Die Zukunft der Hochschulen in Deutschland
Über 250 Hochschulen gibt es in Deutschland: An Universitäten, Technischen Hochschulen und Fachhochschulen studieren fast zwei Millionen meist junge Menschen, um sich Bildung auf hohem Niveau zu erwerben und die Grundlage für ihre berufliche Zukunft in Wirtschaft oder Wissenschaft zu legen.
Politiker aller Parteien weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig Bildung im postindustriellen Zeitalter sei und welch anspruchsvolle Rolle die Hochschulen dabei spielen sollen. Und in der Tat wird die Bedeutung der Hochschulen in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Denn den “Bildungsmarkt“ gibt es nicht nur als regionale oder nationale Erscheinung, sondern er gipfelt in einen globalen Wettbewerb um die besten Köpfe.
In Festtagsreden geht es an den Hochschulen auch heute noch häufig um humanistische Bildungsideale á la Humboldt. In der täglichen Realität aber ringen knallhart wissenschaftliche und damit auch wirtschaftliche Interessen miteinander.
Die Aufgaben der Hochschulen
Traditionell bestehen die Kernaufgaben der Hochschulen in Forschung, Lehre und Studium, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Weiter an Bedeutung gewinnen werden zudem Funktionen, die mit diesen Kernaufgaben der Hochschulen verknüpft sind - etwa die akademische Weiterbildung, die Frauenförderung und die Förderung der Internationalität.
Der Status der Hochschulen
Noch vor etwa 30 Jahren gab es in Deutschland ein übersichtliches und weitgehend homogenes Hochschulsystem. Die Universitäten waren “unter sich“, die meisten historisch gewachsen und an den klassischen Standorten wie Heidelberg und Tübingen oder Rostock und Greifswald angesiedelt. Dann aber “entdeckte“ man in den 60ern die “deutsche Bildungskatastrophe“. Bekämpft wurde diese mit zahlreichen Neugründungen und Umstrukturierungen:
- aus Pädagogischen Hochschulen wurden Gesamthochschulen (die sich inzwischen zu Universitäten entwickelt haben)
- Ingenieurschulen und sozialpädagogische Einrichtungen erhielten den Status von Fachhochschulen
- daneben entwickelten sich private Hochschulen und Akademien - mit anhaltendem und zunehmendem Erfolg.
Diese Diversifizierung wird fortschreiten und mehr Wettbewerb erzeugen. Die einzelnen Hochschulen werden ihr eigenes Profil entwickeln, Schwerpunkte setzen und mehr auf Qualität denn auf Quantität setzen. Für wichtige und große Fächer gibt es inzwischen Rankinglisten, die den Studierwilligen verraten, wo sie was am besten studieren können. Allerdings sind diese “Hitlisten“ durchaus mit Vorsicht zu genießen - denn nachweislich tauchen in diesen immer jene Hochschulen an der Spitze auf, welche die beste Werbung für sich betreiben.
Die Forschung
Der für die Gesellschaft so wichtige wissenschaftliche Nachwuchs kann nur dann gewonnen werden, wenn die Einheit von Forschung und Lehre an den Hochschulen gewährleistet ist. Nicht nur die Dozenten müssen sich um neue Erkenntnisse bemühen, auch Studierende sollten sich aktiv in der Forschung engagieren - zumindest im zweiten Studienabschnitt. Vergibt man, wie derzeit zunehmend zu beobachten, Forschungsaufträge in die Laboratorien der Privatwirtschaft oder an Großforschungseinrichtungen, ist die Zukunft der Forschung an den Hochschulen gefährdet - und damit die der Hochschulen selbst. Daher gehört dieser Verlagerungstrend gestoppt.
Das Studium - reformbedürftig?
Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen ein Studium ohne Gebühren möglich ist. Die Studienzeiten sind faktisch nicht begrenzt. Die Studienwahl ist frei, und es gibt zahlreiche, insbesondere geisteswissenschaftliche Fächer, die keinen vorgeschriebenen Fächerkanon aufweisen. Gleichzeitig schließt ein hoher Prozentsatz der Studierenden, in einigen Studiengängen über die Hälfte, das Studium nicht ab und hat Deutschland im internationalen Vergleich die ältesten Studenten.
Obwohl die Politik das Thema Studium als bearbeitungsbedürftig erkannt hat, wagt sich kaum ein Politiker an diese “heilige Kuh“ heran. Die Veränderung kommt deshalb eher von der anderen Seite, von den “Kunden“, den Studierenden und den einstellenden Betrieben. Der “Markt“ fragt nach jungen und gut ausgebildeten Absolventen, so dass die Hochschulen immer mehr in Zugzwang geraten und verstärkt gestufte Studiengänge anbieten - und damit die Möglichkeit, Studienziel und -dauer besser dem jeweiligen Berufswunsch anzupassen. Weil auf diese Weise das Studium transparenter wird, werden sich auch die Studienbewerber qualitätsorientierter als bisher verhalten. Das wird dem gesamten Hochschulsystem nutzen.
Studium international
Das Studium wird internationaler werden. Viele Hochschulen erwarten schon heute von ihren Studierenden, dass sie fachspezifische Vorlesungen in einer Fremdsprache hören und Prüfungen in dieser ablegen. Ist ein Praktikum im Studienverlauf vorgesehen, sollte dies möglichst im Ausland absolviert werden. Etliche Hochschulen haben daher Vereinbarungen mit ausländischen Hochschulen geschlossen, damit im Ausland erbrachte Leistungen auf das Studium in Deutschland angerechnet werden können.
Internationalität bedeutet auch, ausländischen Studenten gute Studienbedingungen in Deutschland zu bieten. Zwar ist die Bundesrepublik wegen der Gebührenfreiheit ein attraktives Studienland, nicht aber wegen der langen Studienzeiten und der hohen Lebenshaltungskosten. Die Zukunft liegt darin, dass erste Studienabschlüsse in kurzer Zeit erreichbar sind. Für ausländische Studierende wird es, wie schon hier und dort der Fall, soziale und kulturelle Programme geben, die durch Mentorate begleitet werden. Nur so lässt sich verhindern, dass Studierende in die angelsächsischen Länder abwandern, obwohl sie gern in Deutschland studieren würden.
Die Abschlüsse
Klassisch für Deutschland sind Studienabschlüsse mit Diplom oder Magister. Daneben gibt es traditionell:
- Staatsexamina,
- Erste und Zweite Staatsprüfungen, die auf Funktionen im öffentlichen Bereich zielen, und
- berufsbezogene Ordnungen wie die Approbationsordnungen bei den Medizinern.
Der Staat als Einstellungsträger hat an Bedeutung verloren. Viele Absolventen, die den öffentlichen Dienst angestrebt haben, müssen sich heute auf dem privatwirtschaftlichen Arbeitsmarkt orientieren. Mit der Internationalisierung der Arbeitsmärkte stellt sich die Frage, inwiefern die Abschlüsse vergleichbar sind. Insofern ist es konsequent, dass diese auf internationalen Standards beruhen und weltweit anerkannt werden. Dies geschieht über Akkreditierungsverfahren.
Die Einführung der akademischen Grade Bachelor und Master ist richtig und wird sich mittelfristig durchsetzen, da international bereits 80 Prozent der Abschlüsse diesem Muster folgen. Ein Bachelor-Studiengang kann bereits nach drei Jahren zu einem ersten berufqualifizierendem Abschluss führen. Der Master-Studiengang ist die nächste akademische Stufe, die gleichzeitig den Einstieg in ein lebenslanges Lernen darstellt.
Numerus clausus und Studienplatzwahl
Die zentrale Vergabe der Studienplätze - wie in Deutschland noch für viele Studienfächer über die ZVS in Dortmund üblich - ist nicht mehr zeitgemäß. Zahlreiche Hochschulen wollen ihre Studierenden selbst aussuchen können. Diese Forderung ist nicht ohne Weiteres umzusetzen:
- erstens fehlt in Deutschland, was das Ausland längst hat: ein geeignetes Auswahlverfahren;
- zweitens müssten wieder einmal zahlreiche Gesetze geändert werden;
- drittens - und entscheidend - kommt es darauf an, ob sich die Kultusministerkonferenz einstimmig (!) dazu durchringen kann, das Zulassungsverfahren freizugeben.
Je eher dies geschieht, um so besser ist das für die Hochschulen und die Studierenden. Hochschulgelenkte Auswahlverfahren hätten auch positive Wirkungen auf die Gestaltung des Abiturs. Die Schulen würden stärker gefordert (siehe PISA-Studie), und die schlecht vergleichbaren Abitur-Noten spielten bei der Zulassung zum Studium nicht mehr Schicksal. Starke Zweifel sind allerdings angebracht, ob sich hier mittelfristig etwas Entscheidendes tut.
Studiengebühren
Als wichtige bildungspolitische Errungenschaft wurden um 1960 in Deutschland die Studiengebühren abgeschafft. Damals studierten etwa sieben Prozent eines Altersjahrgangs, heute sind es knapp 30. Das ist teuer für die Gesellschaft. Die Hochschulen können ihre Aufgaben nur schlecht erfüllen, weil sie seit 20 Jahren unterfinanziert sind. Doch mit leeren öffentlichen Kassen lässt sich bessere Finanzierung von staatlicher Seite weder erreichen noch erwarten. Neue Geldquellen müssen erschlossen werden, um die Bildungsqualität zu sichern. Zu diesen Quellen gehören Studiengebühren, die sozial verträglich und leistungsbezogen erhoben werden. Befürworter von Studiengebühren erwarten, dass sich selbst bei nur geringen Gebühren (man spricht von 1000 Euro/Jahr) eine wesentliche Verbesserung der Haushaltslage an den Hochschulen ergeben würde. Als Nebeneffekt sei ein zielstrebigeres Studierverhalten zu erwarten: Ich zahle und erwarte dafür von der Hochschule, in überschaubarer Zeit mein Studium mit gutem Erfolg abschließen zu können. Einen ersten Schritt auf dem Weg zu Studiengebühren stellen die - noch nicht verwirklichten - “Bildungsgutscheine“ dar. Diese sollen jedem Studierenden ein Konto für ein begrenzt freies Studium eröffnen - wenn die Gutscheine aufgebraucht sind, werden Gebühren fällig.
Ausblick
Auf dem Weg in die Zukunft der Wissens-Gesellschaft haben die Hochschulen eine Schlüsselfunktion inne. Diese können sie nur dann wahrnehmen, wenn ihnen inhaltlich, organisatorisch und wirtschaftlich neue Spielräume verschafft werden. Dazu sind Mut und Kraft zur Veränderung nötig - in Politik, Gesellschaft und in den Hochschulen selbst.