Das Nibelungenlied - Uns ist in alten mæren wunders vil geseit...
Das deutsche "Nationalepos" vom Untergang der Nibelungen

Das Nibelungenlied ist einer der bedeutendsten epischen Texte des Mittelalters. Seine Helden, Szenen und Motive wurden über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen und inspirierten zahlreiche Dichter, Komponisten und Regisseure, z. B. Friedrich Hebbel in seinem Drama "Die Nibelungen" (1862), Richard Wagner in seiner Oper "Der Ring des Nibelungen" (1869-1876) oder Fritz Lang in seinem monumentalen Nibelungen-Film (1924).

Im 18. Jahrhundert von Johann Jakob Bodmer wieder entdeckt, wurde das Nibelungenlied besonders bei den Romantikern zum Bezugspunkt für ihre Forderung nach einer neuen kraftvollen Nationalpoesie und der Rückkehr zur eigenen, d. h. germanischen, Mythologie (Friedrich Schlegel). Bereits im 18. Jahrhundert wurde das mittelhochdeutsche Epos in den Literaturkanon der Gymnasien aufgenommen und Homers Ilias an die Seite gestellt. Einen Höhepunkt erreichte die politische Instrumentalisierung des Stoffes schließlich im Nationalsozialismus: Das Nibelungenlied wurde zum Dokument germanischen Heldentums und germanischer Männertreue stilisiert. Dies ging so weit, dass Hermann Göring 1943 in einer Rede vor Wehrmachtsangehörigen die (verlorene) Schlacht um Stalingrad mit dem Kampf der Burgunder am Hofe Etzels verglich und die Nibelungen als Vorbilder der Opferbereitschaft und des Durchhaltevermögens pries!
Kaum ein anderer literarischer Text hat in der deutschen Geschichte eine ähnlich verhängnisvolle Karriere erlebt und war in solchem Maße geeignet, in den Rang eines "nationalen Denkmals" aufzusteigen.
Die philologische Forschung sieht im Nibelungenlied heute vor allem eine höchst facettenreiche Dichtung des Mittelalters, die sowohl Gattungsmerkmale des Heldenepos als auch des höfischen Romans aufweist. Sie vereinigt Elemente der mündlich weitergegebenen Erzählliteratur mit Elementen der beginnenden volkssprachlichen Schriftkultur und hat bis in die Gegenwart wegen ihrer sprachlichen Schönheit und ihres inhaltlichen Reichtums an Faszination nichts verloren.
Der Inhalt des Nibelungenliedes
Das Nibelungenlied beginnt mit den berühmten mittelhochdeutschen Versen
"Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen."
('Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet: Von berühmten Helden, großer Mühsal, von glücklichen Tagen und Festen, von Tränen und Klagen und vom Kampf tapferer Männer könnt ihr jetzt Erstaunliches erfahren.').
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Siegfried und Kriemhild:
Kriemhild wächst als Prinzessin in Worms auf. Siegfried, Sohn König Siegmunds, verbringt seine Jugendjahre in Xanten, tötet die Nibelungenkönige (Bewacher eines gewaltigen Schatzes im Nibelungenland), erwirbt ihre Tarnkappe und das Schwert Balmung und empfängt schließlich die Ritterweihe. Siegfried wirbt zunächst erfolglos um Kriemhild. Doch dann kommt es zu einem "Vertrag" zwischen Siegfried und Gunther, dem ältesten der burgundischen Könige und Bruder Kriemhilds: Siegfried soll den Burgunder bei der Brautwerbung um die männlich starke Brünhild, die Königin von Island, unterstützen. Als Gegenleistung wird er Kriemhild zur Frau bekommen.

Um Brünhild zu gewinnen, sind mehrere Proben zu bestehen: Der Kandidat muss sich mit Brünhild im Weitwurf eines Speeres, eines Steines und im Kampf messen. Durch die Tarnkappe unsichtbar, leistet Siegfried Gunther Beistand. Der Burgunder bezwingt die Isländerin, und so kann in Worms eine Doppelhochzeit gefeiert werden. Brünhild verweigert sich jedoch in der Hochzeitsnacht: Gunthers mehrmalige Annäherungsversuche wehrt sie brüsk ab, bis sie ihn schließlich an einen Nagel in der Wand hängt. Abermals muss Siegfried - unsichtbar - einspringen: Er bezwingt die wehrhafte Isländerin und raubt ihr Ring und Gürtel. Danach reist er mit Kriemhild nach Xanten zurück. Sie und Brünhild bringen jeweils einen Sohn zur Welt.
Brünhild und Gunther veranstalten in Worms ein Fest, zu dem Kriemhild und Siegfried eingeladen werden. Dabei kommt es zu einem erbitterten Streit zwischen den beiden Frauen: Brünhild ist in dem Glauben, Siegfried sei ein Vasall Gunthers und Kriemhild somit die Gemahlin eines Unfreien. Als sie dies öffentlich behauptet, verliert Kriemhild die Fassung und verrät - belegt durch Ring und Gürtel - das Geheimnis der Hochzeitsnacht. Hagen von Tronje, ein Vasall Gunthers, will seine beleidigte Herrin rächen und kann seinen Herrn von dem Plan überzeugen, Siegfried zu ermorden. Mit Hilfe einer List kann Hagen in Erfahrung bringen, an welcher Stelle Siegfried verwundbar ist. Denn der Sohn König Siegmunds hat in seiner Jugend einen Drachen erschlagen; dessen Blut versah ihn - mit Ausnahme einer kleinen Stelle zwischen den Schultern, auf die sich ein Lindenblatt legte - mit einer Hornhaut. Bei einer Jagd erschlägt Hagen den Helden von hinten mit dessen eigener Lanze, als jener sich über eine Quelle beugt, um zu trinken.
Kriemhild ahnt, wer der Mörder ihres Mannes ist: Als Hagen später an den aufgebahrten Leichnam herantritt, beginnen die Wunden erneut zu bluten. Schließlich raubt Hagen Siegfrieds Witwe auch noch den Nibelungenschatz und versenkt ihn im Rhein. Kriemhild lässt sich daraufhin auf eine Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel ein, denn sie plant, dessen Machtmittel für ihre Rache an den Wormsern einzusetzen. Sie reist an der Donau entlang bis Wien, wo die festliche Hochzeit stattfindet. Das Paar begibt sich anschließend nach Etzelnburg, wo Kriemhild nun als Königin herrscht.
Die Wormser werden alsbald (zum Schein) zu einem Fest eingeladen. Hagen spürt die Gefahr und lässt tausend Ritter als Begleiter rüsten. Viele böse Vorzeichen (Träume, Wasserfrauen) deuten darauf hin, dass dies die letzte Reise der Burgunder ist. An Etzels Hof angelangt, erkennt Kriemhild sogleich, dass die Burgunder offenbar gewarnt worden sind: Hagen will seine Waffen nicht ablegen. Die Atmosphäre ist von Anfang an feindlich und spannungsgeladen. Hagen bekennt sich provokativ zum Mord an Siegfried. Doch zunächst werden die Burgunder durch Etzel höflich begrüßt.
Ein erster nächtlicher Angriff von Kriemhilds Rittern scheitert. Am nächsten Tag bricht schließlich der offene Kampf aus: Etzels Bruder überfällt mit tausend Kämpfern die Knappen der Burgunder, kommt aber selbst dabei um. Von nun an ist das Nibelungenlied die Schilderung einer von beiden Seiten gnadenlos geführten Schlacht. Die Burgunder töten eine große Zahl von Etzels Gefolgsleuten. Kriemhild verspricht dem Ritter, der ihr Hagens Kopf bringt, Berge von Gold. Die verfeindeten Parteien waten im Blut der Erschlagenen. Nur Gunther und Hagen überleben, alle anderen Burgunder fallen im Gefecht.
Hagen wird schließlich von Dietrich von Bern überwältigt und gefesselt an Kriemhild ausgeliefert. Den ebenfalls gefangenen Gunther lässt sie enthaupten, Hagen aber, den Mörder ihres Mannes, erschlägt sie mit ihren eigenen Händen. Hildebrant, Dietrichs Erzieher, sühnt diese Tat und tötet Kriemhild. Dietrich und Etzel bleiben in großer Trauer zurück.
Der Erzähler hat das letzte Wort:
"Ine kan iu niht bescheiden, waz sider dâ geschach:
wan ritter unde vrouwen weinen man dâ sach,
dar zuo die edeln knehte ir lieben friunde tôt.
hie hât daz mære ein ende: daz ist der Nibelunge nôt."
('Ich kann euch nicht berichten, was später noch geschehen ist, nur, dass man Ritter, Damen und auch die edlen Knappen den Tod ihrer lieben Freunde beweinen sah. Hier hat die Geschichte ein Ende. Das ist "Der Nibelungen Not".')
Verfasser und Entstehungszeit
Wie bei vielen Dichtungen des Mittelalters kennt man den Verfasser des Nibelungenliedes nicht. Weder in einem Prolog noch in einem Epilog gibt er seinen Namen preis. Die ältere Forschung hat dazu verschiedene Theorien entwickelt, u. a. die der Autorschaft des sagenhaften Dichters Heinrich von Ofterdingen oder jene einer "Kollektivproduktion", d. h. des allmählichen Zusammenwachsens des Textes aus verschiedenen (mündlichen) Überlieferunssträngen, die durch zahlreiche Sänger am Leben erhalten wurden. Man vermutete hinter dem Text auch einen Spielmann oder einen Ritter.
Die moderne Forschung tendiert eher dazu, als Verfasser einen gebildeten Geistlichen (clericus) anzunehmen. Denn das Nibelungenlied ist ein so umfangreicher und zugleich so komplexer Text, dass ihn nur ein belesener und schreibkundiger Autor gestaltet haben kann. Offenbar hat er die zeitgenössische Literatur gut gekannt. Es lassen sich sowohl Bezüge zur Minnelyrik als auch zum Artusroman (Hartmann von Aue) erkennen. Auch mit Details der höfischen Kultur kannte er sich aus. Möglicherweise entstand das Werk mit Hilfe des Passauer Bischofs Wolfger von Erla, der u. a. Walther von der Vogelweide gefördert hat. Sein Episkopat fällt in die Jahre von 1191 bis 1204, was ein Hinweis auf die Entstehungszeit des Epos sein könnte. Doch letztlich bleibt das Mäzenatentum Wolfgers eine Hypothese: Die Bemerkung im Epilog der Klage, der mittelalterlichen Fortsetzung des Nibelungenliedes, ein Bischof Pilgrim von Passau habe seinen Schreiber mit einer lateinischen Niederschrift der Geschichte der Nibelungen beauftragt, wirft mehr Fragen auf, als dass sie einen sicheren Anhaltspunkt bietet.
Es lässt sich also lediglich feststellen, dass der Verfasser sowohl über Kenntnisse der alten (mündlichen) Stofftradition verfügte als auch die schriftliterarische Form beherrschte. Offenbar hat er mehrere einheimische Erzähltraditionen zum ersten Mal in einem Gesamtentwurf vereinigt und so eine Literarisierung der germanisch-deutschen Heldensage vorgenommen. Man setzt für die Entstehungszeit des Nibelungenliedes die Jahre zwischen 1180 und 1210 an. U. a. literarische Anspielungen und die Erwähnung bestimmter zeitgenössischer Ereignisse und Institutionen legen diese Datierung nahe.
Geographisch wird man - diese Annahme wird u. a. durch eine Analyse der Sprache des Textes gestützt (Oberdeutsch) - den Verfasser im heutigen Österreich bzw. im Ostbaierischen zu suchen haben. Dafür sprechen auch zahlreiche Ortsnamen, die bei der Schilderung der Reise der Burgunder ins Land König Etzels erwähnt werden (z. B. Moeringen, Vergen, Everdingen, Tulne). Diese Orte liegen alle zwischen Donauwörth und Wien. Der Verfasser kannte die Gegend an der mittleren Donau offenbar sehr genau. Besonders präzise beschreibt er die Lage von Passau, was zusammen mit der Nennung eines Bischofs Pilgrim von Passau den Schluss nahe legt, dass das Nibelungenlied dort entstanden ist.
Die Überlieferung des Nibelungenliedes
Die Überlieferung des Nibelungenliedes ist außerordentlich kompliziert und war lange Gegenstand äußerst kontroverser Forschungsdebatten. Wie alle mittelalterlichen Texte ist das Epos in mehreren Handschriften auf uns gekommen. Aus der Zeit zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert sind 11 vollständige Textzeugen erhalten, daneben wurden im Laufe der Forschungsgeschichte 23 Fragmente (Bruchstücke von Handschriften oder einzelne Pergamentblätter) gefunden. Dies ist eine relativ reiche Überlieferung. Sie lässt auf die große Beliebtheit des Stoffes im Mittelalter schließen. Darunter ist auch eine Bilderhandschrift mit 37 Illustrationen von 1441 (Handschrift B).
Am wichtigsten sind drei Handschriften aus dem 13. Jahrhundert: Die Münchner Handschrift A, die St. Gallener Handschrift B und die Donaueschinger Handschrift C. Die besondere Problematik der Nibelungenlied-Überlieferung besteht darin, dass diese Textversionen in entscheidenden Punkten voneinander abweichen. Zwar geben sie die Dichtung in Aufbau, Handlungsverlauf und Umfang mehr oder weniger gleich wieder, doch unterscheiden sie sich u. a. in Wortwahl, Strophenbestand und Figurenzeichnung so auffällig, dass die Forschung heute von drei eigenständigen Versionen des Nibelungenliedes spricht. Im 13. Jahrhundert war offenbar die Handschrift C die einflussreichste: Zahlreiche spätere Abschriften gehen auf diese Textvariante zurück.
Die Überlieferung des Nibelungenliedes weist das Spezifikum auf, dass der Text offenbar nicht zur Ruhe gekommen, d. h., dass er instabil ist: In die schriftliterarische Fixierung haben die alten mündlichen Erzähltraditionen immer noch so stark hineingewirkt, dass es keinen "endgültigen" Text des Nibelungenliedes gegeben hat. Sicher ist von einem einzelnen Autor auszugehen, von dem das schriftlich niedergelegte Grundgerüst des Werkes stammt. Doch die Schreiber der einzelnen Handschriften - damals war die mühevolle Abschrift ja die einzige Methode der Vervielfältigung eines Textes! - haben gewissermaßen als "Redakteure" in den Text eingegriffen, Wortschatz und Handlungsmotivierung verändert und z. T. sogar Strophen hinzugedichtet. Die ältere Germanistik hat lange nach dem "Original" des Textes gesucht, d. h. versucht, aus den vorliegenden Varianten durch filigranen Textvergleich das Ursprungsepos zurückzugewinnen (Aufstellung von Handschriften-Stammbäumen).
Die moderne Forschung hat dieses Ziel weit gehend aufgegeben. Sie misst jeder Textfassung einen Eigenwert bei und liest die Abweichungen als Beleg dafür, wie stark die mündliche und die schriftliche Dichtungstradition um⇒1200 (besonders bei heldenepischen Stoffen) noch ineinander verflochten waren. Das Nibelungenlied steht gewissermaßen an der Schwelle zur deutschsprachigen Schriftliteratur und weist daher in hohem Maße Elemente der alten mündlichen Erzählweise auf, z. B. eine (produktive) Varianz in der Überlieferung, viele formelhafte Wendungen und schablonenartige Darstellungsmuster (ein Hinweis auf schriftlose Komposition und Rezitation!) sowie eine Gliederung in (vorsingbare) Strophen. Auch zahlreiche Ungereimtheiten in der Zeit- und Raumstruktur sowie im Inhalt des Textes dürften z. T. mit dem Zusammenwachsen unterschiedlicher (vorliterarischer) Stoffkreise und -fassungen zu erklären sein.
Die "Nibelungenstrophe"
Neben seinen inhaltlichen Besonderheiten weist das Nibelungenlied auch ein formales Spezifikum auf: seine Strophenform und sein Metrum. Das Epos besteht aus 2379 Strophen, die auf Paarreimen aufbauen und jeweils vier Langzeilen umfassen. Die einzelnen Zeilen zerfallen wiederum in zwei Kurzzeilen, die durch eine Zäsur (Verseinschnitt) voneinander getrennt sind. Der erste Kurzvers hat stets vier Hebungen und endet mit einer klingenden Kadenz (Versschluss), der zweite drei Hebungen (in der vierten Langzeile vier) und endet mit einer vollen, d. h. männlichen oder weiblichen, Kadenz. Das Nibelungenlied wurde wahrscheinlich vorgesungen, und der durch die Strophenform vorgegebene sprachliche Rhythmus dürfte dem Vortrag eine "getragene, feierliche Diktion" (S. Grosse) verliehen haben. Der Germanist Max Wehrli schreibt: "Der ausgeprägte, harte Rhythmus, der stark akzentuierte Strophenschluss (...) und die ständige Wiederkehr der Zeilen- bzw. Strophenmelodie ergeben den Effekt einer leicht betäubenden Monotonie, in der die so bezeichnende Mischung aus heroischem Hochgefühl und elegischer Stimmung gedeiht".
Folgende Strophe (981) veranschaulicht das Metrum des Textes (die mit einem Akzent versehenen Vokale kennzeichnen die Hebungen und müssen betont gelesen werden; der senkrechte Strich kennzeichnet die Zäsur):
Dá der hérre Sífrìt | ób dem brúnnen tránc,
er schóz in dúrch das kriúzè, | daz vón der wúnden spránc
daz bluót im vón dem hérzèn | váste an Hágenen wát.
so gróze míssewéndè | ein hélt nímmer mér begát.
('Als Herr Siegfried über die Quelle gebeugt trank, schoss Hagen durch das Kreuz [das auf der Kleidung die verwundbare Stelle markierte] hindurch, so dass aus der Wunde viel Blut vom Herzen bis an Hagens Kleidung sprang. Eine so folgenschwere Untat wird nie wieder ein Held begehen.')
Die Nibelungenstrophe ähnelt stark den Strophen in der Lyrik des Kürenbergers, eines frühen Minnesängers (um 1150). Die Forschung hat dieser Befund seit jeher irritiert. Dass sich das Epos und der donauländische Minnesang gegenseitig beeinflusst haben, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Möglicherweise geht sowohl die heldenepische als auch die lyrische Bauform auf frühe mündliche Dichtungstraditionen zurück, die aber nicht in Form von Textdokumenten überliefert sind.
Der Stoff und seine Quellen
Die Stoffgeschichte des Nibelungenliedes reicht weit in die nordeuropäische Sagentradition zurück. Die alten mæren, die in der Eingangsstrophe des Epos erwähnt werden, lassen sich anhand von Namen und Motivkomplexen als über Jahrhunderte mündlich weitergegebene Sagen bestimmen. Ihre Figuren und Handlungsmuster wurden dann um 1200 von einem gebildeten Verfasser zu dem sorgfältig strukturierten schriftlichen Werk verbunden, das wir heute als Nibelungenlied kennen. Hinweise auf diese Entstehungsweise des Textes sind u. a. zahlreiche Widersprüche im Verlauf der Erzählung, die gewissermaßen die "Nahtstellen" zwischen den eingeflossenen Sagenkreisen markieren. Nicht immer ist ihre Verknüpfung ohne Brüche gelungen.
Das Nibelungenlied umfasst vor allem folgende fünf Stoffkreise:
1. "Siegfrieds Jugend und Heldentaten (Drachenkampf, Gewinn des Nibelungenhortes)";
2. "Werbung um Brünhild, Frauenstreit, Siegfrieds Ermordung";
3. "Untergang der Burgunder im Hunnenland";
4. "Dietrich von Bern";
5. "Etzels Tod".
Wichtige Elemente dieser Erzählungen lassen sich bereits in der frühen skandinavischen Saga-Tradition (Norwegen, Island) nachweisen. Die Edda, eine nordische Götter- und Heldenliedersammlung aus dem 13. Jahrhundert, enthält u. a. das Alte Atlilied, das den Untergang der Nibelungen Gunnar (Gunther) und Högni (Hagen) am Hofe Atlis (Etzels) im Hunnenland erzählt. Die Edda enthält in anderen Partien auch schon die Themen des Nibelungenschatzes, des Drachens Fafnir, der Tötung Sigurds (Siegfrieds) durch Högni usw. Die im 13. Jahrhundert niedergeschriebene Thidrekssaga versammelt Geschichten um den Helden Dietrich von Bern und enthält Abschnitte zu Sigurds Jugend und Tod und zu Grimhilds (Kriemhilds) Rache. Die isländische Volsungensaga gehört ebenfalls zu den frühen Textzeugen, die den alten Nibelungenstoff wieder geben.
Daneben enthält das Nibelungenlied zahlreiche Anspielungen auf realhistorische Personen und Ereignisse. Es gab tatsächlich einen König Gundahar (Gunther), der seit 413 ein Burgunderreich am Mittelrhein regierte. Er und seine Verwandten starben 437 in einer Schlacht gegen ein hunnisches Heer. Der Hunnenkönig Attila (Etzel) starb 453 in der Hochzeitsnacht mit seiner Frau Hildico. Dieser "unheroische" Tod hat offenbar Gerüchten Nahrung gegeben, die besagten, dass Hildico ihren Mann getötet habe, um Rache für die Vernichtung ihrer Verwandten im Jahre 437 zu nehmen (Ausgangspunkt der Kriemhild-Sage).
Hinter der Figur Dietrichs von Bern verbirgt sich Theoderich der Große, der König der Ostgoten (ca. 454-526). Allerdings wurde Theoderich erst nach Attilas Tod geboren. Die Sagentradition nimmt darauf keine Rücksicht und lässt Etzel und Dietrich zur gleichen Zeit agieren.
Die Siegfried-Sage wiederum könnte von Elementen der Arminius-Überlieferung gespeist worden sein. Der Cheruskerfürst Arminius (ca. 17 v. Chr.-19 n. Chr.) wurde ebenfalls von Verwandten ermordet.
In welcher Form all diese Stoffe dem Dichter des Nibelungenliedes vorgelegen haben, ist ganz unbekannt. Es gab in der schriftliterarischen Überlieferung schon vor 1200 einzelne Anspielungen auf den Nibelungenstoff, z. B. im lateinischen Epos Waltharius (ca. 930) und im ältesten (lateinischen) Ritterroman Ruodlieb (11. Jahrhundert). Außerdem könnten verschiedene Motive auch aus jüngeren Werken wie Hartmanns von Aue Iwein (ca. 1180/1200) oder Heinrichs von Veldeke Eneasroman (ca. 1180) übernommen worden sein. Spätere deutsche Texte, z. B. die so genannten Volksbücher, belegen die Existenz einer fortbestehenden mündlichen Erzähltradition. Welche Quellen dem Autor jedoch wirklich zugänglich waren, bleibt im Dunkeln.
Erstaunlich ist allemal, dass der jahrhundertealte heldenepische Stoff ausgerechnet in einer Zeit, in der der höfische Roman mit Geschichten um König Artus und seine Ritter zur vollen Blüte gelangt, eine schriftliche Fixierung erfährt, d. h., dass an der Erzählung um Siegfried und Kriemhild offenbar ein großes Interesse bestand. Der Germanist Max Wehrli schreibt: "Die größte dichterische Überraschung der klassischen Zeit ist das machtvolle Wiedererscheinen der heroischen Dichtung, deren subliterarische Existenz seit dem Hildebrandslied nur erschlossen werden kann und die eigentlich, nach jahrhundertelanger Einübung in christliche, historische, höfisch-romanhafte Formen, längst als überwunden erscheinen könnte."
Charakteristika des Textes und Aspekte der Interpretation
Bei der schriftliterarischen Gestaltung des alten Stoffes durch einen gebildeten Autor der Stauferzeit sind zwangsläufig "moderne" Elemente in den Text gelangt. Am auffälligsten ist das Bemühen des Verfasser, die archaische Welt der Nibelungen in die höfisch-ritterliche Kultur seiner Zeit zu überführen. Höfisches Zeremoniell, Kleiderprunk, ritterliche Tugenden - all das ist präsent und überformt den heroischen Stoff (nicht ohne Dissonanzen!) gemäß den Idealen des adeligen Publikums.
Die Herkunft des Textes aus einem mündlichen Sagenfundus wird an verschiedenen Indizien immer wieder offenbar. So gibt es z. B. Unstimmigkeiten in der Zeitstruktur, die der Autor zu glätten versäumt hat. Handlungszusammenhänge und -motivationen bleiben oft unklar. Dazu trägt auch bei, dass die Figuren nicht über ihre Taten reflektieren: Sie erscheinen nicht wie Charaktere moderner Romane, sondern werden gleichsam vom Schicksal vorangetrieben. Sie sind keine frei entscheidenden Individuen, sondern handeln gemäß den strengen gesellschaftlichen Verhaltensnormen. Insofern scheint sich die Erzählung vom Untergang der Nibelungen geradezu wie ein auswegloser Automatismus zu entfalten. Der höfische Roman der Zeit war hierin schon weiter: Er kennt sowohl Gespräch und Beratung als auch das Abwägen von Handlungsmodellen bzw. die Selbstreflexion. Auch die Tatsache, dass der Verfasser sich nicht namentlich nennt (was die höfischen Dichter, z. B. Wolfram von Eschenbach, selbstbewusst tun!), ist ein Hinweis auf die besondere Stellung des Textes zwischen mündlicher und schriftlicher Dichtung: Denn die Sänger der mündlichen Epen blieben anonym und traten hinter den überlieferten Stoff, den sie weiterzugeben hatten, zurück. Hierzu passt auch die Formelhaftigkeit des Erzählens, die darauf zurückzuführen ist, dass umfangreiche mündliche Epen, die aus dem Gedächtnis vorgetragen wurden, bestimmte sprachliche und strukturelle Schablonen beinhalteten, die es dem Sänger leichter machten, Tausende von Versen zu behalten. Stilistisch und inhaltlich steht das Nibelungenlied somit an der Nahtstelle von mündlicher und schriftlicher Dichtung und dokumentiert eindrucksvoll, was geschieht, wenn ein heterogener heldenepischer Sagenkreis in eine neue, durchkomponierte und vereinheitlichende schriftliterarische Form gebracht wird.
Den "Sinn" des Epos zu bestimmen, ist nicht leicht. Die Forschungsgeschichte hat viele unterschiedliche Interpretationen des Textes hervorgebracht. Man kann das Nibelungenlied als Verherrlichung der Treue zu Verbündeten, Verwandten und Gesellschaftsidealen lesen. Dies hat vor allem die ältere Forschung versucht. Die neueren Ansätze betonen jedoch die Brüche, die das Gesellschaftsbild des Liedes aufweist: Mord, Betrug und grausame Rache prägen die Welt der Nibelungen, und es ist ein sehr blutiges Bild, das das Epos vom Zustand der Gesellschaft in Worms und Xanten zeichnet. Manche Interpreten meinen daher, dass der Verfasser auf diese Weise die hochmittelalterliche Feudalgesellschaft kritisieren will, der er gewissermaßen einen Spiegel vorhält.
Eine klare Sinnstruktur lässt das Nibelungenlied jedoch nicht erkennen. Anders als der Artusroman verfügt es nicht über eine "runde" Bauform, die von einem harmonischen Ausgangszustand über eine Krisensituation bis hin zur Wiederherstellung der anfänglichen gesellschaftlichen Idealität führt und in der der Held gleichsam eine "Mission" zu erfüllen hat.
Auch das "Heldentum" der Figuren ist sehr ambivalent: Es wird durch märchenhafte (Tarnkappe) oder komische Elemente (Gunthers Hochzeitsnacht) in Frage gestellt. Selbst der ideale Held, Siegfried, lässt sich von Gunther dazu überreden, Brünhild zu betrügen. Kriemhild, die zu Beginn des Epos als "edel magedîn" (2,1) bezeichnet und wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit gepriesen wird, verwandelt sich im Verlauf der Erzählung in eine gnadenlose Rächerin, die am Ende - ein im höfischen Roman undenkbarer Vorgang! - ihren Widersacher, Hagen, mit eigenen Händen tötet. Der Germanist Joachim Bumke schreibt daher mit Recht: "Den Zuhörern, die nach einer Identifikationsfigur suchten, hat der Nibelungendichter es nicht leicht gemacht".
Das Ethos des Werkes ist weder nur heidnisch-germanisch noch christlich ritterlich. Die Figuren des Nibelungenliedes bewegen sich sowohl in der Wertewelt einer heroischen Kriegergesellschaft als auch in derjenigen einer höfischen Ritterkultur. Diese Ambivalenz bedingt die besondere Atmosphäre des Nibelungenliedes, die von der Spannung zwischen heterogenen, z. T. dissonanten Motiven geprägt ist. Eine eindeutige "Aussage" lässt sich aus dem Text nicht herausarbeiten.
Das Nibelungenlied ist einer der bedeutendsten Texte der deutschen Literaturgeschichte. Das imposante Werk bietet einen eindrucksvollen Einblick in die mittelalterliche Kultur und konserviert kunstvoll jahrhundertealte Dichtungstraditionen, die ohne die schriftliche Fixierung dem Vergessen anheim gefallen wären. Seine poetische Wirkung ist ungebrochen. Das Nibelungenlied ist überdies ein Dokument vom Anfang der deutschen Sprache als Literatursprache. Seine Untersuchung und Interpretation ist nicht abgeschlossen - und wird es auf Grund seines dichterischen Reichtums noch lange nicht sein. Bereits 1827 schrieb Goethe in diesem Sinne: "Dies Werk ist nicht da, ein für alle Mal beurteilt zu werden, sondern an das Urteil eines jeden Anspruch zu machen und deshalb an Einbildungskraft, die der Reproduktion fähig ist, ans Gefühl fürs Erhabene, Übergroße, so wie für das Zarte, Feine, für ein weit umfassendes Ganze und für ein ausgeführtes Einzelne. Aus welchen Forderungen man wohl sieht, dass sich noch Jahrhunderte damit zu beschäftigen haben".
Bibliografie:
- Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 2004
- Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, nach dem Text von Karl Bartsch u. Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt u. kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 2002 (Reclams Universalbibliothek 644)
- Otfrid Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung, München 2005 (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte)
- Joachim Heinzle / Anneliese Waldschmidt (Hrsg.): Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Studien und Dokumente zur Rezeption des Nibelungenstoffs im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1994
- Jan-Dirk Müller: Das Nibelungenlied. 3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Berlin 2009
- Moritz Rinke: Die Nibelungen: Siegfrieds Frauen / Die letzten Tage von Burgund, Reinbek bei Hamburg 2007
- Max Wehrli: Geschichte der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, Stuttgart 1997









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