Kein anderer als der Satan stecke hinter der schwarzen Kunst - so geiferten seinerzeit die Gegner des Buchdrucks und verdammten die technische Neuerung, die die so genannte Gutenberg-Galaxis einläutete. Ähnliche Hetzkampagnen wiederholten sich, als Telegraphen, Radios und Fernseher eingeführt wurden. Kein Wunder, dass nun das Internet schuld sein soll am Untergang des Abendlandes. Es verderbe die Sitten und nicht zuletzt die Sprache. Tatsächlich gehört Sprachwandel zum Wesen einer lebendigen Sprachgemeinschaft. Deshalb verfolgen Linguisten die aktuellen Entwicklungen mit großem Interesse.
Welche Sprache spricht das Web?
Das Web spricht Englisch. Ganz klar. Schließlich wurde es in den USA erschaffen. Doch je weiter sich das Internet über den Globus verbreitet, desto mehr Sprachen drängen ins Netz: Die weltweit führende Suchmaschine Google zum Beispiel bietet ihre Dienste in 82 Sprachen an. Auch wenn das das Englische noch immer dominiert, so wird im historischen Vergleich der Wandel deutlich. Noch 1997 bestand das World Wide Web zu über 80 % aus Inhalten in englischer Sprache. Inzwischen ist noch mehr als jede zweite Webseite (56,4%) ist auf Englisch verfasst. Platz zwei belegt Deutsch mit 7,7%. Danach folgen Inhalte auf Französisch (5,6%), auf Japanisch (4,9%) und Spanisch (3%).
Netspeak, Websprache oder Internet-Kauderwelsch?
Beim Thema “Internet und Sprache“ denken deutsche Sprachpuristen sofort an die Bedrohung der deutschen Sprache durch “Überfremdung“. Tatsächlich finden durch das Internet immer mehr englische Begriffe Eingang in die Alltagssprache, doch neu ist dies ganz und gar nicht. Das Deutsche wimmelt nur so von Lehnwörtern, also Begriffen, die anderen Sprachen entlehnt sind: Fenster und Mauer beispielsweise haben allesamt lateinische Wurzeln. Technische Innovationen bringen neue Begriffe mit sich - das war schon beim Hausbau so und später auch bei Radio und Fernsehen. Dass nun das Internet auf unsere Art zu kommunizieren Einfluss nimmt, ist deshalb nicht weiter verwunderlich.
Neu ist höchstens, dass das Internet den Sprachwandel gleichsam schriftlich fixiert und man ihn deshalb umso besser nachvollziehen kann. Aufgeschlossene Sprachwissenschaftler verfolgen die aktuelle Entwicklung deshalb mit großem Interesse. Sie wollen herausfinden, wodurch sich die für das Internet spezifische Sprache auszeichnet, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen E-Mail, Chat, Mailinglisten, Newsgroups, SMS-Botschaften und all den anderen - auch den herkömmlichen - Kanälen gibt, über die man miteinander kommunizieren kann, und ob es tatsächlich berechtigt ist, von einer neuen Sprachform zu sprechen. Je nachdem, ob das Aufkommen dieser neuen Sprache mit Wohlwollen oder Argwohn bedacht wird, stößt man auf Bezeichnungen wie “Websprache“, “computer-vermittelte Kommunikation“, “Netzsprache“ oder “Internet-Kauderwelsch“. Im Englischen trifft man auf Begriffe wie “techno-babble“, “Netspeak“, “Webspeak“, “Netlish“, “Weblish“, “Internet language“, “cyberspeak“, “electronic discourse“, “electronic language“, “interactive written discourse“ und “computer-mediated communication“ (CMC) - um nur ein paar zu nennen.
Schreiben, wie der Schnabel wächst
Das Auffälligste an der Kommunikation per E-Mail & Co ist die so genannte konzeptionelle Mündlichkeit, soll heißen: der Schreiber tut so, als würde er sprechen. Zu diesem Zweck werden typische Merkmale der mündlichen Kommunikation wie zum Beispiel umgangssprachliche Formulierungen (“Tach“ statt “Guten Tag“), Tilgungen (“nich“ statt “nicht“) und Assimilationen (“gehn“ und “ins“ statt “gehen“ und “in das“) schriftlich verwirklicht. Eine mögliche Erklärung für das weit verbreitete Phänomen: Es soll der Endruck von Nähe entstehen. Eine Nähe, die bei der Kommunikation per E-Mail oder SMS nicht von Haus aus gegeben ist. Wer glaubt, dieses Phänomen sei erst mit dem Internet in die Welt gekommen, täuscht sich: Bereits 1959 eröffnete Raymond Queneau seinen Roman “Zazie in der Metro“ mit der Frage “Fonwostinktsnso“.
Ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, gelingt die Unterscheidung von Mündlichkeit einerseits und Schriftlichkeit andererseits allerdings nicht. So finden sich in E-Mails, SMS-Botschaften und Chat-Beiträgen getippte Elemente, die zwar oralen Ausdrucksmitteln entsprechen, aber nicht ohne weiteres vorgelesen werden können. Wie zum Beispiel soll man diese Chatsequenz wiedergeben:
A: A rose for you, B @--->--->--->---
C: danke vielmals!
D: bittäääääää.............:-)))
C: :-}}}}}}}
E: BYEEEEE F
G: und was bekomm ich A:-(
D: <-------lehnt sich erst mal erschöpft zurück........und.......
D: *falco*
D: lol
A: ach G du auch LOL
C: ahhhhhhhh
A: A rose for you, G @--->--->--->---
G: dankäää...LOL
Zeichenhafte Gefühle
Abgesehen von lautmalerischen Elementen und der Verwendung von Groß- und Kleinschreibung im Sinne von laut und leise sprechen, spielen in der zitierten Sequenz Emoticons, auch Smileys genannt, eine große Rolle. Will man verstehen, was die Zeichenkombination :-( bedeutet, muss man sie sich um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht vorstellen (oder den Kopf nach links neigen), und schon wird klar: G ist wirklich sehr enttäuscht, denn :-( soll ein Gesicht mit hängenden Mundwinkeln darstellen. Der Grund: A hat B eine Rose - die ebenfalls wie ein Emoticon aufgebaut ist - übereignet, während G leer ausgegangen ist.
Der Begriff Emoticon setzt sich zusammen aus “emotion“, dem englischen Wort für Gefühl und dem Begriff “icon“, der unter anderem Zeichen bedeutet. Emoticons sind also Zeichenkombinationen, die Gefühle repräsentieren. 1980 von Scott Fahlman erfunden, haben diese Kreationen inzwischen nahezu alle Formen schriftlicher Kommunikation erobert - von der getippten über die handgeschriebene Notiz bis hin zur Sprache der Werbung.
Nach landläufiger Meinung sind Emoticons charakteristisch für E-Mails & Co, genauere Untersuchungen zeigen jedoch, dass es sehr wohl Unterschiede in der Verwendung gibt. Stark themenorientierte Newsgroups und Mailinglisten beispielsweise verzichten in der Regel auf die expressiven Zeichenkombinationen. Wer dennoch ein :-o verwendet, entlarvt sich als unsensibel oder gar als Newbie (Neuling) und muss mit entsprechenden Reaktionen rechnen. Denn wie im RL (real life = echtes Leben) grenzen sich Interessengemeinschaften im Internet über ihre gruppenspezifischen Verhaltensweisen voneinander ab. Folglich können minimale Unterschiede im Sprachgebrauch darüber entscheiden, ob man dazugehört oder eben nicht.
*knuddel* - *zurueckknuddel* - *dich ganzdollknuddel*
Auffällig in der kleinen Chatsequenz oben ist die Abkürzung lol für englisch “laughing out loud“, was soviel bedeutet wie laut lachen. Anders als so mancher Internetguide glauben machen will, sind Abkürzungen wie lol, rtfm (= “read the fucking manual“, deutsch: lies das verdammte Handbuch - wenn jemand eine überflüssige Frage stellt) und btw (= “by the way“, deutsch: übrigens) im deutschsprachigen Raum nicht allzu verbreitet. Wesentlich häufiger trifft man auf so genannte Inflektive, die zum Ausdruck bringen, was der Schreiber in diesem Moment tut oder tun würde, fände die Kommunikation nicht auf rein schriftlicher Ebene statt: *knuddel* - *zurueckknuddel* - *dich ganzdollknuddel* wäre ein typisches Beispiel für einen solchen Austausch.
Die Bezeichnung Inflektiv - stellenweise ist auch von “freien Verbstämmen“ die Rede - bringt zum Ausdruck, dass die verwendeten Verbstämme keine Flektionsendungen tragen. Man schreibt also nicht *(ich) lache*, sondern nur *lach*. Die korrekte Übersetzung für lol wäre demnach *laut lach*. Zusammen mit Markierungen durch *Asteriske* oder <Klammern> sind Inflektive leicht zu unterscheiden von Verben, die im herkömmlichen Sinn gebraucht werden. Verwendet werden sie hauptsächlich im Chat, teilweise aber auch in E-Mails und Kurznachrichten.
Obwohl der große Lexikograph Johann Christoph Adelung bereits zu Goethes Zeiten die Interjektion “knall“ verzeichnet, finden Inflektive erst mit der deutschen Übersetzung von Walt Disneys Comics durch Erika Fuchs im großen Stil Eingang in die deutsche Sprache. Inzwischen wundert sich kaum noch jemand über lautmalerische Wörter wie “peng“, “puff“, “knuff“, “lechz“, “ächz“ und “bibber“.
Zukunftsvisionen
Mittelfristig geht es laut Tim Berners-Lee, dem Vater des Internets, darum, ein semantisches Netz zu schaffen. Bislang nämlich können Suchmaschinen nicht unterscheiden, ob das Stichwort “Cook“ ein Personenname (Sir Francis Cook), ein Ortsname (Cook Islands) eine Berufsbezeichnung (Koch) oder ein Verb (kochen) ist. Die Web-Inhalte müssen deshalb nach semantischen Kriterien definiert und aufbereitet werden. Erst dann können Suchmaschinen und andere Agenten komplexe Aufgabenstellungen lösen.
Folgt man David Crystals Zukunftsvisionen, so wird die Grenze zwischen gesprochener und schriftlich fixierter Sprache zusehends verschwimmen. Langfristig werden wir laut Crystal nicht mehr vornehmlich über die Tastatur, sondern über Stimmerkennungsprogramme mit dem Computer kommunizieren. Außerdem wird das Bild eine Ergänzung zu bereits existierenden Kommunikationsformen sein, z.B. in Form von Bild-Telefonen, Videokonferenzen über Mobiltelefone oder Video in Verbindung mit E-Mail und Chat.
Vergleicht man die Situation heute mit der von Gutenberg, stellt man fest: Während die Einführung des Buchdrucks zu einer Fixierung von sprachlichen Standards führte, stärkt das Internet orale und visuelle Aspekte der Kommunikation. Wenn man bedenkt, dass für die Mehrzahl der Menschen hierzulande Sprache gleichbedeutend mit Schriftsprache ist - das zeigte die Diskussion um die neue Rechtschreibung sehr deutlich -, wird verständlich, warum viele das Internet mit Argwohn betrachten. Wer dagegen Sprache nicht nur als Schrift, sondern als Zeichensystem begreift, kann seinem Spieltrieb freien Lauf lassen und auf diese Weise die Zukunft der Sprache mitgestalten.
Katja Schmid









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