Total votes: 4
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Der dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen

Jussi Adler-Olsen ist ein dänischer Krimiautor, der besonders durch seine Psychothriller um den Ermittler Carl Mørck bekannt wurde. Dabei ist Mørck keine Überfigur, sondern steht in der realistischen Tradition der modernen skandinavischen Krimikommissare, die alle unter Ehe-, Alkohol- und/oder Karriereproblemen leiden. Aber gerade diese Mixtur aus einem chronisch übelgelaunten Kommissar, beängstigenden und actiongeladenen Psychofällen sowie jeder Menge hintergründigem Humor sind der Grund für den Erfolg des Autors.

Biografische Daten

Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er war das jüngste und der einzige Junge von vier Kindern. Sein Vater Henry Olsen arbeitete als Arzt in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, weshalb Adler-Olsen von 1955-1963 quasi mit den Patienten gemeinsam aufwuchs - Personen, die sich heute in seinen Werken wiederfinden. „Viele meiner Freunde waren zutiefst psychisch krank. Ich hatte Mörder und jede Form von Geisteskrankheit um mich“, verriet Adler-Olsen in einem Interview.

Adler-Olsen studierte Medizin, Soziologie, politische Geschichte und Filmwissenschaft. Bevor er 1995 mit dem Schreiben begann, arbeitete er in verschiedensten Berufen: als Redakteur für Magazine und Comics, als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, er war Verlagschef im Bonnier-Wochenblatt TV Guiden und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen. Außerdem komponierte er die Musik für einen Zeichentrickfilm, betrieb ein Antiquariat und leitete von 1984 bis 1989 seinen eigenen Verlag für Fachbücher und Belletristik Er ist seit 1989 mit seiner langjährigen Freundin Hanne verheiratet, sein Sohn kam 1988 zur Welt.

Literarische Anfänge

Jussi Adler-Olsen gehört zu den spät berufenen Autoren. Erst 1997, also im Alter von 47 Jahren, veröffentlichte er seinen ersten Roman mit dem Titel „Alfabethuset“ („The Alphabet House“), der in Ländern wie Schweden, Finnland, Spanien und Südamerika die Bestsellerlisten eroberte. Neben diesem schrieb der Autor noch zwei weitere politische Thriller: „Og hun takkede guderne“ (2003, „The Company Basher“) und „Washington Dekretet“ (2006, „The Washington Decree“). Angesichts seines wachsenden Bekanntheitsgrades gibt es nun Pläne, auch diese Bücher ins Deutsche zu übersetzen.

Die Carl-Mørck-Reihe

2007 erschien das erste Buch, in dem Kommissar Mørck vom Sonderdezernat Q ermittelt und welches sofort einen durchschlagenden Erfolg hatte. Mørck (sprich: Mörck) bedeutet im Dänischen dunkel und der Kommissar ist, laut Adler-Olsen, auch wirklich ziemlich dunkel in mancherlei Hinsicht. Vorbild für diese Figur war nämlich ein Patient seines Vaters, ein Geistesgestörter: „Mørck war ein guter Freund von mir. Er hatte mehrere Menschen umgebracht, nette kleine Morde. Aber nachdem 1956 in Dänemark Psychopharmaka auf den Markt kamen, war er relativ sanft. Er schenkte mir ein graues Kätzchen. Für einen sechsjährigen Jungen war er gleich zwei Personen auf einmal. Die sehr Beängstigende hatte seine Frau und seinen Sohn ermordet. Die Freundliche gab uns täglich Essen aus der Kantine und schenkte mir ein Kätzchen. Das war also Mørck.“ (Adler-Olsen, September 2010)

Carl Mørck ist ein Anti-Held wie er im Buche steht. Er ist seit 25 Jahren Leiter der Mordkommission, ein schwieriger, unnahbarer Charakter, der sich nicht gern unterordnet. Seit einem tragischen Einsatz, bei dem er einen Schusswechsel überlebte, den ein Kollege mit dem Leben und ein zweiter mit der Existenz als Pflegefall bezahlte, fühlt er sich körperlich und geistig ausgebrannt. Wurde seine schroffe Persönlichkeit in der Vergangenheit durch sein Team und die erfolgreiche Arbeit abgemildert, so ist der leidende Mørck seinen Vorgesetzten und Kollegen der Mordkommission jetzt ein Dorn im Auge. Doch wohin mit dem populären Ermittler? Er wird befördert. In Wirklichkeit schiebt man ihn ab, in den Keller, wo er das neue Sonderdezernat Q für unerledigte Fälle leiten soll. Ein syrischer Einwanderer namens Hafez el-Assad, der als Putzhilfe im Polizei-Präsidium jobbt, schlüpft in die Rolle seines Assistenten, der es auf sehr amüsante Art schafft, seinen neuen Chef in den Wahnsinn zu treiben, aber auch für beachtliche Ermittlungserfolge sorgt. Zusammen mit Assad wird Mørck zum „coolsten Duo, das Dänemark seit Pat und Patachon gesehen hat“. Nach einer Phase der Lethargie, in der Mørck noch sehr mit seinem Schicksal hadert, erwacht in ihm wieder der Polizist, der sich an den Fällen festbeißt und somit neuen Lebensmut erhält. Einen Lebensmut, der verwunderlich scheint, wenn man die Bürden betrachtet, die weiterhin auf Mørck lasten: die Schuld, die er sich am Tod und den Verletzungen seiner Kollegen gibt, seine Noch-Ehefrau Vigga, die trotz wechselnder Liebhaber noch immer Carl als ihren Geldgeber ansieht und sein Ziehsohn Jesper, der ohne eine tägliche Heavy-Metal-Dröhnung nicht leben kann. In einem Interview verriet der Autor: „Für mich ist es wichtig, ganz spezielle Figuren zu schaffen, über die ich persönlich noch nie irgendwo gelesen habe und die in Schauplätzen erscheinen, die neu und besonders sind.“ (2009) Die dualen Charaktere, die skurrilen und seltsamen Personen - das sind die Figuren, die Adler-Olsen interessieren.

Parallel zu anderen skandinavischen Krimi-Autoren ist auch Adler-Olsens Blick auf seine Heimat eher pessimistisch. Seine gründlich recherchierten Krimis sparen nicht mit Sozialkritik - eine Tradition, die durch das schwedische Ehepaar Per Wahlöö und Maj Sjöwall begründet wurde. Trotz der Grausamkeit und Brutalität, die in den Thrillern vorherrscht, findet sich in ihnen auch eine große Portion Humor - eine Art Slapstick, die Jussi Adler-Olsen besonders gefällt. „Wenn man mit Slapstick wie bei den ‚Marx Brothers nichts anfangen kann, sollte man wohl andere Bücher lesen.“ (Adler-Olsen, September 2010) Als klassische Krimis sieht er seine Bücher sowieso nicht. „Es sind eher psychologische Thriller“, sagt er. Ihn interessiert nicht die Suche nach dem Täter, sondern der Grund für eine Tat.

Der erste Fall: „Erbarmen“

„Erbarmen“ lautet der Titel des Thrillers, der Jussi Adler-Olsen quasi über Nacht berühmt machte. Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel „Kvinden i buret“ (wörtlich übersetzt: Frau im Käfig), die deutsche Ausgabe wurde erstmals 2009 veröffentlicht. Das Buch beinhaltet den ersten spektakulären Fall von Carl Mørck: das nie geklärte Verschwinden der attraktiven und karrierebewussten Politikerin Merete Lyngaard. Der Star einer der aufstrebenden dänischen Parteien und die Hoffnungsträgerin eines ganzen Landes verschwindet im März 2002 am helllichten Tag auf einer Fähre von Dänemark nach Deutschland, kurz nach einem heftigen Streit mit ihrem behinderten Bruder. Ist sie tot? Wurde sie ins Meer gestoßen? Beging sie Selbstmord? Fragen, auf die die Polizei keine Antwort findet und den Fall schließlich zu den Akten legt, bis er nach fünf Jahren von Carl Mørck wieder aufgerollt wird. Nein, Merete Lyngaard ist nicht tot. Sie wird seit ihrem Verschwinden in einer perfide konstruierten Folterkammer von unbekannten Entführern gefangen gehalten, die sich an ihrem Leid ergötzen und ihr immer wieder die gleiche Frage stellen: „Warum halten wir dich fest?“

Der zweite Fall: „Schändung“

Mørcks zweiter Fall „Fasandraeberne“ (2008) erschien in Deutschland im September 2010 unter dem Titel „Schändung“. Am Anfang des Romans erhält das Sonderdezernat Q eine neue Mitarbeiterin: Neben seinem vorlauten Assistenten Assad bekommt Mørck nun auch noch die strafversetzte Polizeisekretärin Rose aufs Auge gedrückt, eine starrköpfige, temperamentvolle junge Frau, die Mørck mit ihrer unübertroffenen Effizienz überzeugt. Zu dritt begeben sie sich an einen neuen Fall: der Mord an einem Geschwisterpaar im Jahre 1978. Obwohl jemand die Tat gestanden hat und dafür im Gefängnis sitzt, erregen ein paar Ungereimtheiten Mørcks Interesse, und er nimmt die Ermittlungen auf. Verstärkt wird sein Eifer, als er die Anweisung von ganz oben erhält, den Fall ruhen zu lassen. Die Verdächtigen damals waren sechs junge Studenten aus reichem Hause - bis auf einen, ausgerechnet der, der die Morde damals gestand. Die anderen sind inzwischen erfolgreiche Geschäftsleute und angesehene Bürger. Deshalb führen die Spuren hinauf bis in die höchsten Kreise der dänischen Gesellschaft - und sie führen ganz weit nach unten, in die Abgründe der Gesellschaft, zu der Obdachlosen Kimmie. Sie ist das einzige Mädchen, das damals in der Clique war.

Der dritte Fall: „Erlösung“

Mørcks dritter Fall „Flaskepost fra P“ (2009) erschien in Deutschland im Sommer 2011 unter dem Titel „Erlösung“. Über Umwege gelangt eine alte Flaschenpost in das Kellerarchiv des Kopenhagener Kriminalamtes. Der Inhalt: ein mit menschlichem Blut geschriebener Brief. Der Hilfeschrei ist offenbar das letzte Lebenszeichen zweier Jungen, die in den 1990er Jahren entführt wurden. Wer sind die Jungen und warum haben ihre Eltern nie eine Vermisstenanzeige aufgegeben? Sind die Jungen vielleicht noch am Leben? Mørck und sein Assistent Assad ermitteln in der abgeschotteten Welt dänischer Religionsgemeinschaften. Da verschwinden wieder zwei Kinder... Adler-Olsen gewährt Einblicke in die Motive und psychischen Abgründe des Mörders sowie in die auf Fanatismus und Unterdrückung basierenden religiösen Strukturen, die solche Bluttaten erst ermöglichen.

Krimis mit Wiedererkennungswert

Jussi Adler-Olsen ist es bereits mit den ersten drei Mørck-Krimis gelungen, Figuren mit einem hohen Wiedererkennungswert zu schaffen. Auch der vierte Fall um das erfolgreiche Ermittlerduo ist abgeschlossen. Er heißt „Journal 64“ und handelt von der Deportation dänischer Frauen, meist Prostituierte, auf die einsame Insel Sprogø - Geschehnisse, die sich zwischen 1921 und 1961 in Dänemark zugetragen haben. In Deutschland erscheint das Buch Ende August 2012 (deutscher Titel: „Verachtung“). Seine Ideen, ist sich der Autor sicher, reichen noch für viele weitere Thriller mit Mørck und Assad, mindestens noch für sechs.

Mit dieser Krimireihe um das Sonderdezernat Q der Kopenhagener Polizei reiht sich Jussi Adler-Olsen in die Schar erfolgreicher skandinavischer Krimiautoren, wie Henning Mankell, Stieg Larsson oder Håkan Nesser, ein. Er wurde u. a. ausgezeichnet mit dem Reader's Bookprize 2010, einem der bedeutendsten Literaturpreise Dänemarks, und dem Glass Key Award 2010 - dem bedeutendsten Krimipreis Skandinaviens. Das internationale Literaturmagazin Buchkultur wählte „Erbarmen“ auf Platz 2 der besten Kriminalromane des Jahres 2010 aus aller Welt. Die Carl-Mørck-Serie wird 2011/12 im Rahmen einer europäischen Co-Produktion (Zentropa und ZDF) verfilmt.

Werke

Carl- Mørck -Reihe:

  • Kvinden i buret (2007); Deutsch: Erbarmen (2009)
  • Fasandræberne (2008); Deutsch: Schändung (2010)
  • Flaskepost fra P (2009); Deutsch: Erlösung (2011)
  • Journal 64 (2010); Deutsch: Verachtung (August 2012)

Weitere Romane:

  • Alfabethuset (The Alphabet House), 1997; Deutsch: Das Alphabethaus (2012)
  • Og hun takkede guderne (The Company Basher), 2003
  • Washington Dekretet (The Washington Decree), 2006
Total votes: 4
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.