wissen.de
Total votes: 418
AUDIO

Das Pflaster und seine Geschichte (Podcast 178)

Ein Streifen erobert die Welt
Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Pflaster am Zeigefinger

Das Heftpflaster hilft bei kleineren Verletzungen.

Dieser Beitrag ist einem Utensil gewidmet, das wohl in keinem Haushalt fehlt und zu dem wir in mehr oder weniger schmerzhaften Momenten greifen: dem Pflaster. Am  28. März 1882 erhielt der Apotheker Paul Carl Beiersdorf das Patent für einen Mullstreifen, den er mit dem gummiartigen Pflanzensaft Guttapercha bestrich sowie mit einer Mischung aus Vaseline, Schmalz, Talg, Gummi-Elasticumlösung und Arzneistoffen. Dieses Datum markierte auch die Gründung seines Unternehmens, der Beiersdorf AG. Seither hat sich viel getan auf dem Gebiet der Pflasterherstellung. Heute gibt es hunderte unterschiedlicher Sorten auf dem Markt – vom einfachen, so genannten Wundschnellverband bis hin zum Hightech-Pflaster, das mittels eines elektrischen Feldes Medikamente in den Blutkreislauf schleust. Aber: was hat Herrn Beiersdorf zu seiner Erfindung bewogen? Warum hat das Pflaster eine derartige Erfolgsgeschichte hingelegt? Und zu welchen Mitteln hatten die Menschen gegriffen, bevor es Pflaster gab?

 

Ein Streifen, der die Welt erobert

Paul Carl Beiersdorf ist 44 Jahre alt, als er 1880 die Mark Brandenburg verlässt und sich mit einer Apotheke in der Mühlenstraße im Hamburger Stadtteil Wandsbek niederlässt. Das Geschäft läuft nicht so rosig, wie er sich das vorgestellt hat. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm, und er begegnet dem engagierten Dermatologen Dr. Paul Gerson Unna. Der sucht damals nach einem Verfahren, um Arzneimittel dauerhaft auf krankes, im Wesentlichen von Ausschlag befallenes Gewebe aufzutragen. Zwar gibt es bereits klebende, mit Salben bestrichene Kompressen, aber die halten nur kurz. Zudem reizen die darin enthaltenen Harze die Haut oder reagieren mit den Wirkstoffen. Genügend Anlass für Beiersdorf, Bunsenbrenner, Kolben und Reagenzglas zur Hand zu nehmen und sich ans Experimentieren zu machen.

Am 28. März 1882 ist es dann so weit: Das Kaiserliche Patentamt stellt dem Apotheker eine Schrift mit der Nummer 20057 zur "Herstellung von gestrichenen Pflastern“ aus. "Auf eine zarte Guttaperchaschicht, welche auf Mull … verteilt ist, streicht man gleichmäßig die aus Vaselin, Schmalz, Talg … und Arzneistoff bestehende Pflastermasse“, heißt es darin.

Guttapercha ist der Saft eines malaiischen Baums und dichtet hervorragend ab. Der Wirkstoff sickert nicht nach außen und kann lokal begrenzt und effizienter eingesetzt werden als zuvor. Zudem verwendet Beiersdorf Kautschuk als Klebematerial, was die aggressiven Harze ersetzt. Die Guttaplaste, wie die neuen Pflaster heißen, passen sich bei Körpertemperatur der Haut an und sind gut verträglich. So gut, dass neun Werksarbeiter täglich mehrere hundert Meter des beschichteten Mulls mit der medizinischen Pflastermasse bestreichen müssen, um der starken Nachfrage Herr zu werden – "obgleich zu den damals verwendeten Arzneistoffen auch Blei, Borsäure und Quecksilber gehörten. Substanzen, die man seinem Körper heute nicht mehr zumuten würde“, sagt Thorsten Finke, Leiter des historischen Archivs der Beiersdorf AG.

Nichtsdestotrotz, in den folgenden zehn Jahren entwickelt Beiersdorf Heilpflaster für mehr als hundert medikamentöse Anwendungen. Was er nicht ahnt: mit seiner Erfindung hat er den Grundstein für einen ganzen Industriezweig gelegt.

Dass sich auf das neue Produkt aufbauen lässt, erkennt Beiersdorfs Nachfolger, der Pharmazeut Oscar Troplowitz. Vor allem, da die Ärzte schon lange nach einer Lösung suchen, um Wunden rasch behandeln zu können. Troplowitz mischt dem Kautschuk Zinkoxid bei. Das Pulver ist für seine antiseptische Wirkung bekannt und findet bereits in Salben Anwendung zur Wundversorgung. Aufgrund der weißen Farbe des Wirkstoffs nennt er sein neues Produkt Leukoplast, denn griechisch leukos bedeutet "weiß“. Die Ursprungsform des Wortes Pflaster stammt im Übrigen auch aus dem Griechischen, dort heißt es émplastron, zu Deutsch "das Aufgeschmierte“. 1901 kommt Leukoplast auf den Markt und erobert in wenigen Jahren den Globus.

 

Das Band der unbegrenzten Möglichkeiten

Die Verwendbarkeit des Pflasters erschien schier grenzenlos. Und auch so manches Nebenprodukt haben wir ihm zu verdanken, das Bekannteste ist wohl das Klebeband. Zu seiner Entdeckung jedoch gelangte man auf nicht ganz freiwilligem Wege:

"Die Suche nach einem wirkstofffreien Pflaster brachte im Jahre 1896 eines mit dem Handelsnamen Cito hervor“ so Thorsten Finke. "Es erlangte eine solche Klebekraft, dass es sich nur mit großem Aufwand und unter Schmerzen von der Haut lösen ließ.“ Wahrlich kein geeignetes Mittel, um Wunden zu heilen. Dasselbe Produkt wurde später unter anderem zum Flicken von Fahrradschläuchen angeboten.

Bis zur Entwicklung eines optimalen Wundpflasters sollten noch viele Jahre vergehen. Erst 1922 war Hansaplast geboren, die Kombination von Leukoplast und einer Mullauflage. Die angelsächsische Welt kennt es unter dem Namen Elastoplast, der allerdings, lässt man ihn sich auf der Zunge zergehen, eher nach einem DDR-Erzeugnis anmutet. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich der Schnellverband eines gewissen Kults erfreut. Der britische Rapper Example besingt ihn in seinem Stück "Stay Awake“ etwa mit den Worten: Bleib dran wie Elastoplast. Und eine Punkband aus Hannover nannte sich schon gegen Ende der siebziger Jahre nach der deutschen Version Hans-A-Plast.

Inzwischen ist das Sortiment auf rund 450 Produkte angewachsen, und es kommen stetig neue hinzu, gegen alle möglichen Wehwehchen. "Das ist auch deshalb nötig, weil der Bedarf an der klassischen Ware hier und in anderen wohlhabenden Ländern sinkt“, schreibt das Wirtschaftsmagazin "brand eins“. Das Leben werde immer sicherer, und Kinder würden behütet wie nie. Die Industrie setzt daher in der westlichen Welt auf Produkte gegen Zivilisationsleiden wie etwa Blasenpflaster für durch schicke Schuhe geschundene Füße, Nasenpflaster zur Linderung von Heuschnupfen oder Wärmepflaster bei Rückenschmerzen, einer deutschen Volkskrankheit. Auch von der Eitelkeit profitiert der Handel, beispielsweise mit unsichtbaren Pflastern zum Aufsprühen oder solchen gegen Lippenherpes.

Tiefgreifender wirken da die transdermalen Pflaster. Sie führen dem Organismus mithilfe unterschiedlicher Techniken Medikamente über die Haut zu. Eins darunter, wohl jeder kennt es, ist das Nikotinpflaster. Transdermale Pflaster setzen ihren Wirkstoff über einen längeren Zeitraum konstant frei, und er gelangt ohne Umweg über den Magen-Darm-Trakt in die Blutgefäße. Die Vorteile: Im Gegensatz zur oralen Aufnahme von Medikamenten bleiben die betreffenden Organe verschont, und nichts geht durch die Verdauung verloren. Allerdings eignen sich nicht alle Substanzen für die Gabe über die Haut. Die Moleküle dürfen eine gewisse Größe nicht überschreiten und müssen schon in geringer Dosis anschlagen. Um beispielsweise die Wirkung einer Aspirin-Tablette zu erreichen, müsste das Pflaster den halben Körper bedecken.

Transdermale Pflaster existieren seit etwa zwanzig Jahren. Sie beugen Herzinfarkten vor, halten Schübe der Parkinson-Krankheit auf, helfen bei Reisebeschwerden oder Bluthochdruck und vielem mehr. Die Techniken, mit denen sie das entsprechende Medikament in den Blutkreislauf schleusen, sind unterschiedlich. Bei den herkömmlichen Produkten sickert der Wirkstoff durch eine Membran und gelangt so durch die Poren in hautnahe Blutgefäße. Weiterentwickelte Systeme setzen ihn etwa durch ein elektrisches Feld aktiv frei. Ein Beispiel hierfür ist die Behandlung mit dem Schmerzmedikament Fentanyl, das sich der Patient pro Knopfdruck in bestimmter Dosierung zuführen kann. Forscher arbeiten derzeit sogar an der Impfung mittels transdermalen Pflastern. Ihr Erfolg wäre ein großer Schritt hin zur Verdrängung von Spritzen – sehr zur Freude vieler Menschen mit Nadelphobie.

 

Das Pflaster in Zahlen und Fakten

Waren Pflaster hierzulande einst als Meterware zum Abschneiden in Breiten von vier, sechs und acht Zentimetern zu haben, gibt es sie heute vorwiegend als so genannte Strips – vorgefertigt nach Deutscher Industrienorm für größere und kleinere Wunden. Was noch von der Rolle zum Verkauf steht, hat an Breite eingebüßt: Heftpflaster sind nur noch 1,25 bis fünf Zentimeter breit – die Deutschen scheinen tatsächlich vorsichtiger geworden zu sein. Gegenwärtig verbraucht die Bevölkerung pro Kopf einen halben Meter pro Jahr. Ob das wirklich wenig ist, sei dahingestellt. Immerhin, seit der Erfindung von Hansaplast gingen 16 Milliarden Meter über den Ladentisch. Damit könnte man 400 mal die Erde umspannen – ein gutes Stück Pflaster für einen verwundeten Planeten!

 

Total votes: 418