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wissen.de Artikel

Studieren in Sachsen? Warum nicht?

Endlich mehr westdeutsche Studenten im Osten

Lang hat's gedauert. Doch endlich weichen die hartnäckigen Vorurteile gegen ein Studium im Osten in westdeutschen Abiturientenköpfen einer neuen Aufgeschlossenheit. So können zum Wintersemester 2010 die Regierungen der neuen Bundesländer verkünden, dass die Zahl der westdeutschen Studienanfänger an ihren Hochschulen signifikant gestiegen ist. Beispielsweise studieren in Sachsen laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa in diesem Jahr deutlich mehr Studis aus dem Westen als im Vorjahr. An der TU Chemnitz etwa stieg die Zahl der Erstsemester aus dem Westen auf 358 von insgesamt 2000 - das sind158 mehr als 2009. An der Uni Leipzig kommen 1000 der mehr als 6000 Neu-Immatrikulierten aus den alten Bundesländern. Doch nicht nur Studieren in Sachsen wird immer attraktiver.

Auch Sachsen-Anhalt konnte laut "Initiative Neue Bundesländer" sein Image bei den Wessis deutlich verbessern: So stieg der Anteil der Erstsemester, die sich fürs Studieren in Sachsen-Anhalt entschieden haben, innerhalb von drei Jahren von 13 auf 29 Prozent. In Thüringen wuchs ihre Zahl binnen eines Jahres gar um fast ein Drittel. Damit scheint der Trend des verwaisenden Ostens einerseits und des immer größeren Gedränges an westdeutschen Unis andererseits erst einmal gestoppt und das Ziel des Hochschulpaktes 2020 in greifbare Nähe gerückt. Mit diesem Pakt haben sich die ostdeutschen Länder verpflichtet, ihre frei werdenden Studienplätze zu erhalten, um so die Platznot im überfüllten Westen zu lindern.

Studieren im Urlaubsparadies

So lässt es sich aushalten...

Wer in Mecklenburg-Vorpommern studiert, wird aussehen, als habe er ausschließlich Semesterferien gehabt. Das jedenfalls verspricht die Landesregierung

Meeresrauschen und Möwenschreie erklingen, klickt man die Seite www.studieren-mit-meerwert.de an, die problemlos aus einem Reiseprospekt stammen könnte. Tatsächlich ist sie Teil einer Imagekampagne des Landes Mecklenburg-Vorpommern, die sich an Studenten - vor allem aus Westdeutschland - richtet. Zehn "gute Gründe" werden geliefert, um sich in Stralsund oder Rostock zu immatrikulieren. Gelockt wird mit Freizeitargumenten wie den "meisten Sonnenstunden Deutschlands", "Robinson-Feeling" beim Inselhopping, Wassersport und "Kult-Partys". Handfestere Standortvorteile seien das "einmalige Studienangebot", ein Drittel niedrigere Lebenshaltungskosten als in den alten Ländern, Praxisnähe und exzellente Forschungsbedingungen an den nordostdeutschen Unis.

Meck-Pom ist längst nicht das einzige neue Bundesland, das die Werbetrommel für seine Unis und FHs rührt. Tatsächlich sind in allen fünf Ländern Imagekampagnen angelaufen, die den Studenten aus dem Westen das Studieren in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg schmackhaft machen sollen. Gleichzeitig soll der "Nachwende-Knick", also die Abwanderung der eigenen Landeskinder in westdeutsche Unistädte, gestoppt werden.

Studieren in Sachsen und Co als Ventil für überfüllten Westen

Hintergrund dieser Imagekampagnen ist der Hochschulpakt 2020, dessen 2. Phase die Jahre 2011 bis 2015 umfasst. Dieser Pakt, zu dem Bund und Länder in der 1. Phase je 565 Mio. Euro beigesteuert haben, soll "die Chancen der jungen Generation zur Aufnahme eines Studiums wahren, den notwendigen wissenschaftlichen Nachwuchs sichern und die Innovationskraft in Deutschland erhöhen". Und zwar vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Studienberechtigten bis 2020 massiv ansteigen wird - dank geburtenstarker Jahrgänge sowie doppelter Abi-Jahrgänge durch das G 8. Der Trend dabei bisher: Der Osten verwaist, der Westen kämpft mit einem immer stärkeren Ansturm auf seine Hochschulen.

Um diese Tendenz zu stoppen, werden 15 Prozent der Mittel aus dem Hochschulpakt ausschließlich für den Erhalt vorhandener Studienplätze im Osten eingesetzt. Sie sollen eine Ventilfunktion für den unter Druck stehenden Westen sein. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz werden zwischen 2011 und 2015 ganze 63.000 Studienplätze in den neuen Bundesländern frei werden. 63.000 Studienplätze, die Abiturienten aus München, Hamburg oder Köln also wie ein Geschenk des Himmels erscheinen müssten - und es inzwischen wohl auch tun.

"Blühende Landschaften" an ostdeutschen Unis

Vorurteile werden weniger

Zu wenig Auslandsaufenthalte, geringe Chancen, den Studienort zu wechseln. Im Bologna-Prozess läuft nicht alles reibungslos.

So hat das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) im Oktober 2010 in einem Hochschulranking mit knapp 150.000 Studierenden ermittelt, dass die Unis in Ostdeutschland, was Bibliotheken, Räume, Labore und die IT-Infrastruktur ihrer Fachbereiche angeht, in der Gunst der Studentenschaft ganz oben stehen. "Blühende Landschaften" attestiert das CHE 20 Jahre nach der Wende demnach den ostdeutschen Unis und ihren Sachausstattungen. Am besten schnitt dabei Thüringen ab: 55 Prozent der Bewertungen zur Ausstattung waren "spitze", jede zweite in Mecklenburg-Vorpommern. Auch Studieren in Sachsen und Sachsen-Anhalt erhielt hinsichtlich der Ausstattung Bestnoten. Mit immerhin 44 Prozent der Spitzenplatzierungen hat inzwischen auch Brandenburg die alten Bundesländer in Sachen beliebtheit überholt. So erreichten selbst Baden-Württemberg und Bayern nur 38 beziehungsweise 35 Prozent der Spitzenplatzierungen.

"In die Ausstattung der Hochschulen ist nach der Wende viel investiert worden, was sich immer noch positiv auswirkt. Den Studierenden werden gute Rahmenbedingungen geboten, die sie auch mit positiven Urteilen im Ranking honorieren", erklärt Cort-Denis Hachmeister, Rankingexperte beim CHE Centrum für Hochschulentwicklung, das positive Ergebnis für die ostdeutschen Universitäten und Fachhochschulen.

Doch nicht nur die Investition in die universitäre Ausstattung scheint sich langsam auszuzahlen, sondern auch in die zahlreichen Imagekampagnen der Landesregierungen der neuen Bundesländer. Neben den guten Lehr- und Forschungsbedingungen an ihren Hochschulen liefert der Osten ein weiteres triftiges Argument fürs Studieren in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg: Auf Studiengebühren wird komplett verzichtet!

von Susanne Böllert, wissen.de
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