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wissen.de Artikel

Smalltalk mit dem Computer

Bankgeschäfte, Reisebuchung, Buchbestellung wo uns früher mehr oder weniger freundliche Mitarbeiter bedienten, genügt es heute, am Computer ein Formular auszufüllen. Wenn es darum geht, lästige Geschäfte schneller und vor allem von zu Hause aus erledigen zu können, mag das auch ganz angenehm sein. Aber wenn uns der Sinn nach einem Pläuschchen steht, bevorzugen wir doch das lebendige Gegenüber. Oder etwa nicht? Tatsächlich scheint auch hier schon Konkurrenz in Form von Bits and Bytes zu lauern. Die Rede ist vom “Chatbot....

Der King bittet zum Chat

Elvis lebt! Wer schon immer wissen wollte, wie sich Stars die Zeit im Jenseits vertreiben, kann den King of Rock'n'Roll im World Wide Web besuchen. Dort residiert er auf einer schlichten Homepage, begrüßt seine Besucher mit einem markigen "Howdy! I'm the King, let's talk" und beantwortet bereitwillig Fragen aller Art.

Elvis ist ein so genannter Chatbot, also ein Sprachprogramm, das Gespräche zwischen Mensch und Maschine ermöglicht. Damit der Besucher des Elvis-Bots auch tatsächlich das Gefühl hat, mit der Legende persönlich zu kommunizieren, wurde das Programm mit original Elvis-Zitaten gefüttert. Gerät Elvis dennoch ins Stocken, wechselt er einfach das Thema, oder er schindet Zeit, indem er vorgibt, mal eben seinen Cheeseburger fertig essen zu müssen.

Solche Tricks sind typisch für Bots mit Spaßfaktor und verleihen dem künstlichen Gesprächspartner geradezu menschliche Züge. Ebenfalls sehr überzeugend ist der John-Lennon-Bot zu Ehren des Ex-Beatles, dessen Seite schon etwas kommerzieller ausgerichtet ist.

Die unermüdlichen Agenten

Kommerzielle Chatbots oder Web-Agenten sollen in erster Linie Call Center und Vertrieb entlasten, indem sie Routinefragen beantworten und Ansprechpartner nennen. Untersuchungen zeigen außerdem, dass Kaufabbrüche sinken und die Kundenzufriedenheit steigt, sobald ein Bot in Aktion tritt. Deshalb heuern immer mehr Firmen einen Bot als virtuellen Mitarbeiter an, der nicht zuletzt den Vorteil hat, dass er niemals müde wird und auch keinen Urlaub braucht.

Marc zum Beispiel fungiert als Verkaufsberater auf der Site von Olympus. Er weiß so gut wie alles über die Kino-Brille Eye-Trek und kann im Zweifelsfall auf die entsprechenden Ansprechpartner oder weiterführende Seiten verweisen. Darüber hinaus plaudert er gern über seine Lieblingsfilme und ist sogar gegen unflätige User gewappnet. So antwortet er auf die Frage, ob er öfter mal beschimpft werde: "Nur zu. Ich denke mal, es wird Ihnen gut tun."Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Chatbots von menschlichen Gesprächspartnern nicht mehr zu unterscheiden sind.

Der Turing-Test

Der englische Mathematiker und Computer-Pionier Alan Turing prophezeite, dass "ein normaler Fragender" um das Jahr 2000 herum "eine Chance von nicht mehr als 70 Prozent" hat, nach fünf Minuten Konversation eine korrekte Entscheidung zu treffen, ob er es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hat.

Entsprechend läuft der so genannte Touring-Test wie folgt: Ein Mensch sitzt an einem Terminal und unterhält sich über eine Datenleitung mit einem Menschen und einem Computer. Lassen sich Mensch und Computer nicht mehr unterscheiden, so hat die Maschine den Intelligenz-Test bestanden. Dies passierte bisher nur, wenn die Konversation auf einen bestimmten Themenbereich beschränkt war, z.B. Schach oder Kochen.

Bei der uneingeschränkten Variante, die bislang kein Programm gemeistert hat, darf der Mensch die Maschine über Gott und die Welt ausquetschen. Gefragt sind also umfassendes Weltwissen und Schlagfertigkeit.

Die Aussagekraft des Touring-Tests ist nicht unumstritten. Ned Block, ein amerikanischer Professor für Philosophie und Psychologie, fand ein schlagendes Gegenargument: In einer begrenzten Zeit kann man nur eine begrenzte Anzahl an Dialogen führen. Entsprechend ließen sich diese Dialoge auf einem Computer speichern und ohne Intelligenzleistung abrufen.

Dr. ELIZA

Joseph Weizenbaums Programm ELIZA, das 1966 entwickelt wurde, war eigentlich als Parodie der Psychoanalyse gedacht. Das Programm versteht nichts, sondern sucht ausschließlich in den Äußerungen des Gesprächspartnern nach Stichwörtern, die es Standardphrasen der Psychoanalyse zuordnen kann, die in einer Tabelle abgespeichert wurden.

Obwohl die Versuchspersonen wussten, dass es sich beim Analytiker um eine Maschine handelte, waren sie bereit, ELIZA ihre Probleme anzuvertrauen. Auch heute noch gibt es Leute, die ELIZA zu überlisten versuchen, indem sie umgangssprachliche Phrasen eingeben. Dieser „ELIZA“-Effekt beschäftigte Joseph Weizenbaum immer wieder, nachdem ein solches Vorgehen eigentlich absurd ist, indem es ELIZA intelligente Eigenschaften zuschreibt, die das Programm gar nicht besitzt.

Ein deutscher Nachkomme von ELIZA ist z.B. TESMIK, dessen maschineller Charakter sich durch die richtigen Fragen schnell herauskitzeln lässt: TESMIK hat keine eigene Meinung und selbst nichts zu erzählen. D.h. er ist ausschließlich auf den Input des Gesprächspartners angewiesen und zu keinerlei kreativer Eigenleistung fähig.

Die ach so perfekte Zuhörerin

Ähnlich erging es bereits dem Studenten Nathanael in E.T.A. Hoffmanns Erzählung 'Der Sandmann' (1817): Weil die schöne Olimpia stets aufmerksam zuhört und nur ab und zu ein 'Ach' dahin haucht, glaubt Nathanael in ihr die ideale Partnerin gefunden zu haben. Aber ach, die Schöne ist nur eine Automate - ein mechanisches Wunderwerk.

Als der Schwindel auffliegt wird Nathanael wahnsinnig. Auch die Bevölkerung ist tief verunsichert und sucht nach einer Methode, um Mensch und Maschine zuverlässig voneinander zu unterscheiden. Das Resultat ist nichts weniger als ein Vorläufer des Turing-Tests: "Um nun ganz überzeugt zu werden, daß man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehreren Liebhabern verlangt, daß die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw. vor allen Dingen aber, daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze."

Der Loebner Preis

Um herauszufinden, ob Alan Turing mit seiner Vorhersage Recht behielt, dass um das Jahr 2000 herum Sprach-Programme existieren würden, die auf Menschen wie menschliche Gesprächspartner wirken, rief der amerikanische Soziologe und Unternehmer Hugh Gene Loebner den Loebner Preis ins Leben.

Nun treffen sich alljährlich Chatbot-Gurus aus aller Welt, um ihre Konversations-Maschinen gegen eine menschliche Jury antreten zu lassen. Um das Ganze lebensnah zu gestalten, sitzen in der Jury nicht nur Computer-Experten und Sprachwissenschaftler, sondern auch so genannte Durchschnittsbürger, Menschen mit Behinderungen - und Kinder.

Die Goldmedaille und 100.000 britische Pfund sind fällig, sobald ein Programm beim Turing-Test auch mit audiovisuellem Input klar kommt. Bislang allerdings gab es nur Trostpreise in Höhe von 2.000 Pfund für das 'menschenähnlichste' Programm.

And the winner is...

Ein prominenter Testsieger ist das Programm ALICE (Artificial Linguistic Internet Computer Entity), das bereits zweimal von der Jury zum menschenähnlichstes Programm gekürt wurde. ALICE macht keinen Hehl daraus, dass sie ein von Richard S. Wallace erschaffenes Wesen und ganz und gar nicht menschlich ist, also auch keine Gefühle hat. Besucher fühlen sich von ihr bisweilen auf den Arm genommen, ansonsten lässt sich gut mit Alice tratschen, die ferner offen zugibt, dass sie Lachen nur simuliert, indem sie 'haha' schreibt. Wer über Englisch-Kenntnisse verfügt, kann Alice beim Online-Chat selbt auf die Probe stellen.

Im Prinzip könnte man Alice als die große Schwester von Elvis bezeichnen, denn die beiden basieren auf demselben Code. Fragt man Elvis, was er von ALICE hält, merkt man allerdings schnell, dass sie mehr sein soll als nur eine Schwester im Geiste: Er äußert ganz offen seine angebliche Verliebtheit. Nachdem er ebenso wenig menschlich ist wie die virtuelle Angebetete, wird er auf keinen Fall so tragisch enden wie Nathanael.

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