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Tempelbezirk von Khajuraho

Von der sexuellen Ekstase zur spirituellen Erleuchtung

Es käme der Sache ziemlich nahe, würde man der Auffassung sein, Khajuraho als ein einziges großes Missverständnis anzusehen, zumindest wenn man die neuzeitlichen Interpretationen der steinernen Szenen an den verschiedenen Tempeln bedenkt. Von ferne betrachtet, wirken sie noch ganz unproblematisch. Wie stumme Zeugen einer lange untergegangenen Hochkultur erheben sich Dutzende von Tempeltürmen über der Ebene.

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Khajuraho, Indien

Tänzerin

Um ihre Heraushebung aus der profanen Welt zu dokumentieren, wurden die Tempel auf eine hohe Plattform gesetzt. Alle sind auf einer Ost-West-Achse ausgerichtet, wobei der Eingang der aufgehenden Sonne zugewandt ist. Mehr noch als das gesamte Ensemble beeindruckt die unvergleichliche Fülle an Skulpturen und Reliefs aus weichem Sandstein, die unbekannte Steinmetze für die Nachwelt hinterließen. Jeder Zentimeter scheint mit Göttern, Königen, Musikern, Tieren und Fabelwesen bedeckt zu sein. Allein am Kandariya Mahadeva, dem mit 31 Meter höchsten und gleichzeitig prächtigsten Tempel Khajurahos, wurden Hunderte von Skulpturen gezählt, viele von ihnen annähernd einen Meter hoch. Der hiesige Tempelbezirk repräsentiert eine Bauform, in der die Skulpturen nicht nur eine dekorative Funktion besitzen, sondern zugleich integraler Bestandteil der Tempel sind, ja mit ihnen geradezu zu verschmelzen scheinen.

Was letztlich jedoch Khajurahos eigentliche Bedeutung ausmacht und jedes Jahr Zehntausende von Besuchern anlockt, sind die in unvergleichlicher Fülle und Detailgenauigkeit dargestellten erotischen Szenen. Das lustvolle Über-, Unter- und Nebeneinander der offenkundig höchst engagierten Darsteller zeugt von ebenso reicher Fantasie wie von fast schon olympiareifer Akrobatik. Oft ist schon ein zweiter Blick erforderlich, um herauszufinden, wer sich mit wem und wie der sexuellen Lust hingibt. Welch für heutige Verhältnisse bizarr anmutende Fantasie die Steinmetze bei ihrer im wahrsten Sinne des Wortes lustvollen Arbeit antrieb, zeigt eine Szene, bei der ein Reitersmann die Liebe zu seinem Pferd allzu wörtlich nimmt. Die beiden dem Geschehen beiwohnenden Beobachter, die ob solcher Freizügigkeit die Hände vors Gesicht schlagen, machen deutlich, dass derartige Sexualpraktiken auch zur damaligen Zeit als zumindest gewöhnungsbedürftig angesehen wurden.

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von Thomas Barkemeier
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