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Real Madrid - ein Fußballmythos wird 100 Jahre alt

12 000 Pokale im Vereinsmuseum

Ein Mythos wird 100 Jahre alt: Real Madrid. Ein Verein, der stets die besten Spieler der Welt wie Alfredo Di Stefano, Francisco "Paco" Gento, Emilio Butrageño, Hugo Sánchez und Raúl. Heute zählen Roberto Carlos, Luis Figo und Zinedine Zidane dazu. Im vergangenen Jahrhundert hat Real mehr als 12.000 Pokale gesammelt, die Abteilungen Basketball, Tennis oder Wasserball eingerechnet. Auch sonst ist der spanische Rekordmeister immer für einen Superlativ gut: Der Portugiese Luis Figo wechselte 2000 für eine Weltrekordsumme von 118 Millionen Mark vom ewigen Rivalen FC Barcelona zu Real. Eine Summe, die vor allem eines zeigt: In Madrid kennt die Fußballbegeisterung keine Grenzen.

Feiern wie die Könige

Weil die "Königlichen" auch im Feiern einsame Spitze sind, haben die Festlichkeiten längst vor dem offiziellen Geburtstag am 6. März begonnen: mit einer Art Staatsempfang beim spanischen König Juan Carlos. Dies war der Anstoß zu einer beispiellosen Party-Serie mit Konzerten und Ausstellungen. Ein "Real-Museum" auf Schienen fährt durchs Land und besucht 46 spanische Städte. Für eine Fiesta am 6. März hat das Präsidium einen ganzen Vergnügungspark gemietet. Und im Dezember spielen die Stars von Real gegen eine Weltauswahl: Beim Weltfußballverband Fifa haben die “Königlichen“ durchgesetzt, dass an diesem Tag kein anderes Fußballspiel stattfinden darf. Der Star-Tenor Placido Domingo wird eine "Jahrhundert-Hymne" auf Real Madrid vortragen - königlicher kann man eine Geburtstagsfeier nicht inszenieren.

Kicken neben der Stierkampfarena

Als der "Madrid Futbol Club" am 6. März 1902 gegründet wurde, war Spanien ein landwirtschaftlich geprägtes, verarmtes Land mit einer glorreichen kolonialen Vergangenheit. Der erste Fußballplatz des Clubs lag zwischen einer Rennbahn und einer Stierkampfarena - keine schlechte Umgebung für die Matadoren auf dem grünen Rasen. Der erste Trainer der Mannschaft war ein Engländer namens Arthur Johnson. Er legte den Grundstein für die frühen Erfolge: Zwischen 1904 und 1908 gewann Madrid vier Mal den spanischen Pokal. Die erste internationale Partie gegen Sport de Paris am 23. Oktober 1905 endete mit einem torlosen Unentschieden. Zehn Jahre nach Vereinsgründung gab es in Madrid ein Novum: Der Verein bekam das erste Station in Spanien, das mit einem Zaun begrenzt wurde. Der Ehrentitel “königlich“ wurde dem Club übrigens 1920 von Spaniens König Alfonso XIII. verliehen. Seitdem tragen die Spieler auf ihren Trikots eine Königskrone - das Markenzeichen der Erfolgsverwöhnten.

Das goldene Zeitalter des Santiago Bernabéu

Als die Spieler noch in halblangen Kniehosen antraten, debütierte ein 17-jähriger Stürmer, der viele Jahrzehnte lang das Geschick der “Königlichen“ lenken sollte: Santiago Bernabéu. Er war kein überragender Fußballer, doch er wurde der wichtigste Vereinspräsident in der 100-jährigen Geschichte von Real. Ende der zwanziger Jahre beendete Bernabéu seine aktive Karriere und wurde Vereinsfunktionär. Seine erste Großtat war die Verpflichtung des damals besten europäischen Torhüters Ricardo Zamora, der 1930 von Espanyol Barcelona kam. Der Transfer kostete umgerechnet 900 Euro - für damalige Verhältnisse eine spektakuläre Summe. 1931 gewann der Verein seine erste Meisterschaft, ohne ein Spiel verloren zu haben. Im nationalen Vergleich war Real nun eine feste Größe.

Die Sportstadt Chamartin

1943 wurde Bernabéu, der heimliche Chef, offiziell Präsident - ein Amt, das er 35 Jahre ausüben sollte. “Don Santi“, wie ihn die Madrilenen liebevoll nannten, kaufte für den Club ein vierzehn Hektar großes Grundstück im Stadtteil Chamartin. Dort entstanden Tennisplätze, Basketballhallen und Leichtathletikstätten. Bernabéu hatte aber vor allem die Vision, eine riesige Fußballarena zu bauen. Im Dezember 1947 war das damals 80 000 Zuschauer fassende Stadion fertig. Auch heute zählt das mittlerweile zehnstöckige “Bernabéu-Stadion“ zu den schönsten der Welt.

Alfredo Di Stefano - “der blonde Pfeil

Seinen größten Coups landete Bernabéu, als er 1953 nach längerem Tauziehen mit dem Rivalen Barcelona den argentinischen Spieler Alfredo Di Stefano verpflichtete. Bereits im ersten Spiel gegen Barcelona schoss der Mann aus Buenos Aires vier Treffer; Real schaffte mit 5:0 einen historischen Triumph gegen den ewigen Konkurrenten Barcelona. Insgesamt gewann Real Madrid mit Di Stefano, der seit 1956 gemeinsam mit dem Ungarn Ferenc Puskas und dem Franzosen Raymond Kopa brillierte, acht spanische Meisterschaften. Fünf Mal in Folge, von 1956 bis 1960 gewannen die “Königlichen“ den Europapokal der Landesmeister. Di Stefano erzielte in seiner Zeit für Real 405 Tore. Nach einem Streit mit Bernabéu trat der “blonde Pfeil“ 1964 zurück. Heute mischt er wieder mit im Verein - als Ehrenvorsitzender. Und manchmal grantelt er beim Kartenspiel mit Freunden, dass der Fußball auch nicht mehr das ist, was er einmal war: ein Spiel, und nicht in erster Linie ein Geschäft.

“Was ist es Ihnen wert, bei Real zu spielen?“

Nach den Triumphen der sechziger Jahre musste der Club im folgenden Jahrzehnt international eine Durstrecke durchmachen. In Spanien aber blieb Real aber eine Macht - fünf Meisterschaften und fünf Pokalsiege errangen die Männer in ihren traditionell weißen Trikots. Zu den Stars zählten auch vier deutsche Legionäre: die Mittelfeldspieler Günther Netzer und Paul Breitner, später der Libero Uli Stielike und für kurze Zeit auch Bernd Schuster. Welchen Respekt damals der große Strippenzieher Santiago Bernabéu einflößte, hat Günther Netzer einmal anschaulich erzählt: “Ich saß mit ihm zusammen und sollte den Vertrag unterzeichnen. Aber es gab ein Missverständnis. Bernabéu wurde wütend und wollte mich fast rausschmeißen. Dann hat er zu mir einen Satz gesagt, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: Was ist es Ihnen wert, bei Real zu spielen? Ich war dermaßen erschrocken, dass ich gleich 50.000 Mark weniger pro Jahr verlangte.“ Netzer spielte dann von 1973 bis 1976 in Madrid. “Dieses weiße Trikot war so schön wie kein anderes“, sagt er heute.

Butrageño - der “Geier“

In den achtziger Jahren war es besonders Emilio Butrageño, der das Spiel von Real Madrid prägte. Gemeinsam mit dem Mexikaner Hugo Sánchez und Jorge Valdano regierte der “Geier“, wie er wegen seiner Torgefährlichkeit genannt wurde. Real gewann weitere fünf spanische Meisterschaften und 1985 und 1986 den UEFA-Pokal. Trotz dieser Erfolge verlangten die Fans immer neue Bestleistungen und vor allem Kabinettstückchen auf dem Rasen. Doch gerade jetzt begann Real zu schwächeln. Javier Marías, der spanische Bestseller-Autor und bekennende Fußball-Verrückte, hat das Phänomen folgendermaßen beschrieben: “Der Sieg von gestern ist angesichts der Niederlage von heute bedeutungslos, die ihrerseits nach einem morgigen Sieg vergessen sein wird.“ Fußball bei Real Madrid, das muss immer auch Fußballtheater sein. Gewinnen allein reicht den Madrilenen nicht; der Sieg muss glanzvoll sein.

Neun Trainer in zehn Jahren & eine große Krise

In den neunziger Jahren stürzte Real Madrid in die bisher tiefste Krise der Vereinsgeschichte. Es war die Dekade des FC Barcelona, der die Liga dominierte. Der Renommierclub Real verschliss insgesamt neun Trainer, darunter auch Jupp Heynckes. Der ehemalige FC-Bayern-Coach musste gehen, obwohl Madrid im Mai 1998 noch einmal die Champions League gewinnen konnte. Heynckes war den Spaniern nicht geheuer, weil er zu sehr auf taktische Disziplin setzte. Der Verein war nun zeitweise so hoch verschuldet, dass der Kollaps drohte. 275 Millionen Euro Minus - doch Fans und Clubführung gaben nicht auf. Die ganze Fußballwelt lachte, als in Madrid beim Champions-League-Spiel 1998 das Tor zusammenkrachte. Es dauerte anderthalb Stunden, bis ein Ersatztor gefunden war.

Neue Rekordsummen

Aufsehen in der Sportpresse hat Real immer wieder durch rekordverdächtige Spielertransfers erregt. Für 66 Millionen Mark wurde etwa der Franzose Anelka verpflichtet, ein 20-jähriges Wunderkind aus Frankreich. Doch die hohen Erwartungen konnte er nicht erfüllen. Beständiger spielte der Madrilene Raúl González Blanco, den seine Fans Raúl Madrid tauften. Im Mai 2000 schafften Raúl, Roberto Carlos und Co. einen weiteren Triumph in der Königsklasse des europäischen Fußballs, der Champions League.

Kampf gegen den Schuldenberg

Im Sommer 2000 kündigte der neue Vereinspräsident Florentino Pérez an, den hoch verschuldeten Verein binnen eines Jahres zu sanieren - und das trotz der 118 Millionen Mark, die Real für den Kauf des Portugiesen Luis Figo bezahlte. Dem Vereinsboss und seinem Marketingchef José Angel Sánchez gelang das Kunststück, schwarze Zahlen zumindest in Sichtweite zu bringen. Die beiden kauften Imagerechte der Stars zurück, bauten das Internet-Geschäft aus und verkauften wertvolle Immobilien im Stadtteil Chamartin. Der Mythos Real lebt - und der Konkurs ist abgewendet. Die Fußballsaison 2001/2002 im Jubiläumsjahr begann allerdings wenig verheißungsvoll. Die “Königlichen“ fanden sich sogar einmal auf Tabellenrang 15 wieder, trotz der kostspieligen Verpflichtung des französischen Weltmeisters Zinedine Zidane. Für ihn soll Real sogar 153 Millionen Mark ausgegeben haben. Doch wie erklärte der erst 34-jährige Marketing-Chef Sánchez? “In Spanien hat Fußball mit grenzenloser Leidenschaft zu tun und weniger mit dem Verstand.“ Die 65 000 Vereinsmitglieder sehen das auch so - genau wie die schätzungsweise 80 Millionen Aficionados in aller Welt. Real-Madrid-Fans sind eben unverbesserlich.

Bibliografie

Javier Marías, Alle unsere früheren Schlachten. Fußball-Stücke, Klett-Cotta, 200

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