30.10.2011
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Die Sachsenkönige 1: Heinrich I.

Die Zentralgewalt zu Beginn des 10. Jahrhunderts

Der rasch fortschreitende Zerfall des Karolingerreiches nach dem Tod Karls des Großen hatte in Europa zu einem Machtvakuum geführt, das die Feinde des Reiches zu Eroberungen geradezu einlud. Wikinger, Sarazenen (Araber) und vor allem die Ungarn plünderten alljährlich Gebiete des West- und Ostfrankenreiches. Der Autoritätsverlust der Könige und die dadurch bedingte steigende Macht der Stammesherzöge, die sich ständig mit dem geistlichen Adel rieben, machten eine gemeinsame Abwehr unmöglich. Jeder organisierte auf eigene Faust, ohne die Wiederholung der Einfälle verhindern zu können. Der König stand vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Während er selbst nur ein "Erster unter Gleichen" ("primus inter pares") gegenüber den Stammesherzögen war, kurz vor der Wahl noch einer der ihren, musste er nach der Erwählung versuchen, die königliche Zentralgewalt durch Beschneidung der herzoglichen Macht zu steigern und seine Fähigkeiten durch siegreichen Kampf gegen die Reichsfeinde zu beweisen. Kein Wunder, wenn 911, nach dem Tod des letzten Karolingers im Ostfrankenreich, der Herzog von Sachsen, Otto der Erhabene, die angebotene Königskrone ablehnte. Aber zusammen mit den Franken entschied man sich auf fränkischem Boden, in Forchheim, für einen Dynastiewechsel und wählte den Frankenherzog Konrad zum neuen König. Seine fehlende Autorität und Legitimität (er war ja kein Karolinger) suchte er durch Anlehnung an die Geistlichkeit auszugleichen. Aber selbst deren "ideologische" Unterstützung half wenig, weil Konrad I. auch im Kampf kein Glück hatte. Und wer auch da versagte, war nicht der Erwählte Gottes, denn man glaubte, dass erst am Sieg über den Gegner zu erkennen sei, wie viel Stärke Gott dem Herrscher verliehen habe. Konrad resignierte, der Tod enthob ihn 919 weiterer Enttäuschungen. Es spricht für diesen Herrscher, dass er uneigennützig die Krone dem Besten weitergeben wollte und zumindest in seiner Todesstunde Reichsinteressen persönlichem Machtdenken entschieden voranstellte. Sein Bruder Eberhard bekam daher als Vermächtnis mit auf den Weg, für die Königserhebung des Sachsenherzogs Heinrich zu sorgen, eines Sohnes Ottos des Erhabenen.

Der Übergang der Königsherrschaft an die Sachsen

In Fritzlar wurde im Mai 919 unter Zustimmung der Franken und Sachsen der neuerliche Dynastiewechsel vollzogen und der Sachse Heinrich zum König ausgerufen. Schon in den ersten Amtshandlungen wurde deutlich, dass er das Problem "Zentralgewalt" anders anpackte als Konrad. Die vom Erzbischof Heriger von Mainz angebotene Salbung und Krönung schlug er aus. Hätte er angenommen, wäre das eine Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Herzöge gewesen und eine erneute einseitige Stellungnahme für die Geistlichkeit. Zum Verzicht auf die Krönung kam Heinrich I. kaum aus Bescheidenheit, sondern aus der klaren Erkenntnis, dass er sich so gegenüber den Herzögen doch nicht werde durchsetzen können. Heinrich I. trat also weder auf die Seite der Herzöge noch auf die der Geistlichkeit, denn die Zentralgewalt hing am seidenen Faden: Heinrich musste zunächst die Anerkennung Schwabens und Bayerns gewinnen, d.h., er musste sich gegenüber Arnulf von Bayern durchsetzen, der zum Gegenkönig nominiert worden war. Eine Anerkennung als König und sichtbar Erwählter Gottes war nur möglich, wenn Heinrich selbst durch Siege zeigen konnte, dass die Huld des Herrn auf ihm lag. Heinrichs Königtum beruhte also weder auf der Anbiederung gegenüber den Herzögen noch auf der Unterstützung durch die Kirche, sondern auf der Person des Königs selbst und seiner siegreichen Politik.

Heinrich I. - Königsheil und Herrscherglück

Bayern, Schwaben, Lothringen

Die Kämpfe um Heinrichs Anerkennung seit seiner Erhebung zum König dauerten zunächst an. Nachdem Schwaben und Bayern, wo König Arnulf, in Regensburg belagert, freiwillig die Tore geöffnet hatte, unter großen Zugeständnissen nur notdürftig zur Anerkennung gezwungen worden waren, musste Heinrich I. sich auf außenpolitischem Gebiet bewähren. Ein ständiger Zankapfel zwischen dem West- und Ostfrankenreich war Lothringen. Nach einem Freundschaftsvertrag mit dem König des Westfrankenreiches, Karl dem Einfältigen, verzichtete Heinrich I. gegen die Anerkennung seines Königtums auf Lothringen, nutzte aber 923 die Gefangennahme Karls in innenpolitischen Auseinandersetzungen aus und marschierte im "Zwischenreich" ein. Giselbert, der dortige Herzog, wurde durch eine List überrumpelt und zu Heinrich I. gebracht. Seine Anerkennung der königlichen Zentralgewalt scheint unter Druck zu Stande gekommen zu sein, doch 928 sah es ganz nach einer freiwilligen Unterwerfung Giselberts aus Liebe aus: Er heiratete nämlich Heinrichs Tochter Gerberga.

Erster Erfolg gegen die Ungarn

Zwei Jahre zuvor war Heinrich I. ein entscheidender Schlag gegen die Ungarn gelungen, der zum Wendepunkt gegenüber diesem Volk werden sollte. Einer ihrer Führer war bei der Pfalz Werla an der Oker im nördlichen Harzvorland gefangen genommen und nur gegen einen 9-jährigen Waffenstillstand, den die Ungarn auch einhielten, freigegeben worden. Das gewonnene Ansehen und die Zunahme der königlichen Macht nutzte Heinrich I. noch im November 926 auf einem Reichstag zu Worms. Auf sein Anraten hin wurde eine "Burgenordnung" beschlossen, die den Bau von Burgen während der Friedenszeit vorsah, die als "Auffanglager" im Kriege dienen und den Ungarn ihre Beutezüge erschweren sollten.

Anerkennung im Innern

Auch innenpolitisch schwamm Heinrich I. auf einer Erfolgswelle. Nach dem Tod des schwäbischen Herzogs Burchard 926 konnte er das Herzogtum seinem Vetter Hermann zuschlagen und von ihm neben der Anerkennung auch verbriefte Rechte über die dortige Geistlichkeit erlangen. Wenn nun häufiger Urkunden ausgestellt wurden, so hing das sicher mit der wachsenden Zustimmung für den König zusammen, der die Zentralgewalt langsam aber konsequent ausbauen konnte.

Aufrüstung und Grenzsicherungsmaßnahmen

Heinrich I. nutzte die Atempause im Ringen mit den Ungarn, um neben der Anlage von Burgen, die allerdings keine Städtegründungen darstellten, ein schlagkräftiges Heer aufzubauen. Die Soldaten, die mit Grundbesitz entlohnt wurden, waren beritten und trugen schwere Panzerhemden. Ihre taktische Schulung und aufeinander abgestimmte Manövrierfähigkeit bewährten sich schnell in den Kriegen an der Ostgrenze des Reiches. In mehreren Kriegszügen wurden die stets für Unruhe sorgenden Elbslawen, die Heveller und Dalaminzier im heutigen Brandenburg besiegt, die Elbgrenze selbst wurde durch die Anlage der Burg Meißen gesichert. Züge gegen den Böhmenherzog Wenzel um 930, der ihm huldigen musste, und gegen die Dänen 934, die er zwang, das Gebiet zwischen Eider und Schlei für einen deutschen Grenzgau, eine "Mark", abzutreten, sind aus den gleichen Bedürfnissen zu erklären, im Vorfeld des Reiches durch "Pufferstaaten" die Grenze zu sichern. Alle diese Grenzkriege waren zugleich Missionskriege zur Verbreitung des Christentums, das die ehemaligen Heiden mit der christlichen Reichsbevölkerung verklammerte und die politische Integration förderte.

Schlag gegen die Ungarn

Als die Ungarn 933 wieder sengend und brennend in Thüringen einfielen, bewährte sich das in den Grenzkriegen geübte Heer und schlug die Ungarn bei Riade an der Unstrut so vernichtend, dass sie zu Lebzeiten Heinrichs I. nie mehr erschienen.

Auf dem Höhepunkt der Macht

Als zwei Jahre später der Dänenkönig Knut mehr gezwungen als freiwillig das Christentum angenommen und König Rudolf vom Westfrankenreich die Besitzansprüche Heinrichs I. auf Lothringen anerkannt hatte, stand Heinrich I. als siegreicher König im Zenit des Ruhmes, anerkannt und respektiert von allen. Ein Zug nach Rom sollte krönender Abschluss dieser Politik werden, zumal Heinrich I. im gleichen Jahr 935 von König Rudolf von Burgund die Heilige Lanze erworben hatte, mit großer Wahrscheinlichkeit ein Sinnbild und Unterpfand für den Anspruch auf Italien. Doch ein Schlaganfall Heinrichs I. in Bodfeld am Harz machte den Plan zunichte. 936 regelte der König auf einem Hoftag in Erfurt noch seine Nachfolge, die nicht sein ältester Sohn Thankmar antreten sollte, sondern der Sohn aus zweiter Ehe mit Mathilde, einer Urenkelin des alten Sachsenführers Widukind, der damals 24-jährige Otto. Am 2. Juli 936 starb Heinrich I. in Memleben an der Unstrut, ungefähr 60 Jahre alt, und wurde "unter dem Jammer und den Tränen vieler Völker" in Quedlinburg bestattet, wie der Chronist berichtet. In der kurzen Zeit seiner Herrschaft hat Heinrich I. mit Tatkraft und erstaunlichem Durchsetzungsvermögen das Reich im Innern geeint, die Zentralgewalt gestärkt und die Grenzen gesichert. Alles hing von den Fähigkeiten des Nachfolgers ab, der dieses Fundament wieder auflösen oder als tragenden Grund eines mächtigen Neubaus benutzen konnte.

Heinrich I. - Begründer der sächsischen Königsdynastie
Es ist an der Zeit, das Legendäre, das sich um seine Person gerankt hat, abzubauen. Weder der "Vogler" war er, wie eine Ballade des 19. Jahrhunderts meint, die vom Empfang der Königskrone beim Vogelfang erzählt, noch der "Städtegründer", wie ihn der sächsische Chronist Widukind von Corvey nennt. Selbst dass sein Vorgänger ihn zum Nachfolger bestimmt haben soll, bleibt nicht unwidersprochen. Wir kennen nicht sein genaues Geburtsjahr, es muss wohl um 876 liegen. 912 wurde er Herzog von Sachsen.

Widukind von Corvey hat ihn nur sehr allgemein beschrieben: "Mit großer Klugheit und Weisheit verband sich bei König Heinrich eine herrliche Gestalt, eine wahrhaft königliche Erscheinung. Bei den Kampfspielen war er allen so überlegen, dass ihn jeder fürchtete [...], mochte er bei Gelagen noch so fröhlich sein, nie vergab er seiner königlichen Würde das Geringste." Solche Worte passen zu genau auf einen König, als dass man ihnen voll vertrauen könnte. Aber aus seinem Tatenkatalog lässt sich indirekt das Bild eines diesseitsgerichteten, literarisch wie religiös kaum gebildeten Herrschers gewinnen, der nüchternen Sachverstand und vor allem den Blick für das Mögliche und Nötige besaß.

Heinrich I. konnte mit Geschick seine Stellung festigen. Er sicherte gleichermaßen die Ost- wie die Westgrenze des Reiches, erkaufte durch eine raffinierte Geiselnahme von den gefürchteten Ungarn einen neunjährigen Waffenstillstand und nutzte die Zeit zum Aufbau einer taktischen Reiterei, mit deren Hilfe ihm ein Sieg über die Ungarn gelang, der nur durch den spektakulären Erfolg des Sohnes auf dem Lechfeld später zu Unrecht etwas in den Schatten gestellt wurde. Sein Vorbild war Karl der Große, dessen Beispiel er zu folgen suchte, wie er sich auch als Erbe der ostfränkischen Könige und noch nicht als deutscher Herrscher im modernen Sinne fühlte. Er starb 936 in Memleben und wurde in Quedlinburg beigesetzt.

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Fragen

1) Warum hatte Konrad I. mit den Bischöfen gegen die Stammesherzöge paktiert, und warum tat das Heinrich I. nicht?

2) Wie löste Heinrich das Problem der Ungarn-Einfälle?

3) Im Rahmen der Neuorganisation seines Heeres unterwarf Heinrich I. die Elbslawen, den Böhmenherzog Wenzel und die Dänen. Welchen Effekt hatten diese Kriege außer der Grenzsicherung noch?

Antworten

1) Konrad suchte bei den Kirchenfürsten Unterstützung, um die Königsmacht (Zentralgewalt) gegen die Stammesherzöge durchzusetzen, was ihm nicht gelang. Heinrich I. dagegen paktierte mit keiner der beiden verfeindeten Parteien, um nicht in innenpolitischen Kämpfen mit einer der Parteien seine Kräfte unnütz zu vergeuden. Heinrichs Königtum beruhte also weder auf der Anbiederung gegenüber den Herzögen noch auf der Unterstützung durch die Kirche, sondern auf der Person des Königs selbst und seiner siegreichen Politik.

2) Heinrich I. handelte mit den Ungarn einen 9-jährigen Waffenstillstand aus. Während dieser Zeit rüstete er auf, modernisierte vor allem die Panzerreiter und ließ an der Ostgrenze des ostfränkischen Reiches Burgen bauen. Als die Ungarn 933 wieder sengend und brennend in Thüringen einfielen, schlug er sie so vernichtend, dass sie zu seinen Lebzeiten nie mehr erschienen.

3) Alle diese Grenzkriege waren zugleich Missionskriege zur Verbreitung des Christentums, das die ehemaligen Heiden mit der christlichen Reichsbevölkerung verklammerte und die politische Integration förderte.

Bibliografie

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Wolfgang Giese: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit, Wiesbaden 1979

Werner Goez: Lebensbilder aus dem Mittelalter. Die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, Darmstadt 21998

Hagen Keller: Die Ottonen, München 2001

Reinhard Schmoeckel: Bevor es Deutschland gab. Expeditionen in unsere Frühgeschichte - von den Römern bis zu den Sachsenkaisern, Bergisch Gladbach 2000