Boule
Geschichte des Boule-Spiels

Die Entstehungsgeschichte der Boule-Spiele ist bereits mehrere Jahrhunderte alt. Schon früh liebten alle gesellschaftlichen Schichten in vielen Ländern das Spiel mit den Kugeln. Denn die Grundlage des Boule-Spiels besteht im Werfen, das eine der ursprünglichsten, natürlichsten und häufigsten Bewegungen des Menschen darstellt und die Geschicklichkeit herausfordert.
Antike
Erste Überlieferungen zu diesem Spiel, zuerst noch mit Kugeln aus Stein, finden sich bereits in der Antike. Ein Fundstück, das aus Sphaera aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert stammt, belegt, dass bereits griechische Ärzte, zu denen als "Vater der Heilkunde" auch der bedeutende Hippokrates von Kos (um 460 v. Chr. bis um 377 v. Chr.) gehörten, das Geschicklichkeitsspiel würdigten. Sie lobten es, "da es sich um eine Übung handelt, die Arm- und Beinmuskulatur entwickelt, Wirbelsäule und Gelenke geschmeidig hält, aber vor allem das Augenmaß, das Urteilsvermögen und die Entscheidungsfreudigkeit fördert". Auch im Römischen Reich wurde ein Wurfwettbewerb gepflegt, bei dem zwei Spieler einen entfernten Ziegelstein mit ihren Steinkugeln zu treffen hatten. Der Verlierer musste übrigens hinterher seinen Gegner auf den Schultern bis in ein Ziel tragen. So wurde es im 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieben und derart veranschaulicht es auch ein römischer Kindersarkophag, der kugelspielende Kinder zeigt.
Mittelalter
Im 13. Jahrhundert wurde in Frankreich das Boule-Spiel mit Holzkugeln ausgeführt. Schon damals bemühten sich die Spieler darum, ihre Kugel möglichst in die Nähe eines Ziels zu werfen. Damit hatte sich bereits die Grundlage der heutigen Versionen etabliert. Aber das sportliche, geschickte und unterhaltsame Spiel mit den Kugeln fand auch immer wieder Gegner in der weltlichen und geistlichen Obrigkeit, die ihren Untertanen diese Art des Zeitvertreibs verleiden wollten. So verbot der französische König Philipp V. im Jahr 1319 dieses Spiel. Denn er wollte darin eine Gefährdung der Staatssicherheit erkennen, da es den Spielern um den Spaß beim Wettbewerb, nicht aber um das Messen ihrer militärischen Fähigkeiten ging. Der König wies seine Untertanen an, sich "stattdessen beim Bogen- und Armbrustschießen, beim Fechten oder Lanzenwerfen zu üben." König Karl V., der Frankreich von 1364 bis 1380 regierte, sonst Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft förderte und immerhin den Beinamen "der Weise" trug, war ebenso von diesem Verbot überzeugt und erneuerte es genau fünfzig Jahre später.
Auch in England sprach 1388 Richard II., der zunächst zu politischen Misserfolgen, dann zunehmend zur Willkürherrschaft neigte und schließlich abgesetzt und wahrscheinlich ermordet wurde, ein Verbot des Boule-Spiels für Nichtadelige aus. Es wurde ebenfalls von seinen Nachfolgern fortwährend aufgefrischt. Da durfte im gleichen Jahrhundert natürlich auch die Beschränkung der Kirche nicht fehlen, die sich um die Sitten und die Arbeitsmoral sorgte. So wies der Erzbischof von Tournay an, "dass niemand mit Kugeln, gleich ob rund oder anders beschaffen, in der Gegend von Tournay spielen dürfe, ausgenommen sind Sonntage und kirchliche Feiertage, an denen nach dem Mittagessen gespielt werden darf."
Neuzeit
Mit Beginn der Neuzeit wurde das Spiel nicht mehr ausschließlich verfolgt, sondern fand auch öffentliche Unterstützung. So unterstrich im 16. Jahrhundert die berühmte Universität in Montpellier die Bedeutung des Boule-Spiels für die Gesundheit und klärte wie folgt auf: "Es gibt keinen Rheumatismus oder andere ähnliche Leiden, die nicht durch dieses Spiel vereitelt werden können, es ist für jede Altersstufe geeignet." An diesen medizinischen und gesundheitlichen Rat hielten sich auch Herrscher und berühmte Persönlichkeiten. So befolgte ihn der legendäre französische Marschall Vicomte de Turenne (1611-1675) und übte sich so intensiv im Boule-Spiel, dass er als unschlagbar galt.
Dennoch hielten auch die Verbote an. Im Jahr 1629 erfolgte eine Einschränkung durch das Parlament. Für das neue "Jeu de paume", aus dem sich später das Tennis entwickelte, wollte sich nämlich die Kunsthandwerkerzunft einen größeren Markt erobern, weil sie die Schläger und die Federbälle anfertigte. So erwirkte diese Branche das gerichtliche Verbot des konkurrierenden Boule-Spiels mit einem vernichtenden Argument gegen seine Spieler: "Boule verführt zu lasterhaften Ausschweifungen und ist Ursache sonstiger Unverschämtheiten." Noch im gleichen Jahrhundert und über drei Jahrhunderte nach Karls V. Untersagung verbot erneut auch die Kirche auf der Pariser Synode von 1697 allen Geistlichen, sich den Boule-Kugeln in der Öffentlichkeit oder im Beisein von Weltlichen hinzugeben. Aber die herrschaftlichen Einschränkungen blieben oft nur Makulatur, der die Bevölkerung Hohn sprach. Die begeisterten Kugelwerfer steuerten ihre runden Wurfgeschosse auf abseits gelegenen Plätzen ins Ziel und Mönche beispielsweise spielten heimlich in Klostergärten. Somit breitete sich Boule trotz Sanktionen der Obrigkeiten immer mehr aus.
Durchbruch im 19. Jahrhundert
Die Popularität des Spiels nahm vor allem im 19. Jahrhundert enorm zu. Nicht mehr unauffällig oder versteckt und nur auf Wiesen außerhalb der Stadt wurden die Kugeln geworfen. Überall, wo man einen Platz fand, wurde mit ihnen "exerziert". Dadurch wurden immer längere Straßenzüge und immer mehr Marktplätze von den Spielbegeisterten in Besitz genommen. In der Folge konnten endlich die rigiden staatlichen Untersagungen durch öffentliche Reglements abgelöst werden. Das geschah vor allem im Süden Frankreichs und in der Provence, wo sich das Spiel einer überwältigenden Zustimmung erfreute. Mit der Polizeiverordnung von 1824 suchte der Bürgermeister von Lyon die öffentliche Ordnung und die Verkehrssicherheit wiederherzustellen. Daher beschnitt er die Spielmöglichkeiten und untersagte "auf Verbindungsstraßen zwischen den Orten und auf Hauptstraßen der Stadt Boule zu spielen."
In dieser großen Stadt des Südens entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine bestimmte Art des Boule-Spiels, das sog. "Boule Lyonnaise". Im Jahr 1894 wurde hier auch der erste Wettbewerb ausgerichtet. Dabei wetteiferten 1200 Spieler drei Tage lang um den Sieg. Bereits 1906 wurde der erste Verband gegründet. In Frankreich besteht heute neben dem "Boule Lyonnaise" und einigen weniger bekannten regionalen Spielarten das "Jeu Provençal" sowie "Pétanque". Letztere ist zwar die jüngste, zugleich aber auch die populärste aller Boule-Versionen. In Italien bildete sich ebenfalls eine besondere Variante des Kugelspiels heraus. Sie heißt "Boccia" und wird auf extra präparierten Plätzen, die 4,50 m breit und 28 m lang sind, gespielt. Dabei werden Kugeln aus Holz geworfen, die unterschiedliche Farben tragen, um sie unterscheiden zu können. Der erste Boccia-Verband wurde im Jahr 1898 in Turin gegründet.
- Geschichte des Boule-Spiels
- Das Spielgelände
- Das Reglement
- Die wichtigsten Boule-Varianten
Bibliografie:
- Holger Droß, Jan-Eric Hausmann: Boule und Pétanque. Der runde Freizeitsport, 1998
- Michael Hornickel: Jeux des Boule. Pétanque und andere Kugelspiele, 1980
- Felix Hübner, Ulrich Koch: Pétanque, Boccia, Boule, 1994
- Martin Koch: Das Boule-Spiel: Pétanque, 2005
Institution(en):
- Deutscher Pétanque Verband (DPV)Auf der Papagei 59a, 53721 Siegburg(02241)53084geschaeftsstelle@petanque-dpv.de









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