Carmina Burana
Szenische Kantate von Carl Orff
Text: Codex Buranus von ca. 1230 aus dem Kloster Benediktbeuern in der von Johann Andreas Schmeller herausgegebenen Ausgabe "Carmina Burana" mit spätlateinischen, mittelhochdeutschen u.a. Texten; Übersetzung von Michel Hofmann
Uraufführung: 8. Juni 1937 Frankfurt am Main
Mitwirkende: Solisten: Sopran, Tenor, Bariton; Großer Chor, Kleiner Chor, Frauenchor, Männerchor, Knabenchor, Orchester
Entstehung des Werkes

1934 stößt Carl Orff in einem Würzburger Antiquariatskatalog auf eine Ausgabe der Carmina Burana in ihrer ersten Auflage von 1847, herausgegeben von dem Bibliothekar Johann Andreas Schmeller. Als Orff am Gründonnerstag 1934 erstmals diesen Band öffnet, fühlt er sich unmittelbar von der Kraft der Worte angesprochen. In den folgenden Monaten trifft er, unterstützt von der fachmännischen Beratung des Archivrats Michel Hofmann vom Bamberger Staatsarchiv, eine Auswahl von insgesamt 24 Texten aus dem komplexen, 250 Lieder und Gedichte enthaltenden Werk. Hofmann fertigt anschließend auch eine deutsche Übersetzung derselben an.
Innerhalb kürzester Zeit entsteht die Komposition der 25 Musiknummern, danach dauert es jedoch auf Grund anderweitiger Verpflichtungen Orffs noch zwei weitere Jahre, bevor die Instrumentierung des Werkes abgeschlossen ist.
Gliederung und Inhalt
| Nr. | Titel | Kurzinhalt + musikalische Beschreibung | Ausführende |
| Einleitung: Fortuna imperatrix mundi (Fortuna, Herrscherin der Welt) | |||
| 1 | O Fortuna | Mit machtvollen Akkorden und einem pulsierenden Rhythmus wird die Macht Fortunas als Herrscherin über unser Leben beklagt: ungeachtet seiner Verdienste ist der Mensch ihr hilflos ausgeliefert. | Großer Chor |
| 2 | Fortune plango vulnera (Die Wunden, die Fortuna schlug) | Ein einstimmiger Männerchor beklagt Fortunas willkürliches Walten; das sich ohne Unterlass drehende Glücksrad wird dabei durch einen Ostinato symbolisiert; der jeweils zweite Teil der Strophe wird unter Beteiligung der Frauenstimmen wiederholt. | Großer Chor |
| I. Teil: Primo vere (Im Frühling) | |||
| 3 | Veris leta facies (Das heitere Gesicht des Frühlings) | Nach dem düster-bedrohlichen Einleitungsteil folgt ein heiter-schwebender Chor, der den Beginn des Frühlings feiert, symbolisiert durch die Götter Flora und Zephyros und plastisch dargestellt durch lebendige Naturschilderungen. | Kleiner Chor |
| 4 | Omnia Sol temperat (Alles macht die Sonne mild) | Die schlichte, an gregorianische Kirchengesänge erinnernde Weise enthält einen Hymnus auf die Kraft der Sonne, die nicht nur die Natur zu neuem Leben erweckt, sondern auch in der männlichen Brust das Gefühl der Liebe entflammt. | Bariton-Solo |
| 5 | Ecce gratum (Sieh! Der holde...) | Ein rhythmisch-beschwingter Chor voll reiner Lebensfreude, der dazu auffordert, das Leben mit allen Sinnen zu genießen. | Großer Chor |
| Up dem Anger (Auf dem Anger) | |||
| 6 | Tanz | Orchestrales Zwischenspiel, das sich durch einen pulsierenden Rhythmus, belebende Taktwechsel sowie einen Wechsel zwischen Tutti- und Solopassagen auszeichnet. | Tänzer |
| 7 | Floret silva nobilis (Es grünt der Wald) | Die Freude über das Sprießen des ersten Grüns in den Wäldern wird vom Chor mit zart schwebenden Frauenstimmen besungen. Doch darein mischt sich ein Wermutstropfen, denn der Geliebte ist "hinweggeritten" - von den Männerstimmen sehr deskriptiv durch tonmalerische Elemente illustriert und eingeleitet von drohenden Paukenschlägen. | Großer und kleiner Chor |
| 8 | Chramer, gip die varwe mir (Kramer! Gib die Farbe mir) | In diesem Chor - einer Mischung aus einfachen, an primitive Kinderlieder erinnernden Teilen und spritzig-aufreizenden Passagen - putzen sich die Frauen mit Make-up auf, um die Männer besser verführen zu können; dieses Bemühen wird von den Männern mit schmunzelnden Summchören beantwortet. | Großer und kleiner Chor |
| 9a | Reie (Reigen) | Nach einer Orchestereinleitung in Form eines ruhigen Schreittanzes brechen die Männer in einen ironischen Spottchor über prüde Mädchen aus, in den auch die restlichen Frauen mit einstimmen. | Großer Chor |
| 9b | Chume, chum, gesell min! (Komme, komme, Geselle mein!) | Ein schlichtes Liebeslied mit kurzen Orchesterzwischenspielen, die sich insbesondere durch eine cantable Flöten-Oberstimme auszeichnen. | Kleiner Chor |
| 9c | Reie (Reigen) | s. 9a | Großer Chor |
| 10 | Were diu werlt alle min (Wäre auch die Welt ganz mein) | Nach einer fanfarenartigen Orchestereinleitung folgt ein majestätisch-feierlicher Chor: Alle weltlichen Güter bedeuten nichts im Vergleich mit a) der Liebe Christi oder b) der Liebe der Königin von England *. | Großer Chor |
| II. Teil: In Taberna (In der Schänke) | |||
| 11 | Estuans interius (Glühend in mir) | In einer Mischung aus schnellem Marschlied und Opernarie enthält dieser Sologesang die leidenschaftliche Beichte und gleichzeitige Rechtfertigung des wurzel-, ziel- und tugendlosen Lebens eines Vaganten. | Bariton-Solo |
| 12 | Olim lacus colueram (Einst schwamm ich auf den Seen umher) | Burleske über einen gebratenen Schwan, der früherer glücklicher Zeiten auf seinem See gedenkt: Ein dramatisches Lamento, das mit einem ironisch-spöttischen Chor der Männer im Tanzmusikstil kommentiert wird. | Tenor-Solo und Männerchor |
| 13 | Ego sum abbas (Ich bin der Abt) | Burleske über die "Tugenden" eines Abtes, dessen Alltag aus Saufgelagen und Würfelspielen besteht; musikalisch persiflierend durch die Anlehnung an kirchliche Messgesänge dargestellt. | Bariton-Solo und Männerchor |
| 14 | In taberna quando sumus (Wenn wir in der Schänke sind) | Ein feurig-wildes Trinklied mit primitivsten, z.B. aus Tonwiederholungen bestehenden Themen oder Motiven im Tonumfang einer Quart sowie einem drängendem Rhythmus. | Männerchor |
| III. Teil: Cour d'Amour (Der Liebeshof) | |||
| 15 | Amor volat undique (Amor fliegt überall) | Schlichter, einstimmiger Knabenchor - unterbrochen von tonmalerischen, schwebenden Flötenklängen -, der nach Orffs eigener Anweisung "un poco impertinente" vom Wirken Amors erzählt; darauf folgt das Sopransolo in scharf punktiertem Rhythmus über die Trostlosigkeit des Lebens ohne Liebe. | Sopran-Solo und Knabenchor |
| 16 | Dies, nox et omnia (Tag, Nacht und alles) | Elegie eines unglücklich Verliebten, der jede Freude am Leben verloren hat; Wechsel zwischen eher monotonem Klagegesang und affektgeladenem Arioso. | Bariton-Solo |
| 17 | Stetit puella (Stand da ein Mägdlein) | Ein tänzerisch-freches Stück voll sinnlicher Erotik mit einem tangoähnlichen Rhythmus über ein Mädchen in einem knisternden roten Hemd; das dazwischen geschobene lyrische "Eia" wirkt danach beinahe grotesk und weckt Assoziationen an (weihnachtliche) Wiegenlieder. | Sopran-Solo |
| 18 | Circa mea pectora (In meinem Herzen) | Ein werbendes Liebeslied, das im Wechsel zwischen Solist und Chor vorgetragen wird; zwischen den Strophen ein ironisch-spöttischer Refrain, der im Wechsel zwischen Frauen und Männern gesungen wird und in seinem melodischen Duktus an neckende Kinderlieder erinnert. | Bariton-Solo und großer Chor |
| 19 | Si puer cum puellula (Wenn ein Knabe mit einem Mädchen) | Plastische Schilderung einer erotischen Szene. | Soli: 3 Tenöre, Bariton, 2 Bässe |
| 20 | Veni, veni, venias! (Komm, komm, komme!) | Ein verzweifeltes Liebeswerben, das durch die Staccato-Einwürfe der Klangsilbe "nazaza" noch an Eindringlichkeit gewinnt. | Doppelchor |
| 21 | In trutina (Auf des Herzens…) | Eine träumerisch-meditative Arie, in der es um den Konflikt zwischen lustvoller Liebe und Keuschheit geht. | Sopran-Solo |
| 22 | Tempus est iocundum (Lieblich ist die Zeit) | Ein nach dem Modell des mittelalterlichen "Carole" - ein Rundtanz französischer Herkunft - angelegtes Lied mit Wechsel zwischen Vorsänger und Chor, in dem das Erwachen und Wachsen einer neuen Liebe beschrieben wird. | Bariton-Solo, großer Chor und Knabenchor |
| 23 | Dulcissime! (Du Süßester!) | Eine kurze Koloraturarie: "Du Süßester! Ganz dir ergeb ich mich!" | Sopran-Solo |
| Blanziflor et Helena (Blanziflor und Helena) | |||
| 24 | Ave Formosissima! (Heil dir, Schönste...) | Ein festlich-majestätischer Hymnus auf die Geliebte, die in den verschiedensten Bildern (kostbarer Edelstein, Licht der Welt) geschildert wird. | Großer Chor |
| Fortuna, Imperatrix Mundi (Fortuna, Herrscherin der Welt) | |||
| 25 | O Fortuna! | Das sich unerbittlich immer weiter drehende Rad des Schicksals und die Launenhaftigkeit der Göttin Fortuna werden hier noch einmal in eindringlichen Bildern, unterstützt von einem pulsierenden Rhythmus und drohenden Beckenschlägen, beklagt. | Großer Chor |
* Im mittelhochdeutschen Original findet sich sowohl die Fassung "chunich von engellant" = König des Engelslandes = Christus als auch die korrigierte Version "chunegin von engellant" = Königin von England
Der Text
Der Text der Carmina Burana, deren Anfang als verschollen gilt, gliedert sich in vier verschiedene Teile:
- Carmina moralia (moralisch-satirische Lieder): deutliche und teilweise bissige Kritik an dem Zustand der Kirche im 13. Jahrhundert.
- Carmina veris et amoris (Frühlings- und Liebeslieder): zum Teil bildreiche Beschreibung des Frühlings sowie Darstellung der Liebe mit ihren Licht- und Schattenseiten.
- Carmina lusorum et potatorum (Trink- und Spiellieder): deftig-plastische Texte, die ein lebendiges Bild der mittelalterlichen Vaganten zeichnen.
- Carmina divina (Geistliche Lieder): zumeist erst später hinzugefügte und entdeckte Texte, deren Inhalt sich an biblischen Ereignissen orientiert.
Die Musik
Carl Orff greift in seiner Komposition nicht auf die bereits vorhandene musikalische Gestaltung verschiedener Texte in einer zumeist schwer zu entziffernden Neumennotierung zurück, sondern lässt sich unmittelbar von der Kraft und dem Rhythmus der Worte inspirieren. Charakteristisch für das Werk ist eine bewusste Einfachheit der Melodik, Harmonik und Rhythmik, durch die die Carmina Burana jedoch ihre elementare Wirkung entfalten und ihr Publikum quer durch alle Bevölkerungsgruppen und Zuhörerschichten finden. Diese im positiven Sinne primitive Sprache führt uns zurück zu den Wurzeln musikalischen Erlebens, zu einer Ur-Musik, die - von der Zivilisation verschüttet - in uns allen noch latent lebendig ist und darum unterschiedlichste Hörertypen gleichermaßen ansprechen kann.
Rezeption und Aufführungspraxis

Zwar kommt es zunächst am 8. Juni 1937 zu einer - für den Komponisten künstlerisch nicht ganz befriedigenden - Uraufführung der Carmina Burana unter der Leitung von Bertil Wetzelsberger (Bühnenbild: Ludwig Sievert, Regie: Oscar Wälterlin), doch die nationalsozialistische Kulturpolitik rückt das Werk insbesondere angesichts seiner unverständlichen lateinischen Sprache sowie der "Jazzstimmung (und den) artfremden ... rhythmischen Elementen" in die Nähe der entarteten Kunst, was sich auch zu einer zunehmend (lebens-)bedrohlichen Situation für den Komponisten auszuwirken beginnt. Nichts desto trotz finden dank des Einsatzes einiger einflussreicher Freunde weitere, auch künstlerisch gelungene Aufführungen der Carmina Burana statt, die das Werk schon bald auch im Ausland bekannt machen:
| Aufführungsdatum | Ort | Dirigent | Aufführungsart |
| 4. Oktober 1940 | Dresden | Karl Böhm | Szenisch |
| 17. Januar 1941 | Aachen | Herbert von Karajan | Konzertant |
| 31. Januar 1941 | Berlin | Herbert von Karajan | Szenisch |
| 5. Februar 1942 | Wien | Leopold Ludwig | Szenisch |
| 10. Oktober 1942 | Mailand | Gino Marinuzzi | Szenisch |
| 10. Oktober 1942 | Hamburg | Hans Schmidt-Isserstedt | Szenisch |
Doch die akute Gefahr und Bedrohung ist damit noch lange nicht vorbei. In anderen Städten werden bereits geplante Aufführungen abgesagt oder abgebrochen und Carl Orff "avanciert" zum "Kulturverbrecher". Trotzdem findet noch während des Krieges im Jahr 1944 die erste Aufführung im Ausland, in Amsterdam, statt.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit auch der nationalsozialistischen Herrschaft öffnet dem Werk wenig später die Theatertüren der ganzen Welt. Eine konzertante Aufführung in der New Yorker Carnegie Hall im Jahr 1954 unter der engagierten Leitung von Leopold Stokowski verhilft den Carmina Burana zu einer Präsenz nicht nur in ganz Nord-, sondern auch in Südamerika. Die erste szenische Aufführung findet in Amerika im Oktober 1958 am San Francisco Opera House unter der Leitung von Leopold Ludwig statt. Darüber hinaus erfreut sich das Werk inzwischen auch in Amateurkreisen immer größerer Beliebtheit, nicht zuletzt dank der von Carl Orff selbst genehmigten Fassung der Orchesterbegleitung für zwei Klaviere und Schlagwerk von Wilhelm Killmayer.
Aufführungspraxis
Obwohl die Musik durch ihre elementare Primitivität aus sich selbst heraus wirkt, ohne dass ein Bezug zwischen Musik und Text hergestellt werden muss, kann die volle Bedeutung des Werkes doch erst durch die parallele Berücksichtigung des Textes erfasst werden. Die Ursprünglichkeit der Musik hat darüber hinaus dem Werk in den letzten Jahrzehnten teilweise zu einer zweifelhaften Popularität verholfen, indem es zu einem oberflächlichen Showerlebnis in so genannten Events reduziert und als Werbeträger unterschiedlichster Art eingesetzt wird.
In diesem Zusammenhang stellt sich immer wieder auch die Frage der Aufführungspraxis, die nach Orffs eigenen Vorstellungen - die sich nicht zuletzt im Titel des Werkes in dem Begriff "szenische Kantate" niederschlagen - mit Darstellern konzipiert war und auf diese Weise eine Raumwirkung erzielen sollte. Konkret geht es dabei nicht um die Darstellung von Handlungen, sondern um eine Aufführung mit Sing- und Tanzchören, die sich an den Bildern und Texten orientiert und auf diese Weise eine zusätzliche Dimension einbringt - eine Illustrierung von Musik und Text durch stille Bilder. Eine nur konzertante Aufführung - wie legitim sie in Anbetracht u.U. begrenzter künstlerischer Mittel insbesondere einer Laienaufführung auch sein möge - entbehrt unvermeidlich eine wichtige und elementare Ausdrucksebene.
Kleines Begriffslexikon
Der Text der Carmina Burana enthält viele mythologische und anderweitige symbolische Bezüge:
| Mythologische Figur | Bedeutung |
| Flora | Römische Göttin der Blumen und Blüten; Göttin der Jugend |
| Fortuna | Römische Schicksalsgöttin; Göttin des Zufalls und Glücks |
| Zephyros | Griechischer Gott des Windes |
| Phoebus | Griechischer Gott des Schreckens |
| Cupido | Römischer Gott der Liebe |
| Paris | In der griechischen Mythologie der Prinz von Troja, der später Helena raubte und damit den Trojanischen Krieg auslöste. |
| Cypris | Beiname der griechischen Göttin Aphrodite (Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit) auf der Insel Zypern. |
| Kukanien | Schlaraffenland |
| Secta Decii | Sekte der Würfelspieler |
| Blanziflor | Held mittelalterlicher Rittersagen |
| Helena | In der griechischen Mythologie die Königin von Sparta, die später von Paris entführt wurde. |
| Mandaliet | Freudenlied |
Bibliografie:
- Franz Willnauer: Carmina Burana von Carl Orff. Entstehung - Wirkung - Text, Schott Verlag, Mainz 1995
CDs
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