich ab 2000 Meter Höhe duzt.
Nach einem langen, beschwerlichen steilen Abstieg, der uns erstmals bewusst macht, dass unsere Knie lieber auf- als absteigen wollen, geht es durch Tannen- und Latschenwald Richtung Holzgau. Von hier fahren wir mit einem Kleinbus durch das Tal. Wir verzichten auf den Transport unserer Rucksäcke durch die Materialseilbahn und machen uns lieber zu Fuß auf über die untere Nordflanke, langsam, aber in stetigem Tempo, vorbei an Wasserfällen und bizarren Steinformationen.
Von weitem sehen wir die Memminger Hütte, die von Gipfeln eingerahmt ist. Sie thront auf 2242 Meter Höhe. Oben angekommen ist die Erleichterung in den Gesichtern der Wanderer abzulesen. Schroff ist die Landschaft, fantastisch der Blick. Heiß duschen bleibt am heutigen Tag allerdings ein Traum – es gibt nur kaltes Wasser. In der Hüttenstube sitzen die Wanderer am Abend dicht gedrängt – und irgendwie wirken sie wie eine große Familie. Die Köche haben keinen Blick dafür. Sie kommen kaum nach mit dem Kochen der Spaghettimassen. Die einfach fantastisch schmecken!
Früh schnüren wir unsere Wanderschuhe. Und dass wir nach der anstrengenden längsten Etappe gestern, heute schon wieder voller Tatendrang sind, zeigt: Die Berge fordern nicht nur Energie – sie geben einem auch viel Energie zurück. Und die werden wir brauchen.
Denn der erste Abschnitt unserer Tagestour führt uns hinauf zur Seescharte, von der wir einerseits noch einmal auf die Memminger Hütte zurückschauen und andererseits einen atemberaubenden Blick ins Inntal wagen. Der Abstieg ist dann lang und mühsam – zunächst über wirklich unangenehm rutschige Geröllfelder. Doch der Blick in das verwinkelte Tal und die Oberlochalm entschädigt schnell für alles.
Vor einer Hütte rasten wir, leisten uns eine sündhaft teure Apfelsaftschorle und ein Schinkenbrot – werden von Kühen und Rindern neugierig beäugt. Unser Leben, wie es bisher war, ist weit, weit weg. Viel näher dagegen ist unser Tagesziel: Zams. Den Abstieg zum 775 Meter hoch gelegenen Dorf nehmen wir in Rekordzeit. Genau genommen sind wir nur deswegen so schnell unterwegs, weil wir verzweifelt versuchen, mit der schwäbischen Frauengruppe mitzuhalten, der wir uns heute morgen angeschlossen haben.
In Zams sind wir völlig erschossen. In einer Pension kühlen wir unsere Füße und unsere Kehlen. Erstere sind nach drei Tagen doch schon leicht gezeichnet von den Strapazen. Doch auf dem Balkon unserer Wirtin fliegt aller körperlicher Schmerz in die Berge hinauf.
Ein Tag der Extreme beginnt. Die Königsetappe. Doch davon ahnen wir noch nichts, als wir mit der Gondel in nur acht Minuten 1400 Höhenmeter zurücklegen, um auf den Krahberg zu gelangen. Von der Gondelstation ist es nicht mehr weit bis zum Gipfel. Doch auf dem Weg dorthin werden wir und unser Mitwanderer Martin von einem Hagelsturm überrascht. Eine echte Bewährungsprobe für die Regenkleidung. Bei der Witterung finden wir zudem kaum festen Tritt auf den glitschigen Steinen. Und vom "umfassenden“ Rundblick auf die Ötztaler Alpen keine Spur.
Doch keine Stunde und wenige Kilometer später reißt der Himmel wieder auf – und vor uns öffnet sich das liebliche Pitztal. Die verschiedenen Grüntöne sind Balsam für die Seele. Von Wenns geht es dann mit dem Postbus durch das Tal bis zu den Ausläufern des Mittelberg-Ferners. Vom Parkplatz machen wir uns an den Aufstieg zur Braunschweiger Hütte. Anfangs noch breit, wird der Weg immer schmaler und steiler. Der Blick zurück offenbart eine karge Landschaft. Bald sind wir so hoch, dass Gletscherzungen uns berühren – und auch die Kälte fasst uns heute – immerhin Anfang August – zum zweiten Mal an.
Nach knapp drei Stunden haben wir es geschafft: wir erreichen die Braunschweiger Hütte, die auf 2759 Meter Höhe inmitten der Gletscherlandschaft liegt. Und wir wagen einen Ausblick auf die morgige Königsetappe.
Die Hütte ist mehr denn je unser Zuhause geworden. Hier oben treffen wir Martin wieder, den Zeltträger, und lernen Klaus kennen, den fas siebzigjährigen und zugleich ungemein jungen Dresdner Bergfex, der bei Bier und Schnitzel und inmitten eines musikalischen Hüttenzaubers mal eben die Probleme unserer kleinen Welt löst. Um 10 Uhr ist Hüttenruhe. Und die Nacht beschert uns minus 10 Grad. Gut, dass die Wirtin Wärmflaschen bereithält.
Der Morgen präsentiert uns ein atemberaubendes Gletscherpanorama. Und wir gehen zum Angriff über. Bald liegt die Braunschweiger Hütte weit unter uns und wir erreichen auf fast 3000 Metern das Pitztaler Jöchl - den höchsten Punkt unserer Tour.
Vom Pitztaler Jöchl geht es abwärts durch den Schnee. Einige hundert Meter weiter wird es dann karstig und felsig. Erst im Sommer lässt sich wirklich beurteilen, was der Mensch in den Bergen mit seinem unersättlichen Skitourismus ökologisch und auch ästhetisch verbricht. Breit führt der Weg ins Tal hinein, vorbei an Sträuchern mit wilden Himbeeren und Heidelbeeren, die unseren ausgetrockneten Kehlen Erfrischung bieten.
Das Wetter ist ganz auf unserer Seite. Auf der Sonnenterrasse einer Hütte treffen wir auf andere Wanderer, die - wie wir - den Blick ins liebliche Rettenbachtal genießen.
Auf unserem folgenden, nun ganz leichten Weg nach Zwieselstein, kommen wir immer wieder an alten, prächtigen Bauernhäusern vorbei, deren Holz über die Jahrzehnte edel verwittert ist.
In Zwieselstein ist eine Pension unser Ziel. Und nach den harten Bettenlagern der letzten Nächte, genießen wir den Luxus eines Doppelzimmers.
Heute erobern wir Italien! Der Tag beginnt mit einem schönen Anstieg auf dem ”Weitwanderweg durch das Ötztal“. In unterschiedlichen Steigungen geht es hinauf zum Timmelsjoch. Von weitem sehen wir immer wieder Radrennfahrer, die sich den Berg hinaufquälen. Wir genießen den Weg.
Auf dem Timmelsjoch lassen wir uns keine Zeit zum Verweilen. Der touristische Trubel dort oben schreckt uns ab. Stattdessen gehen wir nahezu alleine nach Südtirol hinein.
Schnell merken wir: die Landschaft Südtirols ist viel weicher, das Grün strahlender und die Menschen irgendwie "sonniger“ als in Österreich. Oder liegt es daran, dass uns unser nahes Ziel milder stimmt?
Kurz vor Moos rasten wir noch einmal – und essen unsere erste Frittatensuppe. Der folgende Espresso ist wunderbar. Das findet auch Martin, der Zeltträger, dem wir wieder begegnet sind und der uns nun bis zum Ende der Tour begleiten wird. Und Glück bringt: Da in Moos kein Zimmer mehr frei ist, erwischen wir gerade noch den letzten Bus nach St. Leonard, wo wir in einer Pension Quartier beziehen, unsere geschwollenen Füße mit Eis kühlen – und abends noch lange auf dem Balkon sitzen.
Von St. Leonhard geht es bei hochsommerlichen Temperaturen recht entspannt über Wald- und Wiesenhänge Richtung Pfandlerhof. Bei einer Jause überlegen wir, ob wir heute bis zur Hirzer oder sogar bis zur Meraner Hütte wandern wollen. Da Gewitter vorhergesagt sind, entscheiden wir uns für den kürzeren Weg, der uns an einem Gedenkstein für den Südtiroler Widerstandkämpfer und Freiheitshelden Andreas Hofer vorbeiführt. Auch die Hütte bei der Pfandleralm, wo er an die Franzosen verraten wurde passieren wir.
Hofer machte Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Herrschaft Napoleons mobil. Und auch ihm wird es sicher oft so gegangen sein wie uns am Nachmittag: Noch vor unserem Ziel bekommt uns das Gewitter beinahe zu fassen. Wir jagen geradezu an den Gipfeln entlang zur Hirzer-Hütte. Trockenen Fußes erreichen wir das wunderbar windschiefe Haus. Auf dem Zimmer überkommt uns ein Erschöpfungshusten und eine Müdigkeit, die wir mit Hirzernudel aus der Pfanne für einige Stunden vertreiben. Am Ende des Tages kracht es gewaltig in den Bergen – die Hütte hält uns trocken, die Wirtin spendiert uns einen selbstgebrannten Grappa und wir wissen einmal mehr: wir haben einen Schutzengel gehabt.
Von 1893 Meter Höhe aus machen wir uns auf den Weg Richtung Meran. Es ist unser letzter Tag. Und er beginnt regnerisch. Das Pensertal ist voller Wolken, die sich nur langsam verziehen. Wie gut wir es bisher mit dem Wetter hatten, merken wir heute. Und dass das Glück auf der ganzen Tour auf unserer Seite war. Denn keine drei Kilometer später reißt der Himmel auf und wir haben einen wunderbaren Talblick auf Meran. Wir schauen und staunen. Und können einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken. Denn während die Kühe in dieser Landschaft groß werden, sind wir als echte Flachlandtiroler nicht gewöhnt an das Wandern am und auf den Berg. Und trotzdem haben wir es geschafft: unsere erste Alpenüberquerung. Abgesehen von einigen Blasen, blutigen Stellen und Hautabschürfungen tragen wir keinerlei Blessuren mit nach Hause.
Den letzten Weg nach Meran an der Straße schenken wir uns und nehmen stattdessen den Bus. Nach rund 130 Kilometer und Tausenden von Höhenmetern gönnen wir uns diesen Luxus. Und wenig später sogar ein eigenes Hotelzimmer. Und die erste Rasur seit 8 Tagen.
Unser Fazit: Nie waren wir der Natur näher und selten haben wir so atemberaubende Ausblicke genießen können. Und was vielleicht noch wichtiger war: In den Bergen scheinen alle Menschen gleich. Rang, Titel, Position oder was in der Geldbörse steckt, ist unwichtig. Was hier zählt: Wie komme ich den Berg rauf und wieder runter?
Kein Zweifel: Die Berg-Idylle hat auch ihre Schattenseiten. Doch für uns war diese kleine, große Wanderung wie ein neuer Weg zu uns selbst.
Diesen Teil des E5 haben wir 1989 gemacht. War fantastisch, teilweise jedoch auch etwas anstrengend, aber durchaus machbar. Alles Nötige im Gestellrucksack dabei.Wenn ich durch Ortschaften gekommen bin, habe ich für neuen Proviant gesorgt. Kleidung wurde teilweise auf der Hütte gewaschen und am nächsten Morgen an den Rucksack gehängt um zu trocknen. Funktioniert. Der Abschnitt Zams-Wenns- zieht sich lange hin. Nach jeder Kehre vermutet mann Wenns. Das ist aber ofter so, bis man endlich nach Wenns kommt. Die Braunschweiger Hütte haben wir im August auf Eisplatten erklimmt - Haare gefroren- , auch das gehört dazu, für den richtigen Bergwanderer kein Problem. Auf dem Weg nach Meran kommt man an Hafling vorbei. Dort geht man auf dem Wanderweg durch die Weide der Haflinger Pferde hindurch. Der Abschnitt nach Meran ist auch sehr romantisch und überhaupt nichtmehr anstrengend. Ich habe in Jenesien -oberhalb von Bozen, im Rössle, übernachtet. Ich wollte diese Tour auf jeden Fall nochmals machen. Aber durch einen Trümmerbruch im Sprunggelenk , ist mir das leider nichtmehr möglich, Leider begegnete ich auch "Wanderer" ??, die über den DAV die Tour gemacht haben - Kleiner Rucksack, Vesper, basta. Der Rest wurde im Bus zur nächsten Station bzw. Gondel zur Hütte befördert. Diese "Bergwanderer" kannten überwiegend nicht die Gesetze der Berge -auf lose Steine achten, damit unterhalb niemand verletzt wird - der Aufsteigende hat Vorrang etc.
Ich kann jedem der diesen Abschnitt des E5 machen möchte, nur Mut machen. Es ist wunderbar. Sie werden es nie vergessen, oder evtl. nochmals wiederholen.
Genießen Sie diese Tour. Viel Spaß und Freude.
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