Peinlich, peinlich: Wenn der Kellner beim Abkassieren fein die Augenbrauen hochzieht, dabei eisig schweigt und sich mit seinen Kollegen durch Blicke verständigt, ist dem Touristen womöglich gerade ein Trinkgeld-Faux-pas unterlaufen. Die angemessene Höhe des Trinkgeldes ist fast schon eine philosophische Frage. Wo liegt die goldene Mitte zwischen Knausrigkeit und peinlichem Auftrumpfen? In jedem Fall spielen kulturelle Gepflogenheiten eine entscheidende Rolle: Je nachdem in welchem Winkel der Erde man sich gerade aufhält, fällt die Antwort anders aus.
Wo Trinkgeld eine Beleidigung sein kann
Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man sich mit der nett gemeinten Geste des Trinkgeld-Gebens in Asien, speziell in China, handfesten Ärger einhandeln. In einem Restaurant das Restgeld wieder über den Tisch zu schieben, wurde als grobe Beleidigung ausgelegt, die mitunter den Zorn des Wirts nach sich ziehen konnte. Aber die Zeiten ändern sich und in jenen Teilen Chinas, in denen halbwegs regelmäßig Touristen auftauchen, wird kaum noch jemand ein Trinkgeld empört zurückweisen, wie noch vor einigen Jahren üblich.
Das gilt in noch größerem Maß für das übrige Südostasien, wo manche Staaten mittlerweile auf den Fremdenverkehr angewiesen sind. In Thailand etwa wird zwar eigentlich kein Trinkgeld erwartet, aber in großen Hotels sind zehn Prozent längst üblich. Andererseits ist beispielsweise dem Personal auf dem Flughafen von Singapur das Entgegennehmen einer finanziellen Anerkennung gesetzlich untersagt. Es gibt auch innerhalb eines Landes von Region zu Region unterschiedliche Auffassungen, die von Erwartung bis Unverständnis reichen. Man sollte sich also vorher genau kundig machen, um niemandem zu nahe zu treten.
Wo man kann, aber nicht muss...
Urlauber in den skandinavischen Ländern müssen sich über das Trinkgeld nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen. Der Service ist im Preis bereits eingerechnet, aber wer in Schweden oder Norwegen die Rechnung ein wenig aufrundet, wird sicher ein freundliches Lächeln ernten. Auch in Dänemark ist die Rechnung inklusive Bedienung, eine kleine Anerkennung bei gutem Service ist aber willkommen. In Israel ist der Service ebenfalls inklusive, aber wer Trinkgeld gibt, sollte zehn bis fünfzehn Prozent einrechnen. Taxifahrer erwarten dort aber keine Extra-Summe.
Im mittleren und südlichen Afrika ist das Trinkgeld keine Selbstverständlichkeit, freilich haben aber auch dort die Menschen begriffen, dass die bleichen Fremden gerne etwas mehr geben als verlangt. Vor allem Touristenführer und Fahrer gehen bereits davon aus, etwas zugesteckt zu bekommen. In manchen Hotels steht eine “Tip-Box” an der Rezeption, in die man etwas einwerfen kann. Das Geld wird dann unter dem Personal verteilt. Gepäckträger werden in aller Regel direkt bedacht. In einigen Touristen-Hochburgen belauern mitunter Kinder die Hotels, weil sie sich kleine Geschenke erhoffen. Ein paar Bonbons oder Münzen bei der Hand zu haben, erspart einem von einer johlenden Horde eskortiert zu werden.
Wo Trinkgeld erwartet wird
Im Grunde wird in den meisten Ländern, die von Fremden bereist werden, Trinkgeld erwartet. Auch im Osten Europas, der so etwas in kommunistischen Zeiten kaum kannte, hat man sich schnell umgestellt. In Tschechien, Ungarn oder Polen sind etwa zehn Prozent ein Maßstab, an den man sich halten kann. In den klassischen Fremdenverkehrshochburgen sind zehn bis fünfzehn Prozent üblich – und werden durchaus erwartet.
Wer sich in Spanien auf den Cent genau herausgeben lässt, darf mit einem Dolch-Blick des Kellners rechnen. Wer nach Portugal reist, sollte beachten, dass portugiesische Bedienungen mit zweierlei Maß messen. Einheimische geben nicht allzuviel Trinkgeld, aber bei Touristen wird großzügige Aufrundung vorausgesetzt. Das gilt auch für Griechenland und die Türkei.
In Italien konnte man früher in den Cafés immer schön auf Tausend aufrunden, aber mit dem Euro ist diese elegante Lösung in weite Ferne gerückt. Mit zehn Prozent kann man aber wenig falsch machen. Zimmermädchen werden meist mit einem Euro pro Tag bedacht und in feineren Lokalen wird auch ein feines Trinkgeld erwartet.
In Großbritannien und Irland gehen die Bedienungen von zehn bis fünfzehn Prozent aus – je nachdem wie nobel das Restaurant ist. In Pubs freilich, in denen an der Theke gezahlt wird, fällt man mit Trinkgeld eher unangenehm auf.
Wer sich wundert, woher der Wohlstand der Schweizer rührt, hat dort vermutlich nie seine Ferien verbracht. Hier wird – überspitzt formuliert – für jeden Gruß ein Trinkgeld erwartet, und das nicht zu knapp. Ein Zimmermädchen wird in der Regel mit ein bis zwei Franken pro verbrachtem Tag bedacht. Bei zwei Wochen kommt da schnell ein nettes Sümmchen zusammen.
Wo man vom Trinkgeld lebt...
In den USA ist das “tip” aufgrund der niedrigen Grundlöhne für die Angestellten im Dienstleistungsbereich ein fest eingeplanter Bestandteil ihres Lebensunterhaltes. 15 Prozent Trinkgeld zu geben ist selbstverständlich. In vornehmeren Hotels und Gaststätten kann es auch mehr sein. Die Regeln sind einfach: für gutes Trinkgeld gibt es guten Service. Für jede Handreichung ist ein Dollar fällig, etwa bei Kofferträgern oder anderen Hotelangestellten.
In den nordafrikanischen Mittelmeerstaaten ist das Personal für großzügiges Trinkgeld dankbar. Genau wie in der Dominikanischen Republik, Jamaika, den Malediven oder Mexiko sind die Löhne auch dort so niedrig, dass die Menschen auf das Trinkgeld angewiesen sind. Wer dort also billig urlaubt, sollte bei den Bedienungen und Zimmermädchen nicht knausern. In Nordafrika ist es übrigens üblich, kleine Gefälligkeiten sofort mit ein wenig Kleingeld zu belohnen. Das muss nicht viel sein, es zählt auch die Geste. Also ist es ratsam, immer ein paar Münzen der Landeswährung parat zu haben.
Kleines Glossar: von Bakschisch bis Borravolo
“Tip” (englisch)
“Propina” (spanisch)
“Spropitne” (Tschechisch)
“Pourboire” (französisch)
“Pjorfe” (Isländisch)
“Drikkepenge” (in Variationen in allen skandinavischen Ländern)
“Borravalo” (ungarisch)
“Bakschisch” (arabisch, wird in ganz Nordafrika, der Türkei und den Balkanstaaten so genannt)
“Napitnina” (Slowenisch)
“Sdatschi ni nada” (russische Redewendung, in etwa: “Stimmt so”)
“Napojnica” (in Kroatien, Bosnien, Serbien und Montenegro)









0 Kommentare