Der Baikalsee
Lage, Größe, Besonderheiten
Der Baikalsee liegt im zentralen Asien. Er gehört mit seinen angrenzenden Gebirgen, dem Baikalgebirge im Nordwesten (höchster Punkt 2588 m), dem Pribaikalsker Gebirge (Primorskijgebirge) im Südwesten, dem Chamar-Daban-Gebirge im Südosten und dem Bargusingebirge im Nordosten (höchster Punkt 2841 m) zum mittelsibirischen Bergland.
Die Länge des Sees beträgt 636 km, seine Breite 27 km an der engsten Stelle bis maximal 81 km. Seine Uferlinie ist etwa 2000 km lang. Mit einer maximalen Tiefe von 1637 m (mittlere Tiefe 730 m) ist er der tiefste See der Erde. Sein Wasserspiegel liegt in einer Höhe von 456 m. Der Baikalsee bedeckt eine Fläche von 31 500 km2 und ist damit der achtgrößte See der Erde. Sein Wasservolumen wurde auf rund 23 000 km3 berechnet; das entspricht einem Fünftel der gesamten Süßwasservorräte der Erde. Die gesamte Menschheit könnte von diesem Vorrat 50 Jahre lang leben.
Über 350 Flüsse und Bäche speisen den See. Der größte Zufluss, mit einem Anteil von etwa 50 % des Gesamtzuflusses, ist die Selenga, die ein 40 km breites Delta aufgebaut hat, ein wichtiger Lebensraum für Wasser- und Watvögel. Einziger Abfluss des Sees ist die Angara, die in den Jenissei mündet. Das Einzugsgebiet des Baikalsees umfasst 588 000 km2, mehr als die Hälfte davon liegt in der Mongolei. Aus dem Wasserspiegel ragen 30 Inseln heraus, die größte ist die Insel Olchon (höchster Punkt 1274 m).
Das Wasser des Sees ist außerordentlich klar; es wurde eine maximale Sichttiefe von 40 m gemessen. Der Baikalsee gilt bis heute als weltweit sauberstes Trinkwasserreservoir. Allerdings warnen Umweltschützer vor der fortschreitenden Verschmutzung des Sees durch die Industrien an seinen südlichen Ufern, die das hoch empfindliche ökologische Gleichgewicht des Sees bedrohen.
Über die Herkunft des Namens Baikal existieren mehrere Theorien. Er soll entweder aus dem Jakutischen stammen und dort "Reiches Meer" bedeuten, oder aus dem Burjatischen, und wörtlich als "erhabenste Schöpfung der Natur" zu übersetzen sein. Die Russen nennen den See auch ehrfürchtig "Heiliges Meer".
Geologie
Das Alter des Sees wird auf etwa 25 Millionen Jahre geschätzt. So alt ist weltweit kein anderer See. Das Alter des Baikalsees erklärt das endemische, d. h. einmalige Vorkommen vieler Tier- und Pflanzenarten. Sein Becken wird tektonisch durch einen Grabenbruch gebildet, der Teil einer aktiven, 2500 km langen Störungszone (Baikal-Stanowoj-Riftzone) ist. Dieser Bruch trennt die Eurasische Platte von der Amur-Platte. Dies geschieht durch die Kollision der indischen Platte, die wie ein Keil die eurasische Platte und die Amur-Platte auseinander drückt. Das Baikalrift hat eine Länge von ca. 1600 km und reicht bis in eine Tiefe von 6 km. Da das Rift mit Sedimenten gefüllt ist, ist die maximale Tiefe lediglich 1637 m tief. Entlang dieser Plattengrenze kommt es immer wieder zu teilweise starken Erdbeben, die auch die Baikalregion erschüttern (jährlich etwa 2000 Beben). Der Grabenbruch erweitert sich jedes Jahr um zwei Zentimeter. Eine Folge dieser tektonischen Aktivität sind auch die Thermalquellen des Bargusingebirges nordöstlich des Sees. Im Bereich der Störungszone sind die Dicke der Erdkruste und der Lithosphäre reduziert, und der Erdmantel weist physikalische Anomalien auf. Außerdem ist der geothermische Gradient, der tektonische Bewegungen unter der Eroberfläche registriert, erhöht. Die von dem See abgelagerten Sedimente reichen bis in eine Tiefe von 9 km.
Die den See umrahmenden Gebirge bestehen vor allem aus sauren Magmatiten wie Granit und aus präkambrischen Metamorphiten. Die höheren Lagen der Gebirge waren während der letzten Eiszeit mit Gletschern bedeckt.
Klima
Das Klima der Baikalregion ist extrem kontinental. Die Temperatur kann z. B. in Irkutsk im Winter auf -26 0C fallen, im Sommer auf +26 0C steigen. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei -1 0C. Dauerfrostboden ist weit verbreitet.
Im November beginnt der See von Norden her zuzufrieren. Von Januar bis April oder Mai bedeckt ihn eine geschlossene Eisdecke. Deren Dicke beträgt im Hochwinter etwa einen Meter. Dann können sogar schwere Lastkraftwagen den See überqueren. In den Pioniertagen der Transsibirischen Eisenbahn wurden die Gleise im Winter über das Eis gelegt. Die Wassermasse gleicht die jährlichen Temperaturschwankungen etwas aus und mildert das kontinentale Klima. Sie lässt die Jahreszeiten etwas später beginnen. So hat sich im Bereich des Sees und in seiner Umgebung ein Regionalklima entwickelt. Die Jahresdurchschnittstemperatur des Wassers liegt bei +10 0C. Über das Jahr verteilt fallen z. B. in Irkutsk durchschnittlich 380 mm Niederschlag. In den Kammlagen der Gebirge fallen bis zu 1000 mm Niederschlag pro Jahr, in den Leelagen der Gebirge teilweise nur 150-200 mm. Auf dem See treten gelegentlich plötzlich einsetzende Stürme auf, die der Schifffahrt gefährlich werden können.
Flora
Die Baikalregion liegt im Bereich der Taiga, der sibirischen Nadelwaldzone. In den tieferen Lagen herrschen hier Kiefernwälder vor. An einigen niederschlagsarmen Stellen des Westufers finden sich Steppenlandschaften. Die angrenzenden Gebirge tragen Lärchen- und Zirbelkiefernwälder. Die höheren Gipfelregionen ragen über die Baumgrenze hinaus und weisen eine tundrenartige Hochgebirgsvegetation auf. 1085 Pflanzenarten wurden bisher im See und Uferbereich bestimmt, davon sind 400 endemisch, d. h. sie kommen nur hier vor.
Fauna
Man hat bisher 1550 Tierarten im See und Uferbereich gefunden. Ein großer Teil davon lebt ausschließlich hier. In der Baikalregion überschneiden sich europäisch-sibirische, zentralasiatische und ostasiatische Faunenkomplexe. Im Gebiet des Baikalsees wurden 358 Vogelarten und 50 Fischarten gezählt. Einen legendären Ruf als Delikatesse genießt in Russland der Omul (Coregonus autumnalis migratorius), ein lachsartiger Fisch, der 500 g bis 7 kg schwer wird. Drei Viertel des kommerziellen Fischfangs im Baikalsee gilt dem Omul. Auch er ist möglicherweise, ebenso wie die Baikalrobbe, vom Nordpolarmeer kommend hier heimisch geworden. Durch Überfischung und Wasserverschmutzung ist nicht nur die Zahl der Fische zurückgegangen, auch ihre durchschnittliche Körpergröße und Vermehrungsquote haben deutlich abgenommen.
In den an den See angrenzenden Gebirgen und Tälern leben u. a. Braunbären, Wölfe, Luchse, Elche und Moschustiere (Moschus moschiferus). Im Bargusingebirge werden Zobel gejagt, deren Felle zu den wertvollsten Sibiriens zählen.
Baikalrobbe
Berühmt ist das Vorkommen der Baikalrobbe (Baikal-Ringelrobbe, Phoca sibirica, russisch Nerpa). Neben dem Seehund im Lower Seal Lake nahe der Hudsonbai ist dies die einzige bekannte Süßwasserrobbe. Deren Vorfahren wanderten vermutlich während der letzten Eiszeit aus der Arktis über den Jenissei und die Angara ein. Noch heute schwimmt die Baikalrobbe gerne die Flüsse hinauf. Schätzungsweise 60 000 Robben leben zur Zeit im Baikalsee, vorwiegend im nördlichen Teil. Hauptnahrung der Robben ist der Ölfisch oder Golomjanka. Seit den ältesten Zeiten wurde die Baikalrobbe wegen ihres Fells, Fleisches und Fetts gejagt. Heute ist die Jagd offiziell stark eingeschränkt worden. Doch Jagdverbote werden nicht eingehalten und sind kaum kontrollierbar.
Ölfisch
Eine im Baikalsee endemische Fischart ist der Ölfisch oder Golomjanka (Comephorus baicalensis und Comephorus dybowskii) als einziger Vertreter der Familie Comephoridae. Dieser außergewöhnliche Fisch löst sich auf dem Trockenen in Gräten und Öl auf. Das Öl wurde früher von tibetischen Mönchen als Medizin gegen viele Krankheiten verwendet. Zu den zoologischen Besonderheiten dieses etwa 15-25 cm langen, nahezu durchsichtigen und schuppenlosen Fisches gehört, dass er nicht laicht. Er ist lebend gebärend. Genau genommen schlüpfen die etwa 2000 Jungen im Augenblick der Laichablage aus ihren Eiern. Der Ölfisch besitzt keine Schwimmblase. Er lebt in der Tiefe des Sees, taucht aber in der Nacht bis in eine Tiefe von 40 m unter der Wasseroberfläche auf und ist dann bevorzugtes Beutetier der Baikalrobben.
Süßwasserkrebse
Ein Drittel der weltweit vorkommenden Süßwasserkrebsarten lebt im Baikalsee, insgesamt sind es 225 Arten. Bis auf eine Ausnahme sind alle endemisch. Besonders große Bedeutung für den See kommt dem nur 2 mm großen Krebs Epischura baicalensis zu: Er vertilgt Algen und Bakterien und stellt wegen seiner gigantischen, kaum abzuschätzenden Individuenzahl ein natürliches Klärsystem des Sees dar. Es wurden bis zu 3 Millionen Tiere auf einem Quadratmeter der Seeoberfläche gezählt. Es ist vor allem dieser Krebs, der dem Baikalsee zu seiner legendären Klarheit verhilft. Allerdings reagiert er sehr empfindlich auf Verunreinigungen des Wassers.
Besiedlung
Die Ufer des Sees sind vorwiegend im Süden erschlossen, während die Siedlungsdichte im Norden sehr dünn ist. Das Nordende in der Umgebung der Stadt Sewerobaikalsk ist wieder dichter besiedelt.
Die Bevölkerung der Baikalregion setzt sich in erster Linie aus Russen und Burjaten sowie kleineren Gruppen von Ewenken zusammen. Die Russen siedeln hier seit dem 17. Jahrhundert (Stadtgründung von Irkutsk 1652). Zuerst kamen Jäger und Fallensteller, später wurden Verbannte und Zwangsarbeiter hier angesiedelt.
Erste wissenschaftliche Erforschung
Eine erste Beschreibung des Sees hinterließ der im 17. Jahrhundert nach Sibirien verbannte Altgläubige und Protopope Awwakum. Peter der Große gab den entscheidenden Anstoß und die finanziellen Mittel für die Erforschung Sibiriens. Er holte dafür vor allem deutsche Wissenschaftler nach Russland. Von zentraler Bedeutung für die Erforschung des mittleren und östlichen Sibiriens war die von dem Dänen Vitus Bering geleitete, so genannte Große Nordische Expedition, auch zweite Kamtschatka-Expedition genannt (1733-1743).
Der aus Halle stammende Naturforscher Georg Wilhelm Steller (1709-1746) besuchte 1739 im Rahmen dieser Expedition, die ihn bis nach Kamtschatka im Osten Sibiriens führte, auch den Baikalsee. Er nahm hier über tausend Pflanzenarten auf (veröffentlicht unter dem Titel "Flora Irkutiensis") und beschrieb die Vogelwelt. Daneben betrieb er mineralogische und geologische Studien. Der aus Tübingen stammende Naturforscher Johann Georg Gmelin (1706-1755) erforschte als Erster die Baikalrobbe und veröffentlichte seine Untersuchungen 1749.
Die Fische des Baikalsees erforschte auf seiner Reise 1771/72 Johann Gottlieb Georgi. Die erste genaue Karte des Baikalsees wurde 1745 in Petersburg gedruckt. Diese hatte Daniel Gottlieb Messerschmidt aus Danzig entworfen. Die frühe Erforschung des Baikalsees war also fest in deutscher Hand.
Wirtschaftliche Nutzung
Die Wasserkraft der Angara wird in einem Elektrizitätswerk bei Irkutsk genutzt. Wegen des Reichtums an Holz und Wasser und aufgrund des relativ milden Klimas rund um den See wurde hier während der Sowjetzeit die Ansiedlung von Industrien vorangetrieben. So entstanden in der Region über 100 Werke der chemischen und pharmazeutischen Industrie, Erdöl, Metall und Holz verarbeitende Betriebe sowie Ziegelfabriken. Traditionell spielen die Fischerei sowie die Jagd, insbesondere auf die Baikalrobbe, eine große Rolle.
Verkehr
Der Baikalsee und seine Region sind durch zwei Eisenbahnlinien erschlossen: im Süden durch die Transsibirische Eisenbahn (Transsib), im Norden durch die Baikal-Amur-Magistrale (BAM). Flughäfen gibt es in Irkutsk und Ulan-Ude. Auf dem See verkehren zwischen den größeren Ortschaften Fährschiffe. Auch die Angara ist schiffbar.
Tourismus
Wie überall in Sibirien steckt der organisierte Tourismus noch in der Entwicklungsphase. Allgemeine wirtschaftliche Schwierigkeiten und organisatorische Unsicherheiten verhindern vorerst eine planmäßige touristische Erschließung. Einige Touristikunternehmen bieten Reisen zum Baikalsee an, doch ist diese Region derzeit eine Domäne der Individual- und Rucksacktouristen, die Grundkenntnisse der russischen Sprache mitbringen sollten. Ein Skigebiet ist für den Massentourismus im südlichen Teil des Baikalsee erschlossen worden.
Beeinflussung durch den Menschen, ökologische Probleme, Naturschutz
Der Wasserspiegel des Sees ist durch die Errichtung des Dammes für das Wasserkraftwerk Irkutsk um einen Meter gestiegen.
Etwa 100 Fabriken haben sich in der Nähe des Baikalsees angesiedelt und belasten ihn mit Abwässern, die unter anderem Schwermetalle enthalten. Für die Verschmutzung des Sees ist in erster Linie das 1966 errichtete Zellulose- und Papierwerk bei Baikalsk am Südufer verantwortlich und steht daher bei Umweltschützern im Kreuzfeuer der Kritik. Das Werk hat seit seiner Inbetriebnahme schätzungsweise 100 Millionen Tonnen Zelluloserückstände in den See eingeleitet. Massive Kritik an der anfangs noch ungeklärten Einleitung der Abwässer wurde schon zu Sowjetzeiten, lange vor der Perestroika, laut. Trotz der mittlerweile errichteten Kläranlagen fließen immer noch täglich 400 000 m3 unzureichend behandelte Abwässer in den See.
Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace fordern entweder eine Schließung des unrentablen Werks oder eine Umstellung auf andere Produktionen. Allerdings ist die gesamte Stadt Baikalsk mit ihren 16 000 Einwohnern ökonomisch vollständig von der Fabrik abhängig. Durch eine Schließung würden etwa 3000 Mitarbeiter arbeitslos.
Weitere Verschmutzungen des Seewassers durch Düngemittel, Pestizide und Altölabfälle sowie der Luft durch die benachbarten Industrien gefährden das gesamte Ökosystem. Hinzu kommen die kaum geklärten Abwässer der umliegenden Städte wie Ulan-Ude. Ein besonders Besorgnis erregendes Alarmzeichen ist der Nachweis hochgiftiger Dioxine im Fett der Baikalrobbe. Auf die Gefahren der Überfischung wurde bereits hingewiesen. Weitere Beeinträchtigungen gehen von der Holzfällerei und der Schifffahrt aus. Speziell gegen die industrielle Verschmutzung des Sees kämpfen regionale Bürgergruppen. Prominente Figur des Umweltschutzes ist der 1937 in Ust-Uda (Gebiet Irkutsk) geborene Schriftsteller Walentin Rasputin, der sich seit den 1970er Jahren für die Erhaltung der natürlichen Umwelt und der traditionellen sibirischen Kultur einsetzt. In seinem 1976 erschienenen Roman "Abschied von Matjora" beschreibt er, wie das auf einer Insel in der Angara gelegene Dorf Matjora einem Staudammprojekt zum Opfer fällt.
An den Ufern des Baikalsees sind zwei Naturparks ausgewiesen: am Westufer der Pribaikalski-Nationalpark und am Ostufer der Baikal-Nationalpark. Dieser wurde schon 1916 als Schutzgebiet, insbesondere für die wertvollen Zobel, eingerichtet. Zu den Besonderheiten dieses Gebietes gehören heiße Heilquellen mit Wassertemperaturen von 40 bis 76 0C. Hinzu kommen Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate und Jagdschutzgebiete.
1996 wurde der Baikalsee von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.
Bibliografie:
- Klaus Bednarz.: Ballade vom Baikalsee. Begegnungen mit Menschen und Landschaften, Hamburg, 6. Auflage 2005









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