Ballett
Grundlagen im 16. Jahrhundert

Das Ballett entwickelt sich Ende des 15. Jahrhunderts aus Tanzeinlagen, die bei Festessen an den italienischen Fürstenhöfen zur Unterhaltung der Gäste vorgetragen werden. Ausführende sind weniger speziell dafür engagierte Tänzerinnen und Tänzer, sondern die Damen und Herren der Gesellschaft selbst. Den Hintergrund für diese Aufführungen bildet eine theatralische Handlung meist allegorisch-mythologischen Inhalts, die in einer Kombination aus Gesang, Tanz und gesprochenen Dialogen vorgeführt wird. Von Italien gehen schließlich auch die wesentlichen Impulse zur Entwicklung des Balletts als eigenständige Kunstform aus. Entscheidende Bedeutung kommt dabei dem Tanzmeister Domenico da Piacenza, genannt Domenico da Ferrara (†nach 1462) zu, der als 1. Choreograph in die Geschichte des Balletts eingehen sollte. In seiner Schrift "De Arte Saltandi et Choreas Ducendi" (Über die Kunst zu tanzen und Chöre zu leiten) legt er nicht nur eine Folge von Tänzen als zusammengehörige Einheit fest, sondern kreiert erstmals auch ein Repertoire von Tanzschritten. Eine bereits erweiterte Tanzlehre mit ausführlicheren und detaillierteren Choreographien findet sich im nächsten Jahrhundert in den Traktaten der beiden Tanzlehrer Fabrition Caroso da Sermoneta (*1535, †nach 1605) und Cesare Negri (*1536, †nach 1604): "Il Ballarino" von Caroso aus dem Jahr 1581 und "Le Gratie d'Amore" von Negri im Jahr 1602.
Ballet de Cour

Diese Errungenschaften geben wichtige Impulse für die Ausbildung einer Ballett-Tradition in Frankreich, wo ab 1550 die eigene Form des Ballet de Cour (Hofballett) als Gesamtkunstwerk in einer Mischung aus Dichtung, instrumentaler und vokaler Musik, Pantomime und Tanz entsteht. In einer Mischung aus Kunstwerk und Show bietet das Ballet de Cour für jeden etwas. Ausführende sind ausschließlich Mitglieder des höfischen Adels, und selbst die Könige Ludwig XIII. und Ludwig XIV. beteiligen sich daran, jedoch sind die Tänze zu dieser Zeit noch streng nach Geschlechtern getrennt. Als erstes Kunstwerk in der Geschichte des Balletts gilt das 1581 in Paris aufgeführte Werk "Ballet Comique de la Reine", zu dem der Italiener Balthasar de Beaujoyeux (ursprünglich Baltazarini de Belgiojoso) die Musik komponiert. Wichtiges formales Element des Ballet de Cour ist die Handlung, die das Werk wie ein roter Faden durchzieht und so eine künstlerische Einheit schafft. Der Aufbau ist dreiteilig: einer gesprochenen oder gesungenen Ouvertüre folgen bis zu fünf Entrées (einzelne Tänze wie Bourrée, Chaconne, Courante, Gaillarde oder Pavane) und schließlich das große Finale aller Mitwirkenden im Grand Ballet. Als Textdichter haben sich für das Ballet de Cour v.a. die Hofpoeten betätigt.
17. Jahrhundert
Als Abspaltung des Ballet de Cour entwickelt sich ab 1621 das Ballet à entrée, das den Mittelteil des Ballet de Cour zu einer eigenständigen Kunstform ausbaut. Im Verzicht auf eine einheitliche Handlung werden einzelne, in sich geschlossene, jedoch inhaltlich nicht miteinander verknüpfte Szenen in einer Mischung aus Tanz und Vokalmusik vorgeführt. Für eine künstlerische Einheit zeichnet dabei ein Choreograph verantwortlich, und Schriftsteller wie Richelieu bemühen sich um anspruchsvolle Libretti. Eines der spektakulären Ballette dieser Gattung ist das "Ballet de la Nuit", in dem König Ludwig XIV. sehr symbolträchtig als Sonnengott Apoll auftritt. Im 17. Jh. erreicht das Ballett erstmals auch breitere Schichten der Bevölkerung und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Gleichzeitig ist eine künstlerische Verfeinerung der Tänze zu beobachten, die nicht zuletzt auf die Protegierung der neuen Kunst durch König Ludwig XIV. selbst zurückzuführen ist. 1661 gründet er mit der Académie Royale de Danse in Paris erstmals eine pädagogische Stätte zur Förderung der Tanzkultur und Ausbildung von Tanzlehrern. Als der Hofkomponist Jean Baptiste Lully (*1632, †1687) im Jahre 1672 zum Direktor der Académie Royale de Musique berufen wird, ruft er dort eine zweite Tanzschule ins Leben, an der erstmals auch Berufstänzer ausgebildet werden, die 1681 in dem Ballett "Le Triomphe de l'Amour" zur Musik von Lully auftreten. Von besonderer Bedeutung für die Geschichte des Ballett ist auch Pierre Beauchamp (*1636, †1705 oder 1719), der nicht nur als Tänzer und Direktor der Académie Royale de la Danse, sondern v.a. als Choreograph des ersten selbstständigen Balletts "Les Fêtes de l'Amour et de Bacchus" im Jahr 1671 seine Spuren hinterlässt. Schließlich ist noch Raoul-Auger Feuillet (*um 1660, †1710) zu erwähnen, dem das Verdienst zukommt, unter dem Titel "Choréographie ou l'art de décrire la danse par caractères, figures et signes démonstratifs" im Jahr 1699 die erste ausführliche Tanzschrift formuliert zu haben.
18. Jahrhundert

Die Ballettgeschichte des 18. Jh. ist gekennzeichnet von einer Ausbreitung dieser Kunstform in ganz Europa. Neben Frankreich und Italien findet ab 1734 v.a. in Russland eine intensive Pflege des Balletts statt. Bereits am Ausgang des 17. Jh. entwickelt sich aus den inzwischen umfangreichen Divertissements in der Tragédie lyrique mit dem Opéra-ballet in Frankreich eine neue Form des Balletts. In Anlehnung an die äußere Form des Ballet à entrée werden 2-3 in sich abgeschlossene Akte (Entrées), gefolgt von jeweils einem Divertissement, durch eine übergeordnete Idee zu einem einheitlichen Kunstwerk verbunden. Die Themen sind dabei sowohl tragischen als auch erstmals komischen Inhalts. Als musikalische Besonderheit gelten Da-capo- und Koloraturarien. Als erstes Opéra-ballet gilt das von André Campra (*1660, †1764) komponierte, 1697 in Paris uraufgeführte Ballett "L'Europe galante". Einen Höhepunkt erreicht diese Form schließlich im kompositorischen Schaffen von Jean-Philippe Rameau (*1683,†1764) und seinen Werken "Les Indes galantes" (1735) oder "Les Fêtes d'Hébé" (1739).
Ballet d'action
Eine künstlerische Aufwertung erfährt das Ballett im Ballet d'action (Handlungsballett), dem eine durchgehende dramaturgische Handlung zu Grunde liegt und das für die Entwicklung des Balletts zu einem selbstständigen Tanzdrama von entscheidender Bedeutung ist. Bei der Entwicklung dieser Form sind vier verschiedene Nationen beteiligt, die dem Ballet d'action ihre je eigenen Impulse gegeben haben. Den Grundstein legt der englische Tänzer und Choreograph John Weaver (*1673, †1760), der sich der pantomimischenTanzkunst widmet und sich damit erstmals verstärkt dem Körper als Mittel des Ausdrucks zuwendet. Als Ergebnis seiner choreographischen Arbeit wird am 2. März 1717 am Drury Lane Theatre in London das Ballett "The Loves of Mars and Venus" aufgeführt. Wegweisend sind auch Weavers theoretische Schriften "Essay towards an History of Dancing" (1712) oder "History of the Mimes and Pantomimes" (1728). Mit dem in Wien wirkenden Tänzer und Choreographen Franz Anton Christoph Hilverding (*1710, †1768) findet das Ballet d'action als Ballettpantomime eine spezifisch österreichische Ausprägung. Zentrales künstlerisches Ziel ist für ihn dabei die tänzerische "Nachahmung der schönen und einfachen Natur". Ab 1749 bietet ihm die Position als Hoftanzmeister die Möglichkeit zur Realisierung seiner tänzerischen Experimente. Das bekannteste seiner rund 30 Ballette ist "Le Turc généreux" (1758), das deutliche Affinitäten zu Mozarts "Entführung aus dem Serail" aufweist. Obwohl Hilverding keine theoretischen Schriften hinterlassen hat, geben die bildhaften Dokumente zu seinen Inszenierungen von namhaften Malern wie Canaletto doch einen lebendigen Eindruck seiner Arbeit wieder. 1758 wird Hilverding von der Zarin Elisabeth als Ballettmeister an den Petersburger Hof gerufen und sollte dort die Basis für eine eigenständige Entwicklung des Russischen Balletts legen. Ab 1758 führt der italienische Tänzer und Choreograph Gasparo Angiolini (*1731, †1803) als Nachfolger Hilverdings in Wien dessen künstlerische Ideen weiter. Einen nachhaltigen Erfolg erreicht er 1761 mit dem Ballett "Don Juan ou Le Festin de Pierre", das eine gelungene Synthese mit der Musik von Christoph W. Gluck bildet und für die nächsten 40 Jahre auf dem Wiener Spielplan erscheint. Aus dieser Zusammenarbeit entstehen 1762 und 1765 noch "Orfeo ed Euridice" und "Semiramis". Gasparo Angiolini hat seine Ideen nicht nur in Wien, sondern auch in St. Petersburg und an verschiedenen italienischen Theatern realisiert und darüber hinaus in theoretischen Schriften festgehalten. Mit dem französischen Tänzer und Choreographen Jean Georges Noverre (*1727, †1810) wird das Ballet d'action zur Vollendung geführt. Nach Berlin, Dresden, Marseille, Lyon, Strassburg und Paris sind es v.a. Stuttgart und Wien sowie später Paris und London, wo Noverre sine künstlerischen Ideen realisieren kann. Von den rund 150 Aufführungen seiner Ära sind u.a. "La Mort d'Hercule" (1762), "Medée et Jason" (1763), "Don Chischotte" (1768), "Les petits riens" (1778, Musik W. A. Mozart) und "Iphigenia in Aulide" (1793) hervorzuheben. Noverres Plädoyer für einen natürlichen Ausdruckstanz findet sich in seiner 1760 veröffentlichten Schrift "Lettres sur la danse, et sur les ballets" (Brief über die Tanzkunst und Ballett).
Russland
Die Geburtsstunde des russischen Balletts wird auf das Jahr 1734 datiert und steht in Zusammenhang mit der Gründung der ersten Ballettschule zur Ausbildung von Berufstänzern und erstmals auch -tänzerinnen durch den französischen Tänzer Jean-Baptiste Landé (†1748). Ein Kontakt mit der bereits bestehenden westlichen Ballett-Tradition wird durch die Verpflichtung von Choreographen wie Hilverding oder Angiolini ermöglicht. Doch schon bald geht das russische Ballett eigene Wege. Bereits 1776 formiert sich das bis heute weltberühmte Ensemble des Bolschoi-Balletts, das ab 1794 unter der künstlerischen Leitung des russischen Tänzers und Choreographen Iwan Walberg (*1766, †1819) eine erste Blüte erlebt. Dies sollte den Grundstein für die große Tradition des russischen Balletts im 19. und 20. Jahrhundert. legen.
Tänzerinnen
Die gewachsenen künstlerischen Anforderungen an die Tänzer bringen erstmals auch gefeierte Primaballerinen hervor. In Paris genießt Françoise Prévost (*um 1680, †1741) aufgrund ihrer Ausdrucksfähigkeit und tänzerischen Grazie besondere Anerkennung. Auch ihre Schülerin Marie Camargo (*1710, †1770) feiert in Paris Triumphe und sollte in die Geschichte des Balletts als Erfinderin des klassischen Ballettkostüms (Tutu) eingehen. Sie steht in Konkurrenz zur Prévost-Schülerin Marie Sallé (*1707, †1756), die im Gegensatz zur technisch brillanten Camargo aufgrund ihrer Darstellungskraft gefeiert wird. Marie Sallé führt die klassische Tunique griechischen Stils anstelle des Ballettröckchens ein.
19. Jahrhundert
Kennzeichnend für die Ballettgeschichte des 19. Jh. ist die Etablierung einer eigenen Ballettkunst in Russland. Dort wird auch die Idee von der Primaballerina geboren, die fortan den künstlerischen Mittelpunkt eines Balletts bildet. Im 19. Jh. entsteht die Technik des Spitzentanzes, und man verzeichnet eine zunehmende Emanzipierung der Kunstgattung Ballett.
Demi-caratère Ballett
Diese Sonderform des Handlungs-Balletts findet sich bereits im ausgehenden 18. Jh. in dem Werk "La Fille mal gardée" (1789) des französischen Choreographen Jean Dauberval (*1742, †1806), das sich bis heute einen Platz im Theater-Spielplan bewahrt hat. Den musikalischen Rahmen bilden Opernmelodien und französische Volksmusik. Charakteristisch für diese Form des Balletts ist die Erweiterung der reinen Tanztechnik um ein Repertoire an Ausdruckstänzen, die zur Charakterisierung bestimmter Typen oder Rollen dienen.
Choreodrama
Einen anderen und für die Geschichte des Balletts bedeutungsvolleren Weg schlägt der italienische Tänzer und Choreograph Salvatore Viganò (*1769, †1821) mit seiner Frau, der spanischen Tänzerin Maria Medina, ein. Inspiriert von den künstlerischen Ideen Jean Daubervals entwickelt er die Form des Choreodramas, das sich um eine psychologische Ausleuchtung der Charaktere bemüht. Dieses künstlerische Ziel verfolgt Viganò auch in der Choreographie der Ensemble-Szenen und wird damit zum Begründer des Corps de ballet im eigentlichen Sinne. Viganòs Wirken erstreckt sich über ganz Europa. Besonders hervorzuheben ist sein Ballet "Die Geschöpfe des Preometheus" zur Musik von Ludwig van Beethoven, das am 28. März 1801 in Wien uraufgeführt wird.
Romantisches Ballett
In den romantischen Opern des 19. Jh. genießt das Ballett als Tanzeinlage einen besonderen Stellenwert, verfolgt dabei jedoch eine vollkommen andere künstlerische Idee. Vor dem Hintergrund mystischer Stoffe aus der Welt der Sagen und Märchen geht es weniger um ausdrucksvolle Charaktertänze als um eine Visualisierung der irreal-fantastischen Welt. Diese Aufgabe erfordert ein vollkommen anderes tänzerisches Repertoire, dem sich besonders die französische Tänzerin Marie Taglioni (1804-, †1884) gewachsen zeigt. Sie kreiert den neuen "style aérien", der durch ätherische Grazie aufs Perfekteste die übersinnliche Welt verkörpert. In Zusammenarbeit mit ihrem Vater, dem Choreographen Filippo Taglioni (*1777, †1871), feiert sie ab 1828 in Paris Triumphe. Einen Höhepunkt bildet die Aufführung des Balletts "La Sylphide" am 12. März 1832. Das bis heute bekannteste romantische Ballett ist "Giselle", das zur Musik von Adolphe Adam (*1803, †1856) von Jean Coralli (*1779, †1854) und Jules Joseph Perrot (*1810, †1892) choreographiert wird.
Primaballerinen
Das 19. Jh. erlebt v.a. auch die Ausbildung eines regelrechten Primaballerinen-Kults. Neben der Taglioni wird in Wien Fanny Elßler (*1810, †1884) gefeiert, die sich schon bald aufgrund ihrer Ausdruckskraft gepaart mit Temperament und Sinnlichkeit zu deren stärkster Rivalin entwickelt. Die Zusammenarbeit mit Perrot beschert Carlotta Grisi (*1819, †1899) die Titelrolle in dem Ballett "Giselle", mit dem sie über Nacht berühmt wird.
Russland
Die Ausbildung einer eigenständigen russischen Ballettkunst ist nicht denkbar ohne den französischen Tänzer und Choreographen Marius Petipa (*1818, †1910). 1847 zunächst als Premier danseur ans Petersburger Theater verpflichtet, wo er u.a. zusammen mit Fanny Elßler Erfolge feiert, prägt er ab 1855 zuerst als Assistent von Perrot, ab 1869 in eigener Verantwortung als Choreograph von mehr als 50 Balletten über fünfzig Jahre lang die Geschichte des russischen Balletts. Die musikalische Zusammenarbeit mit den russischen Komponisten Alexander Glasunow (*1865, †1936) und Peter I. Tschaikowsky (*1840, †1893) bildet eine Blütezeit des russischen Balletts. Petipas in der klassisch-romantischen Tradition wurzelnde Choreographien zu "Dornröschen" (1890), "Nussknacker" (1892) und "Schwanensee" (1895) haben Ballette von bleibender Bedeutung geschaffen. Charakteristisch für Petipas choreographische Ideen sind die zentrale Stellung der Ballerina sowie die auf den romantischen Ideen Taglionis fußende Funktion des Corps de ballet als Stimmungsträger.
20. Jahrhundert
Das 20. Jh. erlebt nicht nur den Höhepunkt und internationalen Siegeszug des russischen Balletts, sondern auch vielfältige neue Formen des Tanzes, mit denen Funktion und Gestaltungskraft dieser Kunst vollkommen neu und individuell interpretiert werden.
Ballet Russes
Eine einerseits konsequente Fortführung der durch Petipa geschaffenen russischen Ballett-Tradition, andererseits jedoch ein vollkommen neues künstlerisches Niveau, das sowohl dem russischen Ballett Weltgeltung verschaffen als auch der Kunstgattung allgemein eine neue Dimension zufügen sollte, wird durch die Persönlichkeit Serge Diaghilews (*1872, †1929) begründet. Diaghilew, der ursprünglich nicht vom Tanz herkommt, sondern sich für Musik und v.a. bildende Kunst interessiert, konzipiert seine Ballett-Aufführungen in einer Synthese aus Musik, Dichtung, bildender und darstellender Kunst als Gesamtkunstwerk auf höchstem Niveau. Seine Ideen wirken auf die Künstler seiner Zeit so inspirierend, dass er führende Persönlichkeiten wie den Schriftsteller Jean Cocteau, Maler wie Alexander N.Benois, Léon Bakst, Pablo Picasso, Henri Matisse oder Georges Rouault, Komponisten wie Sergej Prokofjew, Maurice Ravel, Claude Debussy, Eric Satie, Darius Milhaud und nicht zuletzt Igor Strawinsky sowie Choreographen wie Michael M. Fokine (*1880, †1942), Vaclaw Nijinskiy (*1889, †1950), Léonide F. Massine (*1896, †1979) oder George Balanchine für die Zusammenarbeit gewinnen kann. Den Beginn dieser Ära markiert die Aufführung der "Polowetzer Tänze" aus der Oper "Fürst Igor" von Alexander Borodin in der Choreographie von Fokine im Jahr 1909. In den folgenden Jahren erlebt die Welt in einer Kombination aus technischer Perfektion und künstlerischem Anspruch mit den Ballets Russes Aufführungen auf höchstem Niveau und gleichzeitig die letzte Blüte des klassischen Balletts: - "Les Sylphides" (1907), Musik: F. Chopin in der Instrumentation von A. Glasunow, Choreographie: M. Fokine - "Scheherezade" (1910), Musik: N. Rimsky-Korsakow, Choreographie: M. Fokine - "Petruschka" (1911), Musik: I. Strawinsky, Choreographie: M. Fokine - "Le Spectre de la Rose" (1911), Musik: C.M. von Webers "Aufforderung zum Tanz", Choreographie: M. Fokine - "Daphnis und Chloe" (1912), Musik: M. Ravel, Choreographie: M. Fokine - "Prélude à l'après-midi d'un faune" (1912), Musik: C. Debussy, Choreographie V. Nijinskiy - "Le Sacre du Printemps" (1913), Musik: I. Strawinsky, Choreographie: V. Nijinskiy - "Der Dreispitz" (1919), Musik: M. de Falla, Choreographie: L. Massine - "Pulcinella" (1920), Musik: I. Strawinsky, Choreographie: L. Massine - "Die Nacht auf dem kahlen Berge" (1924), Musik: M. Mussorgsky, Choreographie: B. Nijinska - "La Chatte" (1927), Musik: H. Sauguet, Choreographie: G. Balanchine - "Der verlorene Sohn" (1929), Musik: Sergej Prokofjew, Choreographie: G. Balanchine Viel umjubelt werden auch die ausgezeichneten Tänzerinnen und Tänzer dieses Ensembles. Unter den Primaballerinen finden sich Persönlichkeiten wie Tamara P. Karsawina (*1885,†1978), die hauptsächlich mit M. Fokine zusammenarbeitet, oder Lydia Sokolowa (*1896, †1974), die über 16 Jahre Mitglied in diesem Ensemble ist und v.a. dramatischen Figuren Ausdruck verleiht. Unbestrittener Star der Ballets Russes ist jedoch Vaclaw Nijinskiy, der in den Pariser Aufführungen triumphale Erfolge feiert. In den letzten Jahren der Diaghilew-Ära genießt auch Serge Lifar (*1905, †1986) uneingeschränkte Anerkennung. Weltbekannt werden sollte er jedoch ab den 30er Jahren als meisterhafter Choreograph von unzähligen Balletten, in denen er zumeist selbst den Part des Premier danseur übernimmt.
Modernes Ballett
Seit Beginn des 20. Jh. sind jedoch auch vielfältige Gegenbewegungen zum traditionellen klassischen Ballett zu verzeichnen, die zunächst mit Namen wie Isadora Duncan, Mary Wigman und Martha Graham verbunden sind.
Isadora Duncan und die Antike
Die amerikanische Tänzerin und Pädagogin Isodora Duncan (*1878, †1927) lehnt die mit dem klassischen Ballett verbundenen Zwänge ab und plädiert in einer Rückbesinnung auf die griechische Antike für eine Tanzkultur, die weniger konkrete Handlungen, Charaktere oder Stimmungen nachzeichnet, sondern die Versinnbildlichung der kosmischen Einheit zum Ziel hat.
Mary Wigman und der Freie Tanz
Die als Marie Wiegmann geborene deutsche Tänzerin, Choreographin und Lehrerin Mary Wigman (*1886, †1973) wird wesentlich von den künstlerischen Ideen Rudolf von Labans inspiriert. 1920 gründet sie in Dresden die Wigman-Schule, die wegweisend für die Entwicklung des Ausdruckstanzes werden sollte. Mary Wigman legt das Schwergewicht auf den Tanz und weist der Musik eine untergeordnete Rolle zu, oft verzichtet sie auch ganz darauf. Zentraler Gedanke ihrer Lehre ist die Gestaltung des Tanzes in völliger Unabhängigkeit von rhythmischen Gesetzmäßigkeiten oder musikalischen Inhalten als Gestaltung des inneren Erlebens. Ihre künstlerischen Ideen hat Mary Wigman in "Deutsche Tanzkunst" (1935) und "Die Sprache des Tanzes" (1963) festgehalten.
Martha Graham und der Modern Dance
Angeregt von Isadora Duncan entwickelt die amerikanische Tänzerin, Choreographin und Pädagogin Martha Graham (*1893, †1991) ihre eigenen Ideen des Freien Tanzes. Dabei beschreitet sie jedoch in der Ausbildung eines auf dem Wechsel von Körperspannung und -entspannung basierenden Tanzstils bald vollkommen eigene und neue Wege. 1927 gründet sie die Martha Graham School of Contemporary Dance, die sich bald zu einem internationalen Zentrum des Modern Dance entwickelt. Ihre Choreographien basieren seit den 30er Jahren auf literarischen, geschichtlichen oder mythologischen Themen, die psychoanalytisch durchleuchtet werden.
Diaghilews Erbe
Parallel dazu hat das klassische Ballett nach dem Tod Serge Diaghilews im Jahr 1929 seinen künstlerischen Platz behauptet. In Paris, New York und London pflegen die Wegbegleiter des russischen Impresarios dessen künstlerisches Erbe und haben diesem gleichzeitg den Weg ins nächste Jahrhundert bereitet. Serge Lifar setzte Akzente an der Pariser Oper, und George Balanchine begründete in New York mit der School of American Ballet, aus der sich später das New York City Ballet entwickeln sollte, eine neoklassische Tradition in Amerika. Mit Marie Rambert (*1888, †1982) wird erstmals auch London zu einem weiteren Zentrum des klassischen Tanzes. Parallel dazu finden sich auch moderne Produktionen im Repertoire, mit denen Marie Rambert zur Wegbereiterin des modernen britischen Balletts avanciert. In Deutschland sollte sich ab 1961 mit der Berufung des englischen Choreographen John Cranko (*1927, †1973) an das Stuttgarter Theater ein weiteres Zentrum des klassischen Tanzes ausbilden, in dem das moderne Handlungsballett gepflegt wird.
Tanztheater
Die deutsche Tanzrevolution gegen das klassische Ballett wird durch Pina Bausch (*1940, †2009) und das Tanztheater symbolisiert. Ihre künstlerischen Ideen orientierten sich zunächst am Ausdruckstanz und Modern Dance, gingen jedoch bald weit darüber hinaus und standen in keinerlei Zusammenhang mit dem traditionellen Ballett mehr. Pina Bauschs Choreographien bestanden aus auf das bloße Knochengerüst reduzierte Bewegungen, um den Weg für den Ausdruck seelischer Empfindungen frei zu machen. Ihren Produktionen lag weder eine geschlossene Handlung noch eine zentrale Idee zugrunde, sondern es ging ihr vielmehr um eine Abbildung der alltäglichen Welt unter dem Blickwinkel des Geschlechterkampfes. Durch montageähnlich aneinandergereihte Tanzszenen wollte sie beim Zuschauer einen Denkprozess in Gang setzen.
Bibliografie:
- Claudia Jeschke: Schwäne und Feuervögel. Russische Bildwelten in Bewegung, Berlin 2009
- Klaus Kieser: Reclams Ballettführer, Stuttgart 2009
- Norbert Servos: Pina Bausch. Tanztheater, München 2008
Institution(en):
- Deutscher Bundesverband Tanz e.V.Küppelstein 34 42857 Remscheid









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