Amnesty International
Lexikon Amnesty International

Neben der Neutralität bestimmen Ausgewogenheit und Unabhängigkeit die Grundsätze der Arbeit der Menschenrechtsorganisation. Ihre Ausgewogenheit besteht sowohl in politischer als auch in geographischer Hinsicht. Die Organisation gibt sechsmal im Jahr das "Amnesty-Journal" heraus. Vor allem veröffentlicht sie im Buchhandel und im Internet Jahresberichte zu Menschenrechtsverletzungen. Außerdem publiziert sie Berichte über Folter, Todesstrafe und andere Themen zu Gefangenen und Flüchtlingen.
Geschichte
Amnesty International wurde 1961 von dem britischen Rechtsanwalt Peter Benenson ins Leben gerufen. Er ließ am 28. Mai 1961 in mehreren überregionalen Zeitungen verschiedener Länder einen Appell mit dem Titel "Die vergessenen Gefangenen" veröffentlichen. Damit rief er unter dem Titel "appeal for amnesty" zu einer Kampagne auf, die sich um die Freilassung politischer Gefangener bemühen sollte. Zwar war die Kampagne zunächst auf ein Jahr begrenzt. Dennoch meldeten sich spontan über 1000 Interessierte. Innerhalb einer Jahresfrist entstanden insgesamt sieben nationale Sektionen. Sie nahmen in insgesamt 210 Gefangenenfällen Ermittlungen auf. Im Gründungsjahr wurden umgerechnet nur rund 9000 Euro ausgegeben.
Für ihre Arbeit hat die internationale Gefangenenhilfsorganisation 1977 den Friedensnobelpreis erhalten. Die Sektion der Bundesrepublik Deutschland wurde mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis ausgezeichnet.
Aufgaben
Amnesty International fordert neben anderen internationalen Menschenrechtsschutzabkommen die Einhaltung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wie sie von den Vereinten Nationen (UNO) am 10. Dezember 1948 niedergelegt wurde. Dabei besteht ai auf der Unteilbarkeit und gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschenrechte und Grundfreiheiten.

Auch engagiert sich ai gegen schwer wiegende Verletzungen des Rechts auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Die Organisation wendet sich gegen Verletzungen der Rechte eines jeden Menschen auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Sie schützt die Freiheit des Menschen vor Diskriminierung auf Grund seiner ethnischen Abstammung, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Sprache, seiner nationalen oder sozialen Herkunft, seines wirtschaftlichen Status, seiner Geburt oder eines anderen Status.
Ziele
Amnesty International definiert die Menschenrechtsarbeit durch folgende Ziele:
- Freilassung aller gewaltlosen politischen Gefangenen. Damit ist die Freilassung von Menschen gemeint, die auf Grund ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung, ihrer ethnischen Abstammung, ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache, ihrer nationalen oder sozialen Herkunft oder ihres Status inhaftiert wurden. Sie haben Gewalt weder propagiert noch angewandt.
- Gewährleistung fairer und unverzüglicher Gerichtsverfahren für alle politischen Gefangenen.
- Abschaffung bzw. Verhinderung der Todesstrafe, der Folter und anderer grausamer und unmenschlicher Behandlung in allen Fällen.
- Die Beendigung von staatlichem Mord und der Praxis des so genannten Verschwindenlassens, mit der Staaten politisch missliebige Personen ausschalten.
- Verstöße bewaffneter oppositioneller Gruppen wie Geiselnahmen, Folter, Mord an Gefangenen und andere willkürliche Tötungen werden abgelehnt.
- Vorbeugend wird politischen Flüchtlingen Schutz gewährt, Rüstungsexporte, die zu Menschenrechtsverletzungen beitragen können, verhindert und die Menschenrechtserziehung forciert.
Aktionen
Mitstreiter von Amnesty International engagieren sich weltweit für Menschen, denen willkürliche Haft, unfaire Prozesse, Folter und Hinrichtung drohen. Dabei bietet sich ihnen die Adoption von politischen Gefangenen durch eine oder mehrere ai-Gruppen an.
Mit dem so genannten Eilaktionsnetz wird zu Gunsten politisch Verfolgter interveniert. Eilaktionen werden in Fällen gestartet, in denen akut Gefahr droht, z. B. Folter oder die Hinrichtung eines Menschen. In nur wenigen Stunden ist das Eilaktionsnetz aktiviert. In ihm wirken in 85 Ländern rund 75 000 Menschen mit. Sie setzen sich sofort durch Fax, Telex, Telegramm oder Eilbrief bei den verantwortlichen Stellen des menschenrechtsverletzenden Staates für den Verfolgten ein. Wenige Tage nach Herausgabe einer Eilaktionen gehen bei den Adressaten Tausende von Appellschreiben aus aller Welt ein. Die Resultate dieser Aktion sind in etwa einem Drittel der Fälle positiv. So können Freilassungen, Hafterleichterungen, Umwandlungen von Todesurteilen, Kontakte zu Anwälten usw. erwirkt werden.
Organisation
Die internationale Organisation wird von dem Internationalen Exekutivkomitee (IEC) geführt. Es besteht aus einem neunköpfigen, ehrenamtlichen Vorstand und setzt sich aus acht ai-Mitgliedern und einem Mitarbeiter des Internationalen Sekretariats zusammen. Das höchste beschlussfassende Gremium von Amnesty International ist die Internationale Ratstagung. Sie wählt auch alle zwei Jahre die acht Mitglieder des IEC. Im Internationalen Sekretariat, das seinen Sitz in London hat, arbeiten mehr als 400 hauptamtliche sowie 120 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 50 Staaten.
Finanzen
Die Arbeit der Gefangenenhilfsorganisation wird durch zahlreiche Spenden bzw. Beiträge von Mitgliedern, regelmäßigen Förderern und sonstigen Unterstützern weltweit ermöglicht. So wird die breite öffentliche Unterstützung von ai auch bei der Mittelbeschaffung dokumentiert. Dabei nimmt ai kein Geld von Regierungen an, um eine politische Einflussnahme auszuschalten und die eigene Unabhängigkeit zu wahren. Das Budget des Internationalen Sekretariates von ai wird von den nationalen ai-Sektionen aufgebracht. Es stellt nahezu ein Viertel der Einnahmen aller Sektionen von ai dar. Mit dem restlichen Betrag der Gesamteinnahmen finanzieren die zahlreichen Sektionen ihre Kampagnen und andere Tätigkeiten.
Die finanziellen Mittel der internationalen Organisation werden in erster Linie für die weltweite Recherchearbeit der Gefangenenhilfsorganisation gebraucht. Einmal werden dadurch Delegationen in menschenrechtsverletzende Staaten und die Entsendung von Prozessbeobachtern finanziert. Zum anderen fließen auch Gelder in internationale Publikationen, Kampagnen gegen Menschenrechtsverletzungen und die organisatorische Entwicklung von ai-Strukturen in allen Weltregionen.
Mitglieder
Bei Amnesty International bestehen in mehr als 80 Ländern auf der Welt Sektionen. Sie nehmen auf nationaler Ebene Koordinationsaufgaben für die örtlichen Gruppen wahr, die jeweils 15 bis 20 Mitarbeiter umfassen und die die große Zahl der Mitglieder integrieren. So zählt die Menschenrechtsorganisation rund 2,2 Millionen Mitglieder und Förderer in mehr als 150 Staaten. Im Internationalen Sekretariat sind Tausende von Ortsgruppen sowie Schüler-, Studenten- und Berufsgruppen aus über 100 Staaten registriert.
Deutsche Sektion
Schon zwei Monate nach der Gründung von Amnesty International wurde auch in der Bundesrepublik Deutschland die Arbeit aufgenommen. Die deutsche Sektion zählt heute mehr als 100 000 Mitglieder und regelmäßige Förderer. Die organisatorischen Leitungsfunktionen werden von einem Vorstandssprecher sowie einem Generalsekretär wahrgenommen. In Deutschland sind über 700 ai-Gruppen in 48 regionalen Zusammenschlüssen (Bezirken) aktiv, ferner gibt es Länderkoordinationsgruppen, Themenkoordinationsgruppen sowie Asyl- und Jugendgruppen. Sie engagieren sich fortwährend für mehr als 600 Fallakten, die politische Gefangene und andere Opfer von Menschenrechtsverletzungen aus aller Welt betreffen.
Amnesty International startete im Jahr 2009 rund 340 Eilaktionen für akut gefährdete Menschen. Dabei wurden allein von den Mitstreitern in der deutschen Sektion mehr als 80 000 Briefe, Telefaxe und E-Mails geschrieben.
Bibliografie:
- Amnesty International (Hrsg.): Report 2010, Frankfurt am Main 2010
- Urs M. Fiechtner: Folter: Angriff auf die Menschenwürde, Unkel 2008
- Kazem Hashemi: Todesstrafe: Auge um Auge, Unkel 2008
- Bruno Simma: Menschenrechte. Ihr internationaler Schutz, München 2010
- Christine Schulz-Reiss: Menschenrechte und Demokratie, Bindlach 2008
- Daniela Steenkamp: Zur Entwicklung von amnesty international (ai) in der Bundesrepublik Deutschland, Marburg 2008
Institution(en):
- Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik DeutschlandHeerstr. 178
53111 Bonn0228/98373-00228/630036info@amnesty.de









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