Die Verwirrung ist groß, keiner weiß mehr, wie man was schreibt. Das ist nicht schön, schlimmer aber scheint, dass sich die Tendenz zur individuellen Schreibweise durchzusetzen scheint. Es bleibt zu hoffen, dass diese Situation nun ein Ende findet, nachdem man sich auf ein abschließendes Reformregelwerk geeinigt hat. Schließlich war es ein langer und steiniger Weg bis zu einer einheitlichen Schreibweise im Deutschen, die alles andere als nutzlos ist.
Warum Rechtschreibung?
Warum brauchen wir eine einheitliche Schriftform, wenn sie doch so viele Probleme bereitet? In erster Linie dient die Rechtschreibung dem besseren Verständnis und erleichtert das Lesen. Meistens lesen wir ein Wort nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern erfassen das Schriftbild als Ganzes. Würde die Schreibung beständig wechseln, müssten wir jedes Wort neu "lernen" und ein schnelles Lesen wäre nur noch sehr eingeschränkt möglich. Auch beim Schreiben müssen wir uns nicht immer überlegen, wie wir ein Wort darstellen, sondern greifen beständig auf einmal Gelerntes zurück.
Auch die vielen Satzzeichen – insbesondere die Kommata– sollen das Lesen erleichtern und nicht das Schreiben verkomplizieren. Doch warum fällt es selbst geübten Schreibern schwer, ihre Gedanken in die richtige schriftliche Form zubringen? Die Antwort liegt in der Geschichte der deutschenSchrift.
Kleine Geschichte der deutschen Schrift
Mit der Herrschaft Karls des Großen (800 n. Chr.) begannen die Versuche, das Lateinische als Schriftsprache durch die Landessprache abzulösen. Das Alphabet war jedoch keine Erfindung speziell für die deutsche Sprache. Vielmehr übernahm man das System der Lautzuordnung aus dem Lateinischen und bemühte sich, für die deutschen Laute lateinische Entsprechungen zu finden.
Aber das lateinische Alphabet bot nicht für alle deutschen Laute eine Möglichkeit der schriftlichen Wiedergabe. Wie sollte man z.B. den kurzen Vokal in "ich hasse" vom langen in "der Hase" unterscheiden?
Wodurch sollte man das Substantiv "Schlaf" vom Befehl "schlaf!" trennen? Und was war mit den Umlauten "ö", "ä", "ü"?
Für all diese und noch weitere Fragestellungen fanden sich im Laufe der Schriftentwicklung verschiedene Lösungen. Die Entwicklung wurde aber nie zentral gelenkt und so waren schon bald verschiedene Schreibungen die Regel.
Schreibregeln
Grundsätzlich galten für die deutsche Schrift zwei Möglichkeiten. Die älteste Regel war "Schreibe, wie du sprichst", mit ihrem bedeutendsten Vertreter Johann Christoph Adelung.
Diese Schreibung nach der Aussprache wurde bereits im Alt- und Mittelhochdeutschen praktiziert. Hier galten regionale Vereinbarungen einzelner Schreibstuben oder Druckereien. Problematisch an einer solchen Rechtschreibung sind dabei die deutschen Dialekte. So schrieb etwa Luther getreu seiner Aussprache "Bapst", was für Sprecher anderer Dialekte wohl bis heute schwer lesbar ist. Der größte Streitpunkt war deshalb auch die Frage nach der "richtigen" Schriftsprache. Sollte eine künstliche "Literatursprache" oder ein bestimmter Dialekt Vorbild für die richtige Schreibung sein? Da Deutschland bis 1871 politisch in viele Einzelstaaten gegliedert war, blieb die Frage ungelöst. So galten als Folge der unterschiedlichen Dialekte und einer fehlenden Einheitlichkeit der Schulbildung bald regional unterschiedliche Rechtschreibregeln.
Die zweite Möglichkeit der Festlegung einer Schriftform war der Rückgriff auf sprachgeschichtliche Logiken. Der konsequenteste Versuch einer sprachgeschichtlichen Schreibung war das "Deutsche Wörterbuch" von Jacob und Wilhelm Grimm. Die Bedeutung des Wörterbuchs lag nicht nur in der Erstellung einer dialekt-unabhängigen Schrift, sondern auch in der Entwicklung einer deutschen Hochsprache. Das Streben nach einer Einheit Deutschlands im sprachlichen Bereich deckte sich mit den seit Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkten Forderungen nach einer politischen Einheit.
Trotzdem kam es nach der Reichsgründung sprachlich zunächst nur zu wenigen Neuregelungen und Vereinheitlichungen. So wurden etwa einige Schreibungen wie die reduzierte Verwendung von "th" oder von "-ieren" statt - "iren" in Bayern, Preußen und Österreich festgelegt. Eine Regelung für den gesamten deutschen Sprachraum (inklusive der Schweiz) lag jedoch noch in weiter Ferne.
Die Berliner Konferenz
Erst vor etwas mehr als hundert Jahren, im Jahr 1901, kamen die Vertreter der deutschen Länder, ein Kommissar Österreichs und verschiedene andere Personen zusammen, um eine einheitliche deutsche Orthografie zu schaffen. Man hoffte endgültig die unterschiedlichen Schreibungen im deutschen Sprachraum zu beenden. Es sollte keine individuelle Rechtschreibung einzelner Verlage oder Schulgrammatiken mehr geben. Dies war von einschneidender Bedeutung, gerade wenn man die bis heute geltende Kultushoheit der einzelnen deutschen Staaten und die Zusammenarbeit mit Österreich und der Schweiz berücksichtigt.
Grundlage für die auf der Konferenz beschlossenen Neuerungen war die preußische Schulorthografie, die inhaltlich zwar wenig Neues brachte, jedoch in ihren Reformen einigen Schreibern der damaligen Zeit bereits zu weit ging. So wurde das "h" nach einem "t" in einigen deutschen Wörtern endgültig getilgt ("tun" für "thun", "Tier" für "Thier" etc.) und Fremdwörter sollten dem deutschen Gebrauch auch orthographisch angepasst werden. Daneben gab es noch Regelungen für die Verwendung von "c", die Trennung von "pf" und "dt" und den Ausschluss der Trennung von "st". Aber bei Fremdwörtern wie "Thron" blieb es bei der alten Schreibweise.
Auch wenn heute keiner mehr diese Regelungen anzweifelt war dies eher eine Vereinfachung in Teilbereichen als eine systematische Strategie zur Integration von Fremdwörtern. So wurde Philosophie nie eingedeutscht, Casino wurde auch weiterhin mit "C" geschrieben, ebenso wie sich das "th" in den Fremdwörtern halten konnte – schließlich gehen wir auch heute noch ins Theater und diskutieren über unterschiedliche Themen.
Die Rechtschreibreform
1996 war es dann wieder so weit. Eine weitere deutsche Rechtschreibreform wurde beschlossen, die die bis dahin geltende Regelung von 1901 ablöste und 1998 in Kraft trat. Bis zu diesem Zeitpunkt galt der Duden als einziges verbindliches Nachschlagewerk in sprachlichen Zweifelsfällen. Diese neue Rechtschreibreform brachte neben neuen Schreibungen also auch eine Gleichberechtigung der unterschiedlichen Wörterbücher. Regeln und Schreibungen wurden nicht mehr durch den Duden festgelegt, sondern von einem halbstaatlichen Gremium, der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung mit Sitz am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim geregelt. Damit war der wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Verlagen eingeleitet und die Kunden konnten sich ab sofort zwischen mehreren Wörterbüchern, die die amtlichen Regeln korrekt umsetzten, entscheiden.
Die anfangs geäußerte Kritik an zahlreichen Unterschieden in den Schreibungen der einzelnen Wörterbücher gilt dabei heute als überholt. Oft waren mehrere Schreibungen zulässig und wirkliche Auslegungsfehler sind inzwischen aus den einschlägigen Wörterbüchern gewichen. Die Umsetzung der Reform hat sich allerdings als schwieriger erwiesen, als man sich das wünschte. Immer wieder wurde der Start der Reformschreibung verschoben, Änderungen eingefordert und Beschlossenes wieder umgeworfen. Am 1.8.2006 ist es aber nun soweit, dass landesweit eine einheitliche Rechtschreibung verabschiedet und verbindlich wird. Aber damit ist die Sprachentwicklung natürlich nicht zu einem Stillstand verdammt, schließlich handelt es sich um ein lebendiges Konstrukt, das sich immer wieder neuen Realitäten anpasst.







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