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THEMEN

Benjamin Britten

Biografie

Kindheit und Jugend

Edward Benjamin Britten wird am 22. November 1913 als jüngstes von vier Kindern des Zahnarztes Robert Victor Britten und seiner Frau Edith, geborene Hockey, in Lowestoft, Grafschaft Suffolk, geboren. Zweierlei Dinge prägen den Knaben von Kindheit an: die natürliche Umwelt des Meeres und die kulturelle Umwelt der Musik, die im Alltag der Familie Britten eine zentrale Bedeutung einnimmt. Der entscheidende Einfluss für eine intensive musikalische Entwicklung geht jedoch von seiner Mutter aus: Während die Familie ihres Mannes aus bäuerlichen Verhältnissen stammt - Robert Britten sehnte sich ein Leben lang danach, einfacher Bauer zu sein -, finden sich unter den Hockeys viele (mehr oder weniger begabte) künstlerische Talente. Obwohl sie selbst keinerlei musikalische Ausbildung genossen hatte, verfügt Edith Britten über eine gute Mezzosopran-Stimme, die sie u.a. im örtlichen Musikverein einsetzt, und das absolute Gehör, ferner spielt sie Klavier.

Vom ersten Tag an ist Edith Britten überzeugt davon, dass aus ihrem Sohn Benjamin einmal ein großer Musiker wird, immerhin ist er am St. Cecilia's Day geboren (die Heilige Cäcilia wird als Patronin der Kirchenmusik verehrt). Es gab in der Familie Britten einen allbekannten Scherz, der bald zum geflügelten Wort wurde: man sprach über "die 3 B's ... Bach, Beethoven und Brahms und das vierte (B) war Britten".

Dementsprechend zielstrebig erfolgt von Anfang an die musikalische Ausbildung des Knaben:

  • erste Klavierstunden durch die Mutter mit fünf Jahren
  • weiterführender Klavierunterricht bei Miss Ethel Astle
  • Vermittlung der theoretischen Grundlagen durch die Mutter mit ca. fünf Jahren
  • Viola-Unterricht ab 1923 bei Audrey Alston

Doch ohne ein angeborenes Talent hätten all diese Bemühungen nur wenig Frucht gezeigt. Aber so paaren sich Ausbildung und Talent schon bald zu bemerkenswerten Ergebnissen:

  • erste Mitwirkung bei einer Aufführung von "Cinderella" (Aschenputtel) als Elfe in einer Familienaufführung zu Weihnachten 1916
  • erste, eher noch einem grafischen Kunstwerk ähnelnde Komposition im Alter von fünf Jahren
  • bald auch schon ernsthaftere Kompositionen von etwa zweiminütiger Dauer, die symphonische Miniaturdichtungen über das Alltagsleben der Familie Britten darstellen
  • Mitwirkung bei einer dramatisierten Aufführung von Charles Kingsleys "The Water-Babies" in der Rolle des Schornsteinfegers Tom im Frühjahr 1919
  • Komposition eines ersten bühnendramatischen Werks The Royal Falily über den Tod des Prinzen von Wales im Alter von fünf oder sechs Jahren; Aufführung im Freundes- und Familienkreis
  • Komposition erster Lieder (1922), die wahrscheinlich von der Stimme seiner Mutter inspiriert sind

Diese vielfältigen Erfahrungen sollten sich wie Regentropfen in einem Glas Wasser sammeln und die Basis für die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Persönlichkeit legen. Insbesondere die Faszination für das Theater sollte Benjamin Britten ein Leben lang begleiten.

Bei dieser Fülle musikalischer Engagements und Anreize kann es nicht verwundern, dass Benjamins schulische Erfolge eher zu wünschen übrig lassen und er sich vor allem bei den Prüfungen des "Associated Board" (staatliche Prüfungen in Theorie und Praxis, die von Lehrern der Londoner Musikhochschulen abgenommen werden) hervortut. 1924 erreicht er in der Theorieprüfung mit 95 von 99 Punkten eine außergewöhnliche Leistung und mit nur 13 Jahren besteht er im Fach Klavier Grad VII (Grad VIII ist eine Stufe unter dem Diplom) der praktischen Prüfung.

Erster Kompositionsunterricht

Bereits früh wird Komponieren für Benjamin Britten beinahe zu einer Besessenheit; jede freie Minute seines ausgefüllten Schulalltags verbringt er mit Notenpapier und Bleistift. Dabei hat er bereits mit 13 Jahren ohne eine entsprechende Ausbildung nicht nur eine umfangreiche Zahl verschiedenster Werke komponiert, sondern auch ein solches Niveau erreicht, dass nun ein professioneller Kompositionslehrer sinnvoll erscheint, denn noch vermischen sich in Benjamins Werken die unterschiedlichsten Einflüsse. Und so nimmt Frank Bridge (1879-1941), dessen Werke zu dieser Zeit im Stil der Spätromantik stehen, ab Herbst 1927 in den nächsten drei Jahren entscheidenden Einfluss auf den zukünftigen Komponisten Benjamin Britten.

Bridge lehrt seinen Schüler, mit eiserner Disziplin zu arbeiten, d.h. so lange an einer Komposition zu feilen, bis jede Note ihren (sinnvollen) Platz hat. Darüber hinaus erweitert Bridge den musikalischen Horizont des bisher eher mit Kammer- und Chormusik vertrauten Jungen um nicht nur die Welt der Orchestermusik, sondern auch der zeitgenössischen Musik, darunter vor allem die Werke von den Komponisten der so genannten Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg oder auch Igor Strawinskys. Unter Benjamin Brittens Werken, die in dieser Zeit entstehen, sind besonders die Quatre Chansons françaises aus dem Jahr 1928 hervorzuheben. Obwohl Einflüsse von Ravel, Debussy und Wagner unverkennbar sind, betritt der Vierzehnjährige in diesem Werk doch schon eigene kompositorische Wege.

Schließlich verdankt Britten seinem Lehrer auch die Vermittlung weiterführenden Klavierunterrichts bei dem renommierten Pianisten Harold Samuel, zu dem er ab November 1928 in unregelmäßigen Abständen nach London fährt. So sehr Benjamin Britten diese musikalischen Bereicherungen beflügeln, so sehr holt ihn der schulische Alltag in Gresham's School in Holt (Norfolk) auf den unglücklichen und verhassten Boden der Realität zurück.

Stipendiat des Royal College of Music

Diese innere Zerrissenheit und Unzufriedenheit löst sich erst, als Benjamin Britten im September 1930 seine Studien am Londoner Royal College of Music aufnimmt - aufgrund seiner überragenden musikalischen Begabung mittels eines Stipendiums. Auch wenn das Royal College of Music zu dieser Zeit noch nicht den professionellen Status wie heute genießt, so bedeutet dieses neue Leben doch für den Musikfanatiker Britten das reinste Paradies. Sein neuer Lehrer für Komposition und Tonsatz wird der Komponist John Ireland (1879-1962), auf dem Klavier erhält er Unterricht bei Arthur Benjamin (1893-1860)

Darüber hinaus öffnet das breite Spektrum kultureller Angebote in der Weltstadt London dem jungen Musiker neue Horizonte. In dieser Zeit erwacht Brittens Liebe für die Werke Gustav Mahlers und Dmitri Schostakowitschs - mit dem ihn später eine Freundschaft verbinden sollte -, hört er regelmäßig Werke Igor Strawinskys, dessen "Le sacre du Printemps" er ebenso als Weltwunder betrachtet wie Richard Wagners "Tristan und Isolde", und schwelgt in romantischen Gefühlen über Schönbergs "Pierrot Lunaire".

Künstlerischer Durchbruch

Bild
Ralph Vaughan Williams (1872-1958)

Auch wenn sein Werk bisher nur in der relativ abgeschlossenen Welt des Royal College gedieh und gelegentlich aufgeführt wurde, werden allmählich renommierte Musiker auf den jungen Komponisten aufmerksam. Einer davon ist der Komponist Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der sich nachhaltig für eine öffentliche Verbreitung von Brittens Werken einsetzt. So gelangen die Phantasy für Streicher und die seinem Lehrer Frank Bridge gewidmete Sinfonietta op. 1 zur Aufführung. Die Kritik der "Times" bescheinigt Britten Erfindungsreichtum und einen eigenen, von der Tradition unabhängigen Stil. Auch die BBC wird nun auf den aufstrebenden Musiker aufmerksam und nimmt diese beiden Werke sowie die Choralvariationen A Boy was Born op. 3 in ihre Programme auf. Erstmals erscheinen zu dieser Zeit auch beim Londoner Verlag Oxford University Press einige von Brittens Liedern im Druck; 1934 folgen die Simple Symphony op. 4 und das Te Deum in C-Dur für Chor und Orgel. Gleichzeitig interessiert sich in diesem Jahr auch Ralph Hawkes vom Londoner Verlag Boosey & Hawkes für Brittens Werke.

Ein weiterer wichtiger Förderer Brittens ist der Oboist Léon Jean Goossens (1897-1988), der in den 30er Jahren als Professor für Oboe am Royal College lehrt; Goossens bestellt bei dem jungen Komponisten ein Werk für Oboe und Streicher. Das Resultat ist das Phantasy Quartet, das nicht nur mit Erfolg am 6. August 1933 uraufgeführt wird, sondern in den nächsten Jahren auch international auf den Künstler aufmerksam macht. Im Jahr 1934 wird das Werk beim jährlichen Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), das diesmal in Florenz stattfindet, in Anwesenheit des Komponisten aufgeführt. In demselben Jahr ist übrigens auch Béla Bartók - den Britten bewundert - zum wiederholten Mal mit einem Werk, einer "Rhapsodie für Violine und Orchester", vertreten.

Der Filmkomponist

Nach Abschluss seiner Studien ist Benjamin Britten entschlossen, fortan seinen Lebensunterhalt mit seinen Kompositionen zu bestreiten, ein scheinbar wagemutiges Unterfangen. Da öffnet sich dem begeisterten Kinogänger Britten eine sowohl finanziell als auch künstlerisch interessante Tür: Er wird fest angestellter Filmkomponist der GPO (General Post Office) Filmgesellschaft, die Dokumentarfilme dreht. Die besondere künstlerische Herausforderung bei dieser Arbeit ist die Aufgabe, mit wenigen instrumentalen Mitteln (einem sechs- bis siebenköpfigen Ensemble) für den jeweiligen Zweck effektvolle Musik zu komponieren. Diese Art effizienten Schreibens für kleinere Besetzungen sollte Brittens kompositorischen Stil auf Dauer nachhaltig beeinflussen. Bei seinem ersten Auftrag geht es darum, Hintergrundmusik für eine Dokumentation unter dem Titel The King's Stamp über die Gestaltung und Herstellung einer Sonderbriefmarke zum Silbernen Thronjubiläum von König Georg V. zu schreiben.

Der Theaterkomponist

Eine Herausforderung anderer Art ist die Zusammenarbeit mit intellektuellen Größen wie dem Dichter Wystan Hugh Auden (1907-1973), mit dem Britten in den nächsten Jahren eine enge Freundschaft verbindet. Vor allem jedoch sollten sich beide Künstler gegenseitig inspirieren. Durch Auden wird Britten in den Kreis des "Group Theatre", einer von ihm und seinem Co-Autor Christopher Isherwood gegründeten Theatergesellschaft zur Aufführung vornehmlich ihrer eigenen Werke, eingeführt. Und schon bald bittet man den begabten Musiker um die Mitarbeit bei den nächsten Produktionen, darunter eine Aufführung von Shakespeares Drama Timon von Athen, zu der Britten die Bühnenmusik schreibt. In den folgenden Jahren entstehen eine Vielzahl weiterer solcher Werke, vorzugsweise zu Stücken zeitgenössischer Schriftsteller. Darüber hinaus vertont Britten verschiedene von Audens Gedichten, so 1936 den Zyklus Our Hunting Fathers.

Schicksalsjahr 1936

Die zunehmende öffentliche Präsenz Benjamin Brittens im Rundfunk und Konzertsaal haben innerhalb von nur zwei Jahren dafür gesorgt, dass sich der Komponist um 1936 künstlerisch etabliert hat. Gleichzeitig bedeutet das Jahr 1936 den Wendepunkt in Brittens Privatleben.

Während des IGNM-Festivals in Barcelona - wo wiederum seine Phantasy op. 2 aufgeführt wird - lernt Britten den Komponisten Lennox Berkeley (1903-1989) kennen, mit dem ihn schon bald eine fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verbindet. Gleichzeitig macht Berkeley dem Jüngeren eindeutige sexuelle Avancen, doch Britten lehnt ab und lenkt die Beziehung in eine Freundschaft zurück, die bis zu Brittens Tod im Jahr 1976 andauert. Der privat weit bedeutendere Kontakt entsteht jedoch wenig später zu Peter Burra, dem Schriftsteller und Kulturkritiker für die "Times". Durch ihn wird sich Britten schließlich seiner homosexuellen Veranlagung bewusst. Umso erschütterter ist der Komponist, als Burra nur ein Jahr später bei einem Flugzeugabsturz tragisch ums Leben kommt. Dieser Verlust wiegt umso schwerer, als nur wenige Monate vorher, im Januar 1937, Brittens Mutter verstirbt.

Beim Ordnen des Nachlasses von Peter Burra begegnet Benjamin Britten erstmals dem Sänger Peter Pears (1910-1986), mit dem ihn schon bald eine intensive Freundschaft verbindet. Innerhalb der nächsten zwei Jahre entwickelt sich daraus eine Liebesbeziehung, die Britten und Pears für den Rest ihres Lebens verbindet. Darüber hinaus entsteht zwischen beiden Künstlern eine fruchtbare und inspirierende Zusammenarbeit. Viele von Benjamin Brittens vokalen Werken sind von da an auf die Stimme seines Lebensgefährten zugeschnitten und bringen dieselbe durch ihre musikalischen Anforderungen gleichzeitig erst zu ihrer vollen Entfaltung. In allen diesen Werken wirkt Peter Pears als Solist bei der Uraufführung mit. Darüber hinaus konzertieren Britten und Pears regelmäßig in der ganzen Welt zusammen.

Kanadisch-Amerikanisches Intermezzo

Wieder einmal findet das Festival der IGNM statt und im Jahr 1938 ist der Festspielort London. Dort begegnet Benjamin Britten dem amerikanischen Komponisten Aaron Copland (1900-1990). Diese Begegnung ist offenbar der letzte Anstoß zu einer seit längerer Zeit in Erwägung gezogenen Reise nach Amerika. Auden und Isherwood waren angesichts der sich zuspitzenden politischen Ereignisse bereits am 18. Januar 1939 in die USA emigriert und Britten selbst fühlt, dass Europa zu dieser Zeit "am Ende" ist; er erhofft sich von dieser Reise neue Inspiration und ist auch nicht abgeneigt, ganz in die USA überzusiedeln.

Brittens amerikanisches Intermezzo von 1939 bis 1942 ist überaus erfolgreich: Dank der Vermittlung von Komponisten wie Aaron Copland erhält er nicht nur zahlreiche Einladungen ,als Pianist auf dem Konzertpodium aufzutreten, sondern auch Aufträge zur Komposition neuer Werke. So entstehen in dieser Zeit

  • das bereits in England begonnene Violinkonzert op. 15, das am 28. März 1940 mit Antonio Brosa und den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von John Barbirolli in der Carnegie Hall erfolgreich uraufgeführt wird
  • die Sinfonia da Requiem op. 20 als Auftragswerk für die japanische Regierung anlässlich der 2600-Jahr-Feier des Japanischen Kaiserreichs
  • die Diversions op. 21 für Klavier (linke Hand) und Orchester, ein Auftragswerk des einhändigen Pianisten Paul Wittgenstein

Der Opernkomponist

Das amerikanische Intermezzo bedeutet jedoch vor allem den Beginn von Brittens Karriere als Opernkomponist. Einen ersten Versuch in dieser Richtung bedeutet die Zusammenarbeit mit Auden für die Operette Paul Bunyan, ein Stück amerikanischer Geschichte aus der Pionierzeit, deren Uraufführung am 3. Mai 1941 in der New Yorker Columbia Universität jedoch nur von mäßigem Erfolg begleitet ist.

Trotz dieses wenig ermutigenden ersten Versuchs geht Britten wenig später erneut das Wagnis Oper an, diesmal auf Anregung des Dirigenten Sergej Kussewitzky, der bereits im Januar 1942 erstmals an den Komponisten herantritt und ihn im Auftrag der Kussewitzky-Stiftung um eine Oper zum Gedenken an seine kürzlich verstorbene Frau Natalie bittet. Zwar hat Britten schon einen Stoff für ein solches Projekt in seinem Kopf, lehnt jedoch auf Grund des fehlenden künstlerischen Freiraums zu dieser Zeit ab. Das Werk zum Gedenken an Natalie Kussewitzky sollte ein Jahr später der Ungar Béla Bartók komponieren. Kussewitzky gibt bei Britten, dessen dramatische Sprache ihn tief beeindruckt hat, dennoch im Namen der Kussewitzky-Stiftung für ein Honorar von 1000 Dollar eine Oper in Auftrag, die nach Fertigstellung während des alljährlich stattfindenden Berkshire Festivals in Tanglewood uraufgeführt werden soll.

Der Stoff, der Benjamin seit Mitte 1941 beschäftigt, findet sich in Gedichten des englischen Schriftstellers George Crabbe (1754-1832). Insbesondere die Passagen über einen Fischer namens Peter Grimes regen Brittens bühnendramatische Fantasie spontan an. Darüber hinaus haben diese Gedichte noch einen privaten Effekt auf Benjamin Britten, der sich plötzlich seiner englischen Wurzeln mit aller Macht bewusst wird und die nächste, nicht ganz unproblematische Möglichkeit in einer sich inzwischen im Krieg befindenden Welt nutzt, um den langen Weg über den Atlantik zurück in die Heimat anzutreten.

Zurück im London der Kriegsjahre wird Benjamin Britten nach der Premiere seiner in Amerika entstandenen Seven Sonnets of Michelangelo am 23. September 1942 in der Wigmore Hall von Publikum und Presse gleichermaßen enthusiastisch gefeiert.

Die nächsten Monate sollten vor allem der Arbeit an seiner ersten Oper Peter Grimes gewidmet sein. Bei der Suche nach einem geeigneten Librettisten wird Britten schließlich in Montagu Charles Slater (1902-1956) fündig, doch es sollten durch Slaters gesundheitliche Probleme und langsame Arbeitsweise beinahe zwei Jahre vergehen, bevor mit der Komposition der ersten Szenen beginnen konnte. Als das Werk am 7. Juni 1945 nach Überwindung heftiger Kontroversen und massiver Widerstände seitens der Musiker während der Probenphase gegen dieses "kakophone" Werk im Londoner Sadler's Wells Theatre uraufgeführt wird, hat Britten ein neues Kapitel in der Geschichte der englischen Oper aufgeschlagen. Und wider Erwarten sind Publikum und Kritiker von dem Werk begeistert, so dass alle neun Vorstellungen der ersten Saison ausverkauft sind. Im Konzertsaal stehen seither die Four Sea Interludes Op. 33a aus dieser Oper regelmäßig auf dem Programm.

Der Erfolg von Peter Grimes sollte in den nächsten Jahren eine Reihe weiterer Bühnenwerke nach sich ziehen:

Werk Libretto Uraufführung
The Rape of Lucretia (Der Raub der Lukretia) Robert Duncan 12.07.1946 Glyndebourne
Albert Herring Eric Crozier nach der Erzählung "Madame Hussons Maienkönig" von Guy de Maupassant 20.06.1947 Glyndebourne
Bearbeitung der "Beggar's Opera" (Bettleroper) von J. Gay und J. C. Pepusch 24.05.1948 Cambridge
Bearbeitung von Purcells Oper "Dido und Aeneas" 1.05.1951 Hammersmith
Billy Budd Eric Crozier und E. M. Forster nach Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung 1.12.1951 Royal Opera House Covent Garden, London
Gloriana; Auftragswerk zur Krönung von Königin Elisabeth II. William Plomer nach dem Buch "Elisabeth und Essex" von Lytton Giles Strachey 8.06.1953 Royal Opera House Covent Garden, London
The Turn of the Screw (Die sündigen Engel) Myfanwy Piper 14.09.1954 Teatro la Fenice, Venedig
A Midsummer Night's Dream (Ein Sommernachtstraum) Benjamin Britten und Peter Pears nach William Shakespeare 11.06.1960 Aldeburgh
Owen Wingrave; Auftragswerk für die BBC Myfanwy Piper nach Henry James' gleichnamiger Kurzgeschichte Fernsehpremiere: 16.05.1971; Bühnenpremiere: Mai 1973, Royal Opera House Covent Garden, London
Death in Venice (Tod in Venedig) Myfanwy Piper nach Thomas Manns gleichnamiger Erzählung 16.06.1973 Snape

Aldeburgh Festival

Während dieser Opernphase beginnt gleichzeitig 1948 ein neues Kapitel im Leben des künstlerisch nimmermüden Benjamin Britten. 1947 zurück zu seinen Wurzeln und in das Fischerdorf Aldeburgh nahe seines Geburtsortes Lowestoft in der Grafschaft Suffolk gezogen, gründet Britten dort 1948 ein Musik-Festival. Die Besonderheit an diesem bis zu Brittens Tod im Jahr 1976 alljährlich von ihm veranstalteten Festival sind weder eine beeindruckende Liste von Persönlichkeiten noch spektakuläre Opernaufführungen, sondern es ist vielmehr ein Konzept, das die Musik in all ihren Facetten und klanglichen Erscheinungen, in ihrer ganzen geschichtlichen und akustischen Vielfalt ins Zentrum der Veranstaltungen stellt, dabei immer offen für neue künstlerische Ideen und Experimente bleibt, Querverbindungen zu den anderen Künsten zieht und nicht zuletzt auch den Reiz der umgebenden Landschaft bewusst macht.

Höhepunkte in der fast 30-jährigen Geschichte des Aldeburgh Festivals unter Benjamin Brittens Leitung sind die Uraufführung von Brittens Six Metamorphoses after Ovid im Jahr 1951, bei der die Zuhörer die Musik ungewohnt räumlich erleben - die sechs Solostücke erklingen aus verschiedenen Positionen im Schilf, während das Publikum in verschiedenen Booten verstreut auf dem See zuhört -, sowie eine Aufführung von Schostakowitschs 14. Symphonie, die der Komponist seinem Freund Benjamin Britten gewidmet hat. Darüber hinaus trifft sich dennoch über die Jahre die Elite der musikalischen Welt in Aldeburgh, darunter enge Freunde wie Mstislaw Rostropowitsch.

Das War Requiem op. 66 für Sopran, Tenor, Bariton, Chor, Knabenchor und Orchester - Brittens humanistisches Vermächtnis

Als Benjamin Britten im Jahr 1942 aus Amerika zurückkehrt, ist London bereits von den Spuren des Zweiten Weltkriegs und der massiven Bombenangriffe gezeichnet. Britten beschreibt den Anblick der zerstörten Londoner City mit den plastischen Worten: "wie Lücken zwischen gezogenen Zähnen". Darüber hinaus haben auch die Besuche in deutschen Konzentrationslagern im Jahr 1945, wo er gemeinsam mit Yehudi Menuhin Konzerte gab, unauslöschliche Spuren in dem Pazifisten und Humanisten Britten hinterlassen.

1961 erhält Britten den Auftrag zur Komposition eines Werkes, mit dem die wieder aufgebaute Kathedrale von Coventry eingeweiht werden soll. Das Ergebnis ist Benjamin Brittens War Requiem, eines seiner eindringlichsten Werke und zugleich das persönliche Credo eines überzeugten Kriegsgegners.

Das War Requiem ist jedoch weit davon entfernt, eine simple Verherrlichung der britischen Armee und ihrer Soldaten zu sein. Es ist keine Anprangerung und Verdammung der Kriegsgegner, sondern stellt die Gottlosigkeit des Krieges selbst an den Pranger. Gleichzeitig setzt dieses Werk ein Zeichen der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft der Völker durch die von Britten selbst getroffene internationale Auswahl der Solisten:

  • Dietrich Fischer-Dieskau, Deutschland, Bariton
  • Galina Wischnewskaja, Russland, Sopran
  • Peter Pears, Großbritannien, Tenor

Das War Requiem ist ein komplexes Werk, das drei verschiedene Ebenen aufweist:

1. Lateinische Totenmesse für Sopran, Chor und Orchester
2. Gedichte von Wilfred Owens für Tenor, Bariton und Kammerorchester (12 Spieler)
3. Knabenchor, der die vom Kriegsgeschehen unbefleckte Unschuld symbolisieren soll.

Diese drei Ebenen mischen sich jedoch fast nie und bestehen nebeneinander, was vielfach Ursache von Kritik gewesen ist. Doch vielleicht birgt auch gerade diese Tatsache eine Herausforderung zum Nachdenken und Weiterwirken für den Zuhörer. Das Publikum der Uraufführung am 30. Mai 1962 hat den immanenten Appell jedenfalls vernommen, denn es würdigte das Werk mit einem außergewöhnlich intensiven Beifall.

Letzte Jahre

Nach dem War Requiem findet Benjamin Britten noch einmal zu einer neuen musikalischen Sprache. Sein Stil wird einfacher. Er verarbeitet nun die während einer Japanreise im Jahre 1956 gesammelten Erfahrungen und Einflüsse und schreibt von 1964 an in zweijährigem Turnus die als Trilogie konzipierten Kirchenparabeln Curlew River (Möwenfluss), The Burning Fiery Furnace (Die Jünglinge im Feuerofen) und The Prodigal Son (Der verlorene Sohn). Darüber hinaus entsteht die Mehrzahl seiner Werke für das alljährliche Aldeburgh Festival.

Anfang der 1970er Jahre machen sich erstmals gesundheitliche Probleme bemerkbar. Neben einem allgemeinen Gefühl der Schwäche befallen ihn im Frühjahr 1972 jedes Mal Schmerzen im linken Arm, wenn er zu dirigieren versucht. Die Ärzte stellen einen Herzklappenfehler fest und dringen auf eine Operation. Doch auch nach dem im Mai vollzogenen Eingriff geht es Benjamin Britten nicht wesentlich besser. Ihn beunruhigt vor allem die teilweise Lähmung nunmehr des rechten Armes, der die Folge eines während der Operation erlittenen Schlaganfalls ist. Längere Zeit danach ist Britten nicht nur zu schwach, sondern auch unfähig zu jeglicher künstlerischer Arbeit, was ihn tief betrübt. Im Sommer 1974 kehrt plötzlich sein künstlerisches Selbstbewusstsein und ausreichend Kraft zurück, um neue Werke in Angriff zu nehmen. So entstehen 1975 Canticle V: The Death of Saint Narcissus für Sologesang und Harfe, die Suite of English Folk Tunes und die auf alten englischen Texten basierenden Lieder Sacred and Profane.

Obwohl sich sein gesundheitlicher Zustand zunehmend verschlechtert, ist Benjamin Britten bis zuletzt voller Kreativität und schreibt noch einmal mehrere neue Werke. Nachdem die Ärzte festgestellt hatten, dass die Operation erfolglos gewesen war, erwägen sie einen erneuten Eingriff, müssen diesen Plan jedoch angesichts des schwachen Allgemeinzustands des Patienten aufgeben. Brittens körperliche Kräfte lassen nun rapide nach, schließlich fällt ihm selbst das Sprechen schwer. Am 4. Dezember 1976 stirbt Benjamin Britten in seinem Heim in Aldeburgh, wo er weniger Tage später auf dem Gemeindefriedhof begraben wird.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • 1931 Farrar Kompositionspreis (Royal College of Music)
  • 1932 Cobbett Chamber Music Prize (Royal College of Music)
  • 1932 Sullivan Prize (Royal College of Music)
  • 1933 Farrar Kompositionspreis (Royal College of Music)
  • 1941 Coolidge-Medaille, USA
  • 1953 Order of Merit
  • 1958 Mitglied der Berliner Akademie der Künste
  • 1965 Sibeliuspreis
  • 1973 Ernst-von-Siemens-Musikpreis
  • 1974 Maurice-Ravel-Preis
  • 1976 Ernennung zum Peer of England durch Königin Elisabeth II.
  • Ehrendoktorat der Universitäten Cambridge, Hull, Belfast, Oxford, Nottingham, Manchester, London, Leicester, East Anglia, Wales und Warwick
  1. Biografie
  2. Künstlerische Würdigung

Bibliografie:

  • Benjamin Britten. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil Bd. 3, Kassel u.a. 2000
  • Gottfried Schmiedel: Benjamin Britten. Für Sie porträtiert, Leipzig 1983

Institution(en):

  • The Britten-Pears Library The Red House
    Aldeburgh
    Suffolk IP15 5PZ
    Großbritannien
    +44/1728/452615
    +44/1728/453076
    bpl@britten-pears.co.uk
  • The Britten-Pears Foundation
    Ruth Orchard, General Director
    Unit 4G, Leroy House
    436 Essex Road
    London N1 3QP
    Großbritannien
  • Aldeburgh Festival
    High Street
    Aldeburgh
    Suffolk IP15 5AX
    Großbritannien
    +44/1728/453543
    +44/1728/452715
    enquiries@aldeburgfestivals.org
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