Jahrzehntelang war Riga für westliche Besucher Terra Incognita – lag es doch als Hauptstadt einer Sowjetrepublik weit hinter dem Eisernen Vorhang. Dabei hat die lettische Hauptstadt in jeder Hinsicht viel zu bieten: von einem gut erhaltenen historischen Zentrum bis zu feinsandigen Ostseestränden direkt vor ihren Toren.
Weltkulturerbe und Freiheit ganz weiblich

Die Altstadt von Riga gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Sehenswert: Die im 13. Jahrhundert erbaute Peterskirche mit ihrem 140 Meter hohen Turm, das Neue Gildenhaus von 1854, in dem sich der alte Gildensaal aus dem 13. Jahrhundert befindet, sowie der Dom, heute Museum und Konzerthalle.
Geteilt wird die Stadt von den trägen Wassern der Daugava, die eine 600 Meter breite Schneise durch Riga schlägt. Unweit der Ufer finden sich mit Theater, Nationalgalerie und Jakobi-Kathedrale die Preziosen, eingerahmt von großflächigen Grünanlagen, die nicht nur im Frühling und Sommer zum Verweilen einladen.

Weiße Sandstrände
Demonstrative Lebensfreude ist hier inzwischen wieder Zuhause. Keine Frage, Riga eilt mit Riesenschritten auf Europa zu. Rund um die fünf großen Markthallen, wo vor gar nicht allzu langer Zeit noch vorsichtige Stille herrschte, sind jetzt dichtes Gedränge und lautstarkes Diskutieren Trumpf. Grundnahrungsmittel vom Gemüse bis zu diversen Kräutern und exklusive Leckereien liegen hier Stand an Stand, feil geboten von Händlern, denen jedes Mittel Recht ist, um sich Gehör zu verschaffen. Nicht minder temperamentvoll geht es am Abend zu, wenn in der autofreien Altstadt sich die Kneipen, Biergärten, Discos und Clubs füllen. Kulinarische Spezialitäten sind graue Erbsen mit Speck und Bier, Piragi - Hefeteigtaschen mit Speck und Zwiebeln gefüllt - und Sauerampfersuppe mit gekochtem Schweinefleisch, Zwiebeln, Kartoffeln, Graupen, hart gekochten Eiern und saurer Sahne.
Schwimmen nicht verboten: Ausgedehnte weiße Sandstrände bietet Jurmala, der Strand an der Rigaer Bucht direkt vor den Toren der Stadt. In den kühlen Fluten der Ostsee findet man Erfrischung während des kurzen lettischen Sommers. Gemäßigte Temperaturen herrschen auch in Frühling und Herbst. Im ausdauernden und von Oktober bis April währenden Winter wird es allerdings immer wieder bitterkalt, bis zu 25 Grad minus. Wärmster Monate sind Juli und August mit Durchschnittstemperaturen von rund 18 Grad.
Bewegte Geschichte
Riga schaut auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Gegründet im Jahr 1201 vom Albert von Buxhoeveden, Bremer Domherr und Bischof von Livland, ist die Stadt auf Grund mittelalterlichen Missionierungseifers und ihrer herausragenden strategischen Lage immer wieder Ziel von Angriffen. Ab dem 13. Jahrhundert stehen regelmäßig feindliche Truppen vor den Toren: Schweden, Polen, Deutsche, Russen. Jede Macht ob weltlich oder kirchlich hinterlässt ihre Spuren, und das nicht immer zum Nachteil der Liven, wie die Balten einst genannt wurden. Die unterschiedlichsten Einflüsse sorgen für ein besonders tolerantes und liberales Klima, das nicht zuletzt Kunst und Kultur beflügelt vom freien Geist des deutsch-baltischen Stadtbürgertums bis zur Symphonie.
Nachdem die deutschen Besatzer 1918 Riga verlassen haben, rückt die Rote Armee ein. Kurz darauf wird die lettische Sowjetrepublik ausgerufen. Die Unabhängigkeit währt nicht einmal zwei Jahrzehnte von 1920 bis 1939, als Lettland durch den Hitler-Stalin-Pakt schließlich der Sowjetunion zugeschlagen wird. Im Zweiten Weltkrieg fällt Riga wieder an die deutsche Wehrmacht und wird im Herbst 1944 von Stalins Armee zurückerobert. Es folgt eine radikale Sowjetisierung Lettlands, der mehr als 120.000 Menschen zum Opfer fallen.
1986 werden nach langen Dekaden des Schweigens erstmals Stimmen laut, die die Unabhängigkeit Lettlands vom großen sowjetischen Bruder fordern. Mit dem Fallen des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 kommt die demokratische Revolution in Bewegung. Im Mai 1990 beschließt das Parlament die Unabhängigkeitserklärung, 16 Monate später wird diese von der Sowjetunion anerkannt. Am 6. Juli 1994 besucht der amerikanische Präsident Bill Clinton Riga. 1999 beschließt die Europäische Union, Lettland zu Aufnahmegesprächen einzuladen. Zwei Jahre später begeht die Hauptstadt mit großer internationaler Anteilnahme ihre 800-Jahr-Feier. An die kommunistische Tristesse erinnert immer weniger. Russisch als Amtssprache ist nahezu vergessen. Bauwerke wie das fensterlose Okkupationsmuseum oder die geradezu plüschige Akademie der Wissenschaften, besser bekannt als "Stalins Geburtstagstorte", sind gleichsam skurrile Relikte einer dunklen Ära. Nichtsdestotrotz wird russisch noch allerorten gesprochen, da mehr als die Hälfte der rund 750.000 Einwohner Russen, Weißrussen und Ukrainer sind.









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