Das Schloss (Kafka, Franz) | http://www.wissen.de/thema/das-schloss-kafka-franz
Total votes: 37
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Das Schloss (Kafka, Franz)

Die langjährige Freundin Milena Jesenská schrieb über Franz Kafka: "Er war ein Mensch und Künstler von so skrupulösem Gewissen, dass er auch dort noch wachsam blieb, wo die andren, die Tauben, sich bereits sicher fühlten". Dieses skrupulöse Gewissen mag Grund für Kafkas übergroße Zweifel an seinem Talent gewesen sein. So beendete er seine drei Romane "Der Verschollene", "Der Prozess" und "Das Schloss" nicht, sondern fasste sie als "Dokumente seiner Unfähigkeit auf, die Lebensgeschichte des modernen Subjekts schreibend zu bewältigen" (Gerhard Neumann). Zudem wagte er sich mit nur wenigen Texten selbst an die Öffentlichkeit. Die Erhaltung vieler Kafkascher Werke haben wir seinem Freund und Nachlassverwalter Max Brod zu verdanken, der sie entgegen Kafkas Gebot nicht vernichtete, sondern publizierte. Die Ursachen für Kafkas Gefühl eigener Unzulänglichkeit, aber auch seinen Rückzug in eine innere Welt und die damit einhergehende Isolation in der äußeren Welt sind zum einen in der problematischen Vater-Sohn-Beziehung zu suchen, zum anderen in der gesellschaftlichen Situation. Beides durchzieht Kafkas Leben und Werk wie ein roter Faden.

Biografie

Am 3. Juli 1883 kam Franz Kafka als ältestes Kind und einzig überlebender Sohn des assimilierten jüdischen Ladenbesitzers Hermann Kafka und seiner Frau Julie, geborene Löwy, in Prag zur Welt. Aufgewachsen in deutschsprachiger Umgebung, besuchte er nach der Volksschule das Altstädter Deutsche Sprachgymnasium und absolvierte nach einigem Zögern und dem Besuch germanistischer Vorlesungen ab 1901 ein Jurastudium an der Deutschen Universität seines Geburtsorts. Während seiner Studienzeit kam er in Kontakt mit der deutschen Literaturszene in Prag (Gustav Meyrink, Paul Leppin, Franz Werfel u.a.), besuchte philosophische und literarische Zirkel. 1902 lernte Kafka bei einer solchen Gelegenheit den lebenslangen Freund Max Brod kennen, der ihn wie kaum ein anderer zum Schreiben aufforderte.

Kafkas erste Schreibversuche reichen bis in die Kindheit zurück, wurden aber vom übermächtigen Vater mit Unverständnis abgetan. Mit 36 Jahren verfasste er einen "Brief an den Vater", den er allerdings nie abschickte, Brod veröffentlichte den vollständigen Text mit Rücksicht auf die Familie erst 1952. Es handelt sich dabei um die schonungslose Selbstanalyse des sich als gescheiterte Existenz empfindenden Autors und die gleichzeitige Abrechnung mit dem Vater, dem er dieses Scheitern anlastet. Dessen Tyrannei und Sklavenhaltermentalität macht der Sohn für die eigene Überängstlichkeit, Einsamkeit und Bindungsunfähigkeit verantwortlich. Der Vater, von dem Kafka sagt, "in Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt" ("Brief an den Vater"), hätte aus dem Sohn gerne einen kraftstrotzenden, durchsetzungsfähigen Tatmenschen gemacht, stattdessen aber wich dieser in die Welt des Geistes und der Literatur aus.

Nicht nur Hermann Kafka war für Franz Kafkas Rückzug in eine innere Welt verantwortlich, sondern auch seine Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit in Prag und seine jüdische Herkunft. Die gerade einmal 7% der Einwohner ausmachenden Deutschen bildeten zwar eine politisch wie wirtschaftlich mächtige Elite, führten aber ein Inseldasein. Die deutschen Intellektuellen in Prag nahmen kaum Notiz von den tschechischen Intellektuellen und umgekehrt. Die Prager Juden schließlich gehörten zu keiner der beiden Gruppen und hatten zudem mit dem Verlust ihrer Glaubenswerte ihre Identität verloren. Obwohl Kafka in erster Linie seinen Vater für seine Vereinzelung verantwortlich machte, erkannte er diese gesellschaftliche Situation durchaus klar und thematisierte sie in seinem Werk.

Nach seiner Promotion im Jahr 1906 und dem einjährigen Gerichtspraktikum trat Kafka eine Stellung als Aushilfskraft bei der Versicherungsgesellschaft "Assicurazioni Generali" an, 1908 wechselte er zur "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt", wo er bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im Jahr 1922 als gewissenhafter Jurist tätig war. Im Grunde war Kafka die Berufswahl nebensächlich, sie sollte ihm nicht berufliche Erfüllung bringen, sondern Unabhängigkeit vom Elternhaus und Zeit zum Schreiben. 1908 kam es zur ersten Publikation: in der Zeitschrift "Hyperion" erschienen acht Prosastücke. Im Dezember 1912 folgte als erstes Buch die Erzählsammlung "Betrachtung"; gleichzeitig hielt Kafka seine erste öffentliche Lesung ("Das Urteil"). Das Jahr 1912 war auch in anderer Hinsicht von einschneidender Bedeutung für den jungen Juristen und Literaten: Im September begann er seine Korrespondenz mit der Berlinerin Felice Bauer. In hunderten von Briefen an sie versuchte er, "aus der schreibenden Distanz zu ihr jene Literatur zu erzeugen, die von der Einsamkeit, der Verlorenheit des Ich in einer von Schuld und Bürokratie geprägten Welt zeugt" (Gerhard Neumann). Der Verlobung im Juni 1914 folgte eine schnelle Entlobung im Juli; ein zweiter Verlobungsversuch mit ihr überdauerte 1917 nur wenige Monate. Kafka konnte sich nicht aus seiner Familie lösen und wagte sich darüber hinaus nicht in die vermeintliche Enge der Ehe, die er als unvereinbar mit seinem Schreibberuf ansah. So scheiterte 1919/20 auch die Verlobung mit Julie Wohryzek.

Die seit 1920 bestehende leidenschaftliche Beziehung zu Milena Jesenská, Frau des Literaten Ernst Polak, Journalistin und Übersetzerin von Kafkas Werken ins Tschechische, mündete ebenfalls nicht in eine feste Bindung. Erst 1923 wagte er mit der wesentlich jüngeren Dora Diamant den langersehnten Wegzug aus Prag und die Lebensgemeinschaft mit einer Frau: ab September wohnte er zusammen mit ihr in Berlin. Allerdings war den beiden nur noch kurze Zeit beschieden. Am 3. Juni 1924 erlag Kafka im Sanatorium von Kierling seiner 1917 ausgebrochenen Tuberkulose. Begraben wurde er am 11. Juni in Prag.

Zeittafel

1883 Am 3. Juli wird Franz Kafka in Prag geboren. Seine Schwestern: Elli (1889), Valli (1890), Ottla (1892).
1889-93 Volksschule am Fleischmarkt.
1893-1901 Altstädter Deutsches Gymnasium.
1901-06 Studium der Jurisprudenz und nebenbei der Germanistik an der Deutschen Universität in Prag.
1902 Erste Begegnung mit Max Brod.
1904/05 Erste regelmäßige Zusammenkünfte mit Oskar Baum, Max Brod und Felix Weltsch.
1906 Promotion zum Dr. jur.; Advokatur, ab Oktober ein Jahr Rechtspraxis.
1907 Eintritt in die "Assicurazioni Generali".
1908 Ab Juli Eintritt in die "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt". Erste Publikation: acht Prosastücke in der Zeitschrift "Hyperion".
1912 Erste Begegnung mit Felice Bauer, ab Oktober Beginn der Korrespondenz. Dezember: Das erste Buch, "Betrachtung", erscheint; erste öffentliche Lesung.
1913 Erster Besuch bei Felice Bauer. Der "Heizer" erscheint.
1914 Ver- und baldige Entlobung mit Felice Bauer.
1915 Erstes Wiedersehen mit Felice Bauer. Kafka erhält den Fontane-Preis.
1916 "Das Urteil" erscheint. Zweite öffentliche Lesung.
1917 Zweite Verlobung mit Felice Bauer; nach einem dreiviertel Jahr Entlobung. Diagnose seiner Lungentuberkulose.
1919 "In der Strafkolonie" und der Erzählband "Ein Landarzt" erscheinen. Verlobung mit Julie Wohryzek.
1920 Briefwechsel mit Milena Jesenská. Entlobung mit Juli Wohryzek.
1922 Niederschrift des Romans "Das Schloss". Pensionierung.
1923 Begegnung mit Dora Diamant; Kafka übersiedelt nach Berlin über und zieht mit ihr zusammen.
1924 Mit Dora Diamant und Robert Klopstock Aufenthalt im Sanatorium in Kierling, wo Kafka am 3. Juni stirbt. Am 11. Juni Beisetzung in Prag. Der Erzählband "Ein Hungerkünstler" erscheint.
1925 "Der Prozess".
1926 ."Das Schloss"
1927 "Amerika".
  1. Biografie
  2. Werke

Bibliografie:

  • Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie, München 2005
  • Brigitte Benedukt-Teubl: Suche nach dem verlorenen Selbst. Eine tiefenpsychologische Betrachtung des Schlossromans von Franz Kafka. Stuttgart 1998
  • Guecug-Ho Gang: Macht und Machtlosigkeit in Kafkas Roman "Das Schloss". Zur Genese von Bewegung und Bewegungslosigkeit im Hinblick auf die vorherrschenden Machtstrukturen. München 1998
  • Herwig Gottwald: Wirklichkeit bei Kafka: methodenkritische Untersuchungen zu ihrer Gestaltung, Funktion und Deutung anhand der Romane "Der Prozess" und "Das Schloss". Stuttgart 1990
  • Frank Hofmann: Die Darstellung des Schlosses in Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloss". Rüsselsheim 1990
  • Michael Müller: Das Schloss. In: Michael Müller (Hrsg.): Interpretationen. Franz Kafka: Romane und Erzählungen. Stuttgart 1994, S. 253-283
  • Ingeborg Scholz: Franz Kafka. "Der Prozess", "Das Schloss". Hollfeld 1996
  • Reiner Stach, Kafka: Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer, 2008

Institution(en):

  • Franz Kafka Gesellschaft Prag:
    Spolecnost Franze Kafky
    Široká 65/14
    CZ-110 00 Praha-Josefov
    420 224 227 452
  • Österreichische Franz Kafka-Gesellschaft
    Rathausplatz 1
    A-3400 Klosterneuburg
    02243/ 218 96
Total votes: 37
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.