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Rainer Werner Fassbinder (1945 – 1982)

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Der Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten
Der Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten
dpa
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Die Schauspielerin Brigitte Mira feierte in Fassbinder-Filmen ein Comeback
Die Schauspielerin Brigitte Mira feierte in Fassbinder-Filmen ein Comeback
dpa
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Hanna Schygulla, vielfach Hauptdarstellerin, gehörte zur “Fassbinder-Familie”
Hanna Schygulla, vielfach Hauptdarstellerin, gehörte zur “Fassbinder-Familie”
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Szene aus dem Film “Die Ehe der Maria Braun” (1979) mit Hanna Schygulla und Ivan Desny.
Szene aus dem Film “Die Ehe der Maria Braun” (1979) mit Hanna Schygulla und Ivan Desny.
dpa

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin ... war sein viel zitierter Wahlspruch. Man könnte diesem auch noch den Ausruf Effi Briests in seiner Fontane-Verfilmung von 1972 an die Seite stellen: “Mich ekelt, was ich getan. Aber mehr noch ekelt mich eure Tugend! Weg mit euch! Ich muss leben! Rainer Werner Fassbinder war ein maßloses Genie, ein obsessives Arbeitstier, kompromisslos seinen Mitarbeitern , nicht zuletzt aber sich selbst gegenüber. Früh hatte er sich das Ziel gesetzt, an seinem 30. Geburtstag 30 Filme gedreht zu haben. Als er 1982 mit 37 Jahren an den Folgen seiner Alkohol- und Drogenexzesse und seiner selbstzerstörerischen Arbeitswut starb, waren es weit über 40. Bis heute ist Fassbinder neben Wim Wenders der einzige Regisseur des neueren deutschen Films der internationale Ausstrahlung besitzt und vom filmischen Nachwuchs in vielen Ländern der Welt immer wieder als Vorbild und Inspirationsquelle genannt wird.

Das Scheitern der Liebe am Prinzip der Macht

Es waren zwei Filme, die ihn, wie er einmal sagte, am meisten beeinflusst haben: “Vivre sa vie (1962) von Jean-Luc Godard und “Viridiana (1961) von Luis Buñuel. In dem einen findet eine Hure bei ihren Zuhältern den Tod, im anderen entgeht eine Nonne nur knapp der Vergewaltigung durch die Armen, die sie versorgt. Sie enthalten die Haupthemen seines Lebens und seiner Arbeit: Das Interesse für die Außenseiter und Randgruppen der Gesellschaft, die Sehnsucht nach Liebe und ihr regelmäßiges Scheitern, die Utopie von einem wahren, wirklichen Leben in einem unüberwindlichen falschen, entfremdeten und die schmerzhafte Einsicht, dass auch die intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen nach den Regeln von Herrschaft und Macht funktionieren.

Erneuerer des deutschen Kinos

Der Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten

Der Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten

Fassbinder, am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen geboren, war zunächst das “Wunderkind des Neuen Deutschen Films, später das Enfant terrible im bundesrepublikanischen Kulturbetrieb. Man denke nur an den Skandal um sein angeblich antisemitisches Theaterstück “Der Müll, die Stadt und der Tod (1976) oder an die Kampagnen gegen den Schmuddelsex in “Berlin Alexanderplatz (1980).

Als Autodidakt, der zweimal an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin abgelehnt wurde, markierte er den Beginn einer neuen Epoche im deutschen Kino durch seinen Bruch mit den Formen des klassischen Erzählkinos und die radikal subjektive Aneignung seiner Stoffe: “Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus. (Fassbinder)

Wenn die Seele blutet

Leben und Kunst sind bei Fassbinder schwer zu trennen. Legendär seine Episode in der Gemeinschaftsproduktion “Deutschland im Herbst (1978), wo er die eigene Mutter zu der Aussage treibt, dass bei all dem RAF-Terror nur ein autoritärer, guter Herrscher helfen könne, und sie in diesem Moment wegschneidet, oder seinen damaligen Partner Armin Meier in Wutausbrüchen erniedrigt.

Die Schauspielerin Brigitte Mira feierte in Fassbinder-Filmen ein Comeback

Die Schauspielerin Brigitte Mira feierte in Fassbinder-Filmen ein Comeback

Sprichwörtlich sind auch die Psychotricks, mit denen er seine Schauspieler dazu brachte, ihr Innerstes preiszugeben. Karl-Heinz Böhm, den Fassbinder wie andere Vertreter von Opas Kino etwa Brigitte Mira oder Ivan Desny für die Leinwand wieder entdeckte, erzählte einmal vom so genannten Wahrheitsspiel. Hier mussten sich alle an einer Produktion Beteiligten im Kreis hinsetzen und sich ihre Schwächen und gegenseitigen Sympathien und Antipathien eingestehen. Fassbinder liebte es, wenn solche Sitzungen eskalierten und in Selbstentblößungen und wechselseitigen Zerfleischungen endeten. Für ihn war erst dann die angemessene emotionale Spannung für eine Spielszene erreicht, wenn die Seele blutete.

Bei den Dreharbeiten zur Western-Groteske “Whity (1971) zwang er Kathrin Schaake, in unzähligen Takes auf Uli Lommel einzuprügeln. Er spielte einen Behinderten, sie seine Stiefmutter. Das Brisante daran war nicht nur, dass die beiden im wirklichen Leben ein Paar waren, sondern dass Fassbinder auf diese Weise versuchte, den wenig gelittenen Lommel aus der Gruppe zu mobben und so einen Konflikt für die Kamera nutzbar zu machen. Die Kunst musste reüssieren, und sei es auf Kosten der Gesundheit oder einer Partnerschaft.

Despot im Kollektiv

Hanna Schygulla, vielfach Hauptdarstellerin, gehörte zur “Fassbinder-Familie”

Hanna Schygulla, vielfach Hauptdarstellerin, gehörte zur “Fassbinder-Familie”

“Katzelmacher, nach “Liebe ist kälter als der Tod (1968) sein zweiter Langfilm, war mit seinen sieben nationalen Preisen 1969 für Fassbinder der Durchbruch. Es ist das Porträt einer Gruppe junger Vorortbewohner, welche die Zeit totschlagen und sich über die Liebe der Maria (Hanna Schygulla) zu einem griechischen Gastarbeiter (Fassbinder) erregen. Ihre Gespräche drehen sich im Kreis, man tauscht Klatsch und Tratsch, Gehässigkeiten und heuchlerische Freundlichkeiten aus und schläft miteinander, auch gegen Geld: schon in ihrer Jugend resignierte Nachkommen des deutschen Kleinbürgertums. Nicht nur deswegen sorgte der Film in dieser Zeit für Furore, es war auch die Kargheit und Sprödigkeit seiner ästhetischen Mittel die statische Kamera und die bruckstückhafte Szenenanordnung , welche die damaligen Sehgewohnheiten irritierte.

Mit “Katzelmacher entwickelte Fassbinder das Projekt, mit einer Gruppe gut aufeinander eingespielter Schauspieler und Techniker schnell hintereinander Filme mit geringem Budget zu produzieren und zu drehen: “Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird. Das Kollektiv, zu dessen festem Bestand vor allem Hanna Schygulla, Irm Hermann, Hans Hirschmüller, Kurt Raab und Peer Raben, später auch Ingrid Caven und Margit Carstensen gehörten, stammte zu großen Teilen noch aus Fassbinders Theaterzeit zwischen 1967 und 1969, als er Kopf jener Münchner Avantgarde-Truppe war, die sich erst action-theater, dann antitheater nannte.

Dass dieses Ensemble mit dem autoritären Egomanen Fassbinder an der Spitze schwere Krisen durchmachte, zeigte nicht zuletzt der Film “Warnung vor einer heiligen Nutte (1971). Darin wartet ein Filmteam auf den Regisseur, den Star, das Geld der staatlichen Filmförderung und das Filmmaterial. Als alles eintrifft, bricht das Chaos los. Es wird gegen Regieanweisungen revoltiert, sich gegenseitig beargwöhnende Grüppchen bilden sich, Affären treten ans Licht, ein wilder Reigen von Abhängigkeitsverhältnissen und Machtspielen irgendwann wird der Star brutal zusammengeschlagen. Nicht nur das Filmemachen an sich wird hier einer desillusionierenden Kritik unterzogen, sondern auch der Traum vom harmonisch-produktiven Künstlerkollektiv schon früh ad absurdum geführt.

Wege zum großen Publikum

Szene aus dem Film “Die Ehe der Maria Braun” (1979) mit Hanna Schygulla und Ivan Desny.

Szene aus dem Film “Die Ehe der Maria Braun” (1979) mit Hanna Schygulla und Ivan Desny.

Seit Anfang der siebziger Jahre suchte Fassbinder Wege zum großen Publikum, sowohl im Kino als auch über das Massenmedium Fernsehen. Den entscheidenden Wendepunkt, die Abkehr von den Filmen “nur für mich und meine Freunde, markierte “Händler der vier Jahreszeiten (1972), der erste Film des jungen deutschen Autorenkinos über die Adenauer-Ära und der Beginn von Fassbinders “Geschichtsschreibung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer fatalen Vorgeschichte.

“Händler der vier Jahreszeiten, ein Film über einen sich zu Tode saufenden Obsthändler, war auch der Beginn von Fassbinders Hinwendung zum Melodram. Aufwendige, mit großem Budget finanzierte Produktionen wie “Die Ehe der Maria Braun (1979), “Lola (1981) oder “Lili Marleen (1981) folgten, die aber bei allem äußerem Glamuor präzise gesellschaftkritische Psychogramme, in den ersten beiden Fällen, des Deutschlands der fünfziger Jahre, im letzteren Hitler-Deutschlands waren.

Auch im Fernsehen fand Fassbinder eine bedeutende Plattform öffentlicher Wirkung. Das agitatorische Revolutionsspektakel Die Niklashauser Fahrt (1970) war seine erste Zusammenarbeit mit dem WDR, der in der Folgezeit, trotz mancher Querelen, einer seiner wichtigsten Produktionspartner auch bei Kinoproduktionen blieb. 1972 produzierte der WDR die Fernsehserie Acht Stunden sind kein Tag, die allerdings nach fünf Folgen abgesetzt wurde. 1973 folgte der zweiteilige Fernsehfilm Welt am Draht und 1974 die TV-Show “Wie ein Vogel auf dem Draht mit Brigitte Mira und Evelyn Künneke.

Seinen radikalsten und persönlichsten Film, vielleicht der eindrücklichste, den er je gemacht hat, finanzierte Fassbinder jedoch über seine eigene Produktionsgesellschaft Tango-Film: “In einem Jahr mit 13 Monden (1978), ein Requiem auf seinen Freund Armin Meier, der sich im selben Jahr umgebracht hatte. Der Film erzählt die Geschichte von Elvira, die als Erwin aufgewachsen ist, in einer Schlachterei gearbeitet und die Tochter des Metzgers geheiratet hat. Als er sich in einen Mann verliebt, unterzieht er sich aus Liebe einer Geschlechtsumwandlung, wird aber vom Geliebten nur verlacht und später verlassen. “In einem Jahr mit 13 Monden beschreibt die Erfahrung, die Fassbinder Zeit seines Lebens umtrieb: Dass Liebe Abhängigkeiten schafft und derjenige, der mehr liebt, stets der Unterlegene ist. An einer Wand in der Wohnung, in der sich Elviras Schicksal erfüllt, steht “Wer liebt, ist ans Kreuz genagelt, von Fassbinder eigenhändig dorthin geschrieben.

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