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Schnecken-TÜV und Pornflakes - so spricht die Jugend heute (Podcast 65)

Die Jugend chillt, dancet, jiggert, spamt, faked, flashet, fuckt ab

Gehören Sie zu denen, die sich manchmal hip finden? Dann sind Sie es garantiert nicht! Der Begriff hip ist nämlich total out. Da müssten Sie schon die Wörter porno oder pornös hernehmen. Aber mal ehrlich, wer sagt schon, dass er voll porno wäre! Manche Jugendliche gebrauchen dieses Wort mittlerweile anstelle von „geil“, wenn sie etwas ganz toll finden, sehr zum Leid der Erwachsenen manchmal. Hat Goethe noch gesagt: "Ich hör’ es gerne, wenn die Jugend plappert: Das Neue klingt. Das Alte klappert“, regte Jugendsprache die Erwachsenen der letzten Generationen immer nur auf. Aber ist diese Jugendsprache wirklich so schlimm? Hören Sie dazu den Beitrag von Dorothea Treder "Schnecken-TÜV und Pornflakes – So spricht die Jugend heute“.

 

"Hey Alter, föhn mich nicht zu Mann!“

Was wollte dieser nette junge Mann wohl mit diesem Satz sagen?

  1. Puste mir nicht so ins Gesicht
  2. Du verbreitest einen hässlichen Gestank
  3. Quassel nicht so viel

Antwort c ist richtig. Sie wussten es? Glückwunsch! Sie lagen falsch? Dann sind Sie echt pflaumig – könnten Jugendliche jetzt sagen. Das heißt: Sie sind echt schlecht. Herzlich Willkommen bei den.... sagen wir etwas Älteren. Die Jugendsprache entwickelt sich so schnell, dass da nicht mitkommen kann, wer nicht mehr ständig mit Jugendlichen rumhängt, rumgammelt oder abschimmelt – um in der Jugendsprache zu bleiben. Wer mitreden will, muss sich regelmäßig updaten.

Ein Rückblick: Jedes Jahrzehnt hatte seine Begriffe. In der Nachkriegszeit galten zum Beispiel die Wörter "meschugge“ und "knorke“ als "in“. Das Schimpfwort "Arschloch“ hat in den 60ern seinen Ursprung, dem Jahrzehnt, in dem die Jugend begann, alten Begriffen eine neue Bedeutung zu geben. Wenn ein Mädchen den Eltern etwa von der Lehrerin erzählte, die so behindert sei, erkundigten die sich wahrscheinlich nach dem Gesundheitszustand der Frau. Dabei hatte die Tochter sagen wollen, die Lehrerin sei "bescheuert“. Außerdem war es das Jahrzehnt der Überschwänglichkeiten: aus hammer wurde oberhammer aus geil wurde megageil bzw später "eeeendgeil“

Rotzten Jugendliche damals ein "geil“ in erwachsene Gesichter, ernteten sie Entrüstung und Sprachlosigkeit. Heute ist das Wort "geil“ ist nichts Besonderes bzw. Unanständiges mehr. Es ist eben cool, geil zu sagen. Mehr aber auch nicht. Cool war übrigens neben Wörtern wie "abgefahren“, "Disse“, "Tussi“ und "oberaffengeil“ charakteristisch für die 80er. In den 90ern erlebten Anglizismen wie City und Lover seit den 60ern einen neuen Aufschwung, der bis heute anhält.

Apropos heute: Im Zuge der aktuellen Finanzkrise haben Jugendliche Wörter für Banker kreiert, die moralisch schlecht handeln: Damager und Bankster. Damager sind Manager, die unsere Wirtschaft kaputt machen, damagen eben. Bankster ist eine Mischung aus Banker und Gangster.

 

Solche zusammengesetzten Begriffe sind modern, vor allem englische, versteht sich: Smexy steht für sexy und smart. '"Crackberry" ist ein Mix aus Crack und Blackberry und beschreibt die Sucht, ständig erreichbar zu sein.

Wenn Sie diese Begriffe noch nie gehört haben, mag das daran liegen, dass Sie in einer Region leben, in der andere Wörter Konjunktur haben. Die Jugend ist nämlich alles andere als homogen. Und deswegen gab und gibt es auch nicht die eine Jugendsprache, sondern viele Dialekte derselben: ob Popper, Punker, Mods, Dorfjugend, Techno- und Heavy-Metal-Freaks – alle hatten und haben eine für sie spezifische Sprache. Und sie hängt offenbar auch von Bildungsgrad ab, wie ein Jugendlicher bei unserer Umfrage empört erklärte: "Jugendslang? Ähm, wir sind aufm Gymi!“

Trotz aller Unterschiede lassen sich Charakteristika erkennen, die alle Generationen der Jugend durchzieht: die Sexualisierung der Sprache bzw. Enttabuisierung sexueller Begriffe, die der Jugend hilft, über Tabuthemen überhaupt erstmal zu reden. Ganz aktuell: "Boa, ist das porno, Mann“

Sozialarbeiter, Pädagogen, Wissenschaftler warnen, die Jugendlichen würden sexuell verrohen. Denn sie sprechen nicht nur "porno“, sie schauen auch Pornos, schon mit 12 Jahren. Wobei auch das wieder von Bildung und Herkunft abhängt, wie Sozialarbeiter aus einem Jugendhilfe-Netzwerk in Essen feststellten. Gleiches gilt für den Ausdruck "porno“, den nicht alle Jugendliche in den Mund nehmen. Unsere Umfrage ergab, dass "geil“ immer noch geläufiger zu sein scheint.

Man kann über die Jugendsprache schimpfen, originell sind manche Begriffe durchaus, teilweise sogar literarisch und bilderreich. Die neue Ausgabe von Langenscheids Büchlein  "Hä?? Jugendsprache unplugged 2010“ ist eine Schatztruhe voller Jugendwörter. Ein Konglomerat von Begriffen verschiedenster deutscher Cliquen. Da lernt man etwa, dass die Jugend zu einem Frauenarztbesuch Schnecken-TÜV sagt. Viagrapillen sind Pornoflakes, der Oberlippenbart ein Pornobalken, Kondome sind Pipi Langstrumpfs, eine große weibliche Brust nennt die Jugend schlichtweg "Milchfabrik“, und die Hengstparade steht für den Auflauf männlicher Schönlinge in einer Disco. Wenn das mal nicht Assoziationen weckt!

 

Aber auch für nicht sexuelle Begriffe haben sie sich Schönes einfallen lassen:

Für Schlafen kann man auch sagen "Die Ohren bügeln“. Der höfliche Ausdruck für "Sich übergeben“ lautet "den Porzellandthron anbeten“. Dumme Menschen sind die geistig Unbewaffneten oder die Bildungsresistenten. Lehrer sind Einschlafhilfen, Eierkocher Whirlpools. "Biobreak" ist das Wort für Pinkelpause. Hat jemand Lust auf Bier, ist er unterhopft. Und wer dann zuviel getrunken hat, mutiert zum Wackelkandidaten oder Don Promillo. Überhaupt fallen der Jugend zum Thema "Trinken“ viele Synonyme ein: Zudröhnen, zukippen, vollhaun, hacke sein.

Außerdem gibt es Tendenzen, Substantive zu Adjektiven umzugestalten: "Du bist ja opfer!“ ... was  soviel bedeutet wie „mies" oder „extrem schlecht".

 

Linguisten, Psychologen, Soziologen und Pädagogen raufen sich die Haare: Sprachverfall! rufen sie. Aufschrei, Naserümpfen. Blankes Entsetzen. Alles nichts Neues. In der FAZ erschien schon 1979 ein naklagender Artikel über das Disko-Deutsch der Jugend, der Spiegel diagnostizierte vier Jahre später den deutschen Sprachverfall. Gegen den kämpfen besagte Linguisten etc bis heute an. Vergeblich zwar, aber sie hören nicht auf zu reden. Der Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache (VDS), Holger Klatte, schimpft besonders über zu viele Anglizismen im Deutschen, das so genannte Denglisch. Eine starke Sprache könne zwar einen gewissen Umfang an Fremdwörtern verarbeiten und sie zu Wörtern der eigenen Sprache machen. Problematisch werde es aber, wenn viele deutsche Wörter durch englische ausgewechselt würden. Wie bei einem Jugendlichen, der auf die Frage antwortet, was er am Wochenende so treibt...

Die Jugend chillt, dancet, jiggert, spamt, faked, flashet, fuckt ab. Der Medien- und Werbebranche kommen solche Anglizismen gerade recht. Werbe-Experten nehmen die Jugendsprache her, um die Jugendlichen anzusprechen und ihre Produkte an den Mann zu bringen. Ursprünglich ist die Jugendsprache – mehr noch als Mode und Musik übrigens – ein Mittel zum Zweck; Jugendliche wollen sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen.

Mit Erfolg: Oder verstehen Sie, was es heißt, wenn ein Jugendlicher sagt: "Hey Mom, haste Phosphatstangen da?“

 

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