Der Sport ist ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft am Kap. Eineinhalb Jahrzehnte nach dem formalen Ende der Apartheid ist die Trennung im Sport oftmals noch gelebte Realität. Südafrika bleibt im Sport ein extrem heterogenes Land, in dem die Hautfarbe noch immer die Richtung vorgibt. Die Schwarzen spielen Fußball, die Weißen mehrheitlich Cricket oder Rugby – je nachdem, welcher Abstammung sie sind, britisch oder burisch. Trotzdem hat gerade der Sport in der Ära Nelson Mandelas direkt nach dem Ende der Apartheid die besonderen Highlights gesetzt in Südafrikas Versöhnungspolitik. "Madiba Magic", dem Zauber Mandelas, sei Dank!
Das afrikanische Wunder von Bern

Südafrika hat zum erstenmal die Rugby-Weltmeisterschaft gewonnen - und Staatspräsident Nelson Mandela (links) überreicht drei Jahre nach Aufhebung des Sportboykotts wegen der Apartheidpolitik, in Johannesburg dem Kapitän der "Springboks", Francois Pienaar, nach dem 15:12-Sieg des Teams über Neuseeland den William Webb-Pokal.
Der "Gründungsmythos" des neuen Südafrika ist in großem Maße Nelson Mandela zu verdanken. Der 1994 zum ersten Präsidenten aller Südafrikaner gewählte Friedensnobelpreisträger zog sich zur Siegerehrung bei der Rugby-Weltmeisterschaft 1995 das Trikot des Burenkapitäns Francois Pienaar über und betrat in diesem revolutionären Outfit die große Finalbühne. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit überreichte der 27 lange Jahre inhaftierte Mandela dem Kapitän der "Springbocks" den Siegerpokal, als sei dieser Vorgang das Normalste der Welt. Aber das war es nicht und das Signal an alle Südafrikaner war umso eindeutiger: Seht her, ich der Versöhner unseres geschundenen Landes, sende die große Verbrüderungsgeste aus. Ich, der oberste Repräsentant der
schwarzen Mehrheit, die Jahrhunderte unterdrückt wurde, reiche dem Repräsentanten der weißen Minderheit, der ehemals brutalen Unterdrücker, die Hand. Dieser Sieg der mehrheitlich burischen Rugby-Mannschaft wurde durch Mandela ein Sieg aller Südafrikaner. Der Effekt war atemberaubend: Ganz Südafrika feierte in dieser Nacht erstmals wie Brüder und Schwestern.
Versöhnungspolitik durch den Sport

Der südafrikanische Cricketspieler Herschelle Gibbs (links) verteidigt am 16. Februar 2003 in Johannesburg (Südafrika) während eines Spiels der Cricket-WM vor seinem neuseeländischen Kontrahenten Brendan McCullum.
Warum die Wirkung dieser Geste von 1995 aber wohl noch stärker war, hat seine Wurzeln in der Psyche und Mentalität des Landes, im kollektiven Gedächtnis und in der gleichzeitigen kollektiven Unsicherheit nach dem Ende der Apartheid. Natürlich herrschte erst einmal Euphorie im neuen Südafrika. Unter vielen Weißen aber war die Sorge verbreitet, die schwarze Mehrheit, die nun auch politisch die Macht besaß, könne sich für die Gräuel der zurückliegenden Jahrhunderte und Jahrzehnte der Apartheid rächen.
Dass Nelson Mandela das Gegenteil dessen anstrebte und die Weißen ernsthaft ins Boot der neuen Kooperation holen wollte, untermauerte er hier. Zur politischen Koalition mit den Buren war er mittels Übergangsverfassung ja "gezwungen", schließlich sah die ausgehandelte Übergangszeit eine Regierung der Nationalen Einheit bei entsprechendem Wahlergebnis vor. Dass diese Kooperation aber auch auf allen anderen Feldern des gesellschaftlichen Lebens Realität werden sollte, drückte Mandela an jenem Tag
aus: im Sport-Trikot des einst verhassten Feindes. Die Wucht dieses Symbols ist wiederum nur zu verstehen, wenn man sich die Sporthistorie Südafrikas vor Augen führt. Auch hier galt Apartheid pur. Schwarze im Hochleistungssport Rugby waren für die dominanten Buren lange undenkbar gewesen, denn Rugby ist für die Abkömmlinge der ersten weißen Siedler Südafrikas quasi "Religion" – genau wie ihr traditionelles Grillen namens "Braai" in der Natur und ihre durch den Jahrhunderte anhaltenden physischen Behauptungskampf gewachsene berühmte "Wagenburgmentalität".
Aus der anderen Perspektive empfanden die Schwarzen diesen Sport der Afrikaaner genau wie etwa die Burensprache Afrikaans als integralen Teil des Unterdrückungssystems. Wenn man so will, hat Nelson Mandela an diesem Tag im Ellis Park das südafrikanische Kriegsbeil ein zweites Mal begraben.
Ein gemischtes Fußballteam wird Afrikameister
Mandela vollzog diesen symbolischen Akt ein drittes Mal, der mit dem ersten 1994 und dem zweiten 1995 in direktem Zusammenhang stand. 1996 wurde Südafrika, erneut in Johannesburg, Afrika-Meister im Fußball. Das war eine ähnliche Sensation wie der WM-Titel im Rugby, weil Südafrika zuvor durch einen Boykott der Staatengemeinschaft von internationalen Sportwettbewerben ausgeschlossen war, darunter auch von den Olympischen Spielen. Auf Rugby folgte also Fußball, auf den Ellis Park nun das FNB-Stadion in Soweto.
Genau genommen liegt das Stadion, nach einem kompletten Umbau Schauplatz des Finales der Fußballweltmeisterschaft am 11. Juli 2010, zwischen Downtown Johannesburg und Soweto. "Soweto" bedeutet übersetzt South Western Township und ist demnach eine Stadt für Millionen von Schwarzen, in der übrigens auch Nelson Mandela selbst viele Jahre wohnte. Das Zentrum Johannesburgs wiederum, in dem auch der Ellis Park liegt, war zu Apartheidzeiten ausschließlich den Weißen vorbehalten.
Schwarze durften gewisse Areale nur mit einem besonderen Aufenthalts- und Arbeitspass betreten und mussten nach der Arbeitszeit die "weißen Gebiete" wieder verlassen – Apartheid in Reinkultur.
Dass die Rassentrennung wirklich Geschichte sein sollte, bewies Mandela hier ein drittes Mal. Der Staatspräsident wiederholte seinen Coup mit dem Trikot. Diesmal überreichte er den Siegerpokal an Neil Tovey, den weißen Kapitän der Nationalmannschaft. Obwohl Fußball eigentlich der Sport der Schwarzen in Südafrika ist, wurde und wird er natürlich auch von den Weißen gespielt. Das verbot schließlich kein Apartheidsgesetz – und wie hätte es auch anders sein können, wo doch Briten einen großen Teil der weißen Bevölkerung Südafrikas ausmachen.
In dieser Gemengelage konnte schließlich also das vielleicht größte sportliche "Wunder" am Kap der Guten Hoffnung gedeihen: Eine Mannschaft, die zusammengesetzt war aus Schwarzen, Weißen und Farbigen, gewann quasi ohne internationale Erfahrung auf Anhieb den kontinentalen Titel. Der damalige Nationaltrainer Clive Barker hat einige Jahre später in Kapstadt Folgendes gesagt: "So vereint wie an diesem Tag war Südafrika vorher und nachher nie. Schwarz und Weiß, alle feierten zusammen. Madiba war da im Nationaltrikot – das war der größte Tag der Versöhnung in unserem Land."
Dass Clive Barker den Ehrentitel Nelson Mandelas, "Madiba", verwandte, kommt nicht von ungefähr. Ganz Südafrika sprach damals und noch Jahre später von der "Madiba Magi" als der magischen Kunst Nelson Mandelas, die Versöhnung gestenreich in die Tat umzusetzen. Mandela war ein lebendes Vorbild, dem sich keiner entziehen konnte. Und wie stark diese Symbolik und die politische Ambition des Versöhnungsgedanken durch den Sport damals waren, beweist ein Trikot, das ein Bierbrauer als Hauptsponsor des südafrikanischen Fußballs zu jener Zeit bedruckte: "One Nation, One Soul, One Beer, One Goal!"
Sport auch als Spiegelbild der Fehlentwicklungen
Die Fußball-Nationalmannschaft erreichte nach dem Sieg 1996 bei der nächsten Afrika-Meisterschaft immerhin noch das Finale und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaften 1998 in Frankreich sowie 2002 in Japan und Südkorea. Gut zehn Jahre später ist das Ausscheiden in der ersten Runde der Afrika-Meisterschaft, dem Äquivalent zur Fußball-Europameisterschaft, Normalität geworden. Das Team hat seine Klasse eingebüßt und wäre nicht für die Weltmeisterschaft 2010 im eigenen Land qualifiziert, wenn man nicht Gastgeber wäre. Warum? Die tolle Mischung aus Schwarz und Weiß hatte die frühere Stärke bewirkt – eine Kombination aus europäischer Rationalität, Taktik, Kampfgeist und Disziplin gepaart mit afrikanischer Athletik, Intuition, Leichtigkeit und Technik. Dazu war der Erfolg 1996 getragen vom Bewusstsein, mit dem Heimspiel im neuen Südafrika einen Teil des gesellschaftspolitischen Aufbruchs vorleben zu können: Kooperation und Harmonie, das Ausnutzen der individuellen und kollektiven Stärken zum Wohle aller.
Dieser Versöhnungsgedanke ist inzwischen, nach eineinhalb Jahrzehnten gelebtem neuen Südafrika, abgeschliffen. Und mittlerweile befindet sich der Fußballverband in einem eher jämmerlichen Zustand. Es herrscht Korruption und Vetternwirtschaft der "Big Men". Nach häufigen Trainerwechseln in der Nationalmannschaft und vielen geplatzten Illusionen ist Südafrika auf dem afrikanischen Kontinent nur noch Mittelmaß. Und weiße Mitspieler sucht man unter den Schwarzen mittlerweile fast vergeblich. Was keinesfalls rassistisch wirken soll, ist jedoch gewachsene Realität. Der südafrikanische Fußball ist Opfer einer übereilten Komplett-Transformation geworden, wie sie für das Südafrika unter dem Nachfolger Nelson Mandelas typisch wurde. Thabo Mbeki forcierte in seinen zehn Jahren als Präsident das Black Economic Empowerment und die Affirmative Action in der Wirtschaft und indirekt auch im Sport. Was als Kompensation für die Versäumnisse der Apartheid-Jahrzehnte nachvollziehbar ist, war jedoch – ähnlich wie in der Wirtschaft und in den gesamten Verwaltungsstrukturen Südafrikas – auch im Sport nicht förderlich.
Dem emotional nachvollziehbaren, ja unter Gerechtigkeitsaspekten sogar dringend notwendigen Bevorzugen ehemals Benachteiligter steht ein rationales Argument gegenüber: Spitzenpositionen mit Leuten ohne entsprechende Erfahrung zu besetzen, geht nur in Ausnahmefällen gut. Tatsache ist: Die unausgesprochene neue Abgrenzungspolitik Mbekis trat an die Stelle der Versöhnungspolitik Mandelas. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger beherrschte und nutzte der neue Präsident die Möglichkeiten und tatsächlichen Wirkungen der "Symbolischen Politik" nicht. Wenn Mbeki eine symbolische Politik betrieb, dann wohl zumeist die gegenteilige. Es gab unter dem introvertierten Mandela-Nachfolger so etwas wie ein Revival der "Black Consciousness" praktisch in allen gesellschaftlichen Bereichen, und so eben auch im Sport.
Eine einzige große Ausnahme gibt es: Thabo Mbeki versuchte sich doch noch einmal kurz vor dem Ende seiner Ära als Symbolpolitiker. Beim neuerlichen Rugby-WM-Sieg 2007 reiste Mbeki extra zum Finale nach Paris an und ließ sich von der immer noch überwiegend aus Weißen zusammengesetzten Mannschaft auf den Schultern tragen. Ein Effekt in der Heimat blieb allerdings aus.
Cricket und Rugby sind besser organisiert

Der südafrikanische Cricketspieler Herschelle Gibbs (links) verteidigt am 16. Februar 2003 in Johannesburg (Südafrika) während eines Spiels der Cricket-WM vor seinem neuseeländischen Kontrahenten Brendan McCullum.
Perfekt läuft im Fußball so gut wie nichts. Die Profiliga bewegt sich in etwa auf deutschem Drittliga-Niveau, geordnete Vereinsstrukturen gibt es im nötigen Unterbau des Amateursports fast nicht. Bei Spielen der Profiliga herrschen in Bezug auf Stadien und professionelle Rahmenbedingungen "afrikanische Verhältnisse". Die Spiele sind bis auf die Derbys und Auswärtsauftritte der beliebtesten Clubs Orlando Pirates und Kaizer Chiefs aus Soweto selten gut besucht. Das Publikum ist zu mindestens 95 Prozent schwarz, eher aber wohl zu 99 Prozent. Und wenn im Fernsehen südafrikanischer Fußball gezeigt wird, dann sind die "Shebeens", also die Kneipen in den Townships, zwar voll besetzt, die Bars in den Städten aber längst nicht so voll wie beim Rugby oder Cricket. Und zumindest die weißen Südafrikaner interessieren sich viel mehr für das englische Manchester United als etwa das einheimische Ajax Cape Town.
Im Rugby ist das konstante Zuschauerpotenzial größer. Auch weil seltener gespielt wird, die Stadien professioneller sind und das Publikum gemischter ist. Nicht
umsonst finden auch zahlreiche Spiele der Fußballweltmeisterschaft 2010 in modernisierten Rugbystadien statt, etwa in Pretoria im Loftus Versfeld in direkter Nähe zum Regierungs- und Diplomatenviertel. Das nahe Stadion-Umfeld ist hier darüber hinaus studentisch geprägt. Man findet das komplette Gegenteil der maroden Fußball-Arenen sowie der von Zerfall, Armut und Kriminalität geprägten Umgebungen in den schwarzen Townships.
Lähmende Lethargie als Erbe der Apartheid
Damit ist ein Hauptproblem des Breitensports Fußball in Südafrika benannt: mangelnde Trainingsbedingungen. Als Sport der Schwarzen führt der Fußball ein Dasein als Stiefkind. Das müsste eigentlich vom wirtschaftlichen Potenzial her nicht so sein, da es ja eine große neue schwarze Mittelschicht und auch eine beständig wachsende schwarze Oberschicht gibt. An Nachwuchs mangelt es dem Fußball erst recht nicht. Fährt man über Land, trifft man überall auf Fußball spielende Kinder, Jugendliche und Erwachsene – vom tiefsten Township bis hin zur Uferpromenade von Kapstadt. Fußball wird irgendwo immer gespielt, allerdings eher als Freizeit- denn als potenzieller, gut organisierter Amateur- und Leistungssport. Eklatant sind auch oftmals die Qualitätszustände der Spielfelder. Während der Rasen
eines Rugbyfeldes häufig sattgrün bewässert daliegt, ist der Boden für die Fußballer selten gut gepflegt.
Das, was Südafrika trotz vergleichbarer oder noch größerer Mängel in anderen afrikanischen Gesellschaften am sportlichen Erfolg im Fußball hindert, ist ein anderes Erbe der Apartheid: die Lethargie. Seit dem Überwinden der Apartheid empfinden viele Menschen es nicht mehr als notwendig, sich mit aller Energie für ein neues Ziel einzusetzen. Man erwartet eher, dass der gesellschaftliche und persönliche Aufschwung als Belohnung für die gesellschaftspolitische Revolution wie Manna vom Himmel falle. Aber wie sagte es einst der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu: "Man kann Demokratie nicht essen."









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