Chronik der Frauen: Hausfrauen, Hebammen und Hetären - Frauenkultur in der patriarchalen Antike (Griechenland, Rom) 1000 v. Chr.-500 n. Chr.
Kurzeinführung
Die hier beschriebenen Gesellschaften waren patriarchal, was aber nicht bedeutet, dass die Männer die alleinigen Träger der Kultur waren. Vielmehr stand der Männerkultur eine Frauenkultur gegenüber; diese Gesellschaftssysteme waren also zweigeteilt (dichotom). Es versteht sich von selbst, dass die jeweils herrschende Kultur in den schiftlichen und sonstigen Quellen dominiert. Daher sind wir über die Männerwelt der Antike viel besser informiert als über die Welt der Frauen. Die politischen Rechte waren weitestgehend den Männern vorbehalten, und Frauen konnten ohne männlichen Sachwalter keine größeren Geschäfte tätigen. Im Kult hingegen, wie auch in anderen nicht-öffentlichen Bereichen (Gesundheitswesen, etc) hatten sie volle Kompetenz.
Leben der Griechinnen jenseits der Männerwelt
Frauen hatten ihr Leben lang einen Vormund (Kyrios), der sie bei den Behörden vertrat, und ohne den sie keine größeren Rechtsgeschäfte tätigen konnten. Zunächst war dies der Vater, dann der Ehemann, bei einer Witwe der mündige Sohn und bei Bedarf sogar der Schwiegersohn. Die Frau wurde erst als Ehefrau zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft, und der Zweck der Ehe war es, legitimen Nachwuchs zu produzieren, damit das Familienerbe weitergegeben und der Ahnenkult fortgeführt wurde. Da der Familienbesitz vom Vater an die Söhne vererbt wurde, erhielten die Töchter als Ausgleich bei ihrer Heirat eine Mitgift, die ihren standesgemäßen Unterhalt sicherstellen sollte. Die Verhandlungen über die Mitgift, die zwischen dem Kyrios der Braut und dem Bräutigam geführt wurden, waren der Kern der "Verlobung" (Engyesis, eig. Verpfändung). Sie war der verbindliche Rechtsakt, der weder Zustimmung noch Anwesenheit der Frau erforderte. Die eigentliche Hochzeit war rechtlich nicht mehr relevant, wurde aber in den vornehmen Familien Athens in Anwesenheit der Athene-Priesterin als ein religiöser Festakt begangen, der mit einem Mahl beschlossen wurde.
Das Leben der griechischen Frauen wurde zwar weitgehend innerhalb des Hauses geführt, was aber nicht bedeutet, dass es ein dumpfes Dahindämmern war. Vielmehr pflegten die Frauen ihre ganz spezifischen Traditionen und verfügten über Bildung und Kultur, sofern die finanziellen Voraussetzungen dafür gegeben waren. Im Hause der Dichterin Sappho auf Lesbos z. B. wurde jungen Mädchen jene feine Lebensart beigebracht, die sie später als Mütter und Herrinnen eines großen Hauses beherrschen mussten. Eine enge Bindung zwischen Lehrerin und Schülerinnen war ein wesentlicher Aspekt dieser Erziehungstradition, denn die Liebe zwischen Erwachsenen und Jugendlichen gleichen Geschlechts, wie auch unter den jungen Leuten selbst, galt als ganz natürlich und sinnvoll. Sie wird aus Sparta, dessen Verfassung den Frauen mehr Rechte beließ, ausdrücklich überliefert und wurde sicher auch von den Athenerinnen gepflegt. Die Mädchen übten sich in Musik und Dichtung, größter Wert wurde auf feine Umgangsformen gelegt. Sie trieben Sport, z. B. Ballspiel, und beherrschten schwierige Turnübungen wie das "Anfersen". Wettläufe junger Mädchen wurden in Sparta und auf Lesbos, sowie an verschiedenen Orten Attikas ausgetragen. Aufsicht und Training besorgten erwachsene Frauen. Ebenso organisierten Frauen, die in Kongregationen zusammengeschlossen waren, Wettbewerbe aller Art und mehrtägige kultische Feste für Frauen. Besondere Bedeutung für den Status der Menschen in der Gesellschaft hatte die Kleidung, deren Herstellung seit jeher Sache der Frauen war. Zahllose Bilder und neuerdings auch Funde guterhaltener Gewebereste zeugen von den künstlerischen Fähigkeiten der Frauen. Anlässlich von Festen für Artemis und Hera fanden Ausstellungen besonders schöner Textilien sowie Prämiierungen statt.
Während Frauen aus begüterten Bürgerfamilien ein Leben führen konnten, das sie kaum mit den Mühsalen des Gelderwerbs in Berührung brachte, mussten ärmere Frauen sehr wohl wenig geachtete Tätigkeiten ausüben. Die Entlohnung für die standesgemäßen Wollarbeiten und die Textilherstellung war nämlich so gering, dass manches Mädchen die einträglichere Beschäftigung als Prostituierte (Hetäre) vorzog. Weitere Erwerbszweige waren der Verkauf von Kränzen für kultische Zwecke, oder auch von Backwaren oder Gemüse aus eigener Erzeugung. Bürgersfrauen verdingten sich auch als Ammen und Hebammen. Größere wirtschaftliche Bedeutung hatten die Frauen aus dem Metökenstand. Sie waren Freie, in der Regel Ausländerinnen, die ebenso wie die Männer Steuern bezahlen mussten, um in der jeweiligen Stadt leben zu dürfen. Sie waren in Handwerksbetrieben tätig, aber auch im Handel, und, als tüchtige Unternehmerinnen reich geworden, machten sie bedeutende Stiftungen für kultische und soziale Zwecke.
Auch die mitunter sehr vermögenden Hetären waren häufig Metökinnen. Die meisten Hetären waren allerdings Sklavinnen, die von Zuhältern oder Kupplerinnen vermietet wurden und ein entsprechend erbärmliches Dasein hatten. Viele der griechischen Sklavinnen, die in den Haushalten lebten, waren aber bereits im Hause geboren und wurden dementsprechend gut behandelt. Bei den häuslichen Kulten waren sie den Freien gleichgestellt, und sie waren durch die herrschenden Moralvorstellungen einigermaßen geschützt. Zudem standen die Sklavinnen unter der ausdrücklichen Obhut der Hausfrau, die Nachstellungen seitens des Ehemannes in der Regel zu verhindern trachtete. Es galt als skandalös, wenn sich der Ehemann mit einer Sklavin einließ oder Lustknaben und Freudenmädchen ins Haus brachte.
Es war üblich und gesellschaftlich akzeptiert, dass für die Feste der Männer, die Symposien, Frauen zur Unterhaltung angestellt wurden. Es waren dies besonders ausgebildete Hetären, die als Musikantinnen und Akrobatinnen auftraten und sicherlich auch nebst den anwesenden Knaben für erotische Zwecke zur Verfügung standen. Ehefrauen und weibliche Familienmitglieder waren bei diesen Gelagen selbstverständlich nicht anwesend. Vielmehr haben die Frauen eigene Zusammenkünfte gehabt, bei denen ebenfalls diese Künstlerinnen für Unterhaltung sorgten. Die bei den Symposien üblichen Lieder und Gedichte sind uns aus der Frauenwelt nicht überliefert, aber es ist bekannt, dass auch die Bürgerfrauen im klassischen Athen selbst musiziert und rezitiert haben, und dass sie untereinander Wettbewerbe im Vortrag von Gesängen durchgeführt haben. Die hoch stehende Bildung und Kultur der Frauen, die aus der Zeit der Sappho (um 600 v. Chr.) bekannt ist, verschwand also keineswegs im Laufe der Jahrhunderte, sondern wurde weiterhin gepflegt.
Mehr Freiheiten während des Hellenismus (ab 4 Jh. v. Chr.)
Durch die Eroberungen Alexanders des Großen (356-323) erweiterte sich nicht nur der geographische Horizont der Griechen beträchtlich. Die Frauen in den neuerschlossenen Siedlungsgebieten erfreuten sich größerer Freiheit, auch in vermögensrechtlichen Belangen, und dies hatte Rückwirkungen auf die Situation der Frauen im griechischen Mutterland. Die rigiden Bestimmungen des Erbrechts und über den Grundbesitz von Frauen verloren an Bedeutung, das Ideal der zurückgezogen im Haus lebenden Frau verblasste zusehends. In hellenistischer Zeit wirkten Frauen als Wissenschaftlerinnen und Hochschullehrerinnen; Musikerinnen und sogar Berufsathletinnen untadeliger Herkunft bereisten ganz Griechenland und wurden gefeiert. Reiche Frauen konnten Stiftungen für die Allgemeinheit machen und kostspielige Ehrenämter übernehmen. Frauen aus den Fürstenhäusern in den Nachfolgestaaten des Alexanderreiches trieben Politik und waren als Machtfaktoren von den Gegnern gefürchtet, z. B. die Ägypterin Arsinoe II. (um 316-270). Fürstinnen regierten nominell für ihre unmündigen Söhne oder Brüder, faktisch aber eigenständig (Kleopatra VII. von Ägypten, Zenobia von Palmyra, Pythodoris im Königreich Pontos, Dynamis im Königreich Bosporos). Obgleich formell immer noch der Kyrieia eines Mannes unterstellt, hatten die Frauen in hellenistischer Zeit alle Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entfalten.
Etrurien - Frauen nahmen am öffentlichen Leben teil
Zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert v. Chr. blühte im heutigen Italien die Kultur der Etrusker, über die wir durch Schriftzeugnisse und reiche Funde aus den Gräbern verhältnismäßig gut Bescheid wissen. Die Gesellschaftsordnung war zwar wie in Griechenland und in Rom strikt partilinear, die Stellung der Frauen aber wesentlich eigenständiger als dort. Frauen verfügten über Eigenbesitz, den sie vererben konnten. Ihre Besitztümer zu Lebzeiten lassen die Grabbeigaben erkennen: Wagen, von Pferden oder Maultieren gezogen, und große Messer für die Verteilung des Fleisches an die Festteilnehmer bei Opfermählern, was auf ihre bedeutende Stellung in der Gesellschaft hinweist. Männer und Frauen in Etrurien gaben daher gerne ihre Herkunft mit dem Namen ihres Vaters und dem ihrer Mutter an. Bei Gastmählern waren auch die Ehefrauen anwesend, und ihr ungezwungener Umgang mit Männern, die nicht zu ihrer Familie gehörten, wurde von den griechischen Zeitgenossen als grenzenlose Sittenlosigkeit empfunden und angeprangert. Dies lässt die Unterschiede in den gesellschaftlichen Systemen deutlich hervortreten.
Römerinnen unterstanden dem "pater familias"
Rom, ursprünglich eine Ansammlung von Dörfern in Mittelitalien, war von den Etruskern als Stadt gegründet worden (nach der Überlieferung 753 v. Chr.), und deren Kultur blieb rund ein Jahrhundert bestimmend. Die Etruskerherrschaft hat dem römischen Staat und der Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt, und manches deutet darauf hin, dass den Frauen in Rom die "Freizügigkeit" der Etruskerinnen nur schwer abzugewöhnen war, die sich mit den strengen Sitten der Latiner nicht vertrug. Ein Beispiel ist die Todesstrafe für römische Frauen, die beim Weingenuss ertappt wurden, während die griechischen Quellen die große Trinkfestigkeit der Etruskerinnen betonen.
Sämtliche Mitglieder einer römischen Familie unterstanden der väterlichen Gewalt, was die extrem patriarchalische Struktur der römischen Gesellschaftsordnung ermöglichte. Bei der Eheschließung gelangte die Frau aus der Gewalt ihres Familienoberhauptes zumeist in die Obhut des Ehemanns, wobei wirtschaftliche Überlegungen die Wahl der Eheform bestimmt haben. Die Ehen waren offenbar relativ instabil, Scheidungen einfach und häufig. Nach dem Tod des Ehemannes wurde die Frau zwar mündig, benötigte aber weiterhin für alle Rechtsgeschäfte einen Vormund, dessen Macht jedoch wesentlich geringer war als die eines griechischen Kyrios. Väter und Ehemänner verfügten in ihren Testamenten, dass ihre erwachsenen Töchter oder Witwen sich den Vormund selbst wählen und somit auch entlassen konnten, wenn er auf ihre Wünsche nicht entsprechend einging. Auch weibliche Freigelassene wurden nach dem Tod ihres ursprünglichen Herrn mündig, sie benötigten zwar formal einen Vormund, tatsächlich aber führten sie nach Belieben ihre Geschäfte und wählten ihre Ehepartner selbst aus.
Frauen erbten die mitunter beträchtlichen Vermögen ihrer Ehemänner und konnten große Reichtümer anhäufen. Zudem verfügten Frauen der Oberschicht auch über genügend Bildung, um am kulturellen Leben, und, wie bei den Etruskern, an den Geselligkeiten der Männer teilzunehmen. Der Einfluss der hellenistischen Geisteswelt war stark, denn in den Häusern der Reichen vermittelten zumeist griechische Privatlehrer den Knaben wie den Mädchen Kenntnisse in Literatur und Philosophie, sowie in Geometrie und Musik, die als besonders charakterbildend galten. Frauen der Oberschicht traten als Schriftstellerinnen und Dichterinnen hervor (Cornelia, Agrippina die Jüngere, zwei Frauen namens Sulpicia). Die Gattin von Plinius dem Jüngeren vertonte dessen Verse und trug sie in Gesellschaft vor. Frauen aus vermögenden Familien nahmen Tanzstunden, übten sich in Diskus- und Speerwurf, aber auch im Ringen und vor allem im Wassersport, wovon zahlreiche Bilder zeugen. (Agrippina, die Mutter des Nero, entging einem Mordanschlag ihres Sohnes nur, weil sie eine hervorragende Schwimmerin war). Grundkenntnisse in Rechnen, Lesen und Schreiben waren in allen Bevölkerungsschichten verbreitet.
Der hohe Lebensstandard der vermögenden Frauen beruhte nicht zuletzt auf der Arbeit des Dienstpersonals, das in ihren Häusern zur Verfügung stand. Die meisten der sehr zahlreichen Sklavinnen und Sklaven in Rom waren auf dem Markt gekaufte ausländische Kriegsbeute. Auf den riesigen Ländereien der Reichen war die Lage der einfacheren Sklavinnen meist schlecht. Als Haussklavinnen hingegen erhielten sie häufig eine Ausbildung, die sie zu qualifizierten Arbeiten, etwa als Buchhalterin, Friseurin, Vorleserin oder Krankenpflegerin, befähigte. Wenn sie freigelassen wurden, mussten sie ihren ehemaligen Herren Abgaben leisten, wodurch sich ihre Ausbildung bezahlt machte. Die weiblichen Freigelassenen hatten als Facharbeiterinnen große wirtschaftliche Bedeutung, als Geschäftsfrauen betrieben sie sogar Ziegeleien oder Schiffswerften.
Kaiserzeit - mächtige Frauen beeinflussten die Politik
In der römischen Kaiserzeit (1.-5. Jh. n. Chr.) war es das Vorbild der oft sehr tatkräftigen und politisch aktiven Frauen am Kaiserhof, das die Situation der Frau mitbestimmte. Es war seine Mutter Agrippina die Jüngere, die Nero mit allen Mitteln zum Thron verhalf, und die aus Syrien stammenden Frauen der Severischen Dynastie (Julia Domna, Julia Maesa, Julia Mamaea, 193-235 n. Chr.) waren zeitweise die eigentlichen Herrinnen des römischen Weltreichs. Ihre bemerkenswerten Fähigkeiten zeigten sie sowohl als Strateginnen (Julia Mamaea) als auch als kultivierte Frauen höchster Bildung im Sinne der hellenistischen Kultur- und Geisteswelt. Im Salon der Julia Domna z. B. versammelten sich die bedeutendsten Menschen ihrer Zeit.
Christentum tabuisierte weibliche Sexualität
In den heidnischen Religionen, die tief in alle Bereiche des Lebens eingriffen, waren die Frauen den Männern nicht nur gleichgestellt, sondern hatten häufig wichtigere Aufgaben als diese. In der Urkirche war diese Geisteshaltung noch wirksam, Frauen hatten Anteil an der Verbreitung des Glaubens (Thekla, eine hervorragende Ärztin, missionierte in Kleinasien), und sie hatten Aufgaben im Gottesdienst. Diese wurden ihnen aber bald untersagt, und ein Lehrverbot für Frauen wurde erlassen. Längst überholte Vorstellungen von der Minderwertigkeit der Frau wurden wieder aktuell, und man verwies sie aus der Öffentlichkeit an ihren Platz im Haus, wo sie als ein Stück Eigentum des Ehemannes sich der Kindererziehung und Wollarbeiten zu widmen hatte. Überdies wurde die Sexualität verteufelt, die in den Riten der Frauen immer noch eine große Rolle spielte. Während der gesamten heidnischen Antike ist die Fruchtbarkeit der Frauen ein von der Gesellschaft höchst geachtetes Gut gewesen, und auch Pristerinnen mussten in der Regel verheiratet und Mütter sein, die nur während der Zeit ihrer Kultfunktion keusch lebten. Es gab nur wenige Ausnahmen, so die Pythia in Delphi oder die Vestalinnen in Rom. Mit dem Christentum wurde die lebenslange Keuschheit und in der Folge davon die Jungfräulichkeit ein erstrebenswertes Ideal für Frauen. In einer "Ehe mit Gott" konnten sie sich unter Aufgabe ihrer Geschlechtlichkeit der männlichen Vormundschaft entziehen und geistigen Interessen nachgehen. Ab dem 4. Jahrhundert vermittelten Frauenkongregationen eine christliche Mädchenerziehung, in der das konservative Frauenideal der gänzlichen Unterordnung unter den Mann einerseits und die Vorbereitung auf ein Leben als Gottesbraut andererseits tradiert wurde. Diese Einstellung zur Frau geht weit hinter die Ansichten des Hellenismus und der römischen Tradition zurück und lässt wenig Raum für die Meinung, das Christentum habe generell die Emanzipation der Frauen gefördert.









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