Unser 4. Literaturwettbewerb hatte das Thema "Über Nacht". Und unter den mehr als 200 Einsendungen konnte Karoline Griebner die Jury mit ihrer Kurzgeschichte "Mama lag dösend auf dem Balkon" überzeugen. Juror Fischer: "Mama lag dösend auf dem Balkon" ist eine feine Talentprobe, die vor Plattheit nicht zurückschreckt und in der doch virtuos mit Sprache umgegangen wird.
Engelberts Plan für den Mittwoch sah eigentlich ganz simpel aus. Für ihn. Für alle anderen war sein privates Leben ohnehin größtenteils missverständlich, wozu auch dieser für ihn doch recht klassische Mittwoch zählte und weswegen er niemanden mehr in seinem privaten Leben duldete. Seit zwölf Jahren. Zudem hatte er am Beispiel seines Vorgängers erlebt, wohin private Intermezzi führen konnten und daher unterließ er jedweden Einblick in seine Privatsphäre.
Er schnitt eine dicke Scheibe Jagdwurst ab und kommentierte sein Treiben mit der leicht verdrehten Aussprache dieser Tätigkeit, nämlich "Yachtwurst" und kicherte. Von den Wortsalaten hatte er sich nie so richtig trennen mögen, von allen anderen Formen der grünen Ernährung jedoch konsequent. Mit der Volljährigkeit hatte er sich dankbar von der familiären Vegetarierpflicht verabschiedet. Und nun umsegelte er mit stolzgeschwellter Brust als Kapitän seiner Yachtwurst die eigene Küchenwelt.
Was nun diesen Mittwoch von den anderen Wochentagen unterschied, war, dass er die Wurst ohne Hinzusehen in den Duden gleiten ließ, das Buch zuschlug und sich darauf setzte. "Von Duden und blasen keine Ahnung" giggelte er verzückt, erhob sich wieder, schlug das Buch auf, nahm die nunmehr dünnsehnige Scheibe hinaus und legte sie flächendeckend auf eine riesige Mischbrotschnitte.
Morgen würde er eine Kasselerscheibe in einem französischen Wörterbuch platt pressen und sich somit ganz den Anforderungen des Donnerstags ergeben, aber heute war eben Mittwoch. Jagdwurstdudentag. Er kaute an seinem Brot und erfreute sich an der nunmehr beinah unerträglichen Leichtigkeit des Jagdwurstgeschmacks. Warum nicht gleich so? Wollen doch alle dünn sein! Wieso dann immer nur dicke Scheiben? Daran hatte er sich als Fleischfresser nie gewöhnen können – Schnitzel klopfte man doch vor dem Braten auch! Zu gern hätte er bereits jetzt den Duden "Wo hast du den Du-den?" aufgeschlagen, um das Wurstorakelwort zu erfahren, aber er nahm sich zusammen, und befolgte konzentriert die strenge Reihenfolge.
Er aß auf. Er warf den Teller weg. Er stellte den leeren Geschirrspüler an. Er nahm die Gebrauchsanweisung des Toasters, studierte sie zügig von vorn bis hinten – in allen sechs Sprachen – und nickte zufrieden, weil er nicht finden konnte, was er gesucht hatte. Dann legte er zwei CDs in die Brotschlitze – hierfür erschien ihm das Weiße Album der Beatles durch seine Blässe geradezu prädestiniert – setzte seine Schutzbrille auf, nahm den Feuerlöscher zur Hand und drückte den Auftauknopf des Gerätes hinunter.
Die ersten Takte von Back in the USSR erklagen in Engelberts linkem Ohr, während das rechte sich bereits sanft wiegte zu Martha my Dear.
Seltsam, dachte Engelbert, seine einstige Brieffreundin aus Moskau hieß ebenfalls Martha. Hatte sie damals etwa auch kinderschnörkelige Briefchen an Paul oder John geschickt und nicht nur an ihn?
Heute dachte er mit Wehmut an diese Zeit zurück. Früher hatte er diese russische Brieffreundschaft nicht leiden mögen, aber in der Saefkow-Schule und natürlich zu Hause wurde darauf bestanden und so schickten sich Martha und Engelbert die immer gleichen Briefe. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Während der Ferien war ich Ski laufen. Ich habe einen Bruder. Er heißt soundso. Er ist neun Jahre alt. Über die Zeit wurde nur das Alter der Geschwister aktualisiert, der restliche Inhalt blieb stets erhalten.
Zur Freude des kleinen Engelberts steckte Martha immer ein Glanzbildchen mit in den Umschlag. Jedoch kein richtiges, wie es die Mädchen sammelten und tauschten, sondern Schokoladenpapier von russischen Köstlichkeiten. Ohne Schokolade. Aber noch mit dem verführerischen Duft. Manchmal klebten auch noch winzige Fitzelchen daran, die Engelbert dann tagelang abschleckte und dabei die unbekannten Wintermotive des Papiers bestaunte.
Während Engelbert in russischen Märchen schwelgte, schwelte auch der Toaster schon und irgendwo zwischen den Tönen und Düften von verbrannter Glass Onion und angekohltem Wild Honey Pie kam Engelbert wieder zu sich. Doch statt in Panik auszubrechen nahm er sich zunächst die Zeit mit sich zu schimpfen, damit es ihm eine Lehre sein würde. (Er wollte gerade kichernd "Leere" statt "Lehre" sagen, gab sich jedoch angesichts der ernsten Lage selbständig eine Ohrfeige für diese Ordnungswidrigkeit, die in derselben Sekunde bereits zu einer "Ohrdnungswidrigkeit" wurde und ihn gänzlich verwirrte.) Dann wurde er mobil.
Höchste Zeit, den brennenden Toaster zu löschen, Beweisfotos zu machen, das vorbereitete Protokoll auszufüllen und den Reklamationsbrief mit Schadensersatzforderung an den renommierten Küchengerätehersteller aufzusetzen. Bevor er wenige Stunden später den Umschlag schloss, legte er noch das Foto einer verbrannten Hand mit hinzu und betrachtete zufrieden sein Werk.
Kurz fiel sein Blick auf den Duden "Was machst du-denn?" und er erinnerte sich an die nächsten Punkte seines engen Zeitplans.
In der Dusche füllte er etwas Seife aus dem Spender in ein Minishampoofläschchen aus einem Hotel, in dem seine Mutter einst viele Wochen auf Kur war und es ihm danach leer als Mitbringsel überreicht hatte. Und er genoss das Gefühl von Urlaub.
Beim Anziehen seiner Schiesserunterhose zuckte der kleine Engelbert wie jeden Tag ängstlich zusammen und verzog sich eingeschüchtert in die Schießscharte, als er das Etikett sah. Engelbert hasste diese Menschlichkeit und war gleichzeitig ekelhaft gerührt von diesem alltäglichen Ritual.
Das Anziehen der Socken war sogar noch schwieriger, denn er spürte regelrecht, wie die Falke-Strümpfe versuchten, an seinen Knöcheln zu schnäbeln und er wünschte sich nichts sehnlicher, als seine Strümpfe statt in die Kommode Malm in eine Voliere zu sperren.
Beim Anziehen des Lacoste-Hemdes konnte er gar nicht mehr hinsehen und verknöpfte sich beinahe mit seinen zittrigen Fingern, während er an Steve Irwin dachte.
Nur beim Boss-Anzug war er entspannt, weil er mit dunklem Garn in Schriftgröße drei über das Logo "I am the" gestickt hatte.
Zurück in der Küche schrieb er der Putzfrau einen Zettel. "Schmutzfrau" kicherte er und hatte dabei das unbestimmte Gefühl, dass ihn dafür jemand vom Familienportrait auf der Anrichte tadelnd ansah und darum wiederholte er rasch noch einmal "Schmutzfrau", bevor er mit seinem Zettel fortfuhr. Er teilte ihr mit, dass ihre Dienste heute nicht benötigt würden, datierte das Briefchen und versteckte ihn unter der Mülltüte am Boden des Tritteimers, sodass sie ihn erst nach getaner Arbeit finden würde. Und wieder spürte er den bösen Blick im Rücken. "Schmutzfrau" sagte er patzig zur Anrichte.
Dann checkte er seine privaten Mails "Mail, Zucker, Butter", entschied sich gegen Penisverlängerungen und Luxusuhrenangebote, sortierte die erste Mail in den Ordner Penisverlängerungen und die zweite in den Ordner Luxusuhrenangebote. Hernach reinigte er mit einem Bildschirm- und Tastaturreinigungstuch gründlich seinen Bildschirm und die Tastatur und ließ sich erneut auf dem Küchenstuhl nieder. Nun konnten mehrere Punkte der Liste abgehakt werden. Als letztes strich er "wieder auf den Küchenstuhl setzen" durch und sah, was der Tag weiter verlangte.
Endlich war die Zeit für das Dudenritual gekommen. Er schlug das Buch auf und suchte nach der Wurstquetschseite. Ärgerlich bemerkte er ein entgangenes Senfkorn, was die Jagdwurst verlassen hatte und sich so seinem vollendeten Geschmack entzogen hatte und fühlte sich betrogen. Wie damals, als seine Mutter ihm den Hund erst versprach und dann doch nicht kaufte. Also hatte er sich als Erwachsener selbst darum gekümmert und sich einen Hund angeschafft. Mama, die riesige Dogge, lag dösend auf dem Balkon, jedenfalls dachte Engelbert das, wollte aber nicht nachschauen, weil er erstens Angst vor großen Höhen und zweitens Angst vor großen Hunden hatte. Schon seit einigen Monaten hatte er die Balkontür nicht mehr geöffnet.
Er drückte das Senfkorn vorsichtig in die Lücke zwischen den Schneidezähnen "Nur kein Sch-Neid" und beschloss, sich nun doch darüber zu freuen, dass er das Körnchen erst jetzt genießen konnte. Langsam glitten seine Finger über die Wurstquetschseite auf der Suche nach der Ausbuchtung des Senfkorns und er fühlte sich wie Stevie Wonder. Heute war eindeutig ein Steve-Tag. Blieb nur zu hoffen, dass die böse Steveschwester nicht auftauchte, um ihn Linsen sortieren zu lassen. Sollte dies wider Erwarten aber doch passieren, hatte Engelbert dafür bereits einen Plan entwickelt – er würde sich von seinen Falke-Socken helfen lassen!
Schließlich hatte er das Senfkornlöchlein erfühlt. Es hatte sich in den "Ödipuskonflikt" gebohrt und Engelbert war enttäuscht. Sogar so enttäuscht, dass er sich bei seinem ersten Namen nannte. "Karl", begann er seinen einstigen Psychotherapeuten zu imitieren, "Sie dürfen nicht enttäuscht sein" und dann bei seinem zweiten, als er die ehemalige Lehrerin imitierte: "Max! Du bist eine Enttäuschung!" und dann bei seinem dritten: "Friedrich, du bist adoptiert!" Wütend schlug er das Buch zu und den Sammelordner für die Steuererklärung auf. Im Bereich für absetzbare Weiterbildungskosten konnte er für diesen Mittwoch nichts eintragen, weil er das Wort schon kannte, also machte er nur einen Strich.
Dann mahnte er sich zur Eile. "Eile, Eile, Segen, drei Tage Regen!" und lächelte leise ein letztes Mal.
Er sah nach oben, ganz so, wie es der Psychofritze neulich im Fernsehen gesagt hatte, um eine positive Haltung einzunehmen – nach unten schauen wirkte offensichtlich demotivierend und antriebslos – griff mit neuer Energie Blackberry, Laptop und den Regenschirm (beim Nach-Oben-Gucken hatte er die dunklen Wolken bemerkt) und verließ mit dem üblichen Gruß "Tschüss, Mama!" in Richtung Balkontüre die Wohnung.
Im Treppenhaus versteinerte er seinen Blick, straffte die Schultern und korrigierte seinen leichtfüßigen Schritt in einen geraden und forschen Gang.
Als er vor das Haus trat, schlug die kleine Kirchturmglocke sechs Mal und sein Fahrer begrüßte ihn mit einem wachen "Guten Morgen, Herr Minister!" während er ihm die Tür der Limousine öffnete.
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