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wissen.de Artikel

Showdown in Chatroom

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Neonazis bei einer Demonstration.
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Gefangene im KZ Dachau, die ihren amerikanischen Befreiern zujubeln.
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Massenkundgebung der NSDAP am Langen Markt in Danzig
Massenkundgebung der NSDAP am Langen Markt in Danzig
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Szene aus der Schlönforff-Verfilmung von Günter Grass’ Roman “Die Blechtrommel“
Szene aus der Schlönforff-Verfilmung von Günter Grass’ Roman “Die Blechtrommel“

Günter Grass, letzter Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts, hat wie wohl kaum ein zweiter Autor der deutschen Nachkriegszeit die Schrecken des Dritten Reiches be- und vor allem durchleuchtet. Das Thema ist unerschöpflich, die Vergangenheit hört nie auf: In seiner neuesten Veröffentlichung widmet sich Grass der lang verdrängten Thematik der Ostvertreibung, gespiegelt durch die Brille der jungen Generation@. “Im Krebsgang“ macht deutlich: Die nächste große Auseinandersetzung mit der NS-Problematik findet längst im Internet statt!
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat die nationalsozialistische Problematik nichts an ihrer Brisanz eingebüßt. Die Schauplätze indes haben sich verändert: Was einst in martialischen Kampfparolen auf offener Strasse ausgetragen wurde, findet heute subtiler im Internet seine Fortsetzung - das zumindest lässt Günter Grass Novelle vermuten.

Nationalsozialismus in der Internet-Ära

Neonazis bei einer Demonstration.

Neonazis bei einer Demonstration.

Protagonist der neuesten Veröffentlichung des Nobelpreisträgers ist der 15-jährige Konrad Pokriefke - ein Enkel Tulla Pokriefkes, die treuen Grass-Lesern aus der Danziger Trilogie bekannt sein dürfte. “Er ist ein typischer Einzelgänger, schwer zu sozialisieren“, stellt ihn seine Mutter, Lehrerin Gabi, dem Leser vor: “Einige meiner Lehrerkollegen sagen, Konnys Denken sei ausschließlich vergangenheitsbezogen, so sehr er sich nach außen hin für technische Neuerungen interessiert, für Computer und moderne Kommunikation zum Beispiel...“
Damit wäre bereits der fatale Dualismus erklärt: Auf dem Wege des neuen Mediums Internet taucht Konrad in die mythisch verklärte Vergangenheit der Nazi-Ära ein. Den Mythos dieser Zeit nährt indes seine Oma, Tulla Pokriefke, die wie keine zweite Figur im Krebsgang Gefangene der NS-Geschichte ist.
Schließlich ist es ihre eigene Lebensgeschichte, die sie - zwanghaft - immer wiederholt, die sich ihr immer wieder aufdrängt - ein unverarbeitetes Trauma. Ihr Schicksal erlebte sie am Abend des 30. Januar 1945 als hochschwangerer Flüchtling auf der Wilhelm Gustloff. Gepeinigt von den einsetzenden Wehen kann sich die17-Jährige in ein Boot retten, das in den Davits hing.
Auf offener See, zwischen vielen Tausend Toten und verzweifelt Hilfesuchenden, erfährt sie den Schock ihres Lebens: Sie sieht die vielen Kinderleichen mit hochgestreckten Beinen in der Ostsee treiben - Kinder, die kopfüber ins Eismeer fielen und Opfer der Schwerelosigkeit des Rettungsringes wurden, der sie unter Wasser drückte. Innerhalb einer halben Stunde färbt sich Tullas Haar weiß: “Das is passiert, als ech all die Kinderchens koppunter jesehn hab“, schildert sie immer wieder die albtraumhaften Ereignisse der Januarnacht. Doch wie durch ein Wunder bringt sie wenig später auf dem Begleitschiff “Löwe“ just in dem Augenblick des Untergangs der Wilhelm Gustloff ihren einzigen Sohn Paul zur Welt.
Das ist geradezu Grassscher Symbolismus: Stellvertretend für den entpolitisierten Neubeginn der bundesrepublikanischen Nachkriegsära entwickelt sich der spätere Journalist Paul Pokriefke auffällig uninteressiert am Schicksal seiner Mutter. Zeit seines Lebens drängt sie ihn dazu, den Untergang der Wilhelm Gustloff - ihre Geschichte - aufzuschreiben: “Ech leb nur noch dafier, dass mein Sohn aines Tages mecht Zeugnis ablegen.“
Doch der phlegmatische Journalist, der einst bei Springer, dann bei der taz, schließlich bei diversen Agenturen sein Geld verdiente, weigert sich beharrlich, bis er, ziemlich genau 50 Jahre nach dem Untergang des KdF-Schiffes, bei der Recherche im Internet auf eine Website stößt, die ihn in seinen Bann zieht.
Unter www.blutzeuge.de liest der geschiedene Vater, der selbst vaterlos aufwuchs, in familiärem Schreibstil ausführliche, mit nationalsozialistischer Brille verfasste Lobhudeleien auf den “Blutzeugen“ Wilhelm Gustloff, dass er stutzig wird. Es ist die eisige Januarnacht seines Lebens, als er feststellen muss, dass sich hinter der Hass-Seite niemand anderes verbirgt als sein eigener Sohn Konrad, der, inzwischen bei seiner Oma in Schwerin lebend, nun seinerseits Tullas Geschichte über den Untergang der Wilhelm Gustloff erzählt - der Kreis schließt sich.

David Frankfurter und Wilhelm Gustloff

Gefangene im KZ Dachau, die ihren amerikanischen Befreiern zujubeln.

Gefangene im KZ Dachau, die ihren amerikanischen Befreiern zujubeln.

Für Paul Pokriefke ist die Entdeckung alarmierend: sein Sohn Konny, ein verkappter Nazi? Die Erkenntnis führt in den offenen Streit mit seiner Ex-Frau Gabi, die ihm Versäumnisse vorwirft. Wie seine Mutter Tulla empfindet ihn auch Gabi als Versager.
Doch für persönliche Abrechnungen ist indes längst keine Zeit mehr: Inzwischen hat sich der Chatroom von blutzeuge.de zum virtuellen Schlachtfeld entwickelt, auf dem historische Rechnungen beglichen werden. Alte Ressentiments brechen auf, als ein virtueller David Frankfurter, der sich als gleichaltriger Badener Gymnasiast entpuppen soll, Konny Paroli bieten kann.
“In Nächten der langen Messer“ feinden sich die beiden Jugendlichen an, doch sind von den Kenntnissen des anderen gleichermaßen fasziniert. Konsterniert beobachtet Vater Paul, wie sich zwischen den Kontrahenten eine trügerische “Freund-Feindschaft“ entwickelt, die schließlich in einem leibhaftigen Treffen auf historischem Boden endet.
Hier passiert das Drama: Auf dem Schweriner Friedhof, auf dem Gustloff begraben liegt, begleicht Konny, inzwischen 17-jährig, historische Rechnungen und erschießt die scheinbare Juden-Reinkarnation David mit einer Pistole, die er von Oma Tulla zur Selbstverteidigung einst zu Ostern bekam. Mit den sinnverwandten Worten, die einst David Frankfurter beim Gustloff-Attentat in Davos benutzte, stellt er sich unter verkehrten Vorzeichen der Polizei: “Ich habe geschossen, weil ich Deutscher bin“. Was als virtuelle Spielerei begann, endet tödlich im wirklichen Leben.
Der Prozess wird zur großen Bühne, die Konrad bislang fehlte: Minutiös genau schildert er seine Gustloff-Verehrung, die von Psychologen als fehlgeleitete Suche nach einer Vater-Identifizierung interpretiert wird. Der noch nicht Volljährige bekennt sich ohne Reue zu der Tat: “Ich schoss aus Prinzip... Dem Blutzeugen verdanke ich meine innere Haltung. Ihn zu rächen war mir heilige Pflicht.“ Der Jugendrichter indes lässt Milde walten und verurteilt Konrad nur zu sieben Jahren Jugendhaft.
Den Eltern bleibt nur das große Hadern mit dem Unfassbaren: Mutter Gabi sagt sich nach dem endgültigen gescheiterten Versuch, zu ihrem Sohn vorzudringen, von Konrad los und will mit neuem Partner ein neues Leben beginnen. Vater Paul bleibt die Bürde, sich als geschiedener Elternteil nicht genug um seinen Sohn gekümmert zu haben: “Ach, wäre ich, der Vaterlose, doch nie geworden!“
Der Journalist Paul Pokriefke muss schließlich anerkennen, dass die Geschichte der Wilhelm Gustloff untrennbar zur Geschichte seines Lebens geworden ist - und damit zur Lebensaufgabe, davon endlich zu berichten. Unter den Argusaugen seines Auftraggebers, “des Alten“, wie sich Grass in der dritten Person nennt, legt Paul Pokriefke schließlich, “rückwärts krebsend, um voranzukommen“, von der unendlichen Geschichte der Wilhelm Gustloff Zeugnis ab: Die Novelle Im Krebsgang wird zur Lebensbeichte des geschlagenen Journalisten.

Unendliche Geschichte

“Hört das nie auf? Fängt diese Geschichte immer aufs neue an?“ lässt Günter Grass seinen geschlagenen Protagonisten Paul Pokriefke gegen Ende der Novelle sinnieren. Gemeint sind natürlich die Schrecken des Dritten Reiches, die ihre Schatten noch immer weit in die Gegenwart werfen. Noch einmal hat sich der Altmeister an jene Thematik gemacht, die seinen Lebensweg als Schriftsteller und als Mensch für immer prägen sollte - das Unfassbare der NS-Ära in Worte fassen ...
Auf dem Umwege eines modernen Mediums hat sich der Nobelpreisträger diesmal an das schwere Erbe gewagt. Und wie! Mit der sprachlichen Eleganz seiner früheren Werke durchstreift Grass längst überwachsene Pfade und führt den Leser in eine (fast) vergessene Zeit. Das Internet spielt bei der Spurensuche die tragende Rolle.

Tatort Internet

Das Internet: Obschon seit nunmehr über fünf Jahren ein Dauerthema in Medien und längst integrativer Bestandteil des öffentlichen Lebens, hat es die Literatur bislang nicht vermocht, sich der Faszination und Gefahren des Mediums auch nur andeutungsweise zu nähern. Lediglich der amerikanische Kultautor Douglas Coupland hat sich in seinem frühen 1995er Roman Microslaves mit dem Mythos Cyberspace öffentlichkeitswirksam auseinander gesetzt.
Umso erstaunlicher, dass der 74-jährige Grass, nicht gerade ein bekennender Computerfreund, die Gefahren des unzensierten Mediums Internet spitzfindig herausarbeitet. Der Tatsache, welche Macht ein Individuum buchstäblich über Nacht durch das anarchistische Medium erlangen kann, hat bisher kein Autor gebührend Rechnung getragen.
Das Internet ist ein dynamisches Medium: Innerhalb weniger Monate wurde aus der Studenten-Homepage Yahoo! eine der meist geklickten Seiten der WWW, weil sich im Netz die Nutzbarkeit des Webportals wie ein Lauffeuer verbreitete. Den ähnlichen Effekt erzielte die MP3-Tauschbörse Napster - die Idee eines einzelnen Users verbreitete sich plötzlich millionenfach.
Dieser Multiplikatoreffekt wird von der offenen Kommunikationsform des Mediums erzeugt: Anders als beim Fernsehen konsumiert der Nutzer nicht nur: Er kann auch buchstäblich zum Akteur werden - eine Konsequenz, über die viele junge User nicht aufgeklärt werden.
Grass erläutert diese mangelnde Distanz gegenüber den Neuen Medien: “Meine Zweifel (gegenüber Computern, dem Internet) fangen aber an, wenn sie etwas suggerieren, was man Kommunikation nennt, was jedoch nur ein starkes Surrogat für wirkliche Kommunikation ist. Junge Menschen nehmen den Computer als etwas Selbstverständliches, und gerade bei jungen Menschen verlagert sich das, was man landläufig unter Kommunikation verstand, ins Internet, in eine virtuelle Welt.“
Wie mächtig diese virtuelle Welt plötzlich werden kann, mag jeder beurteilen, der sich schon einmal dem Abenteuer einer Internet-Bekanntschaft hingegeben hat: Was sich in der virtuellen Welt, genährt durch schriftliche und verbale Kommunikation, als Projektion aufbauen mag, kann im wirklichen Leben oft kaum gehalten werden.
Unter ungünstigen Vorzeichen, wie im Fall des Scheidungskinds Konrad, der praktisch vaterlos, dafür allerdings unter dem fatalen Einfluss seiner Oma Tulla aufwächst, führt dies zur erneuten menschlichen Tragödie - eine Reminiszenz an die für Jugendliche kaum zu reflektierenden Verlockungen der frühen Nazi-Ära.

Verführung der Massen

Massenkundgebung der NSDAP am Langen Markt in Danzig

Massenkundgebung der NSDAP am Langen Markt in Danzig

Wie kein zweiter Schriftsteller seiner Generation hat Grass in dem 1959 erschienenen Sensationserfolg Die Blechtrommel hinter die Fassaden des Nationalsozialismus geblickt. Mit dem Blechtrommler Oskar Matzerath ist Grass die vielleicht meist diskutierte Figur der deutschen Nachkriegsliteratur geglückt - ein Antiheld, der schon aufgrund seiner gnomenhaften Größe nicht für bare Münze genommen wird.
Ein unterschätzter Schelm, sprengt er plötzlich eine Nazikundgebung, indem er Jimmy the Tiger auf seiner Blechtrommel spielt. Die Menge tanzt zu seinem Takt. Diese Blechtrommel wird zum Werkzeug, mit dessen Hilfe er den Zeitgeist demaskieren kann. “Jetzt mein Volk, pass auf mein Volk“ , warnt Oskar die Massen sardonisch, bevor er sie zum jazzigen Rhythmus des Charleston verführt.
Hier deutet sich der Brückenschlag zu Im Krebsgang an. Nachdrücklich vom Reiz der Legende der größten Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten und immer mehr vom Mythos ihres Namengebers fasziniert, wird Konrad erst zum Sprachrohr seiner Oma Tulla und verstrickt sich schließlich immer tiefer in die NS-Ideologie. Obschon, wie die Referate und das Plädoyer vor Gericht beweisen, für sein Alter erstaunlich wissbegierig, geht Konrad die Fähigkeit zur Reflektion völlig ab.

Von der Blechtrommel zum Blechkasten

Szene aus der Schlönforff-Verfilmung von Günter Grass’ Roman “Die Blechtrommel“

Szene aus der Schlönforff-Verfilmung von Günter Grass’ Roman “Die Blechtrommel“

Grass, ein Meister des parabolischen Erzählens, hat auch im Krebsgang einige feine Metaphern mit eingewoben: Konrad, der Jung-Nazi der neuen Generation, erlebt dasselbe Schicksal wie die Jugendlichen der Nazi-Ära, deren Teil Grass selbst war. Geboren 1927, war Grass - in seinen Jugendjahren selbst Mitglied im Jungvolk, der Hitlerjugend und schließlich Luftwaffenhelfer - Teil eines Regimes, das er nicht durchschauen konnte:

“Ich könnte für mich nicht garantieren“, gibt Grass im Gespräch mit Rowohlt-Monograph Heinrich Vormweg zu bedenken, “so wie ich bis 1945 aufgewachsen bin - drei Jahre früher geboren, vier Jahre früher geboren, hätte ich unter Umständen in verbrecherische Vorgänge tätig hineinverwickelt sein können. Ich kann nicht dafür garantieren, ob ich da Abwehrkräfte genug gehabt hätte. Ich glaube nicht, ich war dafür nicht ausgebildet, nicht ausgerüstet.“ [Heinrich Vormweg: Günter Grass. Rororo Monographien. Hamburg: Rowohlt 1986.]

Nichts anderes passiert Konrad in der Kohl-Ära der Neunziger Jahre, verführt durch das scheinbare Wundermedium Internet, den “Blechkasten“, wie man pointiert sagen möchte. Der Blechkasten Internet wird zur modernen Blechtrommel - nur unter umgekehrten Vorzeichen: Während der Blechtrommler Oskar Matzerath den Takt angibt und die Zeitgenossen bloßstellt, erliegt Konrad “dem Teufelzeug“ Computer selbst.
Dass Grass den Jung-Nazi “zur Tat schreiten lässt, um ihn hinterher auf die Anklagebank setzen zu können“, wie es der Spiegel formuliert hat, ist Teil der Parabel - eine übertriebene Zuspitzung eben. Das mahnende Beispiel Konrads lässt Vater Paul am Ende leitmotivisch resignieren: “Es hört nie auf. Nie hört das auf.“ Die diabolischen Verlockungen nationalsozialistischen Gedankenguts existieren noch heute - die Mechanismen ihrer Verbreitung sind nur subtiler geworden.

Nils Jacobsen

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