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THEMEN

Das 19. Jahrhundert wird zum "Missionsjahrhundert"

Einleitung

Der Erzbischof von Algier, der Franzose Charles Martial Allemand Lavigerie, gründet im Jahre 1868 die Missionsgesellschaft der "Weißen Väter". Wie hier entstehen im 19. Jahrhundert überall in den Kolonialgebieten Gesellschaften, die eine systematische Missionierung betreiben und besonders in Afrika und Asien erfolgreich sind. Damit wird das 19. Jahrhundert für die christlichen Kirchen zum "Missionsjahrhundert".

Neuland Afrika

Während Asien und Amerika bereits seit Jahrhunderten missioniert werden, beginnt die missionarische Durchdringung des "schwarzen Kontinents" erst im 19. Jahrhundert. Sie wird von Kongregationen getragen, die speziell für die Arbeit in Afrika gegründet werden. Dass Frankreich und Großbritannien dabei eine Vorreiterrolle spielen, verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Mission und Kolonisation. Frankreich verfügt Mitte des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien, dem größten Kolonialland, über das ausgedehnteste Missionswesen.

1805 wurde die katholische Kongregation der "Väter vom Heiligen Geist" mit der Mission in den französischen Kolonien betraut. Voraussetzung für die Gründung der "Weißen Väter" war die Unterwerfung Algeriens durch Frankreich; Ziel der Missionsgesellschaft ist die Bekehrung der moslemischen Bevölkerung Algeriens.

Missionsgesellschaften

Katholische "Propaganda":

Die mächtigste Missionsorganisation zur Verbreitung des christlichen Glaubens ist die katholische "Propaganda" mit Sitz in Rom. Papst Gregor XV. gründete sie während der Gegenreformation 1622 zur Verbreitung des Katholizismus unter den Heiden und zur Ausrottung der Ketzerei. Sein Nachfolger Urban VIII. verband sie 1627 mit dem "Collegium de propaganda fide" (lat. "Kolleg zur Verbreitung des Glaubens"), das einheimische Missionare in den so genannten Heidenländern ausbildete.

Getragen wurde die Missionstätigkeit der "Propaganda" vor allem von den Jesuiten. Deren Missionsmethode ging von dem Grundsatz aus, Rücksicht auf die kulturellen und religiösen Eigenarten der Bevölkerung zu nehmen und die Mission in sprachlicher und ritueller Hinsicht den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Als Papst Benedikt XIV. die im 18. Jahrhundert von den Jesuiten eingeführten und aus Sicht der katholischen Kirche fremdartigen Riten verbot und die Ordensgemeinschaft der Jesuiten 1773 aufgehoben wurde, brach die katholische Mission weitgehend zusammen. Ihre Wiederbelebung erfolgte erst unter Papst Gregor XVI., der 1814 den Jesuitenorden wieder zuließ. Die Jesuiten stehen seither ganz im Dienst der "Propaganda", der Dachorganisation der katholischen Mission.

Protestantische Mission

Die im 17. und 18. Jahrhundert von Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden ausgehende protestantische Mission wurde von den Herrnhutern, Pietisten, Puritanern, Methodisten und der Baptistentischen Mission begründet. Im deutschsprachigen Raum setzte die Entstehung von Missionsgesellschaften jedoch erst 1815 mit der Gründung der "Baseler Missionsgesellschaft" ein. Ihr folgten die Berliner Missionsgesellschaft (1824), die Rheinische Missionsgesellschaft (1828), die Norddeutsche Missionsgesellschaft (1838) und zahlreiche weitere. Nach der Gründung von deutschen Kolonien im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebt die Mission einen zusätzlichen Aufschwung: Ende des 19. Jahrhunderts gibt es in Deutschland 331 protestantische Missionsgesellschaften, die für ihre Tätigkeit jährlich rund 54 Mio. Mark ausgeben.

Laiengesellschaften

Während die Mission früher überwiegend Angelegenheit von Priestern gewesen ist, nehmen im 19. Jahrhundert immer mehr Laiengesellschaften die Missionsarbeit auf. So wurde 1842 in Deutschland der protestantische "Frauenverein für christliche Bildung des Morgenlandes" gegründet. Er entsendet Lehrerinnen und Missionsschwestern nach Afrika, Syrien und Indien. Auch die von Lavigerie gegründeten "Weißen Väter" rekrutieren sich nicht nur aus Klerikern, sondern auch aus Laien. 1869 gründet Lavigerie die "Weißen Schwestern" (Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika).

Asien

In Asien knüpfen die katholischen Missionare im 19. Jahrhundert an die Tätigkeit der Jesuiten an, die diese noch vor ihrem Verbot geleistet hatten. So erfolgt ab Mitte des Jahrhunderts in Indien, Hinterindien und China eine weit gehende Ausbreitung der katholischen Mission. Dasselbe gilt für Japan, wo die Missionare ebenfalls an die Evangelisation früherer Jahrhunderte anknüpfen können. So werden 1865 die in früheren Jahrhunderten missionierten so genannten Altchristen von Nagasaki wiederentdeckt.

Südsee

Neu ist die Missionsarbeit auf den Inseln der Südsee. Sie beginnt mit dem Zugriff der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert. Eine führende Rolle spielen hierbei die 1805 in Paris gegründeten "Picpus-Väter", die sich auch der Verbreitung des katholischen Glaubens in Australien widmen. Auch wirken viele deutsche protestantische Gesellschaften im Südseeraum, nachdem das Deutsche Reich dort erste Kolonien erworben hat.

Amerika

Die politisch instabilen Verhältnisse in Mittel- und Südamerika führten nach dem Zusammenbruch der spanischen Herrschaft zum Erliegen der Mission in diesem Raum. Vielfach wurde die Missionstätigkeit in Süd- und Mittelamerika Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts abgebrochen, und sie wird erst im 20. Jahrhundert wieder aufgenommen.

In Kanada und den USA hingegen besteht durchgängig ein ausgedehntes Missionswesen unter Indianern und Schwarzen.

Nach Erfolgen Kritik an Massenmission

Im 19. Jahrhundert geht fast die gesamte christliche Mission von einem eurozentrischen Ansatz aus, demzufolge sie alle außereuropäischen und "heidnischen" Kulturen weitgehend ablehnt und sich ausschließlich am abendländischen Welt- und Menschenbild orientiert. Die Mission ist deshalb häufig von Intoleranz und Verachtung gegenüber Andersgläubigen geprägt.

Da die christliche Mission vielfach mit der Kolonisation Hand in Hand geht, wird sie von den betroffenen Menschen als Unterdrückung empfunden. Mit der Zunahme der Missionstätigkeit gerät die Evangelisation wiederholt ins Kreuzfeuer der Kritik. So wird den Katholiken vorgeworfen, ihr Hauptziel seien quantitative Erfolge durch Massenbekehrungen. Mit dem Vollzug der Taufe würde die Missionierung häufig als abgeschlossen angesehen.

Zu den Hauptargumenten der Missionsgegner zählen ferner der Vorwurf der Entfremdung der traditionellen Völker von ihrer Kultur, der Vorwurf der Auflösung jahrhundertealter, Familien-, Dorf- und Stammesverbände sowie die Zerstörung der überlieferten Wirtschaftsordnung.

Zahlreiche Missionsgesellschaften distanzieren sich aber inzwischen von dieser Art der Mission und versuchen, neue Wege zu beschreiten. So versucht die Ostasienmission, die 1884 als "Allgemeiner Evangelisch-Protestantischer Missionsverein" gegründet wird, Rücksicht auf das Kulturerbe der ostasiatischen Bevölkerung zu nehmen und legt nun mehr Gewicht auf die Propagierung christlicher Ideale als auf Einzelbekehrungen und Gemeindegründungen.

Ende des 19. Jahrhunderts existieren allein auf protestantischer Seite 166 selbstständig aussendende und zahlreiche kleinere Missionsgesellschaften. Sie bringen jährlich rund 65 Mio. Mark auf und unterhalten etwa 6700 Missionare.

Die stärkste Missionsmacht ist Großbritannien mit 2700 Missionaren, gefolgt von den USA mit 1800 Missionaren und dem Deutschen Reich mit knapp 1000 Missionaren. Allein zwischen 1845 und 1890 steigt die Zahl der protestantischen Missionare um fast das Vierfache. Die Zahl der von protestantischen Missionaren bekehrten "Heidenchristen" versechsfacht sich auf 2,3 Mio.

Missionserfolge bis Ende des 19. Jahrhunderts

LandEinwohnerkatholischevangelisch
Ägypten9 720 0000,6 %0,1 %
Algerien/Tunis6 700 0009,8 %0,1 %
Britisch-lndien295 210 0000,4 %0,2 %
Brit.-Ostafrika/Uganda4 910 0000,1 %0,4 %
Britisch-Südafrika7 060 0000,7 %17,0 %
Ceylon3 740 0008,0 %1,8 %
China321 450 0000,3 %0,1 %
Deutsch-Ostafrika6 850 0000,1 %0,1 %
Deutsch-Südwestafrika210 0000 %2,4 %
Grönland10 0000 %80,0 %
Indochina/Siam24 000 0003,7 %1,4 %
Inseln/Atlantik690 00096,7 %0,7 %
Inseln/Indischer Ozean800 00037,3 %2,5 %
Japan mit Formosa49 730 0000,1 %0,1 %
Korea9 670 0000,6 %0,3 %
Madagaskar2 500 0003,2 %17,9 %
Marokko/Presidios7 020 0000,2 %0,1 %
Mongolei185 0000 %0 %
Nepal und Bhutan3 250 0000 %0 %
Neuseeland330 00014,6 %79,2 %
Oberguinea und Liberia4 860 0000,2 %0,6 %
Persien9 000 0000 %0 %
Sahara700 0000,3 %0 %
Tasmania170 00017,9 %77,3 %
Tibet2 250 0000 %0 %
Tripolis1 000 0000,1 %0 %
Vorderindien810 0002,5 %0,1 %
Afrika140 100 0001,3 %1,2 %
Amerika145 390 00051,5 %44,5 %
Asien822 890 0000,8 %0,1 %
Australien/Ozeanien6 800 00018,2 %53,2 %
Europa396 670 00043,9 %25,2 %

Bibliografie:

  • Horst Gründer: Christliche Mission und deutscher Imperialismus. Eine politische Geschichte ihrer Beziehungen während der deutschen Kolonialzeit (1884-1914) unter besonderer Berücksichtigung Afrikas und Chinas, Paderborn 1982
  • Ulrich van der Heyden und Jürgen Becker (Hrsg.): Mission und Gewalt. Der Umgang christlicher Missionen mit Gewalt und die Ausbreitung des Christentums in Afrika und Asien in der Zeit von 1792 bis 1918/19, Wiesbaden 2000
  • Gert von Paczensky: Verbrechen im Namen Christi. Mission und Kolonialismus, Neuausgabe München 2002
  • Barbara Schwegmann: Die protestantische Mission und die Ausdehnung des Britischen Empires, Würzburg 1990
  • Klaus Wetzel: Missionsgeschichte Deutschlands, Korntaler Reihe 2, 2005
  • Chen Xiaochun: Mission und Kolonialpolitik, Hamburg 1993
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