Antarktis
Das Land
"Großer Gott, dies ist ein schrecklicher Ort", schrieb der britische Antarktisforscher Robert Falcon Scott (1868-1912), nachdem er im Januar 1912 nur einen Monat nach dem Norweger Roald Amundsen (1872-1928) als Zweiter den Südpol erreicht hatte. Die Antarktis ist der große Kühlschrank der Erde. Die Wärmebilanz ist ganzjährig negativ. In der russischen Wostok-Station, 1400 km landeinwärts, wurde am 21. Juli 1983 die tiefste Temperatur auf der Erde festgestellt: -89,2 °C! Am Südpol erreichte der Minusrekord "nur" -83 °C (23. Juni 1982). Die höchste, dort gemessene Temperatur betrug -13,6 °C (27. Dezember 1978). Im Inneren der Antarktis steigen die Temperaturen auch im Südsommer (November-Februar) selten über -20 °C an. In Küstennähe können die Höchsttemperaturen zeitweise bis nahe 0 °C ansteigen, jedoch muss auch dort jederzeit mit Temperaturstürzen auf unter -30 °C gerechnet werden.
Die extrem kalte Luft der Antarktis enthält nur wenig Wasserdampf. Relative Luftfeuchten örtlich bis weit unter 30% lassen die Nasenschleimhäute des Menschen bei sehr tiefen Temperaturen austrocknen und können böse Entzündungen verursachen. Vom wolkenarmen Himmel fällt sehr wenig Schnee - am Südpol sind es gerade 29 mm Wasseräquivalent pro Jahr. Die Antarktis ist eine eisbedeckte Trockenwüste. Antarktis-Stürme können schlimmer sein als ein Taifun. Besonders in Küstennähe sind die Fallwinde zeitweise mörderisch. Windgeschwindigkeiten bis über 300 km/h fegen alles ins Meer. Schon bei geringer Luftbewegung werden die trockenen, feinkörnigen Schneekristalle aufgewirbelt und verdriftet. Die Sicht sinkt auf Null. Im diffusen Licht, unter einer tief liegenden Wolkendecke, verlieren alle Konturen ihre Schärfe und der Horizont verschwindet im Allgemeinen Grauweiß. Eine Orientierung wird bei diesen sogenannten "White Out"-Bedingungen unmöglich und Gleichgewichtsstörungen lassenden Menschen hilflos straucheln.

Die Transportwege zum 14 Millionen km2 großen Eiskontinent und innerhalb des Inlandeises sind weit. Wer zum Südpol will, muss mindestens 1200 km Eis- und Schneewüste überwinden. Ohne Flugzeug und Hubschrauber wird jede Expedition zum qualvollen Abenteuer. Nur einmal wurde mit Raupenfahrzeugen die Antarktis durchquert. Wer sich von der Küste weg ins Innere wagt, findet keine essbaren Tiere mehr. Nur wenige eisfreie Gipfel und Täler (unter 5% des Kontinents) beherbergen noch ein paar Flechten- und Algenarten. Nahrungsmittel für den Menschen und Brennstoffe gibt es nicht. Die tödliche Kombination von Kälte, Sturm, Trockenheit und Höhe sowie die nicht vorhandenen Nahrungsquellen machen die kontinentale Antarktis zum lebensfeindlichsten Raum der Erdoberfläche. Eine Tatsache, die sich im Winter durch die monatelange Dunkelheit noch verstärkt.
Landschaft und Natur
Die Antarktis oder das Südpolargebiet bestehtaus dem antarktischen Kontinent (Antarktika), einigen vorgelagerten Inseln und Meeren. Die wichtigsten dieser Inselgruppen sind Südgeorgien, Südsandwich, Südorkney und Südshetland. Im Zentrum von Antarktika liegt auf einem Hochplateau der Südpol. Hier, am südlichsten Punkt der Erde, treffen alle Längengrade zusammen, und die einzige Richtung ist Norden!
Der große Gegensatz Antarktis - Arktis
Im Sommer vierundzwanzig Stunden Sonne, im Winter Tag und Nacht Finsternis und immer kalt. Die Polargebiete der Erde sind sich ähnlich, und doch könnten die Unterschiede nicht größer sein: die Arktis, ein großes Mittelmeer, bedeckt mit meist nur 3 m dickem Packeis, die Antarktis, ein Kontinent, begraben unter örtlich über 4000 m mächtigem Inlandeis. Die Arktis tangiert die dicht besiedelten Kontinente Amerika, Europa, Asien, die Antarktis ist meerumtost, weit und breit gibt es keinen anderen Kontinent. Am Nordpol ist es kalt, in der hohen Antarktis ist es extrem kalt, zeitweise doppelt so kalt wie auf dem niedrigen Packeis der Arktis. Im hohen Norden, nördlich vom Polarkreis, leben über zwei Millionen Menschen, der eisige Süden bringt es im Sommer maximal auf einige tausend "Besucher" - Wissenschaftler und ihr Hilfspersonal.
Unvorstellbar große Eismengen
Seitdem die Antarktis vor 7 Millionen Jahren die Polposition erreicht hat, hält das Eis den Kontinent besetzt. Unter dem Eispanzer der Ostantarktis (max. 4800 m mächtig) und der Westantarktis (etwa 4334 m mächtig) liegen hohe Gebirgsketten und tiefe Ozeanbecken begraben. Würde das Eis bei weiterer Erwärmung der Erde völlig abschmelzen, müsste mit einem weltweiten, katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels gerechnet werden. Die Eismenge der Antarktis (90% des Weltgletschereises, in dem 80% des Süßwassers der Erde gespeichert sind) ist unvorstellbar groß. Würde man die dreißig Millionen Kubikkilometer Eis der Antarktis auf fünf Milliarden Menschen verteilen, so erhielte jeder pro Minute eine Tonne Eis, und das zehn Jahre lang!

Auch die sogenannten Trockentäler oder Oasen sind früher einmal vergletschert gewesen. In den von Eis übertieften Talböden findet man heute eisbedeckte Süßwasserseen. Die vegetationslosen Hänge sind im Sommer fast schneefrei. An der Küste des Victorialandes branden die feuchten ozeanischen Luftmassen auf das über 4000 m hohe Transantarktische Gebirge. Durch die flacheren Pässe der Randgebirge fließt inzwischen über 100 000 Jahre alt gewordenes Inlandeis in gewaltigen Strömen zum Meer. Am eindrucksvollsten ist der Lambertgletscher mit maximal 60 km Breite und über 450 km Länge. Die kontinentalen Küstengewässer werden von Schelfeis, Festeis oder Packeis blockiert. Am Rande des Schelfeises lösen sich sehr große Tafeleisberge und driften weit nach Norden.
Fantastische Arktis
Die Eiswunder der hohen Ostantarktis zu erleben, bleibt neben den Wissenschaftlern nur wenigen Menschen vorbehalten. Es gibt keine Flugplätze für zivile Verkehrsmaschinen und die Touristenschiffe ohne Eisbrecherbegleitung wagen sich höchst selten bis zur amerikanischen McMurdo-Station. Auch Touristenflüge sind im schnell wechselnden Polarwetter nicht ohne Risiko. Die DC 10 einer neuseeländischen Fluggesellschaft mit 257 Menschen an Bord zerschellte 1979 am 3794 m hohen Mt. Erebus - genau fünfzig Jahre nach der ersten Südpolüberfliegung durch Admiral Richard E. Byrd (1888-1957).
Pflanzen- und Tierwelt
Es ist überall kalt und stürmisch in der Antarktis. Wo es möglich war, haben Pflanzen und Tiere sich mit raffinierten Überlebenstechniken angepasst. Auf dem hohen Eiskontinent schaffen das aber nur noch mikroskopisch kleine, wirbellose Tiere (Einzeller, Räder-und Spinnentierchen, Milben und Springschwänze), die sich in den Boden oder in Vegetationspolster zurückziehen. Das größte nur an Land lebende Tier ist ein 12 mm großer, flügelloser Springschwanz.
Nur Schutt und nackte Gesteine
Bakterien, Algen, Pilze und Flechten wachsen an extremen Standorten unter der Gesteinsoberfläche, dadurch sind sie auch geschützt vor den austrocknenden Winden. Im Sommer wird das Gestein von der Sonneneinstrahlung bis zu 35 °C über die Lufttemperatur aufgeheizt. Dieses Mikroklima macht zeitweise die notwendige Photosynthese möglich. Nur an geschützten Kontinentküsten wachsen fleckenhaft auch Moose und Flechten. Die nördlichere Antarktische Halbinsel mit ihren vorgelagerten Inseln hat ein gemäßigteres Klima als der zu 97% eisbedeckte Kontinent. Aber auch hier ist die Vegetation sehr spärlich. Es gibt südlich des 60. Breitengrades nur zwei Blütenpflanzen. Feuchtere, geschützte Standorte beherbergen oft Moose und Lebermoose, trockenere, exponierte Hänge erlauben nur noch Flechten.
Das Leben kommt aus dem Meer

Das eigentliche Leben in der Antarktis spielt sich im Meer ab, oder ist auf den Ozean als Rückzugsmöglichkeit und Nahrungsquelle angewiesen. Sehr langsam wachsen die Tiere im eiskalten Wasser, aber sie wachsen zu erstaunlichen Größen heran, und sie werden älter als vergleichbare Formen in wärmeren Gewässern. Die Artenvielfalt am Meeresboden und örtlich auch einfach die Biomasse sind verblüffend. Es gibt überraschende Dominanzen: Adelie-Pinguine repräsentieren 90% der Biomasse aller antarktischen Vögel, die Krabbenfresser-Robbe macht 80% der Robbenbestände aus.

Das langsame Wachstum und die geringe Sterblichkeit erklären die örtlich enormen Individuenzahlen. Dort, wo günstige Meeresströmungen die Lebensbedingungen für den Krill (Sammelbegriff für eine Vielzahlkleiner Krebstiere) optimieren, wurden gewaltige Schwärme beobachtet. In der Nähe der Elefanten-Insel wurde ein Zehn-Millionen-Tonnen-Schwarm entdeckt, der gewichtsmäßig 15% des jährlichen Fischfangs auf der Erde entsprach. Obwohl sie Allesfresser sind, ernähren sich die Krebstiere des Krills hauptsächlich von Phytoplankton. Der Krill wiederum ist Hauptnahrungsquelle für die fünf Walarten sowie für Robben, Pinguine, Seevögel, Tintenfische und kleine Fische. Den Krill dramatisch zu dezimieren, hieße die gesamte antarktische Nahrungskette zusammenbrechen zu lassen. Wale kommen während des Südsommers in die antarktischen Gewässer, um sich zu mästen. Von den weltweit hundert verschiedenen Walarten trauen sich aber nur zwanzig in die eiskalten antarktischen Ozeane. Die Pottwalweibchen etwa lehnen es strikt ab, ihren Männchen nach Süden zu folgen und bleiben mit dem Rest der Familie in gemäßigten Breiten. Wie ein riesiges Sieb benutzen die Bartenwale ihre 300-400 Hornplatten im Gaumen und fischen unter anderem den Krill aus dem Wasser heraus. Die reichliche Nahrung lässt sie zu den größten Tieren wachsen, die die Erde je erlebt hat. Der Blauwal erreicht eine Länge von über 30 m bei einem Gewicht von 150 t.
Die Wale drohen auszusterben

Leider war der Bestand von ursprünglich 200 000 Tieren nicht unerschöpflich. Der heutige Restbestand wird auf 10 000 Tiere geschätzt. Als der Blauwal fast ausgerottet war, wurden der Reihe nach die nächst kleineren Wale, Finn-, Buckel-, Pott- und Zwergwal, gefangen. Die Wale drohen auszusterben. Erst strenge Walfangverbote, für die politisch lange gekämpft wurde, bringen diesen sympathischen Meeresriesen Schutz.
Auch die Pinguine wurden früher nicht verschont. Manche haben Antarktisforschern als Nahrung über den Winter geholfen, viele wurden aber auch in Heizkesseln von Schiffen "verwertet". Die kleinen Adelie-Pinguine - sie werden nur 70 cm hoch und 5 kg schwer - sind am zahlreichsten. Majestätisch ist der 1 m große und bis zu 30 kg schwere Kaiserpinguin, der niemals einen Fuß auf festes Land setzt. Wasser und Eis sind sein Domizil. Am Ende des Sommers, im Mai/Juni, legt das Weibchen ein Ei, das anschließend sofort vom Männchen auf die Füße balanciert und dort mit seiner Bauchfalte bedeckt wird. Auch bei Temperaturen unter -20 °C und bei Schneestürmen über 200 km/h muss das Ei 65 Tage lang warm gehalten werden. Erst im Juli kommt das Weibchen zurück, um ihn abzulösen.

Die zahlreichen Seevögel der Antarktis sind ausschließlich Sommerbesucher in der südlichen Antarktis. Im Südsommer drängen sie sich auf den wenigen Landflächen, die als Brutplätze geeignet sind. In den stürmischsten Breiten der Erde müssen Albatrosse, Sturmvögel, Skuas und Seeschwalben sehr gewandte Flugakrobaten sein.
Entdeckung und Erforschung
Es muss auf der Südhalbkugel einen großen Kontinent geben, davon war der Römer Pomponius Mela überzeugt - wie sollte sich die Erde sonst im Gleichgewicht befinden? Die großen Landmassen im Norden unter dem Sternbild des Bären (Arktos) würden die Erde umkippen lassen, gäbe es gegenüber dem Bären nicht ein südliches Gegengewicht, nämlich Anti-Arktos. 31 n. Chr. entstand so seine Karte mit einer riesigen südlichen Landmasse. Bis ins 16. Jahrhundert glaubte man an die "Terra Australis Incognita", wie Claudius Ptolemäus (um 140 n. Chr.), der berühmte Geograph aus Alexandrien, Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. die vermuteten Länder nannte.
Seefahrer entdecken die kalte "Südsee"
Von weißen Flocken auf dem Meer hat bereits der polynesische Sagenheld Uite-Rangiora berichtet, der sich weit nach Süden in die Kältevorgewagt hatte. Aber erst 1773, auf seiner zweiten Weltreise, überquerte James Cook (1728-1779) als erster Europäer den südlichen Polarkreis. Mit seinen Schiffen "Resolution" und "Adventure" wurde er jedoch vom Eis gestoppt, bevor er den Kontinent sehen konnte. Im frühen 19. Jahrhundert erkundeten andere Seefahrer die antarktischen Gewässer und entdeckten die Antarktische Halbinsel. Aber erst der Brite James Clark Ross (1800-1862) kam dem antarktischen Kontinent wirklich nahe. Mit seinen Schiffen "Erebus" und "Terror" segelte er 1841 am Victorialand entlang.
Amundsen und Scott in der Antarktis
Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen (1872-1928) mit seinen vier Begleitern und siebzehn Schlittenhunden den Südpol. Die Schlittenhunde waren das Geheimnis seines ungefährdeten Erfolgs. Sie ertrugen geduldig alle Schneestürme und legten Entfernungen von 30-40 km pro Tag zurück. Zur gleichen Zeit quälte sich Robert Falcon Scotts (1868-1912) Fünf-Mann-Team noch 600 km weiter im Norden ohne Schlittenhunde durch unwegsamen Sastrugi-Schnee. Am 13. Dezember 1911 schrieb Scott in sein Tagebuch: "Ein äußerst verdammenswerter, trauriger Tag! Wir waren um 8 Uhr gestartet. Die Schlitten ließen sich schlecht ziehen. Am Nachmittag hatte die Sonne den Schnee nass und klebrig gemacht. Wir waren schweißnass und atemlos. Wir haben heute nur 6,5 km geschafft. Unwohlsein und die nassen Kleider halten mich die Nacht lange wach, die außergewöhnlichen Anstrengungen verursachen böse Krämpfe. Unsere Lippen sind rau und blasig. Wir beginnen unseren Marsch nicht allzu hoffnungsvoll!". Völlig erschöpft erreichte Scotts Gruppe erst am 17. Januar 1912 den Südpol, wo ein von Amundsen zurückgelassenes Zelt ihnen zeigte, dass sie zu spätgekommen waren. Demoralisiert machten sie sich auf den langen Rückweg. Nahe am Ziel, nur wenige Meilen vor einem großen Depot, wurden sie von einem neuntägigen Blizzard gefangen gehalten und erlagen so der unmenschlichen Kälte.
Shackleton, der härteste Entdecker

Die frühe Erforschung der Antarktis kennt viele heldenhafte Polarforscher: F. von Bellingshausen, J. Weddell, N. Palmer, J. Dumont d'Urville, C. Wilkes, C.E. Borchgrevink, N.O. Nordenskjöld, D. Mawson, A. de Gerlache, die Deutschen E. von Drygalski und W. Filchner sowie vor allem Sir Ernest Shackleton (1874-1922), der an drei Südpolarexpeditionen teilgenommen hat und zu Beginn seiner 4. Expedition auf Südgeorgien verstarb. Während der "Nimrod"-Expedition 1907 bis 1909 gelangte er bis auf 155 km an den Südpol heran. Während der "Trans-Antarctic-Expedition" (1914-1916) plante er, vom Weddellmeer via Südpol das Rossmeer zu erreichen. Sein Schiff, die "Endurance", wurde jedoch im Packeis eingeschlossen und zehn Monate später vom Eis zerdrückt. Nach einer abenteuerlichen, 1300 km langen Seefahrt im Rettungsboot durch stürmische, eisige Gewässer erreichte er zusammen mit vier Begleitern Südgeorgien, überquerte die hohen vereisten Berge, gelangte zur Walfangstation und organisierte erfolgreich die Rettung seiner zurückgebliebenen Mannschaft. Mit dieser wahrhaft heldenhaften Expedition endete das sogenannte heroische Zeitalter in der Antarktis.
Eisbrecher, Flugzeug und Motorschlitten

Seit Ende der 1920er Jahre setzen die Amerikaner Flugzeuge in der Antarktis ein. Richard E. Byrd (1888-1957) überflog am 29.11.1929 erstmalig den Südpol. Die eigentliche Erforschung des Eiskontinents aber begann mit dem Internationalen Geophysikalischen Jahr (1958/59). 48 Forschungsstationen aus zahlreichen Ländern waren Ausgangspunkte erfolgreicher Forschungsexpeditionen. Sir Vivian Fuchs (1908-1999) querte die Antarktis über den Pol. Seit 1955 forschen auch die Russen in der Antarktis und unterhalten mehrere permanente Stationen. Inzwischen bestimmt eine hoch technisierte Logistik die Forschungen. Spezielle Forschungseisbrecher, Flugzeuge, Hubschrauber, Motorschlitten undkomfortable Forschungsstationen dominieren das heutige Bild. Die friedliche internationale Zusammenarbeit ist beispielhaft.
Probleme, Herausforderungen
Vor ca. 170 Millionen Jahren brach das riesige Gondwanaland auf der Südhalbkugel auseinander. Langsam, wenige cm pro Jahr, drifteten die Südkontinente auseinander. Ihre gemeinsame Erdgeschichte zeigt sich in den Gesteinsschichten, Fossilien und Gebirgsstrukturen.
Wenn die Antarktis die gleiche geologische Vergangenheit hatte wie andere Südkontinente, warum sollten unter dem Eis nicht auch Lagerstätten sein, wie sie in der Fortsetzung der antarktischen Strukturen in den Nachbarkontinenten gefunden wurden? Diese Annahme konnte bisher nur an wenigen Stellen bestätigt werden. Außer einem Eisenerzlager im Prince-Charles-Gebirge und Kohleflözen im Transantarktischen Gebirge sind noch keine abbauwürdigen Bodenschätze entdeckt worden.
Dennoch ist der Streit um Nutzungsrechte in der Antarktis schon entbrannt. In Wellington wurde 1988 international über die Modalitäten des Abbaus von Bodenschätzen verhandelt. Das rief die Gegenseite, die aus der Antarktis einen geschützten Naturpark machen möchte, auf den Plan. Während der 15. Internationalen Antarktis-Konferenz 1989 wurde deshalb die Einberufung einer Sonderkonferenz beschlossen, die dem Schutz der Umwelt am Südpol gewidmet sein soll.
Was geschieht, wenn einer der sieben Staaten, die Sektoren aus der großen Eistorte beanspruchen - Großbritannien, Neuseeland, Frankreich, Australien, Norwegen, Chile und Argentinien ihre alten, sich teilweise überlappenden territorialen Forderungen präsentieren? Wie werden sich die anderen Nationen, unter anderem die Vereinigten Staatenvon Amerika, Rußland, China und die Entwicklungsländer verhalten? Wird die bisher friedliche Zusammenarbeit enden, wenn es um Rohstoffe geht? Bislang funktioniert der sogenannte antarktische Geist gegenseitiger Hilfe und Toleranz beispielhaft. In der Antarktis sind jüngst Probleme der gesamten Menschheit zu Tage getreten: Zum Beispiel das immer bedrohlicher werdende Ozonloch, das inzwischen weit über die Antarktis hinausreicht, oder die beschleunigte Erderwärmung, die das Polareis schmelzen lassen könnte. Die Umweltverschmutzung hat die Tiere der Antarktis nicht verschont. Auch Pinguine haben heute Umweltgifte in ihren Körpern.

Die Ökologie der Antarktis ist labil und reagiert bereits auf kleinere Störungen sehr empfindlich. Eine Ölverschmutzung, wie sie am 31. Januar 1989 das gestrandete argentinische Versorgungsschiff "Bahia Paraiso" an der Küste der Anvers-Insel vor der westlichen Antarktischen Halbinsel verursachte, gefährdet die dortige Tierwelt für viele Jahre. Fragwürdig sind Überlegungen, das Inlandeis der Antarktis als Atommüll-Deponie der Welt zu nutzen. Rigorose Naturschützer halten schon die ökologischen Belastungen, die von den Forschungsstationen an der Küste und den immer zahlreicher werdenden Touristengruppen ausgehen, für bedenklich. Inzwischen werden alle Abfälle der Forschungsstationen aus der Antarktis entfernt. Endlich hat man die wachsenden Umweltgefahren erkannt.
Die Antarktis, Auffanglager für Meteoriten
Die Tiefkühltruhe Antarktis konserviert etwa eine drei viertel Million Meteoriten. Weder Erosion noch Verwitterung zerstörten hier die Gesteins- oder Eisennickelmaterie aus dem Weltraum. Im Meer oder Boden des Festlandes sind kleine Meteoriten schwer zu entdecken. Anders in der Antarktis. Die im Inlandeis angesammelten Himmelsboten werden an Stellen, wo das Eis an Gebirgsbarrieren nach oben gedrückt wird, angereichert. Je mehr das schneefrei gewehte Eis an der Oberfläche aufgezehrt wird, umso mehr dunkle Meteoriten erscheinen auf dem Blaueis. Über 9000 fast unveränderte Bruchstücke hat man seit 1970 eingesammelt, darunter auch Stücke von Mond und Mars.
Der Antarktis- Vertrag
Am 23. Juni 1961 ratifizierten die zwölf Erstunterzeichnerstaaten den Antarktis-Vertrag, der zunächst für dreißig Jahre das Gebiet innerhalb 60° südlicher Breite (ausschließlich der freien Seegebiete) weitgehend schützte und zur freien Forschung öffnete. Kernwaffentests oder die Anlage von Atommüll-Deponien waren verboten. Bestehende Gebietsansprüche wurden bis zur eventuellen Neuregelung "auf Eis gelegt".
Im Jahre 1991 wurde von den Konsultativmitgliedern ein Zusatzprotokoll zum Antarktisvertrag unterzeichnet, das den Abbau von Bodenschätzen in der Antarktis für weitere 50 Jahre, also bis 2041, untersagt. Konkret wird die Ausbeutung von Öl- und Erzvorkommen in der Antarktis verboten. Ausnahmen vom Bergbauverbot sind nur möglich, wenn mindestens 21 der 26 stimmberechtigten Mitglieder dafür stimmen.
Überleben in der Antarktis
Blitzschnell schlägt das Wetter um. Tiefe Wolken, Eisnebel, aufgewirbelter, trockener Schnee und abfallende Temperaturen bisunter -30 °C können die Arbeitsbedingungen der Forscher im Gelände rasch unerträglich werden lassen. Fast unmerkbar kühlt der menschliche Körper unter die notwendige Minimaltemperatur ab. Zuerst erfrieren Hände und Füße, die lebenswichtigen, zentralen Organe werden noch bis zuletzt auf 37 °C gehalten. Schließlich kühlt auch das Körperinnere aus. Eine wohlige, aber heimtückische Müdigkeit lähmt das Denk- und Sehvermögen, der Mensch taumelt, wird ohnmächtig. Schließlich folgt der physische Zusammenbruch: Ein sanfter Tod.
Überleben ist eine Kunst in der Antarktis
Aber der Mensch hat inzwischen gelernt, die überaus lebensfeindlichen Umweltbedingungen in der Antarktis zu überstehen. Die Technik gleicht die mangelhafte natürliche Ausstattung des Menschen aus und macht so seine Arbeit hier erst möglich. Flugzeuge mit Schneekufen landen im Südsommer regelmäßig an der amerikanischen Südpolstation, Hubschrauber bringen Wissenschaftler und Material auch in unzugängliche Gebirgsregionen. Eisbrecher kämpfen sich durchs Meereis und ermöglichen es Frachtern, Nachschub für die Forschungsstationen heranzubringen. Lange, strapaziöse Fußmärsche sind nicht mehr erforderlich. Flugzeug, Hubschrauber und Motorschlitten haben den großen Entfernungen in der Antarktis ihren Stachel genommen. Auch die gefürchteten Schiffspassagen durch die stürmischsten Meere der Erde um den antarktischen Kontinent herum werden immer mehr durch bequeme Flugreisen abgelöst. Hundeschlittengespanne - das Erfolgsgeheimnis der Amundsen-Expedition - sind seit einigen Jahrenaus der Antarktis verschwunden.
Doch trotz des technischen Fortschritts schlägt die Antarktis immer wieder brutal zu. Ein technischer Defekt, der zur Notlandung zwingt, plötzliche Nebel, die Hubschrauberflüge unmöglich machen, nötigen die Betroffenen oft über eine Woche lang im Schneesturm zu überleben. Windgeschwindigkeiten bis zu über 300 km/h blasen Zelte und selbst schwerstes Gerät erbarmungslos fort. Während der obligatorischen Überlebenskurse wird daher geübt, in Schneehöhlen dem auskühlenden Wind, der die Körperwärme sehr schnell aufzehrt, zu entfliehen. Schon Windstärke 7 auf der 12-teiligen Beaufortskala lässt eine noch einigermaßen erträgliche Lufttemperatur von -32 °C auf unerträgliche -68 °C absinken. Bei dieser sogenannten "Windchill"-Temperatur sind böse Erfrierungen in Sekunden möglich. Da heißt es, geduldig besseres Wetter abzuwarten. Aufgewirbelte feine Schneekristalle lassen die Orientierung im Gelände ohnehin nicht mehr zu und in der Nähe des magnetischen Südpols ist der Kompass fast unbrauchbar.
Es hat seit Scotts Zeiten viele tragische Unfälle in der Antarktis gegeben: immer wieder Flugzeug- und Schiffsverluste sowie Einbrüche in Gletscherspalten. Erfrierungen, Feuersbrünste, ja selbst Autounfälle kommen vor. Allein die USA haben seit den 1950er Jahren über drei Dutzend Flugzeugunfälle und über zwei Dutzend Hubschrauberverluste zu beklagen.
Beim Ausbruch von Feuer facht der Sturm die Flammen gewaltig an. Bei -46 °C und einer Windgeschwindigkeit von über 200 km/h verbrannten am 3. Oktober 1960 acht Sowjets in der meteorologischen Station der Mirnyj-Basis. Löschen mit Wasser war nicht möglich. Rettungsmannschaften riss der Sturm von den Beinen. Innerhalb von dreißig Minuten war alles vorbei!
Wissenschaftlicher Alltag in der Antarktis
Frühmorgens ist der tägliche Funkkontakt zur Basis obligatorisch. Meldet sich das Außenlager nicht, wird automatisch eine Rettungsaktion gestartet. Die Sicherheit wird ernst genommen! Das Leben in den kleinen aber robusten Zelten ist bei Außentemperaturen um -20 °C nicht immer angenehm. In der absoluten Einsamkeit ohne Radio und Zeitung und in unausweichlicher Nähe von wenigen Kollegen können leicht psychische Probleme aufkommen. Das trifft besonders auf die langen, dunklen Wintermonate zu.
In den Forschungsstationen ist für alles gesorgt. An ausgezeichneter Verpflegung wird in der Kälte nicht gespart. Probleme entstehen eher, weil Unbelehrbare nicht die mindestens fünf Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen, die in der extrem trockenen Luft nötig sind. Dehydration (Austrocknung) des Körpers ist nicht selten, dagegen hat die Spezialbekleidung die Erfrierungen fast völlig verdrängt. Die Krankenstationen sind selbst für Operationen und Zahnbehandlung gewappnet. In den großen Stationen sind modernste Forschungslabore eingerichtet, in denen fast alle wissenschaftlichen Untersuchungen möglich sind.
Antarktische Ozeane und Inseln
Nahezu ungebremst können die Westwinde den Kontinent umkreisen. Nur die Antarktische Halbinsel und Südargentinien bzw. Südchile ragen in diese zirkumpolare Luftströmung hinein. Furiose Stürme schaffen die größten Ozeanwellen. Die brüllenden Vierziger ("roaring forties") und die rasenden Fünfziger ("furious fifties") - gemeint sind die Breitengrade - gelten als Schrecken der Seefahrer. In direkter Umgebung der Kontinentalküste wehen vergleichsweise harmlose Ostwinde.
Im Südwinter sind 20 Millionen km2 der südlichen Polarmeere von Packeis bedeckt. Im Sommer schrumpft der dichte Packeisgürtel bis auf kontinentale Reste (4 Millionen km2) zusammen, erschwert aber immer noch den Zugang zum eigentlichen Festland.
Dort, wo die Meere in den Kontinent hineingreifen, bedecken 200-1200 m dicke Eisplatten das kalte Küstenwasser. Zwei Schelfeistafeln erreichen fast die Größe Frankreichs: das Ross-Schelfeis (540 000 km2) und das Filchner- und Ronne-Schelfeis mit zusammen 530 000 km2. Insgesamt wird die Größe der Schelfeisgebiete auf 1,5 Millionen km2 geschätzt. Mit einer Geschwindigkeit von rund 300 m/Jahr "fließt" das Schelfeis ins Meer. Am Rande brechen Eisberge ab und treiben in nördlichere Meeresregionen. Einige der größeren Tafeleisberge erreichen fast Afrika, andere treiben weit an der Ostküste Südamerikas hinauf. Untersuchungen ergaben, dass es möglich wäre, derartig große Süßwasservorräte in die Trockengebiete der Erde, z. B. nach Kalifornien oder Saudi-Arabien, zu schleppen. Ein einziger Rieseneisberg könnte dort den Wasserbedarf für viele Jahre decken. Doch bislang scheitern solche Unternehmungen an den Kosten.
Die sehr kalten antarktischen Gewässer nahe dem Kontinent (6 °C Mittelwert) werden durch die antarktische Konvergenz von den subarktischen Gewässern (6-12 °C Mittelwert) getrennt. Diese Grenzzone pendelt zwischen 54° und 62° südlicher Breite. Die subtropische Konvergenz schließlich grenzt die subantarktischen Gewässer von den wärmeren subtropischen Wassermassen ab.
Antarktische und subantarktische Inseln
In unmittelbarer Nähe des Kontinents befindet sich eine Anzahl von unbewohnten Inseln. Alle sind stark vergletschert. Im Winter werden sie von See- und Packeis umschlossen. Nur an geschützten, meist küstennahen Standorten kann hier eine niedrige Vegetation überleben.
Mehrere subantarktische Inselgruppen erheben sich aus dem weiten Südpolarozean. Alle Inseln liegen nahe der antarktischen Konvergenz und spüren daher - mehr oder weniger ausgeprägt - die Nähe des eisigen Kontinents. Die weiter nördlich gelegenen Inseln (Kerguelen, Crozet-, Prinz Edward-, Marian- und Macquarie-Inseln) sind weniger unangenehm. Ihr nasskaltes Klima ist von ständigem Wind, wenig Sonnenschein und häufigen Regenfällen geprägt. Einige Inseln besitzen beachtliche schnee- und eisbedeckte Berge mit steilen Formen (Mount Paget auf Südgeorgien 2934 m). Die kurzen, kalten Sommer, die wenigen schneefreien Flächen und die große Isolation begrenzen die waldlose Vegetation aus Gräsern, niedrigen, breitblättrigen Pflanzen, Leberblümchen, Flechten, Moosen und Pilzen.
Auch die Tierwelt ist sehr artenarm. Ursprünglich gab es nur wirbellose Landtiere auf den Inseln: Würmer, Schnecken, Gliederfüßler und Spinnen. Erst der Mensch brachte Säugetiere auf die Inseln. Pferde, Rinder, Esel, Ziegen, Schafe, Schweine, Kaninchen, Katzen und Hunde können meist nur direkt bei den menschlichen Siedlungen überleben. Die auf Südgeorgien eingeführten Rentiere haben wie die anderen Säugetiere der einheimischen Vegetation schweren Schaden zugefügt. Nagetiere kamen schon mit den frühen Seefahrern. Nur die Heard- und Macdonald-Inseln blieben völlig von Säugetieren verschont.
Auf das Meer hin orientiert sind Seevögel, unter anderem viele Pinguinarten, See-Elefanten und diverse Robbenarten. Der Walfang und das früher weit verbreitete Robbenschlagen basierte auf Stützpunkten auf den subantarktischen Inseln (Grytviken auf Südgeorgien, Kerguelen, Macquarie-Insel und andere). Heute sind einige wenige Forschungsstationen an ihre Stelle getreten.







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