21.05.2013
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Antigua Guatemala

Liebreizende Señoritas und angehimmelte Caballeros

Von hier aus wurde einst ganz Mittelamerika regiert, herrschten spanische Gouverneure über ein Reich, das deutlich größer war als das Mutterland. Nachdem Kolumbus Amerika entdeckt hatte, dauerte es noch 35 Jahre, ehe die spanischen Eroberer im heutigen Guatemala eine Stadt mit dem würdevollen Namen »La Muy Noble y Muy Leal Ciudad de Santiago de los Caballeros« - »Die sehr vornehme und sehr treue Stadt Santiago der Ehrenmänner« - gründeten. Wenn auch in einem fruchtbaren Tal gelegen, so barg der Ort bereits den Untergang in sich, war dieses Tal doch von drei tätigen Vulkanen, vom Acatenango, Agua und Fuego, umgeben. 1541 wurde die noch junge Stadt erstmals unter den Lavamassen eines ausgebrochenen Vulkans begraben. Innerhalb von zwei Jahren baute man sie - allerdings an anderer Stelle - wieder auf. »La Antigua Goathemala« nannten die Spanier ihre prachtvolle Residenz. Doch die unruhige Erde zerstörte auch diese. Nach einem heftigen Beben - dem Sankt-Martha-Beben von 1773 - beschloss die spanische Krone, die Stadt aufzugeben und in einiger Entfernung »Nueva Guatemala«, das heutige Guatemala-Stadt, als neue Residenzstadt anzulegen.

Als Antigua Hauptstadt des Königreiches Goathemala war und sich in ihrem Rang mit Lima und Mexiko-Stadt messen konnte, ließen sich mehr als ein Dutzend religiöser Orden hier nieder, gründeten Klöster, Schulen und errichteten zahlreiche Kirchen. Die prächtige Stadtarchitektur zählte nicht weniger als 31 Sakralbauten. Das Flair einer altspanischen Kolonialstadt dringt noch immer aus jedem Haus, aus jeder Straße. Als Besucher spaziert man über Kopfsteinpflaster durch vergangene Jahrhunderte. Keine aufreizende Leuchtreklame stört den Blick. Werbeschilder fallen ungewohnt winzig aus. Es ist, als ob man das näherkommende Hufgetrappel hört - hoch zu Ross ein spanischer Edelmann. Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, wie junge Señoritas, teilweise von Liebeskummer verzehrt, durch die vergitterten Fenster ihrer Gemächer die vorbeireitenden, stolzen Caballeros schmachtend anhimmelten. Damals wie heute ist die Plaza Mayor, ein kleiner Park, geschmückt mit Bäumen und Ruhebänken, der Mittelpunkt von Antigua. Heute bieten hier indianische Händler ihre Waren an, feilschen mit Touristen um fein gearbeitete Gürtel und farbenprächtige Decken. Der Palacio de los Capitanes Generales aus dem frühen 16. Jahrhundert grenzt direkt an diesen einnehmenden Platz. Unübersehbar ist seine doppelte Arkadenreihe. Von hier aus lenkten die spanischen Gouverneure die Geschicke Mittelamerikas. Ihr politischer Einflussbereich reichte dabei vom südlichen Mexiko bis nach Nicaragua.

Für den Bau der Kathedrale - Catedral de Santiago - benötigte man mehr als ein Jahrhundert. Ihre Mauern überdauerten das schwere Erdbeben im 18. Jahrhundert nur teilweise. Auch ein weiteres Gotteshaus, die Iglesia de San Francisco aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, zeigt Spuren der unruhigen Erde. Von der ursprünglichen Kirche blieb nur noch eine Kapelle zu Ehren von Hermano Pedro, einem Mönch, der ein Armenhospital in Antigua gründete. Das beeindruckendste Bauwerk ist bis heute Nuestra Señora la Merced mit einer sehr schönen barocken Fassade. Nicht nur kirchlicher Einfluss, sondern auch die weltliche Macht ist im Zentrum der Stadt zu finden: An der nördlichen Parkseite erhebt sich das Rathaus, der Palacio del Ayuntamiento. Welche Bedeutung Antigua in der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts besaß, mag man schon allein daraus ersehen, dass hier mit der Universität San Carlos de Borromeo die drittälteste von Lateinamerika entstand. Einen Einblick in das spanische Kolonialleben, so wie es vor beinahe 450 Jahren begann, als von Antigua aus Mittelamerika regiert wurde, ermöglicht La Casa Popenoe aus dem 17. Jahrhundert, ursprünglich Sitz eines wohlhabenden spanischen Kolonialbeamten.

  1. Liebreizende Señoritas und angehimmelte Caballeros
  2. Fakten in Kürze [1]
  3. Zur Geschichte: [2]