Das Leben im kolonialen Amerika
Grundlagen
Die Kolonialgesellschaften Nordamerikas waren ursprünglich nach dem Vorbild der Länder konzipiert, die den neuen Kontinent besiedelten. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Kolonisten, sich Amerikaner zu nennen, aber von Anfang an gab es wichtige Unterschiede zwischen dem Leben in den nordamerikanischen Kolonien und dem in den Mutterländern. Vor allem in den englischen Kolonien zeichnete sich eine eigenständige Entwicklung ab, die die Interessen der Siedler und die Englands immer weiter auseinandertrieb. Zum einen bildete sich in Amerika nie eine hierarchische Ständegesellschaft wie die Englands aus. Dort, wo sich eine relativ große Bevölkerung auf knappem Raum drängte, übten die wenigen Landbesitzer eine unverhältnismäßig große Macht auf die übrigen Klassen aus. Die materielle Ungleichheit stellte die Basis des englischen Klassensystems dar. In Nordamerika galt ein umgekehrtes Verhältnis: In einem nahezu unermesslich großen Land wohnten relativ wenige Menschen. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Bevölkerung Nordamerikas war unaristokratisch und die Berührung mit anderen Volksgruppen wie Holländern, Franzosen, Deutschen, Schotten, Iren sowie mit Indianern und afrikanischen Sklaven beeinflusste maßgeblich den Charakter dieser Gesellschaft. Die größte Bevölkerungsgruppe der Kolonien war die der englischen Arbeiter. Viele andere kamen als Leibeigene in die Kolonien. In der Region um Chesapeake des 17. Jahrhunderts hatten sich bis zu zwei Drittel der Immigranten für vier bis fünf Jahre als Diener verpflichtet. Nach Beendigung der Dienstzeit erhielten sie ihre Freiheit, neue Kleidung, Werkzeuge, eine Ablösesumme oder sogar Land. Viele Frauen finanzierten die Überfahrt nach Neuengland als unfreie Bedienstete in der Hoffnung, als Freie bald zu heiraten. Meist wurden die Erwartungen auch erfüllt, da es im 17. Jahrhundert deutlich weniger Frauen als Männer in den Kolonien gab. Das Königreich nutzte die Kolonien zudem als Auslagerungsmöglichkeit für unerwünschte Personen: Inhaftierte Kriminelle, Schuldner, Waisen und Angehörige anderer Problemgruppen wurden oft gegen ihren Willen nach Amerika geschickt.
Die meisten Kolonisten der Gründerjahre erwartete ein hartes Leben. Mangelnde Vorräte, häufige Epidemien und ein früher Tod kennzeichneten das Leben der ersten Siedler. Die Kindersterblichkeit war hoch - anfangs lag sie über 50%. Doch besserten sich die Verhältnisse bis Ende des 17. Jahrhunderts so weit, dass die europäische Gesamtbevölkerung Neuenglands über 250 000 Menschen betrug. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stieg die Geburtenrate an, und ab 1650 war der Bevölkerungszuwachs durch Geburten höher als durch Einwanderung. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vervierfachte sich die Bevölkerung Neuenglands. Im Durchschnitt gebar eine Kolonistin acht Kinder, was u. a. mit der Lebenserwartung in den nördlichen Kolonien zusammenhing. Sauberes Wasser und geringe Besiedlung (was die Ausbreitung von Seuchen verhinderte) hatten die Lebenserwartung in Neuengland ab 1650 ansteigen lassen; sie lag um mehr als 10 Jahre höher als in England.
Bis zum frühen 18. Jahrhundert nahm die Zahl der Einwanderer aus England ab. Die Ursachen des Rückgangs waren nicht nur die Verbesserungen der wirtschaftlichen Verhältnisse im Königreich, sondern auch Emigrationsbeschränkungen der englischen Regierung, die befürchtete, dass ganze Gegenden Englands durch die Auswanderungswelle entvölkert würden. Die kontinentaleuropäische Zuwanderung riss dagegen nicht ab. Immer mehr Menschen aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Irland, Schottland und Skandinavien suchten ihr Glück in der Neuen Welt. Einige der ersten französischen Familien, die nach Nordamerika umsiedelten, waren wie viele der ersten Engländer dort Protestanten: die Hugenotten. 1598 hatten sie zwar durch das Edikt von Nantes die Religionsfreiheit in Frankreich erhalten. 1685 wurde ihnen diese Freiheit aber wieder entzogen, und es folgten brutale Unterdrückung und Gewalttätigkeiten bis hin zum Massaker in der sog. Bartholomäusnacht vom 24. August 1572. In den folgenden Jahrzehnten wanderten etwa 300 000 Hugenotten nach Amerika aus.
Auch deutsche Protestanten mussten in ihrer Heimat mit Benachteiligung rechnen. Die Kriegswirren zwischen verschiedenen deutschen Fürstentümern und Frankreich trugen dazu bei, dass viele von ihnen, vor allem aus der Pfalz, Europa verlassen wollten. Etwa 3000 kamen in die Quäkerkolonie Pennsylvania. Die englischen Siedler gaben ihnen bald den Namen Pennsylvania Dutch (eine Verballhornung von deutsch). Die größte Gruppe nicht-englischer Siedler stellten in diesen Jahren die schottischen Iren. Es handelte sich in ihrem Fall um schottische Presbyterianer, die nach Ulster in Nordirland ausgewandert waren, um dort ihre Religion frei leben zu können. Im frühen 18. Jahrhundert aber erteilte die englische Regierung ein De-facto-Verbot des presbyterianischen Bekenntnisses in Nordirland, um Konformität mit der anglikanischen Kirche zu erzwingen. Außerdem wurde der Export von Wolle und anderen Produkten, die für die nordirische Wirtschaft überlebenswichtig waren, untersagt. Die stetige Zufuhr neuer Immigranten und der einheimischen Geburtenanstieg führten zu einem rapiden Bevölkerungszuwachs im 18. Jahrhundert. 1700 zählte Neuengland 250 000 Einwohner. Bis 1775 lebten dort über 2 Mio. Menschen. Anschließend verdoppelte sich die Bevölkerung etwa alle 25 Jahre.
Bibliografie:
- Chronik-Handbuch Amerika. Gütersloh, München 1998
- Hermann Wellenreuther, Niedergang und Aufstieg. Die Geschichte Nordamerikas vom Beginn der Besiedlung bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Münster, Hamburg, Berlin, Wien, London. 2. Auflage 2004









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