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Redewendung des Tages

Lügen wie gedruckt

Von Lettern und Lügen

Auf Papier lässt es sich herrlich die Unwahrheit sagen, denn es fehlen verräterische Mimik und Körperhaltung.

Papier ist bekanntlich geduldig und wer bislang nur die mündliche Weitergabe von Informationen kannte, beäugt das schriftlich fixierte Wort etwas misstrauisch. So muss es den Menschen im 15. Jahrhundert gegangen sein, nachdem Johannes Gutenberg um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hatte. Anstelle einer realen Person sollten sie nun einem Blatt Papier Glauben schenken?

Tatsächlich ist das Misstrauen in Druckerzeugnisse nicht unbegründet, denn das geschriebene Wort ist anfällig für Propaganda und Fälschung. Bei der mündlichen Übergabe von Informationen verraten sich die meisten Lügner ungewollt durch falsche Mimik, übermäßig viele Sprechpausen oder indem sie sich auf Nachfrage in Widersprüche verstricken. Zum überzeugenden Lügen benötigt eine Person schauspielerisches Können, ein gutes Gedächtnis und Improvisationstalent – eine Unwahrheit zu Papier zu bringen, ist ungleich einfacher, im Vergleich geradezu trivial.

Zur Entstehung der Redewendung trug jedoch sicher auch bei, dass die technische Errungenschaft des Buchdrucks beim Aufkommen der Reformation sogleich eingesetzt wurde. Die Anhänger der Reformation beziehungsweise der katholischen Kirche betrachtete die jeweils andere Seite als irrgläubig, diese "log" daher in Druckform. Durch die Festlegung auf Papier wurde die "Unwahrheit" sogar noch verstärkt.

Daher verwenden wir die Redewendung "der lügt ja wie gedruckt", wenn jemand nicht nur eine kleine Notlüge erzählt hat, sondern offensichtlich schwindelt, dass sich die Balken biegen.

Erst im Lauf der Zeit änderte sich die Einstellung zum gedruckten Wort: Heute ist etwas, das man "schwarz auf weiß" besitzt, eine recht verlässliche Sache. Schließlich lässt es sich auch später noch belegen, anders als das gesprochene Wort, das vergänglich wie Schall und Rauch ist.
 

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