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THEMEN

Claude Debussy

Biografie

Kindheit und Jugend

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Claude Achille Debussy (1862-1918)

Claude Achille Debussy wird am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye als ältestes von fünf Kindern des Manuel-Achille Debussy und seiner Frau Victorine geboren. Künstlerisches Blut liegt in dieser Familie nicht in den Genen: Vater Manuel ist ein Geschäftsmann, der ein bescheidenes Steingut- und Porzellangeschäft betreibt. Dennoch scheint er für Musik zumindest ein Interesse gehabt zu haben und führt den Sohn bereits in jungen Jahren in die Welt der damals die Bühnen von Paris beherrschenden Operette ein. In der Familie hat jedoch Madame Debussy die Zügel fest in der Hand und führt ein strenges Regiment, das für die sensible Natur ihres ältesten Sohnes keinerlei Gespür hat. Sie ist auch diejenige, die Achille - lange Zeit sollte er diesen Vornamen tragen und erst in den 1880er Jahren zu "Claude" wechseln - die wesentlichen Begriffe des Rechnens, Lesens und Schreibens beibringt.

Der geschäftliche Misserfolg zwingt die Familie im Jahr 1864 zunächst nach Clichy und wenig später nach Paris umzuziehen, wo der Vater - statt ein eigenes Geschäft zu betreiben - als Buchhalter bei einer Eisenbahngesellschaft arbeitet.

Glückliche Kindheitstage und eine Einführung in die Welt der Kunst und Musik erfährt der Knabe jedoch nicht im elterlichen Hause, sondern bei seinem Paten, dem Bankier Achille Arosa. Ebenso großen Anteil an der Ausbildung des noch schlummernden musikalischen Talents hat auch seine Patentante, Octavie de la Ferronière, eine Schwester seines Vaters, die Achille häufiger in Cannes besucht und die ihm zu den ersten, wenngleich auch stümperhaften Klavierstunden seines Lebens verhilft.

Doch scheint dieser Anstoß ausreichend gewesen zu sein, um seine künstlerischen Anlagen freizulegen. Denn als der Knabe wenig später der Chopin-Schülerin Madame de Fleurville vorspielt, ist sie so überzeugt von dem Talent des jungen Pianisten, dass sie selbst seine musikalische Zukunft in ihre resoluten Hände nimmt. Glücklicherweise willigt Vater Manuel, der zunächst - seiner eigenen Laufbahn eingedenk - eine Karriere bei der Marine für den Sohn geplant hat, in die schicksalhafte Wendung ein und träumt stattdessen bereits von einer glanzvollen Karriere seines Sohnes als Pianist.

Konservatoriumsschüler

Innerhalb von zwei Jahren hat Achille seine pianistischen Fähigkeiten dank Madame de Fleurvilles so weit vervollkommnet, dass er im Oktober 1872 die Aufnahmeprüfung am Pariser Conservatoire besteht. Zunächst Schüler bei Alexandre Jean Albert Lavignac (1846-1916), wird Achille bereits im zweiten Jahr in die Klavierklasse von Antoine François Marmontel (1816-1898) - Pianist und Komponist, der vor ihm bereits in den 1840er Jahren Georges Bizet unterrichtet hatte - aufgenommen.

Doch sollte der 27-jährige Lavignac den bedeutsameren Einfluss auf den jungen und oftmals rebellischen Schüler, der ehrfurchtslos die seiner Meinung nach veralteten Lehrmeinungen und theoretischen Prinzipien in Frage stellt, haben. Lavignac erkennt instinktiv das Potenzial seines Schülers und nimmt ihn in seiner progressiv-aufbegehrenden Art ernst. Auf weit weniger Verständnis stößt dieses Verhalten jedoch bei dem um eine Generation älteren Marmontel.

Dennoch sind Achilles Studienjahre von mehreren dritten und zweiten Preisen und sogar einem ersten Preis gesäumt. Pianistisch sollte sich jedoch nicht der von Eltern und Sohn gleichermaßen ersehnte durchschlagende Erfolg einstellen. Verantwortlich dafür war weniger eine mangelnde pianistische Begabung als vielmehr die Eigenwilligkeit seines Spiels, die nicht konform mit den Konservatoriums-Vorstellungen ging, sowie ein ausgeprägtes Lampenfieber, das den Musiker zeit seines Lebens nie verlassen sollte.

Weitaus größere Qualen als im Klavierunterrichtet leidet Achille jedoch in der Harmonieklasse von Émile Durand, der dem die klassischen Harmonielehreregeln zu durchbrechen suchenden musikalischen Revolutionär rigoros die Flügel zu stutzen trachtet. So verwundert es nicht, dass sich Achilles künstlerisches Ausdrucksbedürfnis zu dieser Zeit (um 1876) erstmals kompositorisch niederschlägt. Als sich Achille 1880 durch den ersten Preis in Klavierbegleitung schließlich für den Eintritt in die Kompositionsklasse des Opernkomponisten Ernest Guiraud (1837-1892) qualifiziert, sind damit die Weichen für seine weitere musikalische Karriere gestellt.

In adeligen Diensten

Einen Glücksfall für die nahe finanzielle Zukunft Achilles bedeutet das durch seinen Lehrer Marmontel vermittelte Engagement bei Nadesha von Meck, einer vermögenden, Musik liebenden, verwitweten russischen Adeligen, die vor allem als Förderin Pjotr Iljitsch Tschaikowskijs in die Musikgeschichte eingehen sollte. Zu Achilles Aufgaben zählen während des Sommeraufenthaltes der Familie von Meck in der Schweiz, in Frankreich und Italien neben dem Unterrichten und Begleiten der Kinder das gemeinsame vierhändige Musizieren mit seiner Arbeitgeberin sowie der Vortrag von Wunschstücken - in der Mehrzahl Werke Tschaikowskys - und das Musizieren im Trio mit dem Geiger Wladislaw Pachulsky und dem Cellisten Pjotr Daniltschenko. Dieser Kontakt sollte auch in den folgenden zwei Jahren bestehen bleiben und Debussy während der Sommermonate - diesmal jedoch in Moskau und Rom bzw. Wien - sowohl eine solide finanzielle Basis als auch geistig-kulturelle Anregungen verschaffen.

Kompositionsschüler

Einen weiteren - wenn auch bewusst selbst gesteuerten - Glücksfall, diesmal jedoch in künstlerischer Hinsicht, bedeutet das 1880 bei Ernest Guiraud begonnene Kompositionsstudium, denn Guiraud praktiziert eine sehr unkonventionelle Lehrmethode und passt seinen Unterricht den jeweiligen Schülern an und nicht umgekehrt.

Gleichzeitig beginnt Debussy in diesen Jahren, sich sowohl als versierter Begleiter künstlerisch einen Namen zu machen als auch wertvolle musikalische Erfahrungen durch die Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten wie der Gesangspädagogin Madame Moreau-Sauté und der Sängerin Marie-Blanche Vasnier zu sammeln. Vor allem der letztere Kontakt sollte Debussy zu seinen ersten Liedern inspirieren und ihm in einer entscheidenden künstlerischen Entwicklungsphase das notwendige Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen vermitteln. Und auf Drängen Monsieur Pierre Vasniers bewirbt sich der sonst Wettbewerbe eisern meidende und den Rom-Preis insbesondere als "lächerliche" Einrichtung verachtende Debussy mit einer Komposition um den begehrten Rom-Preis. Nachdem ihm die Kantate Le gladiateur 1883 den zweiten Preis einbringt, erringt er ein Jahr später mit der Kantate L'Enfant prodigue (Der verlorene Sohn) den ersten Preis und damit ein dreijähriges Stipendium für ein Studium in der Villa Medici in Rom.

Rom-Preisträger

Doch Debussy fühlt sich nach dieser "Urteilsverkündung" mehr wie ein Gefangener als ein Sieger; gefangen in den Verpflichtungen, die eine solche offizielle Anerkennung nach sich ziehen würde: "Ich sah deutlich die Unannehmlichkeiten und Mühen voraus, die selbst der bescheidenste offizielle Titel unentrinnbar mit sich bringt... (und) wurde mir auch noch bewusst, dass ich nicht mehr frei war."

Dementsprechend ist auch seine Ankunft in Rom im Januar 1885 nicht wie bei so vielen anderen vor und nach ihm von freudiger Erwartung und geistig-seelischer Inspiration geprägt. Weder die finanzielle Unabhängigkeit noch die vielfältigen kulturellen Anregungen der historischen Metropole oder seiner Mitstipendiaten sind dazu angetan, dass Achille eine künstlerisch kreative Zeit wie beispielsweise sein Landsmann Georges Bizet 27 Jahre vorher durchlebt. Und so nimmt es nicht Wunder, dass Debussy bereits im zweiten Jahr seinen Aufenthalt in der Ewigen Stadt abbricht und nach Paris zurückkehrt.

Pariser Symbolismus

Als Achille Debussy im März 1887 wieder pariserischen Boden betritt, hängt der Geist des Symbolismus in der Luft: Nicht mehr die Realität in ihrer vielfältigen Form steht im Mittelpunkt der künstlerischen Darstellung, sondern das dahinter verborgene Geheimnis; die Wirklichkeit wird zum Symbol der einzig wahren, jenseitigen Welt. Dementsprechend kommt es den Künstlern nicht mehr auf eine objektive Wiedergabe der Wirklichkeit und damit auch auf Verstehbarkeit an, sondern auf kunstvolle Formen und Klänge, die als Symbole eingesetzt werden. Der 1836 von Victor Cousin geprägte Begriff der L'art pour l'art ("Kunst für die Kunst" - Kunst als eigengesetzliches und eigenwertiges Gebilde, das unabhängig von jeglicher ideologischer Bindung ist) gelangt in dieser Periode zu seiner Vollendung.

Auch Debussy hatte diesen Aufbruch in ein neues künstlerisches Zeitalter bereits als Jungstudent am Konservatorium in sich gespürt und lehnte daher so vehement die vermittelten und Jahrhunderte lang gültigen Lehren und Prinzipien ab. Fundierte musiktheoretische Kenntnisse, kontrapunktische Finessen und den Regeln der Harmonielehre gehorchende Werke blockieren für ihn die wahre künstlerische Aussage, die keinerlei Gesetzen zu gehorchen braucht: "Staunende Masse! Seid ihr nicht im Stande, Akkorde zu hören ohne nach ihrem Pass und ihren besonderen Kennzeichen zu fragen? Woher kommen sie? Wohin gehen sie? Muss man das unbedingt wissen? Hört sie an; das genügt!"

Zurück in dem künstlerisch im Aufbruch befindlichen Paris findet er nun endlich den kulturellen Nährboden, auf dem sich sein kompositorisches Talent zu voller Reife entfalten kann. Insbesondere die Werke des Dichterkreises um Stéphane Mallarmé (1842-1898) sollten Debussy in den nächsten Jahren nachhaltig beeinflussen und inspirieren. Noch muss er jedoch seine künstlerische Schuld gegenüber der Akademie als Romstipendiat abtragen. Unter den zumeist nur negativ beurteilten Werken, die als "bizarr, unverständlich und unausführbar" beurteilt werden, findet einzig La damoiselle élue auf einen Text des englischen Malers und Dichters Dante Gabriel Rossetti (1828-1882) Gnade vor den Augen und Ohren der Jury. Dieses Werk für Sopran, Mezzosopran, Chor und Orchester enthält bereits die Keimzelle eines eigenen Stils, mit dem sich Debussy unwiderruflich seinen Platz in der Geschichte der Musik erobern sollte.

Doch das kulturelle Umfeld war nicht der alleinige Auslöser, durch den sich das Talent des Komponisten schließlich mit Gewalt an die Oberfläche katapultieren sollte. Nach seiner Rückkehr aus Rom bricht Debussy endgültig und radikal alle Brücken zum musikalischen Establishment ab. Er führt ein bohèmehaftes Leben, das er in den nächsten Jahren mit einem einfachen Mädchen aus dem Volke namens Gaby (Gabrielle Dupont) teilt. Gleichwohl hält ihn diese Beziehung nicht davon ab, parallel Verhältnisse mit verschiedenen anderen Frauen zu haben. Eines davon wird ihm jedoch zum seelischen Verhängnis, denn die von ihm tief und leidenschaftlich erlebte Liebe scheint auf der anderen Seite nicht ebenso intensiv erwidert worden zu sein, da die Geliebte nach einiger Zeit die Beziehung löst. Debussy sollte danach lange Zeit brauchen, bevor er sich von dieser seelischen Krise erholt und zurück in sein kompositorisches Leben findet.

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Paul Verlaine (1844-1896)

Einen ersten künstlerischen Achtungserfolg erringt Debussy 1888 mit den Ariettes oubliées nach Texten von Paul Verlaine (1844-1896). Zu seinen beliebtesten Stücken sollten in den nächsten Jahren die später von Henri Büsser orchestrierte Petite Suite für Klavier zu vier Händen sowie die Suite Bergamasque werden. Zu den bedeutendsten Werken aus dieser Zeit zählt jedoch das Streichquartett (Quatuor à cordes) in g-Moll, das als eines der ersten Werke im Jahr 1893 auch eine öffentliche Aufführung erlebt (UA am 29. Dezember). Wiewohl sein Komponistenkollege Paul Dukas sich von dem Werk begeistert zeigt, reagieren Publikum und Kritiker mit Distanz und Unverständnis, zu sehr scheidet sich Debussys Klangsprache von allem bisher Bekannten und Vertrauten.

Durchbruch mit "Prélude à l'après-midi d'un faune"

Als erstes die Zeiten überdauerndes Meisterwerk und Ausdruck von Debussys neuer und eigenständiger Tonsprache gilt das Orchesterwerk "Prélude à l'après-midi d'un faune", das seit seiner Entstehung mindestens ebenso berühmt als Ballett geworden ist. Am 29. Mai 1912 erlebt es in Paris - fast zwanzig Jahre nach der orchestralen Uraufführung - seine skandalumwitterte tänzerische Erstaufführung in Personalunion von Choreograph und Darsteller des russischen Tänzers Vaclav Nijinsky und dem Ensemble des Ballets Russes von Serge Diaghilew.

Die Anregung zu diesem Werk findet Debussy in dem gleichnamigen Gedicht "Der Nachmittag eines Fauns" von Stéphane Mallarmé. Aber die poetische Wirklichkeit wird nicht getreu musikalisch abgebildet, sondern inspiriert den Komponisten zu einer "sehr freie(n) Erläuterung" des Gedichts. Obwohl sich die Proben zur Uraufführung dieses Werkes nicht zuletzt durch die bis zur letzten Minute vorgenommenen Änderungen seitens des Komponisten zur optimalen Verwirklichung seiner Klangideale mehr als schwierig gestalten, gerät die Premiere am 22. Dezember 1894 in der Société Nationale unter der Leitung des Dirigenten Gustave Doret zu einem befriedigenden Erfolg: das Publikum zeigt sich überraschenderweise begeistert von dem Werk, der Komponist sieht seine musikalische "Idee in einer Vollkommenheit verwirklicht ..., wie er es nie gehofft (hatte)" und der geistige Urheber der zugrunde liegenden Verse, Mallarmé, fühlt das Gedicht mehr als adäquat in der Musik wieder gegeben. Einzig die Reaktionen der Kritiker fallen ablehnend bis feindselig aus.

Das Jahrzehnt der "Pelléas et Mélisande"

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Maurice Maeterlinck (1862-1949)

Dank der zehnjährigen engen Freundschaft zwischen Claude Debussy und Pierre Louÿs in den Jahren ab 1893 ist die Entstehung von Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" durch den gegenseitigen Briefwechsel ausführlich dokumentiert. Der Komponist war bereits 1892 auf das gleichnamige Werk des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck (1862-1949) gestoßen und hatte sich spontan künstlerisch davon angesprochen gefühlt. Und so entstehen, noch bevor ein Gespräch mit dem Autor über die Rechte zu einer Vertonung stattfinden können, bereits die ersten Szenen für eine Oper. Als es schließlich im Herbst 1893 zu einer persönlichen Begegnung der beiden Künstler in Gent kommt, zeigt sich der Schriftsteller spontan mit einer Vertonung seines Werkes einverstanden. Gemeinsam nehmen sie sich auch des Librettos an, das einige Kürzungen erfährt.

Diese Oper und ihre Figuren sollten in den nächsten Jahren so sehr geistig und seelisch von dem Komponisten Besitz ergreifen, dass er zeitweise für alles andere wie gelähmt ist. Leidtragende in dieser Situation - seelisch wie finanziell - ist vor allem seine langjährige Lebensgefährtin Gaby, von der er sich in dieser Zeit mit dramatischen Folgen trenn: Gaby unternimmt daraufhin einen Selbstmordversuch, was den wirklichkeitsfremden Debussy jedoch wenig berührt.

Finanziell bringen ihn seine an Starrsinn grenzende Kompromisslosigkeit und sein fast krankhafter (künstlerischer) Freiheitsdrang Ende der 1890er Jahre an den Rand des Ruins, was schließlich auch seelisch bei dem äußerst labilen Künstler nicht ohne Auswirkungen bleibt, so dass er sich mit Selbstmordgedanken trägt. Und als im folgenden Jahr auch noch sein ihm wohlgesonnener Verleger Georges Hartmann unerwartet verstirbt, ist das finanzielle Desaster perfekt, denn Hartmann hatte an den jungen Komponisten geglaubt und ihm daher immer wieder auch mit Vorschüssen auf neue Werke unter die Arme gegriffen. Nun bleiben nicht nur diese Vorschüsse aus, sondern muss Debussy darüber hinaus auch bereits erhaltene Leistungen, zu denen er nicht den entsprechenden künstlerischen Gegenwert geliefert hatte, zurückzahlen. Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, ist nun dringender denn je, doch Claude Debussys künstlerische Inspiration versagt immer dann, wenn er auf Bestellung komponieren muss. Trotzdem schafft er es, nicht zuletzt dank der Hilfe von Freunden, die unerschütterlich an sein Talent glauben, sich immer wieder gerade über Wasser zu halten.

Am 19. Oktober 1899 heiratet Debussy nach der Trennung von Gaby die Schneiderin Lily Texier. Auch sie sollte in den nächsten Jahren unter den finanziellen und seelischen Belastungen einer Beziehung zu dem äußerst schwierigen Menschen Claude Debussy leiden, bis sie sich schließlich im Jahr 1905 unter wiederum dramatischen Umständen von ihm trennte.

Lange vor Beendigung seiner Oper hatte die Opéra Comique Debussy die Uraufführung seines Werkes zugesagt. Doch die Vollendung dieses Opus sollte sich über zehn Jahre hinziehen, immer wieder ändert der Komponist, ja verwirft komplette Akte, weil sie nicht mehr seinem künstlerischen Ideal entsprechen und feilt an Details bis zur letzten Minute. Doch schließlich ist es am 30. April 1902 so weit: trotz hartnäckiger Interventionen seitens des Autors Maurice Maeterlinck, der sich plötzlich - weil die Schottin Mary Garden an Stelle seiner Ehefrau, der Primadonna Georgette Leblanc, die Rolle der Mélisande bekommen hatte - nicht mehr mit einer Aufführung des Werkes einverstanden zeigt, wird "Pelléas et Mélisande" unter der Leitung von André Messager uraufgeführt. Die öffentliche Generalprobe am 27. April gerät zu einem beispiellosen Desaster und nur die Unerschütterlichkeit des Dirigenten bewahrt die Aufführung vor einem vorzeitigen Ende. Der Komponist zeigt sich über diesen Affront allerdings weniger erschüttert als der Dirigent, weiß er doch nicht nur um den Wert, sondern vor allem um die künstlerische Revolution seiner Oper. Die Uraufführung wenige Tage später wird nicht zuletzt dank der außergewöhnlichen Darstellungs- und Gestaltungskraft von Mary Garden, die sich auf magische Weise der Tonsprache dieser Oper verwandt fühlte, und des empfindsamen Dirigats Messagers zu einem für den Komponisten künstlerisch befriedigenden Erfolg. Nichts desto trotz stehen die meisten Kritiker - wie so oft in der Geschichte der Musik - rat- und verständnislos vor der Neuartigkeit des Werkes und der Tonsprache. Trotzdem kann sich die Oper mehrere Monate auf dem Spielplan halten und wird oft vor ausverkauftem Hause aufgeführt.

Debussy gelingt in diesem Werk eine Revolution der Oper, denn der Komponist wendet sich darin bewusst gegen den Opernstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der u. a. unter dem Begriff "Verismus" zusammengefasst wurde. Er selbst hat sein Credo für dieses Werk und die Gattung wie folgt formuliert: "Das Drama 'Pelléas', das trotz seiner traumhaften Atmosphäre viel mehr Menschlichkeit enthält als die so genannten lebenswahren Dokumente, schien meinen Absichten wunderbar zu entsprechen. Es hat eine geheimnisvoll beschwörende Sprache, deren Sensibilität von der Musik und ihrem orchestralen Gewand übernommen werden konnte. Ich habe auch versucht, einem Schönheitsgesetz zu gehorchen, das man seltsamerweise zu vergessen scheint, wenn es sich um dramatische Musik handelt; die Personen dieses Dramas versuchen zu singen wie natürliche Menschen und nicht in der willkürlich geschaffenen Sprache überalterter Traditionen." Dementsprechend haben die Arien bei Debussy auch nicht mehr dramatische Funktion, sondern beschreiben eher "ein unveränderliches Gefühl", denn die Melodie ist Debussys Meinung nach "außerstande, die Veränderungen der Seelenzustände und des Lebens zu übertragen." Dramatischen Ausdruck weist der Komponist daher in die Zuständigkeit der schauspielerischen Darstellung: "Sie (die Musik) tritt in den Hintergrund, sobald es angebracht ist, ihnen volle Freiheit für ihre Gesten, ihre Schreie, ihre Freude oder ihren Schmerz zu lassen..."

La Mer

Nach der Uraufführung seiner Oper, die ihm trotz allem eine gewisse Anerkennung und Berühmtheit eingebracht hat, wird es kompositorisch still um Debussy. Auslöser dieser schöpferischen Pause ist wieder einmal eine private Krise. Die Begegnung mit Emma Bardac, einer gebildeten und musikalischen Dame der Pariser Gesellschaft und Ehefrau des Bankiers Bardac, wird für den Komponisten schicksalhaft. Erstmals trifft Debussy hier auf eine Frau, die ihn sowohl emotional anzieht als auch künstlerisch inspiriert. Schon bald wird diese Bindung so stark, dass er eine Trennung von seiner Frau Lily erwägt. Und wieder einmal zeitigt das gedankenlose Verhalten des Komponisten dramatische Konsequenzen. Auch Lily unternimmt, als sie das Verhältnis der beiden entdeckt, einen Selbstmordversuch. Auch sie wird rechtzeitig von dem untreuen Ehemann gerettet. Doch hatten zehn Jahre vorher nur wenige Freunde und Bekannte Notiz von der Affäre genommen, so füllen die Nachrichten diesmal die Schlagzeilen der Boulevardpresse. In der Folge wird Debussy nicht nur zur Zielscheibe öffentlicher Kritik, sondern verliert auch die meisten seiner bisherigen engen Freunde. Trotzdem hält er weiter an dieser Verbindung fest und lebt mit Emma mehrere Jahre in wilder Ehe. Am 30. Oktober 1905 wird die gemeinsame Tochter Claude-Emma geboren und als Emma schließlich im Jahr 1908 geschieden wird, macht er sie zu seiner zweiten Ehefrau.

In dieser Zeit entstehen die ersten Skizzen zum Triptychon "La Mer", in dem Debussy in genialer Weise seine Erinnerungen an die Atmosphäre am Meer, an das Rauschen von Wind und Wellen in Musik umsetzt. Doch geht es dem Komponisten weder um eine realistische Abbildung der Natur in Tönen noch verfolgt er ein programmatisches Konzept. Sein Werk ist vielmehr eine musikalische Verarbeitung der vielfältigen Erinnerungen an einen Meeraufenthalt. Diese Vielfalt versucht Debussy vor allem mit Hilfe der Instrumentierung - die nach seinen eigenen Worten "sehr tumultuös und verschiedenartig ist wie das - Meer!" - hörbar zu machen. War "Pelléas et Mélisande" noch auf positive Resonanz gestoßen, so scheiden sich nun bei "La Mer", mit dem Debussy eine neue Stufe auf der kompositorischen Leiter erklommen hat, die Geister. Debussy selbst nimmt auch dieses Unverstandensein lediglich fatalistisch zur Kenntnis: "Was die Leute betrifft, die freundlicherweise von mir erwarten, dass ich niemals über Pelléas hinausgehen könnte, so verschließen sie bewusst die Augen. Denn sie wissen gar nicht, dass ich, wenn das der Fall wäre, sofort anfangen würde, Ananas im Zimmer zu züchten." Heute zählt dieses Werk zu einem der großen Meisterwerke der Musikgeschichte.

Werke der Reifezeit

Die Tendenz des Nicht-Verstandenseins sollte sich in Debussys letzten Lebens- und Schaffensjahren noch verstärkt fortsetzen. Doch der Komponist geht unbeirrbar - wie sein ganzes Leben lang - seinen künstlerischen Weg weiter.

Sein Hauptinteresse gilt in diesen Jahren der Oper. Doch trotz aller Projekte, mit denen Debussy über die Jahre schwanger geht, trotz eines schriftlichen Vertrages mit der New Yorker Oper über die Komposition von drei Opern, kommt Debussy zumeist über Entwürfe für einzelne Szenen nicht hinaus. Eines der Bühnenwerke, das er in dieser Zeit vollendet, ist - auf Wunsch des Schriftstellers selbst - Le Martyre de Saint Sébastien nach dem gleichnamigen Drama von Gabriele d'Annunzio. In der vor allem für den zumeist extrem langsam und überlegt arbeitenden Debussy kurzen Kompositionszeit von weniger als drei Monaten wird dieses Werk, eine Art Tanzoper, vollendet und am 22. Mai 1911 mit der Primaballerina des russischen Balletts, Ida Rubinstein, in der Titelrolle uraufgeführt. Die Komposition enthält Debussys religiöses Credo, das allerdings dem offiziellen Verständnis von geglaubtem und gelebtem Christentum so diametral entgegengesetzt ist, dass es den Widerspruch der Kirche beschwören muss. "Ich lebe nicht nach den geheiligten Riten. Ich habe mir aus der geheimnisvollen Natur eine Religion gemacht ... Ist der Glaube, den meine Musik ausdrückt, orthodox oder nicht? Ich weiß es nicht. Es ist der meinige, ... der in voller Aufrichtigkeit singt."

Die Uraufführung dieses Werkes ist ebenso wenig von Erfolg gekrönt wie diejenige von Jeux zwei Jahre später. Nur La Boîte à joujoux, eine Ballettsuite für Marionettentheater, wird bei ihrer Uraufführung am 10. Dezember 1919 zu einem umjubelten Erfolg. Doch zu diesem Zeitpunkt ist Claude Debussy bereits mehr als eineinhalb Jahre tot; er hatte nicht einmal mehr die Orchestrierung dieses Werkes vornehmen können, diese Aufgabe übernahm nach seinem Tod André Caplet.

Debussys letzte Lebensjahre werden von den Ereignissen des Ersten Weltkriegs überschattet. Der Komponist, der starke nationalistische Gefühle hegt, bedauert es unendlich, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht aktiv an der Verteidigung seines Landes teilnehmen kann. Umso dringlicher wird daher für ihn eine nationale Identität seiner Musik und ganz bewusst unterzeichnet er in diesen Jahren viele seiner Manuskripte - vor allem Klavierwerke wie Children's Corner, Préludes oder Douze Études - und Briefe mit "Claude Debussy, musicien français".

Claude Debussy stirbt am 26. März 1918, genau 91 Jahre nach Ludwig van Beethoven. Seine letzten drei Jahre sind ein qualvolles Dahinsiechen, nachdem eine Operation im Jahr 1915 seinen Darmkrebs nicht hatte heilen können. Neben den körperlichen Qualen sind es vor allem auch die seelischen angesichts der schwindenden Schaffenskraft, die den Komponisten in dieser Zeit schmerzen: "Die Musik hat mich vollständig verlassen. Wenn es keinen Grund gibt, darüber zu weinen, so ist es zumindest etwas lächerlich. Wenn die Musik sich bei mir schlecht bedient findet, so möge sie sich anderswohin wenden: im Bedarfsfalle werde ich ihr einige nützliche, wenn nicht angenehme Adressen geben!"

Zwei Tage nach seinem Tod wird Claude Debussy auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt, später wird er auf den Friedhof von Passy überführt.

  1. Biografie
  2. Würdigung des musikalischen Werks
  3. Debussy und der Impressionismus

Bibliografie:

  • Jean Barraqué: Claude Debussy, Reinbek 2000
  • Dietrich Fischer-Dieskau: Fern die Klage des Fauns. Claude Debussy und seine Welt, München 1993
  • Albert Jakobik: Claude Debussy oder Die lautlose Revolution in der Musik, Würzburg 1977
  • Heinz K. Metzger, Rainer Riehn (Hrsg.): Claude Debussy München 1981
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