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Talentschmiede Tannengrün

Weihnachtliche Baumschule für Nachwuchsverkäufer

Blaufichte oder Nordmanntanne? Kein Problem, mein Gegenüber kennt sich aus. Beim Weihnachtsbaumkauf vertraue ich die Ausgestaltung unseres Wohnzimmers nicht einem seelenlosen Baumarkt an, sondern setze auf die Authenzität des Bauerns in der Nachbarschaft. Das hat sich ausgezahlt. Denn mein diesjähriger Tannengrünkauf gibt mir großes Vertrauen in die Geschicke kommender Generationen.

Mein Sohn hat schnell seine Auswahl getroffen. "Den Baum da", erklärt er bestimmt und braucht es auch gar nicht zu begründen. Ich lobe mir doch eine schnelle, entschlossene Entscheidung, ohne großen Firlefanz. "Sie haben sich entschieden?", ertönt da eine zweite Stimme, nicht wesentlich älter klingend als die meines Sohnes. "Jawoll", antwortete ich pflichtgemäß. "Was kostet der denn?" "Wie groß ist er denn?", hält der etwa zehnjährige Nachwuchsverkäufer gleich eine Gegenfrage parat. "Knapp zwei Meter", antworte ich leicht amüsiert, was mir aber gleich vergeht. "32 Euro", stellt der Knirps fest und zuckt dabei nicht mal nur kurz mit der Wimper. Mich durchzuckt es kurz und schon ist die Marketingmaschine in Gang. "Sie wissen doch, vor knapp einem Jahr, da gab es einen Sturm. Der hieß Kyrill. Da sind ganz viele Bäume umgefallen ...". Schon gut, schon gut, ich weiß Bescheid und ich beginne, die Nordmanntanne ein wenig zärtlicher zu umfassen. "Was ist denn mit denen da hinten?" zeige ich auf eine weitere Galerie geschlagenen Grüns. "Das sind Blaufichten." "Und wo ist der Unterschied?" "Die sind kleiner." "Ja sind die jetzt teurer oder billiger?" "Die kosten gleich viel. Aber wissen Sie was? Ich lasse Ihnen die Nordmanntanne für 30 Euro", schlägt mir mein Verhandlungspartner sehr weltmännisch vor, als habe er nicht vier Klassen Grundschule, sondern einen Intensivkurs Verkaufsschulung bei McKinsey hinter sich. Ich schlage ein. Mit so einem Verkäufer muss man einfach handelseinig werden. Ich habe nicht nur einen heimischen Bauern unterstützt, sondern auch noch einen talentierten Tannenbaumverkäufer mit weiterem Selbstbewusstsein ausgestattet. Die Tanne finde zwar immer noch ganz schön teuer, aber wohl noch nie hatte ich nach einem Weihnachtsbaumkauf ein so gutes Gefühl. Das Christkind kann kommen.

von Carsten Sperling, Iserlohn
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