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Schönheit um jeden Preis?

Zwischen Traumfigur und Trauma

Zu jung, um Alkohol kaufen zu dürfen, und zu jung, um zur Wahl zu gehen. Doch ihre Brüste hat sich die 17-jährige Sandra aus England bereits mit Silikon vergrößern lassen. Das Verlangen nach dem perfekten Körper, von dem heute kaum ein Erwachsener verschont bleibt, greift mittlerweile auch unter Teenagern um sich - unterstützt von Eltern und Ärzten: 3700 Euro zahlte Sandras Vater für die Schönheitsoperation.

Obwohl es in England und den USA kein Mindestalter für diesen Eingriff gibt, halten plastische Chirurgen operative Brustvergrößerungen bei Frauen unter 21 aus medizinischen und psychologischen Gründen für unverantwortlich. Und verstoßen gleichzeitig gegen ihren eigenen Grundsatz: In den USA werden schon drei Prozent aller „Lifestyle-OPs“ an Teenagern vorgenommen. Wenn der Mammon stimmt, gerät offenbar so manche medizinische Einsicht ins Hintertreffen.

Sinnsuche fixiert sich auf Äußerlichkeiten

Kann man es Jugendlichen verdenken, dass sie ihre Werteordnung allein auf Äußerlichkeiten aufbauen, wenn sogar Eltern und Ärzte derartige Operationen unterstützen? Ganz abgesehen davon, dass auch in den Medien makellose Körper nicht nur allgegenwärtig, sondern geradezu ein absolutes Muss sind: Perfekt gestylte Frauen lächeln von Plakaten an der Bushaltestelle, begegnen uns in Frauenzeitschriften und flimmern als Werbeblöcke über die Bildschirme. Verbindliche innere Werte wie sie früher von Kirchen und Jugendgruppen repräsentiert wurden, fehlen heute fast gänzlich. Die Suche nach Werten - fernab vom „Schönheitswahn“ - muss daher fast zwangsläufig in der Enttäuschung enden.

Entwicklung des Schönheitsideals

Als schön gelten Frauen heutzutage vor allem, wenn sie sehr schlank sind. Mit schlanken Körpern wird Erfolg, Intelligenz und Gesundheit assoziiert. Das war nicht immer so, denn Schönheitsideale sind wie die Mode stetigem Wandel unterworfen. In der Antike galten füllige Frauen als schön - bestes Beispiel ist die Venus von Willendorf, eine Göttin mit rundem Bauch, großen Brüsten und prallen Hüften. Auch Rembrandt und Rubens malten die Frauen voll und üppig und kreierten so das Schönheitsideal der rundlichen Frau. Schlankheit kam erst zwischen 1920 und 1939 mit Greta Garbo in Mode. Das Fotomodell Twiggy war der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung, galt sie doch Ende der 1960er Jahre als die teuerste Bohnenstange der Welt.

Von der Diätfalle zur Essstörung

Heute sind viele Models nicht nur dünn, sondern untergewichtig. Besonders Mädchen mit einem geringen Selbstwertgefühl orientieren sich an diesem Schönheitsideal und versuchen, so „schön“ dünn zu sein wie die Models. Ihre Gedanken kreisen dabei ständig um Kalorien, ihr Gewicht und ihr Essverhalten. Dabei werden verschiedenste Diäten ausprobiert, die häufig in einer Essstörung wie Magersucht (Anorexie) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimie) enden. Zahlen belegen dies eindrucksvoll: 60 Prozent aller weiblichen Teenies haben bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal eine Diät gemacht, 200.000 Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren leiden an Anorexie oder Bulimie. Tendenz steigend.

Eine Betroffene beschreibt ihre Magersucht wie folgt: „Für mich ist es der Drang, sehr dünn zu sein, dem Schönheitsideal zu entsprechen. Eigentlich geht es aber nicht nur ums Dünnsein, sondern auch um den Leistungsbeweis. Wenn jemand zu mir gesagt hat, 'Mensch, bist du dürr, auch wenn er es negativ gemeint hat, habe ich das als Bestätigung aufgefasst.“

Die Krux dabei: Beim Blick in den Spiegel haben diese Mädchen eine gestörte Körperwahrnehmung. Sie sehen nicht ihren abgemagerten Körper, der nach Nahrung schreit, sondern finden sich immer noch „zu dick“. Der vermeintliche Widerspruch ist allerdings leicht zu erklären, schöpfen die Magersüchtigen ihr Selbstwertgefühl doch aus der Tatsache, einen sichtbaren Beweis für ihr Hungerkünstler-Dasein zu haben. Je dünner der Körper ist, den der Spiegel ihnen zeigt, desto erfolgreicher fühlen sie sich. Die Folge: Bei rund 16 Prozent der Betroffenen verläuft die Krankheit tödlich. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung ist der Zusammenschluss militanter Magersüchtiger in den USA. Der Verein „Annas“ (kurz für anorexics) zählt 100.000 Mitglieder und kämpft für das Recht, an der Krankheit zu sterben. Zu ihrem Idol haben sie die ultraschlanke Ally McBeal-Darstellerin Calista Flockhart gekürt, die sich von ihrem zweifelhaften Ruhm inzwischen allerdings öffentlich distanziert hat.

Gesundheitsrisiko Magersucht

Doch Calista Flockhart passt perfekt in dieses Schema, ist bei ihr mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 16,7 die Grenze zur Magersucht doch längst überschritten. Wer sich diesem Schlankheits-Diktat widersetzt, bekommt bei Film und Fernsehen kaum noch Rollen angeboten. Die aktuelle Gewichtsnorm liegt laut einer Studie der British Medical Association im Schnitt bei 10 Prozent Untergewicht. Der Körperfettanteil der Schauspielerinnen beträgt damit nur zehn bis 15 Prozent. Bei einer gesunden Frau sollten es 22 bis 28 Prozent sein. Ernsthafte Gesundheitsrisiken wie Erschöpfung, Schwindel und Ohnmacht sind die Folge.

Wege aus dem Schlankheitswahn

Wer Schönheit nur mit Schlankheit oder gar Magerkeit gleichsetzt, kann diesem schwer zu fassenden Begriff nicht gerecht werden. Denn eine gute Figur reicht nicht aus, um attraktiv zu sein. Die so genannten „inneren Werte“ wie Wärme, Intelligenz, Charakter und Ausstrahlung prägen das Schönheitsempfinden ebenso wie ein schlanker Körper. Das bestätigen zahlreiche Studien: Empfanden männliche Versuchspersonen zunächst die schlankeren Frauen als attraktiver, änderte sich dieser Eindruck, nachdem sie die Damen näher kennen gelernt hatten. Danach bekamen meist die Frauen die besten Noten, die besonders warmherzig, intelligent oder aufgeschlossen waren - dass sie nicht mit der perfekten Figur aufwarten konnten, war nebensächlich geworden.

Zum Lebensglück gehört also offenbar mehr als makellose Haut, ein perfekter Busen und ein schlanker Body. Doch diese Einsicht ist pubertierenden Teenagern nur schwer zu vermitteln, für die Britney Spears der Fixstern am Glamourhimmel ist.

Wie man tiefergehende Werte am besten „rüberbringt“, ist sicherlich keine leicht zu beantwortende Frage. Doch eines ist sicher: Je stärker ein Jugendlicher dabei unterstützt wird, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln und damit auch den eigenen Körper zu akzeptieren, desto eher lassen sich Essstörungen vermeiden.

Hier sind vor allem die Eltern gefordert, die diese Werte vorleben und das Selbstvertrauen ihrer Kinder stärken sollten, indem sie ihnen ein positives Körpergefühl vermitteln. Denn wie glaubwürdig ist ein Vater, der seiner Tochter eine Schönheits-Operation bezahlt?

Glossar:

Anorexia nervosa (Magersucht):

Zwischen dem 10. und 25. Lebensjahr leiden 1 Prozent der weiblichen und 0,08 Prozent der männlichen Pubertierenden unter dieser Essstörung. Eine verzerrte Einstellung zur Nahrungsaufnahme, Angst vor Übergewicht und ein - wie die Therapeuten es nennen - gestörtes Körperschema von sich selbst, charakterisiert die Betroffenen. Sie selbst verleugnen die Krankheit. Abmagerung und Stoffwechselstörungen bis zum Hungertod sind die mögliche Folge. Der Body-Mass-Index liegt unter 17,5.

Binge Eating (Fresssucht):

Die Betroffenen leiden unter wiederholten Episoden von Fressanfällen, das heißt sie nehmen an mindestens zwei Tagen pro Woche anfallartig und meist ohne Hungergefühl sehr große Mengen an Nahrungsmittel zu sich. Binge Eater leiden dabei unter einem Gefühl des Kontrollverlustes und anschließenden Ekel- und Schuldgefühlen. Sie entledigen sich nicht der Nahrung wie Bulimie-Patienten. Man geht davon aus, dass ungefähr 2 bis 5 Prozent der Bevölkerung vom Binge Eating betroffen sind und etwa 30 Prozent der Übergewichtigen. Ihr Body Mass Index liegt bei über 40 oder 60.

Body-Mass-Index (BMI):

Der Body-Mass-Index bietet eine Orientierung bei der Bestimmung des gesunden Körpergewichtes. Er wird folgendermaßen berechnet:
(Gewicht in Kilogramm) geteilt durch (Größe in Meter)2

Bulimie (Ess-Brechsucht):

Etwa zwei Prozent aller jungen Frauen zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr leiden unter einer Bulimie. Nach einer exzessiven, meist hochkalorischen Nahrungszufuhr ergreifen die Betroffenen Maßnahmen, das Aufgenommene wieder los zu werden, meist durch selbstausgelöstes Erbrechen oder Abführmittel. Das Körpergewicht wird von ihnen bewusst unter dem Normalgewicht gehalten.

Essstörung:

Von einer Essstörung spricht man, wenn Gewicht, Waage und das Zählen von Kalorien das Leben eines Menschen beherrschen. Der Ursprung liegt meist im psychischen Bereich. Das medizinische Standardlexikon Pschyrembel bietet folgende Definition: Störung der Nahrungsaufnahme beziehungsweise des Körpergewichtes ohne organische Ursache. Es werden drei Formen der Essstörung unterschieden: Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Binge-Eating (Fresssucht)

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